Rwenzori – Ugandas Mystical Challenge


Deal. Zwei paar Bergschuhe für die Miete der Bergsteigersets. Was für ein Glück für unsere Verhandler. Darauf angesprochen, antworten sie mit einem breiten, lückenlosen Zahnreihen Lächeln, dass wir Beide in der Tat ein gutes Geschäft machen würden. Wir haben gerade den Deal zur Besteigung des Ruwenzori Gebirges in Uganda mit dem höchsten Punkt, dem Peak Margherita (5109 m.ü.M) mit einer eiskalten Coca Cola für alle besiegelt. Die Jungs vom Rwenzori Mountaineering Services RMS in Kasese versprechen uns einen einmaligen und ebenso abenteuerlichen Trip. „Und wir brauchen einen harten Hund als Führer. Jedoch auch einer mit grossem Einfühlungsvermögen. Für Oli. Der jammert sich gerne den Berg hoch“, witzelt Corinne. Für knapp 2000 Dollar und eben unsere neuwertigen Bergschuhe bekommen wir den erfahrensten Guide, einen fröhlichen Assistent Guide, den besten Koch und eine starke Crew für die härteste Arbeit, dem Hochbringen von Essen und Campingmaterial. Wir sollen uns auf die siebentägige Tour, die einzigartige Landschaft, die Fotografie und das Filmemachen konzentrieren. Vorweg kann ich sagen, dass die Investition unserer Bergschuhe eine der besten gewesen ist, die wir je gemacht haben. Diese Bergtour im Westen von Uganda, an der Grenze zum Kongo (Kongo Seite ist der Virunga NP), ist schlicht einmalig. Die Besteigung des dritthöchsten Bergs Afrikas mit seinen Gletschern, überbietet unsere bisherigen Touren auf den Kilimanjaro, den Mount Kenia, den Mount Kamerun, den Toubkal in Marokko oder auch die Simien Mountains in Äthiopien. Soviel vorweg: A planet at it‘s own.

Doch mal alles der Reihe nach…

 

Ruwenzori Mountains – Ein Traum wird Wirklichkeit!
Wer Corinne kennt, weiss, dass sie nie stillsitzen kann. Sind dann noch Berge in der Nähe, gute Nacht, Oliver. Da muss er mit rauf. Vor Jahren habe ich ihr ein Geschenk gemacht, das ich zwar nie bereute, doch vor dem ich immer Respekt hatte. Eine Tour auf den dritthöchsten Gipfel Afrikas. Eben diesen Point Margherita. Leider hat es in den letzten sechs Jahren nie in unsere Reisepläne gepasst; resp. haben wir es uns auf die Seite gelegt, da wir natürlich auch für unsere aktuelle Abenteuerreise sparen mussten. Doch losgelassen hat es uns nie. Jedes Mal, wenn eine DOK Sendung über Die letzten Geheimnisse Afrikas zu sehen war oder in Journalen über Unentdeckte Schätze Afrikas, fernab der Touristenströme geschrieben wurde, verstärkte es unser Verlangen, diesen Traum zu realisieren.

Schon 500 Jahre vor Christus verbreitete der griechische Dichter Aischylos Gerüchte über ein schneebedecktes Gebiet in Afrika, das den Nil speist und die Ägypter sich von Schnee ernähren würden. Auch Herodot vermutete 450 Jahren vor Christus die Quelle des Nils zwischen zwei Berggipfeln im tiefen Afrika. Obwohl keiner von ihnen je dort war und auch sonst niemand genaueres sagen konnte. Im ersten Jahrhundert nach Christus brachte der Mathematiker und Geograf Ptolemäus die Mondberge auf eine Landkarte und bezeichnete sie als die Quelle des Nils. Bis ins 19. Jahrhundert ging man davon aus, dass dies so sei. Niemand konnte dies wirklich bestätigen, denn die Mondberge wurden einfach nicht gefunden. Dies soll am ständigen Nebel und den Wolken gelegen haben. Man wusste es einfach nicht. Kein Wunder, heisst der Ruwenzori in der Sprache der Batoros (Menschen rund ums Gebirge): der Regenmacher. 100% Luftfeuchtigkeit in verschiedenen Zonen. Die meiste Zeit verstecken sich die Berge hinter mächtigen Wolken und es herrschen eiskalte Winde. Riesige Niederschlagsmengen erlauben kaum Zutritt zu einem der grössten Naturwunder der Erde. Erst als Morton Stanley zusammen mit Romolo Gessi ab1864 mehrere Expeditionen in dieses Gebiet unternahmen, konnten sie endlich 1888 die ganze Bergwelt erblicken. Zu diesem Zeitpunkt waren auch sie fest überzeugt, dass hier die Quelle des mächtigen Nils ist.
Das Gebiet hat Abenteurer nie losgelassen. Viele Geschichten und unglaubliche Überlieferungen haben die Mondberge; sprich den heutigen Ruwenzori Mountains einen alles umfassenden Mythos verliehen. Das Gebirge gilt als das zuletzt entdeckte und bestiegene Bergmassiv der Welt. Es ist nicht vulkanischen Ursprungs, sondern eine geologische Anomalie in dieser Vulkangegend. Ein Bruch der Kontinentalplatten entlang des Rift Valleys. Die Fauna, Flora und Gebirgszüge unterschieden sich gewaltig von den umliegenden hohen Vulkankegeln.

