11 Sekunden sind das Ziel


„Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!“  Johannes 8,7
Das Zitat von Jesus sollte im Gedächtnis eines jeden Menschen fest verankert sein und automatisch die innere Warnblinkanlage betätigen, wenn es darum geht, über andere Menschen und ihre Fehlleistungen zu urteilen. Dies die Erklärung der Schriftstellerin Christa Schyboll zum Zitat.

Fliegende Steine haben wir auf unserer Fahrt von Debark nach Axum gleich ein paar Mal erfahren. Obwohl wir den Leuten nichts gemacht haben und sie wohl auch nicht ohne Sünde sind. Denn allein Steine werfen auf friedliche Reisende mit dem Motorrad ist ganz bestimmt schon eine davon. Aber worum geht’s eigentlich?

In den letzten Jahren häufen sich die Berichte, dass Reisende in verschiedenen Teilen Äthiopiens mit Steinen beworfen werden. Nicht einfach mal einen Kieselstein. Wir sprechen von einem aggressiven Verhalten. Wenn man den Bettlern (Erwachsene wie Jugendliche oder Kinder) nichts gibt, werden sie zornig und werfen mit Steinen auf uns Reisende. Schon in Addis wurden wir von den anderen Bikern gewarnt, den Helm besser immer auf zu haben. Und wir dachten dabei an einen kleinen Scherz.

Vor zwei Tagen sind wir die Strecke von Debark Richtung Axum gefahren. Eine fantastische Bergroute. Der Start ist auf dreitausend Meter Höhe. Zuerst geht es 40 Kilometer auf unbefestigter Strasse ins Tal und dann weitere 150 Kilometer durch eine spektakuläre Berglandschaft wieder hoch zur historischen Stadt Axum. Dabei passieren wir viele kleine Dörfer, beackertes Kulturland, Landzüge mit mächtigen Baobab Bäumen, Schluchten und Flusstäler. Die Asphaltstrasse ist durchwegs herrlich zu fahren (besonders nach den ersten vierzig Kilometern). 180 Kilometer – 7 Stunden Fahrt. Alles perfekt bis auf Kilometer 23. Jugendliche betteln uns an. „No Bic, no money. Amsaganalo“ ruft ihnen Corinne freundlich zu. Drei Kurven weiter und den Hügel umrundet, halten wir kurz an um etwas Wasser zu trinken. Plötzlich schlägt der erste faustgrosse Stein zehn Zentimeter neben dem Vorderrad ein. Drei oder vier folgen um uns herum. Sofort ziehen wir die Helme wieder an. Ein paar Meter oberhalb von uns stehen die drei Jugendlichen auf dem Hügel, rufen irgendetwas zornig Klingendes zu herunter und machen sich zum nächsten Wurf bereit. Oli wird richtig wütend und will gleich hochfahren um den Idioten (Schweizerdeutsch: Saugofen) eine richtige Abreibung zu verpassen. Da tauchen hinter den Steineschmeissern zwei Frauen auf, tätscheln die Hinterköpfe der Jungs, reden ihnen zu und dann werfen sie ihre Steine kraftlos den Hügel runter. Was immer die Damen gesagt haben, es hat gewirkt. Keine Entschuldigung. Sie alle sind plötzlich wieder weg. Leider passiert uns dies noch drei Mal in den nächsten Tagen. Willkommen im Club!

 

AXUM – Die kulturelle Wiege des Landes
„Oh, oh, nicht schon wieder…“ Mein Magen rebelliert, der Kopf schwindelt und vor mir steht doch so ein leckeres Essen: Shiro Beyaynetu (Sauerfladenbrot mit vielen Gemüsesorten und Kichererbsenmus). Doch leider muss ich verzichten. Ich habe eine dringende Sitzung in unserem kleinen Hostel in Axum. Bis zum späten Abend werden vier davon. Höchste Zeit für einen guten Rat. Der Hostelbesitzer bringt mich zum Apotheker seines Vertrauens. Wurmkur und Antibiotika. Ach ja, Krätze hätte ich auch noch. Benzilzeugs einstreichen. Hab mich nämlich auch gewundert, warum jetzt auch noch so rote Flecken aufgetaucht sind. Und wie die beissen. Irgendwie alles auf einmal. Doch das Zeugs hilft. Vorerst.

Axum als die kulturelle Wiege der Geschichte Äthiopiens, geht auf viele tausend Jahre zurück. Menelik, Salomon und Saba sind nur ein paar der zahlreichen Könige (Innen), die von hier aus ein Imperium regiert haben. Unter anderem gehörte dazu noch Eritrea mit ihren Küsten- und Handelsorten. In die Geschichte kann man sich im kleinen Museum bei den „Stelen von Aksum“ (Obelisken von Axum) gut vertiefen. Die dort unterirdisch zugänglichen Grabstätten verschiedener Könige, lassen dich weiter eintauchen. Ein Guide vor Ort führt dich dann mit lebhaften Erzählungen in eine spannende Vergangenheit, von welcher wir oft nur wenig wissen. Rund um Axum sind weitere Grabstätten. Für Interessierte bietet diese Gegend ein wahrer Schatz an Archäologie. Wir sind ein bisschen interessiert. So belassen wir es denn auch bei einem Tag Geschichtsunterricht und kehren mit weiteren Aktivitäten in die Realität zurück: Viehmarkt, Gemüsemarkt, Kamelmarkt – ok es wäre sicher spannend, wenn wir mehr als die drei Kamele gesehen hätten und der Korbmarkt, welcher auf der wunderschönen Piazza unter dem historischen Feigenbaum stattfindet. Zwei weitere Tage rumlaufen und gucken. Ganz nett.

