Africa is not for sissies!


Flug Nr. GFO 075. Dubai – Bahrain – Addis Ababa. Rindfleischstückchen, Karotten, Kartoffelscheiben. Das Licht geht aus. Schlafenszeit über den Wolken. 4 Stunden rumdösen.
„Wir sind schon da. Aufwachen, wir sind in Afrika“, flüstert Corinne mir zu.
„Gurte anlegen, Rauchen einstellen, Sitz geradestellen“, knistert es fast gleichzeitig auf Englisch aus dem Lautsprecher irgendwo über meinem Kopf. Als ob heutzutage noch irgendjemand in einem Flugzeug rauchen dürfte. Oder ist das alles nur ein Traum?
Vor meinem geistigen Auge sehe ich noch immer die Kamele, Beduinen, Dünen und einen Seitenwagenmotorrad. Doch das Motorrad versank immer mehr im Sand bis es nicht mehr zu sehen war. Was für ein realistischer Albtraum. Mit einem seitlichen Kopfschütteln versuche ich in die Realität zurückzukehren. Ja, wir sind da. Landeanflug auf den Flughafen von Addis Ababa. Hauptstadt Äthiopiens.
„Hey Corinne. Du siehst putzmunter aus. Gut geschlafen?“
„Geht so. Doch ich freue mich riesig. Seit vielen Jahren schon ist Äthiopien ein grosses Reiseziel von mir. Wir haben es leider nie geschafft. Bis heute. Mir geht es gut! Und Dir?“
„Naja, etwas macht mich ein bisschen nervös. Seit 9 Monaten sind wir nun unterwegs. Unser Ziel war es nach Afrika zu kommen. Der Weg dorthin war so etwas wie Eingewöhnung oder Vorfreude. Und es war eine unglaublich tolle Zeit. Jede Sekunde habe ich genossen. Jetzt wo wir hier ankommen, habe ich eher ein bisschen das Gefühl, als hätten wir ein erstes Ziel erreicht und dass es nun so richtig schnell gehen wird und wir sind…puff…wieder zu Hause.“ „Hey Oli, wir sind die Slowriders. Das geht nicht puff, sondern ganz laaaange bis wir zurück sind. Noch über zwei Jahre. Take it easy!“ Es ist soweit. Der Flieger kommt zum Stillstand. Die Menschen um uns werden nervös, wollen so schnell wie möglich raus. Drängeln. Rufen einander zu. Weinen als sie ihre Freundinnen zwei Reihen weiter vorne erblicken und Augenkontakt halten. Die junge Frau vom Fenster steigt verzweifelt über mich rüber, schafft es in den Gang, wo sie dann einfach eine Viertelstunde im dichten Gedränge stehend mit ihrer Tasche auf dem Kopf wartet. Ich werde dieses Verhalten nie verstehen.
Welcome to Africa.


Farangi Car
Auf einer meiner früheren Reisen auf dem schwarzen Kontinent, hat mir einmal ein Togolese gesagt, dass Afrikaner keine Uhr bräuchten, weil sie ja Zeit haben. Herrlich.
Gerade erleben wir dies wieder. Ankunft um 05:30. Minus 1 Stunde. Arbeitbeginn am Cargo Flughafen…nicht vor 08:00. So sitzen wir rum und lassen uns vertrösten. Wir sind die einzigen Farangis (Weisse) hier. Die Einheimischen nennt man Habeshas. Aber was sind hier in Afrika schon ein paar Stunden warten. Unsere Kiste mit dem Habash kommt gleich, teilt uns der Leiter der Spedition mit. Sie muss nur durch den Scanner. „Den Scanner? Lieber Chef, diese Kiste geht nie durch den Scanner, der ist ja nur einen Meter breit.“, so Oli ganz verdutzt. „Ach, das geht schon irgendwie. Ist ja privates Gut, nicht business, oder?“ meint der Cargo Mitarbeiter. Auch das ist Afrika. Wenn Du vor dem Scanner stehst, wo die Kühlschränke und andere Pakete knapp mal durchpassen, dann wird dir klar, dass ein Seitenwagen Motorrad NICHT durch den Scanner passt. OK, Fazit: Viel Papierkrieg um unsere Kiste als Business umzuschreiben. Anderes Lagerhaus. Betteln, dass wir gleich drankommen, ein spezieller Kommissar, der die Kiste prüfen will, da nun Business…Welcome to Africa! Doch alles klappt dann wunderbar und vor den Augen aller Speditionsmitarbeiter öffnen wir die Kiste und präsentieren den Haudegen Habash. „It‘s a car, it’s a car“ rufen die Umherstehenden. “Is it a car? It definitely looks like.” meint nun auch der Zollbeamte. „No. No.no. A Sidecar“ meint Oli trocken. „Aha. A car. There are not the same regulations for cars…“ meint der Zollinspektor ganz freudig. Wir können  uns letztendlich mit viel Spass darauf einigen, dass dies weder ein Auto noch ein Motorrad ist, sondern eine schlechte Kombination von beidem. Ein Farangi MotoCar. Blöd wenn‘s regnet, blöd für den Stadtverkehr, nicht ideal für die Wüste. Damit können wir leben. Wir bekommen die Papiere von einem schmunzelnden Inspektor ausgehändigt und werden herzlich verabschiedet. Es geht los.