Einer der berühmtesten Afrika Entdecker, David Livingstone, wusste nicht mal von der Existenz der Mondberge. Er habe sie schlicht verpasst, weil er sie nie gesehen habe. Erst 1906 wurden durch Luigi Amadeo von Savoyen alle wichtigen Gipfel erstmals bestiegen und danach kartographiert. Die Menschen im Gebiet sind heute noch überzeugt, dass die beiden aus den Bergen kommenden Flüsse Bujuku und Mabuku die wichtigsten Quellen des Nils sind. Doch mittlerweile weiss man, dass der grösste Zufluss aus den Bergen Ruandas und Burundis kommt. Doch die grössten Geheimnisse findet man noch immer hier in den Bergen des Ruwenzoris. Viele Pflanzen und Tiere gelten noch immer als unentdeckt. Wir wagen das Abenteuer und machen uns auf Entdeckungsreise.

Back to the Future. Nach Kasese, wo wir gerade den TRAUM-Deal abgeschlossen haben. Bevor wir uns mit unserem Habash ins Basiscamp nach Nyakalengija begeben, wo unsere Guides Herbert Baluku und Cornelius auf uns warten, müssen wir Energie für die Tour tanken. Sandton Hotel. Wir; resp. Oli hat jetzt schon Angst, dass es zu wenig Essen auf der Tour geben könnte. Unbedingt will er noch eine (zusätzliche) Reserve anlegen. Gemäss der iOverlander App gibt es im Sandton „wide selection of food, reasonably prices”.
„All you can eat“ sagt die freundliche Dame in brüchigem Englisch als sie zusammen mit Oli am Buffet steht. Leuchtende Augen. Corinne begnügt sich mit einem Avocado Salat. Nach der dritten Futterkombination steht die Dame dann wieder am Tisch und bittet unseren Wandervogel nicht nochmals zum Buffet zu gehen. Der Chef habe sie gebeten, mir mitzuteilen, dass es nun gut sei. „All you can eat“ bedeutet ich könne von allem haben, nicht aber alles für mich alleine haben. „Gibt’s ja gar nicht, oder? Hey Corinne, wie soll ich denn jetzt nur auf diesen Berg kommen?“ meint Oli ganz entrüstet. „Nicht jammern. Einfach immer vorwärts laufen.“

 

Briefing mit Herbert und Cornelius
Natürlich haben wir uns auch noch verfahren. Navigatorin Corinne schickt uns auf eine Offroad Strasse, welche uns durch den Busch an interessanten Dörfer vorbei ziehen lässt. Der Weg wird jedoch immer schlechter. Bis uns ein Einheimischer mit breitem Grinsen empfängt und uns über einen Verbindungsweg zur grossen Gravel Road leitet. Das passiere hin und wieder meint er freundlich. Am Abend im Basis Camp angekommen, fühlen wir uns gleich wie zu Hause in einer einheimischen SAC Hütte. Holztäfer, Plakate der Berge und Gipfel, Fahnen mit Unterschriften der Bergsteiger aus verschiedensten Ländern, rustikales Mobiliar. Aufgrund unserer grossen Verspätung, sind die Guides nach Hause gegangen und haben das Briefing auf den morgigen Vorbereitungstag verschoben. Damit wir auch ausgeruht auf die Tour gehen können, haben wir uns für ein kleines Chaletzimmer mit einem richtigen Bett statt dem Zelt entschieden. Als unsere Guides am nächsten Morgen zum Briefing erscheinen, haben wir unser Material bereits ausgelegt: Kurze Trekkingkleidung für die ersten Tage, die warmen Kleider für die Höhe, Mütze, Handschuhe, Regenkleider, Schlafsäcke, Notnahrung, Kameraausrüstung, etc. Unglaublich was da auch bei ganz viel Verzicht doch alles zusammenkommt. Nach langem hin und her packt Oli dann die Motorradhosen statt seine langen Trekkinghosen ein. „Die sind wärmer und lassen wenig Wind durch. Zwar etwas eng mit dem Gstältli, doch das geht schon.“ Das Drama nimmt unbewusst seinen Lauf. Dazu kommen die Klettergurte, die Steigeisen, das Seil. „Das hier ist das Wichtigste am Ruwenzori“, sagt Cornelius schmunzelnd und überreicht uns feierlich die berüchtigten Gummistiefel. Marke Bata. Kein Profil. Schicki Micki Dinger. Bestimmt nicht die besten, aber die schönsten Gummidinger weit und breit. „Welcome to Rwenzori Mountains!“ stimmt sich Herbert freudig mit ein.