„Ist ja ganz anders hier. Modern, sauber, unglaublich herzliche Menschen, keine Berührungsängste, wir werden sogar darum gebeten, Fotos zu machen“,  sagt Corinne unserem Wächter der Nacht und Stadtführer am Tag. „Herzlich Willkommen in Tigray. Brother and Mother. Hier ist alles entspannt. Tüchtige Menschen. Und in Axum sowieso. Wir wollen den Tourismusort Nr. 1 im Land werden“ gibt Abraham voller Stolz von sich. „Ach ja, Oli. Mein Freund hat dein Iphone repariert. Läuft wieder“, schiebt er hinterher. Nun sind wir also da. In Tigray. In der Region, die immer bevorzugt wird, wie uns die Amharas gesagt haben. Allein schon optisch sehen wir viele Unterschiede. Hier arbeiten alle Menschen. Alles ist in Bewegung. Fröhlichkeit ist spürbar. Wir machen uns keine weiteren Gedanken darüber. Es ist das erste Mal, dass sich ein wirklich gutes Gefühl einstellt: „In Äthiopien bei Freunden angekommen.“

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„Stell Dich nicht so an, es sind ja nur 24 Meter…“
Schwitzend, voller Adrenalin, stehe ich auf einem kleinen Felsvorsprung. Meine Hände klammern sich um das dicke, alte und abgenutzte Lederseil. „Komm schon Oli, nur noch wenige Meter. Po zusammenkneifen. Bauch einziehen. Mit den Beinen arbeiten. Die Arme nur zum Stabilisieren nutzen. Let’s go“, höre ich meinen Klettercoach Corinne hochrufen. Augenkontakt geht nicht. Ich möchte gar nicht runterschauen. Der blaue Abschleppgurt um meinen Bauch zwickt. Plötzlich ein Ruck und ich baumle im Felsen. Die drei Mönche, welche den Sicherheitsgurt halten (es braucht DREI davon…was ja auch nicht gerade motivierend wirkt), haben mir die Entscheidung abgenommen und nötigen mich so zum Weiterklettern. Nach einer gefühlten Stunde, wohl nur wenigen Minuten, stehe ich mit zittrigen Knien auf einer schmalen Holzleiste eines massiven Torrahmens. „Heaven“ interpretiere ich die Zeichen über meinem Kopf. Amen.

Das Mondo Buch meines Grossvaters hielt noch eine weitere Überraschungen bereit: Die Klettermönche von Debre Damos. Ganz im Norden in den Bergen Äthiopiens, nur ein Steinwurf von Eritrea entfernt, steht eines der ältesten Kloster im Land. Auf einem Plateau trohnend, gilt es als der Wallfahrtsort für orthodoxe Geistliche weltweit. Einmal im Leben muss man hier gewesen sein. Seit fast 1500 Jahren ist sie ein Rückzugsort, der nur über die 24 Meter hohe Felswand erklettert werden kann. Den „Himmel“ erreicht man mit Mut, Tapferkeit, Hingabe und Leistung. Es ist nur Männern vorbehalten, das Kloster zu betreten. Das findet Corinne weniger toll, denn sie wollte doch zeigen, was für eine Kletterechse sie ist. Die unten wartenden Mönche haben zwar Verständnis dafür, doch Tradition ist Tradition. Schnurstracks klettern sie nach mir hoch. 20 Sekunden und noch immer ein Lächeln auf den Lippen. „Manchmal machen wir einen kleinen Wettkampf. Elf Sekunden ist richtig gut“, meint der kaum ausser Atem gekommene Gottesanbeter. Aha. Als sie dann auch noch einen Esel und eine Harasse Bier hochziehen, ist meine Verwunderung perfekt. Und die machen dies hier seit hunderten von Jahren…ich bin schon vor der Besichtigung schwer beeindruckt.

Die Besichtigung zusammen mit meinem jungen Local Guide Mathias ist interessant. Aber am meisten beeindruckt mich, dass er jedes Gebäude, jedes Bild und jeden Mönch abküsst und dazu ein Gebet murmelt. Nachdem ich die 100 Birr für meine Sicherheit beim Klettern und die 200 Birr für den Besuch bezahlt habe, darf ich mich frei bewegen. Ein Schwatz hier mit einem Priester, dort mit einem Mönch, die Besichtigung der heiligen Kirche und das Kennenlernen der Wasserversorgung mit den riesigen in den Steinboden gehauenen Wasserspeicher, sind die Highlights. Fotos sind kein Problem. Ausser beim Gottesdienst und beim Beten der Mönche. Alles in allem sehr spannend, wenn auch die Kletterei für mich das Verrückteste war. Das Runterkommen ist denn auch noch viel schlimmer als das Hochkommen. Dreimal versuche ich es, mich abzuseilen. Das war die grosse Mutprobe. Denn als ich gesehen habe, dass das Lederseil nur mit einem einfachen Knoten um einen Pfosten gebunden wurde und das blaue Abschleppseil tatsächlich nur von einer Person gehalten wird (da waren keine drei Mönche mehr da), habe ich echt Bammel bekommen. Runter kommt man immer. Irgendwie. So auch hier. Kreidebleich und trotzdem etwas stolz auf mich selber.
Gott sei Dank!