Auf den Spuren der Meuchelmörder


Der Kampf im Alamut Valley
Heute ist der Tag der Meuchelmörder. In der Nacht auf heute haben wir uns zwei Dokumentationen der Assassinen angeschaut. Das mystische Alamut Valley erwartet uns. In unserer Vorstellung sehen wir uns schon durch die verlassenen Täler streifen um hoch auf einem mächtigen Felsen die abgelegene Burg „des Alten vom Berge“ dem Aga Khan zu erklimmen. Zuerst müssen wir jedoch auf der kurvenreichen Bergstrecke die Passhöhe von 2500m.ü.M. erklimmen. Kaum auf dem ersten Pass, 500 Meter runter und dann Vollbremse, es knackt und kracht als würde der Berg zusammenbrechen. Und da stehen wir, quer in der Strasse mit einem Schock. Der Blick von Corinne verrät nichts Gutes. „Hast Du das auch gerade gehört? Es scheint als würde Habash auseinanderfallen…“. Tatsächlich. Auf den ersten Blick wird ersichtlich, dass die Hinterradschwinge gebrochen ist. Ausgerechnet hier. Kalt. Alleine.
Habash lässt sich nur mit Müh und Not an den Strassenrand rollen. Da nützt auch die super 4G Simkarten Aktion von Irancell wenig. Kein Netz. Überhaupt, wer sollten wir denn anrufen? Lange Zeit kommt kein Fahrzeug. Dann ein Lastwagenfahrer. Wir können uns leider nicht verständigen. Unmöglich. Auch nicht mit Zeichen. Zum Glück kommt auch noch das Rote Kreuz vorbei. Des Fahrers  Englisch ist sehr begrenzt. Die Diagnose ist jedoch klar: Rahmenbruch. Irgendwie scheint es, als hätten sie Lösungen. Es wird telefoniert. Doch als sie dann plötzlich in beide Richtungen aufbrechen und nach zwei Stunden noch immer niemand weiteres aufkreuzt, schwant uns Übles. „Corinne, guck! Da kommt ein Fahrzeug. Ein Lieferwagen“. Zwei gut gelaunte Hühnchenverkäufer springen aus dem Lieferwagen, begrüssen uns und wollen uns sogleich  tiefgefrorenes Fleisch schenken. Als wir Ihnen irgendwie erklären konnten, dass wir hier nicht freiwillig rumhängen und auch nicht die Absicht haben hier zu campen, verstehen sie das Dilemma. Ihre Idee, den Habash irgendwie in den Kühlwagen reinzubringen scheitert a) am zu hebenden Gewicht und b) dass es aus keinen Fall darin Platz hat. Kein Problem. Sie rufen Freunde an und 20 Minuten später ist ein Abschleppwagen vor Ort. Per Zufall ist der Fahrer auch gleich noch gelernter Motorradmechaniker. Sagt er. Wir sind in jedem Fall froh, dass er uns und den Habash mitnimmt und uns zurück nach Qazwin bringt. Denn dort warten in seiner Garage gleich 10 Leute um sich um uns zu kümmern. Alamut muss warten.


Neuer Anlauf – Alamut zum Zweiten
Schlussendlich hat es dann doch irgendwie mit reparieren geklappt. Nachdem Oli bestimmt zehnmal mit Ural telefoniert hat und den die zahlreichen, oft wenig hilfreichen Assistant Mechanics verscheucht hat (sie alle wollten ja nur helfen), haben sie eine gute Reparatur hinbekommen. Man denkt, dass man nur etwas Schweissen muss. Doch die Hinterradschwinge muss exakt sein. Auf Millimeter. Ansonsten lässt sich die Welle nicht mehr sauber ins Getriebe einpassen. Das bedeutet, das Rad wird nicht sauber drehen und der Verschleiss für Rad und Getriebe wird so gross sein, dass man nach ein paar hundert Kilometer alles wegwerfen kann. Russen Hightech – wer hätte das erwartet!