 

Rwenzori – The Mystical Challenge
Unser Guide Herbert erinnert uns daran, dass dieses Gebirge eines der noch am wenigsten entdeckten Gebiete Afrikas sei. Wir würden mit einer hohen Luftfeuchtigkeit im unteren Bereich, mit täglichem Regen und Schlamm konfrontiert werden. Die Gipfelbesteigung sei nicht extrem, kann dennoch sehr anstrengend sein. Dadurch, dass sich die Trockenzeit etwas verlängert hat, könnten wir einigermassen Wetter haben. Der Weg sei das Ziel und dieser Weg sei eine einzigartige mystical challenge.
„Dieses Gebiet ist seit 1994 Nationalpark. Der grösste Teil liegt in Uganda, der kleinere Teil gehört zum Virunga Nationalpark in der demokratischen Republik Kongo. Wir befinden uns 40 Km nördlich des Äquators, also mitten im tropischen Gürtel. Wir werden sechs verschiedene Zonen durchstreifen. Hier beim Start werdet ihr im Grasland mit Feldern voller Maniok, Kochbananen, Süsskartoffeln, Bohnen, Kaffee erleben, im Park dann auf gleicher Höhe die tropischen Pflanzen. Bis 3000 Meter sind wir dann im Bergwald. Mit viel Glück begegnen wir Waldelefanten, Stummelaffen, vielen der 170 verschiedenen Arten von Vögeln wie den endemischen Turaco. Und ganz bestimmt finden wir Chamäleons. Es gibt hier auch schwarze Leoparden, Schimpansen und noch ein paar Büffel. Doch die werden wir wohl kaum sehen. Sie sind sehr rar und scheu. Bis auf 3500m manövrieren wir uns durch den Bambuswald und kommen danach in eine fantastische Heidenlandschaft mit vielen Blumen. Die Baumgrenze ist hier bei 4000 Meter Höhe. Und bei 4000 und 4500m fängt ein weiteres Spektakel an: Der Bok. Spätestens da brauchen wir die Gummistiefel. Ich kann euch sagen, diese alpine Moorlandschaft wird ein unvergesslicher Teil. Besonders wenn es regnet. Da haben wir richtige Schlammrutschbahnen. Doch die spektakulären, bis zu 8m hohen Lobelien werden euch alle Sorgen vergessen machen. Es ist eine Traumwelt. Ab 4500 Meter sind wir dann in der Fels- und Gletscherwelt. Rundherum die vielen Gipfeln wie Mt. Baker, Mt. Speke, Mt. Albert mit über 5000 Meter Höhe. Und wir gehen ganz nach oben: Den Mt. Stanley mit dem Margherita Peak. 5109 Meter.  Auf der ganzen siebentägigen Tour gibt es keine fünf Stern Hotels, sondern einfache Schutzhütten. In einigen zieht es dann so richtig rein. Doch mit euren Schlafsäcken wird’s schon gehen. Ladies and Gentleman, wir gehen gemeinsam auf die Ruwenzori Abenteuertour. Freut Euch. Und es heisst auch manchmal etwas auf die Zähne beissen.“ Alle Blicke im Raum wandern zu Oli. Shit. Durchschaut.

 

Auf ins Abenteuer – Kleine Urzeitdrachen als Begleiter
Endlich geht’s los. Wir lernen unser Team kennen. Der Koch ist sympathischer Kerl. Er wird uns mit leckerem Essen verwöhnen. Das lebendige Huhn mit Gummizügen auf seinem grossen Plastiksack befestigt, verspricht frischeste Zutaten. Die Träger sind alle mit dicken Jacken und mehr oder weniger guten Schuhen ausgerüstet. Zumindest keine Flipflops, wie wir sie am Kilimanjaro gesehen haben. Also muss es hier was Ernstes sein. Und dann ist da noch der letzte im Bunde, an dessen Name ich mich leider nicht mehr erinnern kann. Neben dem riesigen Rucksack trägt er einen Besen mit. Er ist verantwortlich, dass alles wieder sauber ist beim Verlassen der Hütten. Wir lassen die Jungs gleich mal vor, denn das Tempo was die drauf haben, schaffen wir mit unseren Tagesrucksäcken (zwischen 7-11 Kg) nicht.