Africa is not for sissies!
The Nitty Gritty Nomads, Fit Nik, Overland Bikers, Italian Machine und wie sie alle heissen. Man trifft sich in Wim’s Holland House in Addis Ababa. Hier kommt man an, hier tauscht man sich aus, spannt aus, schmiedet Pläne. Es ist der Ort, wo man sich organisiert. Aktuell sind wir alles Motobikers. Wir – die Frischlinge. Alle andern sind entweder in Ägypten, Südafrika oder Marokko gestartet und haben schon einige Kilometer in Afrika hinter sich. Spannend auch deshalb, weil man in Afrika eine total andere Art von Reisenden trifft. Keiner hier hat saubere Kleider, fast alle schrauben an ihren Motorrädern rum, viele kämpfen um Visen oder geben richtige Abenteuergeschichten weiter. Uns kommt es vor, als hätten wir bis hierher eine Luxusreise gemacht. „Africa is not for sissies“ meint Istene mit einem Lächeln. Als sie zu viert mit je einem Motorrad als „The Nitty Gritty Nomads“ in Südafrika vor 9 Monaten gestartet sind, hat sie nach der ersten Woche einen Sturz gehabt. Schulterbänder gerissen, Bruch im Oberarm. Umkehren, Operation, eine Woche warten und dann nimmt sie halt den Suzuki Jeep und begleitet die anderen durch die wildesten Gebiete Ostafrikas. „Yep“ meint Fit Nik, der Australier, trocken. Er ist seit fünf Jahren alleine on the road von Südamerika über Asien, Europa und Afrika mit seiner total überbeladenen BMW 650’er unterwegs. In Polen hat er mal schnell für drei Jahre Stop gemacht und in der Zeit vierzehn Fitnesscenter aufgebaut und für viel Geld verkauft. Und dann ist er wieder weitergezogen – nach Afrika. Und ganz viele weitere Geschichten gibt es hier. Das Kribbeln wächst!

Wir sind froh um die Insiderinformationen wie z.B.:

– Für die nächsten 5 Wochen bis Ostern ist Fastenzeit im hochreligiösen Äthiopien. Will heissen, dass wir ausserhalb Addis nur vegan überleben können. Injera und Shiro sind die Hauptnahrungsmittel.

– Seit ein paar Wochen sind die Datamobile Netze ausserhalb von Addis abgeschaltet. Nur die langsamen WIFI Netzwerke der Hotels funktionieren. Blöd auch, dass ich schon eine SIM Karte mit 10 GB gekauft habe…

– Achtung Abstand bei Demos in allen Dörfern. Der Premierminister ist zurückgetreten und die Wahl eines Neuen findet in den nächsten Wochen statt. Bisher sind einige Personen an den Demos bei Auseinandersetzungen gestorben. Wachsam bleiben.

– Vorsicht vor den Steineschmeissern. Nicht alle Äthiopier begrüssen die Farangis so herzlich. Immer wieder fliegen Steine. Besonders gefährlich wenn man mit dem Motorrad unterwegs ist. Besser Helm tragen.

– Benzin ist eine Herausforderung. Die Distanzen zu den wichtigsten Orten im Land sind riesig. Nicht überall bekommt man Benzin. Es gilt immer eine Reserve zu haben. Keine Spekulationen, tanken wo möglich.

– Die Menschen sprechen nicht gerne offen über Politik. Die verschiedenen Gruppen wie Amharas, Tigrays, Oromo und der Süden sind oft nicht sehr gut aufeinander zu sprechen. Es gibt auch hier viele Ohren. Besser zurückhaltend bleiben.

– Fotos von Menschen sind eine Herausforderung. Viele wollen das nicht. Besser zuerst etwas Nähe gewinnen und dann fragen. Akzeptiere ein Nein, denn die Menschen können zornig werden. Kein Foto ist besser als ein schlechtes Foto.

– Fahrt auf keinen Fall die Ostseite des Lake Turkanas Ostseite mit dem Habash. Es ist schon sehr anspruchsvoll mit einer kräftigen Enduro. Mit eurem ist es ein Hochrisiko Spiel. Besonders wenn dann noch Regen dazukommt. Come down – take it easy!

