99 heisse Luftballons…Kappadokien!


Mit sufistischem Segen reisen wir auf einer ziemlich unspektakulären Schnellstrasse Richtung Nevsehir. Besser bekannt ist die Gegend als Kappadokien. Ein absolutes Muss für alle Türkei Reisenden. Doch die über 200 Kilometer ohne eine richtige Kurve ziehen sich hin. Die Gegend führt uns entlang der geernteten Getreidefelder. Für Oli etwa so spannend wie der Besuch des Tonscherben Museums in Konya, denn dort ist er im bequemen Sessel eingenickt. Noch schlimmer: auf dem Habash ist der Sessel bei weitem nicht so bequem. Und so halten wir an jeder Raststätte um uns zu erfrischen und die Einöde bald hinter uns zu lassen. Nach über 200 Kilometer verändert sich die Landschaft. Kleine Hügel kommen in Sicht…für uns erscheinen sie wie Berge…cool…Die Ausfahrt raus und wir fahren in Nevsehir ein. Unser erster Eindruck: So gewaltig sind die Schluchten also nicht.

 

Kappadokien – wo wir wirklich im Himmel ankommen
Beim Kaya Camp angekommen, erwarten uns Sabine und Uwe. Sie sind schon seit fünf Tagen hier und kommen einfach nicht weg. Am nächsten Morgen verstehen wir auch warum. Früh wagen wir uns zu Fuss in die Canyons und erleben die riesigen Schluchten hautnah. Wahnsinn. Und überall diese Luftballons. Nein – halt,  Heissluftballone. Über 80 zählen wir über unseren Köpfen. Szenen und Bilder wie auf den Windows Bildschirmschonern. Staunen. Offene Mäuler. Echt. Kitschig. Noch nie gesehen!

Und dies passiert uns jeden Morgen. Um solche Szenen, wie man früher gesagt hätte, auf Zelluloid zu bannen, sind wir jeden Tag um 5 Uhr morgens auf. Wir können gar nicht genug davon bekommen und staunen Tag für Tag. Gleichzeitig erforschen wir die verschiedenen Valleys, die aus dem weichen Tuffstein bestehen. Ideal um Höhlen zu graben. Ganz Städte und viele Kirchen wurden im ganzen Gebiet um Göreme gebaut. Es waren Rückzugsorte der verfolgten orthodoxen Christen in der osmanischen Zeit. Mehrere zehntausende Menschen haben hier gelebt. Manche Räume kann man besichtigen. Total eindrucksvoll sind die unglaublich grossen Kirchen und fast schon Kathedralen, die in diesen Felsschluchten gebaut wurden. Heute ist das Gebiet Nationalpark. Man darf sich jedoch frei bewegen. Wir fühlen uns wie Indiana Jones und erforschen alle möglichen Zugänge und Tunnels. Doch viele der sogenannten Taubenschläge befinden sich ganz oben im Felsen. Gewisse erreicht man wohl durch geheime Zugänge von der Hochebene. Doch die finden wir nirgendwo. Auch haben die Leute früher in den Fels gegrabene Treppen benutzt um bis zu 20 Meter hoch zu kommen. Also so ziemlich die ganze Schlucht ist eine ganze, mehrstöckige Wohnsiedlung. Faszinierend und irgendwie fast schon etwas unheimlich. Wir fühlen uns soooo klein in dieser Zauberwelt. Da das Tuffgestein stark durch die Erosion leidet und vom Wind abgetragen wird, liegen viele von den ursprünglichen „Wohnungen“ als Sand vor deinen Füssen, während wir uns auf kleinen Wegen durch die verwinkelten Schluchten bewegen. Und so sehen wir mitten in die ehemaligen Behausungen rein. Stell Dir vor: Bis 1980 haben hier sogar noch Menschen gewohnt. Heute kann man z.B. im Hauptort Göreme in solchen Höhlenhotels übernachten. Es wird ein einmaliges Erlebnis versprochen.

Nun sind wir seit drei Tagen von früh bis spät unterwegs und erkunden so viel wie möglich. Vielleicht ist es einfach der Bewegungsdrang, doch eher die Neugier, die uns treibt. In einigen gut zugänglichen Höhlen gibt es heute kleine Tee Bars, wo Einheimische mit viel Liebe die Abenteurer auch mit Leckereien aus kleinen Gärten versorgen: Getrocknete Apfelschnitze, Baumnüsse, Trauben oder Mandeln. So staubig und trocken die Gegend ist, sind die Böden der Schluchten fruchtbar. Alles ist überwachsen: Trauben, Pflaumen und vieles mehr wächst hier wild.

Und hier soll sich ein Lebenstraum von Corinne erfüllen: Seit Jahren wünscht sie sich einen Flug mit einem Heissluftballon durch die Wüste Afrikas. Doch jetzt ist es so, dass sie dies hier gerne machen würde. So stehen wir um 04:30 auf und werden abgeholt. Am Startplatz liegen die luftigen Riesen schon halbgefüllt und versprühen einen abenteuerlichen Charme. Zusammen mit zwei anderen Reisenden von unserem Camp und 16 Chinesen besteigen wir unseren Korb und heben ab.

Die Sonne geht langsam über dem Unesco Weltkulturerbe auf und taucht die Ballone sowie die trockene Landschaft in ein schimmerndes Gelb. Die Felsbänder der Schluchten leuchten jedoch in ihren Gesteinsfarben: Rosa, Rot, Weiss. Unbeschreiblich.

https://de.wikipedia.org/wiki/Kappadokien


Stoff für einen echten Hollywood-Blockbuster
Nach abenteuerlichen Tagen besuchen wir zum Schluss noch die unterirdische Stadt Derinkuyu in der Gegend. Hier wurde nicht nach oben, sondern seit Jahrhunderten nach unten gegraben. Bis 80 Meter unter der Erde befindet sich eine ehemalige Stadt, die bis zu 5000 Menschen Unterschlupf bei Gefahr geboten hat. Hittites, Römer, Byzantiner haben sich hier bei Gefahr versteckt. Die Stadt verfügt über riesige Luftschächte, die von aussen kaum wahrnehmbar sind, viele Verbindungstunnels zu fast allen oberirdischen Häusern und sogar bis ins 15 Kilometer entfernte nächste Dorf. Die Menschen hatten Vorratsräume angelegt und einen eigenen vollständigen Mikrokosmos unter der Erde geschaffen. Und dies ist nicht minder faszinierend wie die Städte in den Schluchten. Für uns ist dies eine echte Sensation. Am liebsten würden wir das Rad der Zeit zurückdrehen und in die Geschichten dieser früheren Abenteurer eintauchen.

Da ist unser Habash ja gerade ein moderner Teufel. Dieser wartet nach einer Pause von sechs Tagen auf uns. Weiter Richtung Trabzon. Visa für Iran besorgen. Und die bergige Gegend am Schwarzen Meer kennenlernen.