Wir haben grosses Wetterglück und es regnet nicht, sondern die Sonne brennt aufs Blätterdach und lässt uns die tropische Hitze erleben. Der Schweiss rinnt uns in Bächen herunter. Es sieht so aus, als würden wir gleich selber zur Quelle des Nils. Obwohl es nur ca. 1200 Höhenmeter zur Nyabitaba Hütte sind, erscheinen sie mir (Oli) sehr anspruchsvoll. Nachdem wir seit Wochen keine langen Wanderungen mehr gemacht haben, muss ich erstmals wieder in den Rhythmus kommen. Zu Glück gibt es hier viele kleine Bäche. Das Wasser ist herrlich erfrischend und problemlos trinkbar. Endlich Lunch. Mit gierigen Augen packt Corinne ihr Paket aus: Yeah…Pommes Chips.  Der Koch versteht wirklich meine Bedürfnisse, meint sie lachend. Herbert erklärt Pflanzen, Bäume und findet Chamäleons. Das farbige und urchige Dreihorn. Ebenso das endemische Rhinochamäleon. Fantastisch. Noch heute sind dies ungeheuerliche Tiere für die meisten Afrikaner. Die Drachen der Wälder. Niemals sollte man es anfassen. Das bringt Unglück. Und ein Biss von einem solchen Urtier kann lebensgefährlich enden. „Unsinn“, meint Herbert. Diese Geschichten stimmen natürlich nicht. „Das Problem ist, dass viele Farmer diese Tiere dann töten, weil sie Angst haben. Doch wir versuchen die Menschen aufzuklären.“ Doch ein Chamäleon in Hand nehmen will er dann lieber nicht. Das macht dann Oli. Er ist nicht abergläubisch. Es folgt eine Fotosession für die Tiere, in dem sie sich von ihrer besten Seite zeigen. Im ersten Camp angekommen treffen wir auf zwei junge Schweizer Ärzte. Bevor sie von ihrem Auslandpraktikum nach Hause gehen, wollen sie eine noch grössere Challenge in Angriff nehmen als ihre Austauschzeit in einem afrikanischen Krankenhaus. Rauf auf den Gipfel. Irgendetwas ist ihnen jedoch schlecht bekommen und so geht es ihnen nicht sehr gut. Doch sie wissen ja bestens welche Medikamente sie gerade benötigen. Wir staunen über ihren Haushalt an Medikamenten und hoffen, gesund zu bleiben. Und dann trifft auch noch ein älteres spanisches Paar ein, das sich vorgenommen hat, jedes Jahr einen Berg auf einem anderen Kontinent zu besteigen. Überall auf der Welt waren sie schon unterwegs, in Afrika sei dies jedoch die grösste Herausforderung. Sozusagen die Krönung. Jede Gruppe hat eine eigene Truppe. In den nächsten Tagen machen wir es uns zum Ratespiel, wer denn wohl was zu essen bekommt. Bis zum Schluss zählen wir eine unglaubliche Vielfalt. Also das Essen ist nie zu wenig und jeden Tag abwechselnd. Es sieht gerade so aus, als würden sich die Köche einen Wettbewerb liefern. Zu unser aller Gunsten. Passt.

 

Alice im Wunderland
„Raus aus dem Schlafsack, wir betreten heute das Märchenland“, weckt uns Cornelius um 06:00. „Gummistiefel sind ab heute Pflicht. Besser dünne Socken dazu nutzen. Und hey, Oli, das wird eine Zaubertag zum Fotografieren.“ Drei Stunden später verstehe ich bestens, was er meint. Wüsste ich es nicht besser, ich würde mich in einer Filmkulisse eines Märchens wähnen. Der Wald ist ein Zauberwald voller Pflanzen, moosüberwucherter Bäume, Sonnenstrahlen die hineinfallen. Immer wieder bunte Blumen. In meiner Fantasie sehe ich Elfen, die ihren Zauber über der Landschaft verstreuen. Einfach Fantastisch.