Unser nächster Versuch ins Alamut Valley. Es erwartet uns eine gewaltige Landschaft. Unterwegs werden wir von einem unbekannten iranischen Motocross Fahrer angehalten. Anscheinend sorgt er sich um den Ural Fahrer. Schwupps bekommt Oli sein Tuch bltzartig um den Hals gewickelt und genauso schnell ist er wieder davon. Wir – sprachlos!
Also, der Assassinen Ausflug in Kürze: Man fährt bis wenige hundert Meter vor den Felsen. Ja, er ist beeindruckend. Genauso wie die verschiedenen Gasthäuser soweit im Tal hinten, der Shop am Eingang zum Felsen, den Eintritt den man bezahlen muss und dass alles eingerüstet ist und man gerade mal 150 Höhenmeter auf in Felsen gehauene Treppen hochlaufen muss, enttäuscht jegliche mystischen Erwartungen. Das haben wir uns hart erkämpft. Am meisten gelohnt hat sich aber die Fahrt durch diese einmaligen Landschaften. Die Burg ist genauso wie die Assassinen eine Legende. Mehr dazu: hier klicken

Die darauffolgenden Tage haben wir mit der Rückfahrt nach Qazwin und der Strecke Richtung Teheran verbracht. Teheran wollten wir kennenlernen. Nachdem wir jedoch schon im Vorort bei Karadsch stundenlang im Stau stehen, haben wir keine Lust mehr. Spätabends schaffen wir es runter der Autobahn und nächtigen in einem iranischen Nobelhotel. Ja genau, Nobelhotel. Wie es sich so gehört. Wir haben nix anderes gefunden. Ich habe mit dem Chef verhandelt und dafür durfte er auf das Motorrad sitzen. Sein Portier im Seitenwagen. Fotosession. Er hat ein Herz für uns und gibt uns ein Zimmer inkl. reichhaltigen Frühstück für 40 Dollar. Auch fragen wir die anwesenden Mitarbeiter nach Rat. „Wir wollen nach Teheran, dann auf den Damavand Berg. Und danach bis nach Damghan in den Westen und von dort quer nach Süden durch die Wüste fahren. Was meint ihr dazu?“ fragt Oli voller Enthusiasmus. Der Rezeptionist spricht gut Englisch und erklärt ganz cool: „Also meine Lieben. Morgen ist Freitag, dann Samstag. Wochenende. Da in Teheran rumzufahren ist eine ganz schlechte Idee. Denn ihr werdet kaum fahren, sondern im Stau und im Smog schwitzen. Ok, aktuell ist November. Der Damavand hat Schnee. Ist schön unten rumzulaufen, doch hochwandern ist ohne richtige Ausrüstung eine ganz schlechte Idee. Angenommen ihr überlebt diese beiden Sachen, habt ihr eine langweilige Fahrt nach Damghan vor, aber ganz sicher ein verrücktes Abenteuer wenn ihr von da Richtung Jandaq durch die Wüste fährt. Denn dort befinden sich die Raketenstützpunkte und Nuklearprogramme der iranischen Armee. Man wird euch verhaften und wenn ihr das Gefängnis nach mehreren Jahren übersteht, habt ihr eine tolle Geschichte zu erzählen. Kurz: vergesst euren Plan und macht einen Neuen.“  „Ok“.


Glücklich unterwegs
Kein Teheran, sondern direkt Richtung Süden. Auf dem Weg nach Esfahan, die Kulturhauptstadt Irans, campen wir irgendwo westlich vor Kashan. Endlich haben wir uns entscheiden können und in einem total verlassen geglaubten Tal unseren Schlafplatz gefunden. Wie könnte es anders sein, kommt ein Einheimischer uns entgegen. Wild fuchtelt er mit den Armen und spricht schnell auf Farsi. Wir denken er freut sich über uns, doch seine Mimik gepaart mit seiner Tonalität verrät sein Besorgnis. Warum nur? Wir einigen uns darauf, dass wir 50 Meter weiter rechts auf einer Anhöhe campieren. Er gibt sich zufrieden oder geschlagen. Wer weiss das schon so genau? Auch am nächsten sonnigen Morgen bei den mittlerweile zum Frühstück gehörenden Naan-Halva-Granatapfel Rolls geht uns die Begegnung nicht aus dem Kopf. In Esfahan an- und in einem günstigen Hostel untergekommen, erfahren wir, dass er sehr besorgt gewesen sein muss.
In den Nachrichten laufen ununterbrochen die News zu dem schweren Erdbeben mit vielen Toten, dessen Epi Zentrum mit Kermanschah nur wenige hundert Kilometer entfernt gewesen ist. Er wollte uns warnen und wir Ignoranten konnten ihn nicht verstehen. Wir haben das Reiseglück voll für uns beansprucht. Hoffentlich brauchen wir es nicht wieder in nächster Zeit. Denn unser Glücksreservoir muss zuerst wieder aufgeladen werden.