– Geniesst dieses Land mit dem ganzen religiösen und kulturellen Zauber. Es ist einfach anders. Mit allen Vor- und Nachteilen. Lasst euch nicht unterkriegen. Go for it!

Mehr über die The Nitty Gritty Nomads: hier klicken

 

Lucy – sogar John Lennon kannte sie!
Zuerst einmal wollen wir dieses Addis Ababa kennenlernen. In der offiziellen Landessprache  Amharik übersetzt bedeutet sie „Neue Blume“. Sie gilt als eine der wichtigsten und aufstrebensten Städte Afrikas. Was natürlich auch stark an der Baupräsenz chinesischer Firmen liegt. Überall werden hohe Häuser gebaut. Und doch hat diese pulsierende Stadt aus unserer Sicht wenig Flair. Geschweige denn einen besonderen Reiz. Wim’s befindet sich beim alten Bahnhof, wo in unmittelbarer Umgebung auch viele Hoffnungssuchende und Gestrandete sich ihr Leben auf der Strasse einrichten. Für uns ein krasser Gegensatz zu unseren letzten Stationen im mittleren Osten, wo dies nur selten so öffentlich zu sehen ist. Doch die Menschen hier sind sehr sympathisch, grüssen herzlich.  Auch die Streetboys sind stets freundlich und akzeptieren, wenn wir kein Interesse am Geld verschenken zeigen. Unsere Form von Unterstützung ist es, wenn wir bei den kleinen Ständen hier die wichtigsten Einkäufe machen: Toilettenpapier, Seife, Taschentücher und wenn vorhanden ein paar Früchte.
Viele der kleinen lokalen Restaurants entlang der Strasse zur berühmten italienisch geprägten  Piazza (Italien hat das damalige Königreich Abessinien inkl. Addis im 2. Weltkrieg für ein paar Jahre besetzt und ein klassisches italienisches Quartier gebaut) sind gepflegt und laden zur Kaffeezeremonie ein. Wir lassen uns darauf ein. By the way: Äthiopien gilt als das Erfinderland des Kaffees und ist heute noch eines der wichtigsten Exportländer der Welt. Hier wächst fast ausschliesslich der berühmte Arabica. Allein die Zubereitung ist Kaffeekunst vom Feinsten. Zuerst einmal wird der Boden mit Gras ausgelegt. Die Bohnen ausgewählt und frisch geröstet. Dies geht schon mal 30 Minuten. Doch eben: keine Uhr, dafür Zeit. Einmal davon getrunken, will man keinen Maschinenkaffee mehr. Auf die unverschämte Frage, ob sie denn Nescafé kenne, guckt mich die Kaffezauberin mit grossen Augen an und fragt lächelnd zurück; „1 oder 2 Löffel Zucker“. Ach, ich liebe dieses Afrika!

Natürlich erkunden wir einen Teil der Geschichte Äthiopiens im Natur- und Völkerkunde Museum. Lucy ist hier ausgestellt (wohl eher nur eine Kopie). Der Museumsprediger erklärt uns, dass hier die Wiege der Menschheit im Afar Dreieck im Osten des Landes liege. Wir lassen dies mal so stehen. Sicher ist, dass die Beatles einen erfolgreichen Song über sie geschrieben haben: “Lucy in the sky with diamonds“. Fröhlich pfeift der Museumswärter das Lied vor sich hin und lässt uns alleine im interessant ausgestalteten Untergeschoss des Museums rumschnüffeln. Corinne ist ganz fasziniert von der 3,2 Millionen Jahre alten Geschichte und lässt sich einen Vergleich mit der kleinen Dame nicht nehmen. Sie meint zwar, dass sie sich schon von ihr unterscheide, doch bis auf die Grösse finde ich keine Unterschiede. Mit vollem Kopf und gar nicht mal so beleidigt, schlendern wir zurück durch die Stadt, beobachten die Menschen und werden dann 500m vor unserem Camp mal wieder mit Regen geduscht.

Kleine Anektode zu Lucy: hier klicken

Unsere Abende hier verbringen wir in der Biker Gruppe mit Besuchen in kleinen Restaurants, mit Bodybulding TV (FitNiks Freundin erreicht den 4.Platz in der polnischen Liga) und beim Boccia spielen mit Locals. Und: In Addis erleben wir unsere Umwelt authentisch. Jeden Tag Regen, die Vorboten von dem was uns in den nächsten Monaten südlich von Addis erwarten wird. Jeden Tag Stromausfälle, teilweise für viele Stunden, das Wasser fliesst nicht immer, Wasserkübel sind die Regel. Das, was uns nördlich von Addis erwarten wird. So werden wir hier ja mal ganz gut vorbereitet. Nach dem glänzenden Dubai eine willkommene Abwechslung – oder eben:
Africa is not for sissies!