Die Gummistiefel lassen mich jeden Ast unter meinen Füssen spüren. Es wäre mir zu Hause nie auch nur ansatzweise in den Sinn gekommen, mit solchen Gummidingern wandern zu gehen. Doch ganz ehrlich: Wenn man mal über die nassen Schweissfüsse hinwegsieht, sind sie nach einer gewissen Zeit unglaublich bequem. „Ab jetzt gehe ich damit auch zu Hause wandern“, meint Corinne, die mit ihrem Leichtgewicht ja nie die gleichen Druckstellen an der Sohle hat wie ich. Herbert und Cornelius schmunzeln. „Hab ich’s dir nicht gesagt?“

Der Tag bringt noch viel mehr. Von der Elfenszenerie kommen wir abrupt in eine Horrorfilm ähnliche Landschaft. Mittlerweile regnet es, der Nebel zieht knapp über dem Boden seinen Schleier. Riesige Lobelien ragen hoch. Wir wandern auf einem Holzsteg, während wir unter uns den Schlamm haben. Der Wind kommt dazu und ständig scheint sich die Gegend zu wandeln. Auch heute sind wir wieder sechs Stunden, jedoch nur 700 Höhenmeter unterwegs. Zum einen weil wir immer wieder Pause machen, die Natur geniessen, fotografieren, filmen. Zum anderen weil sich die Route hinzieht. Doch Herbert bleibt total gelassen. „My job is a happy customer. If you need time. I have time. No problem!“ Zur John Matte Hütte auf 3380 m.ü.M. geht’s zum Schluss nochmals auf matschigen Wegen hoch. Die Teams warten schon. Unser Koch kann kaum glauben, dass wir so lange brauchten. Der Tee sei gleich bereit. Hier treffen wir auf zwei weitere Schweizer, die jedoch auf dem Abstieg sind. Sie schwärmen von den kommenden Landschaft und der Berggegend, die am kommenden Tag zu sehen sei. Leider konnten sie nicht auf den Gipfel gehen, doch alleine die Tour zur Bujuku Hütte sei gewaltig schön. Und sie hatten Recht. Der dritte Tag ist wunderbar. Die Wettergötter sind uns gut gesinnt. Kein allzu starker Regen, die Strecke im Schlamm macht mehr Spass als dass sie mühsam ist. Auch wenn Oli viermal bis zu den Hüften abgesoffen ist. „Zu schwer, zu schwer“ meint Cornelius trocken. Kaum aus dem gröbsten Schlamm raus und beim Bujuku See auf 3800 m.ü.M abgekommen, verschlägt es uns die Sprache. Eine Bergwelt wie aus einem Traum. Rundherum massive Felsen, Wolken die um die Gipfel tanzen. Lobelienwälder, Flechten die in allen Farben schimmern und sich im Wasser spiegeln. „Hier ist die Quelle“ ruft Oli Herbert zu und zeigt ihm Wasser das aus dem Boden sprudelt. „Eine davon. Das Wasser kommt von ganz oben.“ Er zeigt mit dem ausgestreckten Arm auf einen entfernten, schneebedeckten Gipfel. Mt. Stanley. Unser Ziel.

 

Eiskalter Hüttenzauber in der Elena Hütte
Wir freuen uns auf die Zusammenkünfte der drei Teams in den Hütten. In der dritten Hütte Bujuku auf 3915 Meter wird es erstmals richtig kalt. Unsere Landesgenossen haben sich einigermassen gut erholt. Da wir immer etwas mehr Zeit als unsere Kollegen benötigen, sind wir auch immer alleine unterwegs. Einzig den Trägerteams begegnen wir. Nämlich wenn sie uns mit ihrem Sprintschritt überholen. Und schon sind sie wieder weg. Doch am meisten staune ich über die stärkste Frau am Berg. Nein, nicht Corinne. Es ist Knight – eine kleine durchtrainierte Frau, die sogar mehr trägt als die Männer. Jedes Mal lächelt sie und motiviert mich mit ein paar wenigen Worten in ihrer Bantu Sprache.

Frühmorgens stehen Corinne und ich beim ersten Licht draussen vor der Bujuku Hütte und blicken ehrfürchtig zum Mt. Speke hoch. Was den Abenteurern vor hundert Jahren wohl in den Sinn gekommen ist, als sie hier standen? Damals war der Gletscher noch mächtig. Man sagt uns, er wäre bis zu unserer Hütte gekommen. „Frühstück. Chapati. Erdnussbutter. Porridge. Omlette. Kaffee“, ruft uns der beste Bergkoch Ugandas zu. Mittlerweile machen wir beim Frühstück keine Witze mehr über Gummistiefel. Wir haben uns so daran gewöhnt, dass wir keine Pointen mehr finden. „Come estas?“ fragt Corinne unsere Spanier. Sie freuen sich jedes Mal, wenn Corinne mit ihnen in ihrer Sprache spricht. Die Verständigung in Englisch ist sehr rudimentär. Sie sind wohlauf. Gleichzeitig haben sie Respekt vor den kommenden zwei Tagen. Wir auch.