Kulturhauptstadt Esfahan
An unserem ersten Abend schlendern an den modernen Geschäften vorbei und staunen immer wieder. Irgendwie hatten wir vor unserer Reise das Gefühl, der Iran sei „arm“, es gebe fast nichts zu kaufen, alles was aus dem Westen kommt ist verboten, die Menschen leben entlang staubiger Strassen und sowieso, die Frauen tragen ja alle Burkas. Das sind die Bilder die wir zu Hause in den News und durch Filme vorgesetzt bekommen. Das ist schlicht Blödsinn! Wenn man durch die Strassen schlendert könnte man irgendwo in einer Stadt dieser Welt sein. Die Marken im Schaufenster sind genauso Nike, Puma, Hugo Boss etc. Die meisten sind zwar Nachahmer Produkte, doch die Menschen lieben diese Marken. Vor allem gibt es in allen Städten hunderte von Smartphone Shops. Meistens Samsung, jedoch auch Apple Produkte. Und was ganz spannend zu sehen ist: Die Muslim-Ninjas tragen voll gestylte Schuhe zu ihren Tschadors (Verhüllung, Gesicht bleibt offen). Pink ist in. Herrlich.

Bei herrlichem Sonnenschein bestaunen wir auch hier den Bazaar, die berühmte Freitagsmoschee von Isfahan und den gewaltigen Meidan e Imam Platz beim Ali Qapu Palast. Der Platz ist der zweitgrösste städtische Platz der Welt. Nur der Tien’anmen Platz in Peking ist grösser. Das Hammam Museum lässt erahnen wie es sich in der Vergangenheit gelebt hat. Die Khaju Brücke ist ebenso ein kleines Wunder. Schade nur, dass der Fluss kein Wasser hatte. Auch hier kommt man ganz leicht mit den Menschen in den Kontakt. Sie lieben es zu fotografieren und fotografiert zu werden. Es ist das erste Mal, dass wir viele Touristen aus der ganzen Welt treffen. Und sobald es dunkel wird, lernen wir die Beleuchtungsfähigkeiten der Perser kennen. Egal an welches Gebäude man blickt, es kommt uns vor wie aus 1001 Nacht.


Tipps für mehr Geld

Oli braucht sie nun dringend – die neuen Schuhe. Seine alten, stinkenden Nato-Stiefel haben ihren Zenit erreicht und den Dienst im Abenteuerland getan. Wie eine Fata Morgana leuchtet vor uns ein Bergsteiger Shop. Darin finden wir ja alles was es nur geben kann – auf 30m2. „Best quality. No Fakes. No China. For real adventurer“ verspricht uns der Inhaber. Sogar Mammut. Er und seine Partnerin sind echte Bergsteiger Freaks und Kletterer. Durch spezielle Kontakte kann er die Ausrüstungen importieren. So findet Oli einen Grisport Schuh aus Italien. 180 Dollar. Und Corinne findet einen neuen Benzinkocher. Und das ist ebenso dringend, sonst gibt kein Kaffee mehr am Morgen. Nochmals 150 Stutz. Total über 300 Stutz…puhh…

Nun kommt das Ding mit dem Geld…Reisende müssen ihr ganzes Geld im Vorfeld mitnehmen. Am besten in Dollar. Der Grund ist einfach: Der Iran ist nicht am weltweiten Bankensystem angeschlossen. Das heisst man kann kein Geld am Bankomat rauslassen, die Kreditkarten funktionieren hier nicht. Dollars oder Euro können nur in der Melli Bank oder bei den Exchange Büros gewechselt werden.

Wir haben unser Geld schön für unsere Tage hier abgezählt. Wo bekommen wir das Geld dafür her?
Auf Empfehlung eines Bankers bei der Melli Bank gehen wir zu einem speziellen Exchange, dort wiederum bekommen wir vom Chef einen Zettel, den wir auf dem Bazaar zeigen sollen. Wir landen schlussendlich bei Mr. Fotovac, einem Gemäldehändler. Exklusives Geschäft. Er freut sich über uns. Kennt er die Schweiz doch sehr gut. Sein Beruf ist Kunstmaler. Für eine Schweizer Luxusuhrenmarke malt er die Zifferblätter. Sein Geschäft hat Hauptsitz in Dubai. So kann er uns offiziell ein Gemälde verkaufen und wir bezahlen mit Kreditkarte. Inoffiziell wechselt er uns über dieses Scheingeschäft 800 Dollar und kassiert obendrauf noch 15 Prozent Provision. Unter den gegebenen Umständen für Beide ein gutes Geschäft. Mit neuen Schuhen und die Aussicht auf heissen Frühstückskaffee reisen wir nach spannenden Tagen aus Isfahan weiter Richtung Osten in die Kavir Wüste.