Das Wetter meint es nicht so gut mit uns. Die Strecke zur Elena Hut auf 4470 Meter gestaltet sich oftmals als Rutschpartie. Die mittlerweile vorherrschenden Nadelbaum Pflanzen sind für uns willkommene Steighilfen. Die alpine Moorlandschaft haben wir auch hinter uns. Vor uns ist Fels. Rutschiger Fels. Die Gummistiefel geben erstaunlich guten Halt. Heute fotografieren und filmen wir weniger als auch schon. Trotzdem kommen wir nur langsam voran. Immer wieder mal zeigen sich die verschiedenen Gipfel, meistens ist es jedoch bedeckt, regnerisch und kalt. Geschafft. Endlich in der Hütte. Wie auf Kommando stellt der Regen ab und der Wind übernimmt. Unsere bescheidene Hütte mit den Ledermatratzen am Boden hat eine gute Belüftung. Zum Glück haben wir Schlafsäcke mit hohen Minustemperaturen. The Swiss Rockets wie wir unsere Freunde nennen (weil sie immer so schnell unterwegs sind), kämpfen derweil mit den gemieteten Kunstfaserschlafsäcken. Doch bestimmt halten sie das aus. Jetzt aufgeben wäre ein schlechter Zeitpunkt. Es gilt die Klettergurte anzupassen und die Gummistiefel gegen die Bergschuhe zu tauschen. Nochmals wird das Seil, die Eispickel und die Steigeisen geprüft. Und Olis „Bergsteigerhosen“ kommen aus dem Rucksack. Die Spanier machen grosse Augen und finden, das sind bestimmt gute Hosen. Corinne ist sich da nicht so sicher. Kein Elastan. Knapp im Schritt. Die Kennerin braucht nur Sekunden um das festzustellen. „Das sind tolle Hosen. Die Besten. Zum Motorradfahren, Wandern, für den Busch. Hey und echt preisgünstig. Von Strauss. Arbeitshosen.“ blufft er. Nach 20 Minuten ist der Materialzauber vorbei und wir wieder in der Hütte. Es ist echt kalt. Nun macht jeder Guide sein Briefing mit seinen Gästen. Herbert und Cornelius liefern dazu eine Motivationseinlage für alle. „Oli schafft es, alles schaffen es. Was der kann, ihr könnt das auch!“ feuern sie die anderen an. Alle freuen sich. Nur ich bin nicht ganz sicher, was er da genau gemeint hat….egal. Natürlich schaffe ich es!
Die Henkersmahlzeit wird dann auch gleich serviert: Spaghetti Bolognese und sogar eine Creme zu Dessert. Und viele Liter Tee für alle. Wir feiern uns selber ein bisschen, obwohl das Paradestück ja morgen stattfindet. Hat bis heute jedoch noch nie geschadet. Prost!

 

Sein oder Schein – Schaffen wir es auf den Margherita Peak (5109 M)?
03:00 Der unruhige Schlaf hat endlich ein Ende. Dafür kommt jetzt die saublöde Situation, dass ich meine Kleider drei Meter von meinem Schlafsack weg deponiert habe. Raus aus dem Schlafsack…brrrr…drei Schritte…ich glaube ich erfriere. Schnell in die eiskalten Kleider rein…ich glaube ich erfriere wirklich. Das T-Shirt ist ja schon halb erfroren. Corinne ist schon draussen und flüstert …es schneit und regnet gleichzeitig. Ich weiss nicht, ob ich mich jetzt freuen soll, sofort wieder in den warmen Schlafsack zu kriechen oder es schade ist, da wir bei dem Wetter nicht hoch können?  Herbert kommt in die Hütte und spricht für alle Guides: „Sieht echt nicht gut aus. So ist das Risiko zu hoch. Lasst uns noch etwas abwarten“.
30 Minuten später das Gleiche. Eine Stunde später nochmals. Mittlerweile sitzen wir beim Tee und wir alle sind etwas traurig. Was für eine Tour und dann so etwas.

Die Tür springt auf, Herbert und Cornelius rein. „Los, sofort anziehen und los geht’s. Das Wetterfenster ist offen. Die Ärzte und Spanier voraus. Wir kommen als Letzte.“
Und so tasten wir uns mit unseren Stirnlampen den Felsen entlang. Und Oli? Den zwickts in der Leiste und die Hosen ziehen an den Oberschenkeln. Nach zwei Stunden sind wir auf dem ersten Gletscher. Im Dunkeln ziehen wir die Steigeisen an. „He, nicht so schnell.“ Oh, nicht schon wieder, denkt sich wohl Corinne. Immer wieder frägt er, ob es noch weit gehe. Wie viele Höhenmeter. Wo ist der Gipfel. Anscheinend kämpft er. Das Keuchen hallt durch die ganze Nacht. Bestimmt denken die Einheimischen im Tal, da wären Dinosaurier auferstanden. Doch er kämpft sich hoch. Den Oli muss man einfach machen lassen, denkt sich auch Herbert und schreitet stetig voran. Endlich! Die ersten Sonnenstrahlen. Den Sonnenaufgang erleben wir zwar nicht auf dem Gipfel, doch auf dem Gletscher stehen wir über den Wolken. Wahnsinn. Wüsste ich es nicht besser, ich würde es nie für möglich halten, dass wir hier am Äquator sind. In Afrika. Auf einem Gletscher. In 5000 Meter Höhe. Das lässt mich für einen Moment alle Krämpfe in den Beinen vergessen.

Meine Lungen entfalten nun ihr ganzes Volumen und speichern jedes bisschen Sauerstoff aus jedem Atemzug. Die entscheidenden Gletscherpassagen vor uns. Herbert klettert die Partie unter Hilfe seines Eispickels hoch und sichert sich mit Eisschrauben. Dann sind wir dran. „Yes, Corinne, great“ feuert Cornelius sie von unten an. „Jetzt Du, Oli.“ Alle geht gut. Noch eine weitere Passage mit kleineren Gletscherspalten und vor uns ragt der Margherita Peak auf. Nur noch eine Stunde Genuss oder Kampf, je nachdem aus wessen Perspektive man dies betrachtet. Doch in einem sind wir uns einig: Faszinierend. Einmalig. Und irgendwie verrückt. Die letzten 50 Höhenmeter Fels sind vor uns. Die beiden anderen Teams kommen gerade vom Gipfel hinunter und kreuzen uns am Übergang von Schnee und Fels. Ihr breites Lächeln motiviert uns. Schritt um Schritt. Atemzug um Atemzug. Geschafft!

Wir befinden uns auf dem dritthöchsten Punkt Afrikas. Im Herzen Afrikas. Auf 5109 Meter über Meer. Mit einer Sicht ohne Wolken. Wir Glücklichen. Genauso müssen sich wohl die Abenteurer vergangener Zeiten gefühlt haben.  „Hier, genau hier startet der Nil“ ruft uns Herbert voller Stolz zu. All die kleinen Rinnsäle, die das Moorland speisen, die sich danach zu grösseren Bächen vereinen und dann im Bujuku und Mubuku zu Flüssen werden und die dann über den Lake Albert zum Lake Victoria und dann als weisser Nil sich im Sudan mit dem blauen Nil vereinen. Am Ruwenzori.

Olis grosser Moment ist gekommen. „War gar nicht so anstrengend. Wenn ich andere Hosen gehabt hätte…ich wäre hochgeflogen. Doch jetzt kommt die Überraschung: Toblerone“. Noch nie hat ein Geschenk unserer Freunde aus der Schweiz passender als exakt in diesem Moment, an diesem Ort gepasst. Herzlichen Dank an Fränzi und Dänel!

 

Wer es hoch schafft, muss auch wieder runter – Der ewige Weg nach Kitandara
Genussvoll stärken wir uns mit Swiss Power, bevor es dann zum Abstieg geht. Und der hat es in sich. Allein die Strecke zur Elena Hütte kommt mir gewaltig lang vor. Kleider umziehen, die Gummistiefel wieder anziehen. Es geht nochmals 4 Stunden weiter runter bis auf 4023 Meter in die Kitandara Hütte an den ebenso benannten Seen. Es ist eine harte Strecke mit wunderschöner Natur. Und wieder Schlamm. Am Fusse des mächtigen Mount Baker vorbei. Eine nicht enden zu wollender Weg. Und endlich sind die Seen sichtbar. Dahinter der Kongo. Mystisch. Der Weg ist gut zu laufen. Corinne hat sich mit Cornelius abgesetzt. Ich nehme mir die Zeit für Bilder. Herbert ist bei mir. Mit über einer Stunde Rückstand kommen wir endlich an. Alle hier sind bester Stimmung. Gipfelsturm geschafft. Was für ein Tag.

Unser Koch pfeifft die ganze Zeit vor sich hin. Er scheint in einem Flow zu sein. Auch sein Ergebnis ist ein einziges Festessen. Ein krönender Abschluss für unser Erfolgserlebnis:
Tomatensalat  –  Auch nach sechs Tagen gab es noch frisches Gemüse
Gebratenes Huhn  –  wie das die Tour bis hierher überlebt hat, ist uns heute noch ein Rätsel! Knusprige Pommes  –  Auf dieser Höhe so etwas hinzubekommen – Respekt!
Mayonnaise  –  Lecker, lecker…
Wassermelonen  –  wie fast jeden Tag; schmeckte uns aber heute am Besten

Kaum ist die Sonne weg, wird es bitterkalt. Kommt wohl von der Luftfeuchtigkeit wegen dem See und den heulenden Winden. Obwohl wir hundemüde sind, wälzen wir uns beide die ganze Zeit umher. Für mich ist dies etwas anstrengender, denn mein Schlafsack lässt mir zu wenig Raum zum Umdrehen. Doch irgendwann bin ich zu müde und finde endlich den Schlaf des Gerechten.

 

Naturdoping – wenn Du nicht mehr runter willst
Noch zwei Tage bis wir wieder unten sind. Wir müssen einiges an Strecke und Höhenmeter machen. Doch mittlerweile ist alles viel einfacher. Wir haben es wirklich geschafft. Wir waren oben. Heute gilt es über den Freshfield Pass (4282m) auf eine kleine Hochebene zu kommen und danach geht es nur noch bergab. Es ist traumhaft hier.  Mit jedem Höhenmeter auf dem Weg nach unten, können wir die Landschaft noch mehr geniessen. Oli fotografiert, stellt uns als Models hin, filmt die Eiszapfen an den Felsen. Der Abstieg ist kein Spaziergang, aber für uns auch in den liebgewonnen Gummistiefeln kein Problem. Wir wollen gar nicht mehr in die klobigen Bergschuhe rein. Und so watscheln wir Höhenmeter um Höhenmeter in bestem Wetter mit viel Sonnenschein dem Basecamp entgegen. Dabei passieren wir den geschichtsträchtigen Kabamba Rock Shelter, wo damals Luigi Amadeo von Savoyen und sein Team unter dem gigantischen Felsvorsprung sein Basiscamp zur Erkundung der Gegend hatte. Grosse Wasserfälle inmitten eine Urwaldvegetation lassen uns Staunen. Hier möchten wir gar nicht mehr weg. Die letzte Nacht verbringen wir in der Guy Yeoman Hut (3505m). Das Klima ist merklich wärmer, kein Regen nur Sonnenschein. Wir Glückspilze.

Die letzte Etappe von über sieben Stunden mit dem Zwischenziel der Nyabitaba Hütte ziehen sich in die Länge. Dort angekommen bekommen wir eine kleine warme Mahlzeit und verteilen das Trinkgeld an die Helfer, welche sehr dankbar sind und sich für den Zustupf sichtlich freuen. Unten. Basecamp. Warmes Bier. Egal. Verdient.

Ganz herzlich möchten wir uns bei Herbert und Cornelius bedanken, die uns  hochprofessionell in eine der faszinierendsten Gegenden Afrikas geführt haben. Es gibt nur wenige Bergführer in Afrika, die sich im Dschungel wie im Fels und Eis auskennen. Wir haben uns immer sicher gefühlt und es sehr geschätzt, wenn uns die Beiden mit den täglichen Briefings vorbereitet haben. Dazu möchten wir anmerken, dass wir keine Anfänger sind und zu Hause auch in den Bergen unterwegs sind (vor allem Corinne). Umso mehr können wir die Leistungen unserer Guides einschätzen. Ihr habt das super gemacht – Danke!

Nach Rücksprache mit Herbert gebe ich hier gerne seine Kontaktdaten weiter. Sollte eine/r der Leser/innen Lust auf einen unvergesslichen Trip im Herzen Afrikas haben, dieser Kontakt könnte Gold wert sein:

Herbert Baluku  –  Senior Guide
Rwenzori Mountaineering Services RMS, Kasese

Tel:     +256 774 799 297  (auch WhatsApp)
Email: herbertbaluku221@gmail.com

 

 

Fazit am Rande:
Es gibt nichts Motivierenderes, als einen langgehegten Traum zu erfüllen. Wer Angst davor hat, dass sein Traum Wirklichkeit wird und er dann kein Ziel mehr hat, der sollte besser seine alten Bravo Poster aus dem Keller kramen, sie wieder an die Decke hängen und zu Hause auf seinem Bett liegen und an die Decke starren. Und sich nicht wundern, wenn seine früheren Idole heute alt und gebrechlich sind. Genau wie du irgendwann. In diesem Sinne: Let your dreams come true!