Bernina – Heimat der Berggötter


Nachdem wir endlich losgezogen sind, haben wir die ersten 30 Kilometer hinter uns, als am Horizont die schwarzen Wolken die leichten Weissen „fressen“ und sich über den ganzen Himmel ausbreiten. Eine besorgniserregende Stimmung kommt auf und Corinne erwachte bei einem Windstoss aus ihrem Schönheitsschlaf. Wohlverstanden wir sind noch immer on ride mit dem Habash. Und sie schläft ein…muss wohl an dem schönen blubbernden Geräusch des Motors liegen…oder weil sie heute Morgen schon um 04:00 auf ist. In jedem Fall mache ich mir in diesem Moment Gedanken über einen Sicherheitsgurt. Wäre vielleicht nicht die schlechteste Idee…
Aktuell haben wir ganz andere Sorgen, denn wir finden schnellstens einen Campingplatz am schönen Sempachersee. Ja, wir haben gerade mal ein paar Kilometer geschafft und machen schon Rast. „Go, oli, go. Komm wir stellen schnell das Zelt auf, in wenigen Minuten zieht der Sturm über uns her.“ Corinne hat einen echten Drive drauf, wenns darum geht nicht nass zu werden. In der gleichen Sekunde als wir den Habash abgedeckt haben, lässt Petrus seinem Zorn vollen Lauf und entleert alles was er da oben gesammelt hat. Die nächsten drei Tage regnet es fast den ganzen Tage. Der Wind knickt schon mal unsere Teleskopstangen (Habash Zelt). Ein Start nach Mass à la Slowriders. Immer wieder mal deckt es gegen Abend auf und wir haben doch noch so etwas wie Ferienstimmung. Derweil besuchen uns ganz spontan Vania und Sacha mit ihrem Landy und bringen Abenteurfeeling mit. In den trockenen Stunden am Abend machen wir Feuer und Braai wie Afrika. So haben wir doch einen guten Einstieg. Am Abend vor der Weiterreise feiern Cori uns ich unseren Start mit der letzten Flasche südafrikanischem Merlot und einem Käsefondue. Es heisst los- und das Neue ankommen lassen. Nun sind wir definitiv on tour.

Go, Habash, go

„Andermatt, Oberalp, Übernachtung in DIsentis, dann Julier, nach Morteratsch Camping“, das die Worte von Oli vor dem satteln unseres Stahlrosses. „Meinst Du wir schaffen die beiden Pässe?“ Corinne ist schon etwas sehr besorgt, nachdem unsere Testfahrten vor einem Jahr in den Bergen Italiens und Frankreichs in einem kleinen Fiasko endeten. Wir kamen kaum die Pässe hoch. Die russische Kupplung hatte bald einmal ihren Geist aufgegeben. „1. Gang / 20 km/h und dia Aussicht geniessen. Und wenn’s nicht geht, umkehren und nochmals Anlauf holen. Das wären wohl die Worte von Aschi. Geht schon irgendwie…“. Die Sorgen sind durchaus berechtigt, denn bei 40 PS und 670 Kilo ist die Maschine nicht gerade ein Dampfhammer (gemeint ist der Habash, nicht Oli).

Alles geht gut, mit 20 km/h den Berg hochzukraxeln ist eigentlich ganz cool. Man sieht alles und nimmt alles viel intensiver wahr. Mindestens ich, denn Herr Beccarelli ist beschäftigt, dass der Töff nicht absäuft;-) Wir verbringen einen tollen Abend und Nacht auf dem Camping Fontanivas in Disentis (sehr empfehlenswert) und reisen am nächsten Tag über den Julier bis ins Engadin. Ach ja, auf dem Weg besuchen wir den schönsten Bergsee der Schweiz…den Crestasee bei Trin. Herrlich!


Heimatgefühle

Kaum ein paar Tage weg und schon kommen bei ihm Heimatgefühle auf. Oli ist in seiner Heimat – Graubünden. Irgendwie merkt man dies daran, dass er richtig aufblüht. Lebt er doch seit über 14 Jahren schon im Unterland. „Hier bin ich zu Hause. Siehst du den Bernina mit dem Bianco Grat. Es ist die Heimat der Berggötter“, weckt er mich am Morgen. „Ok, lieber Mann, dann mach mal Kaffee und ein tolles Frühstück.“ Doch da hört er schon gar nicht mehr zu und hängt mit dem Feldstecher im Campingstuhl. Wir sind beide überglücklich hier auf dem Camping Morteratsch zu sein. Auf Empfehlung von Esteban sind wir hier. Man sagt, dass dies einer der schönsten Campingplätze der Schweiz sei. Wie wahr. Mit Blick auf das mächtige, weiss gezuckerte Bernina Massiv. Hier machen wir erstmal etwas Ferien. 4-5 Tage geniessen und ankommen. Corinne: Und Sport, Bewegung für Oli!

Kleine, typische Episode: Anmeldung beim Camping. Dort hat es einen Dispenser mit Flyern von Aktivitäten. Oli hat dies als erstes gesehen und mich mit den Campingverantwortlichen sprechen lassen. In der Zwischenzeit hat er die Flyer mit Wandern und Klettern ganz schön hinter die Prospekte mit den Wohnwagen und Wellness Angeboten versteckt. Nur blöd, dass der Camping Chef dies gesehen und mir mit einem Augenzwinkern den Tipp gegeben hat, doch auf den Klettersteig zu gehen oder zur Gletscherquelle zu wandern. Ha, blöd gelaufen für den Indiana Oli!

Und so bewegen wir uns doch. Der Klettersteig ist anspruchsvoll und lang. Immer wieder überqueren wir nur auf einem Seil in der Höhe von über 20 Metern die Schluchten. Der „Adlerhorst“, so wird die schwierigste Stelle genannt, hat es in sich. Alles in allem ein Erlebnis, wenn auch mit viel Adrenalinausstoss. Tags darauf geht’s wieder los. Wir sind in Olis Element: Fotografieren. Um 05:00 Uhr und bei 2 Grad zotteln wir los Richtung Gletscherhöhlen. Auf dem Weg habe ich (Oli) endlich Zeit meine neue Fuji Kamera und mein Stativ auszutesten und finde immer wieder Spots. Vor acht Jahren waren wir schon einmal hier. Dabei haben uns die Gletscherhöhlen des Morteratsch Gletschers gewaltigen Eindruck gemacht. Ich möchte hier unbedingt ganz spezielle Aufnahmen machen.
Eine Vorahnung haben wir dann schon bekommen, als wir die Hinweistafeln der Gletscherbewegungen gesehen haben. Plötzlich stehen wir vor 2010. Am Ort, wo wir dazumal die Höhlen besichtigen durften. Doch hier ist gar nichts mehr von Höhlen, denn die nächste Tafel ist schon in Sichtweite. Will heissen: Der Gletscher hat sich so stark zurückgebildet, dass es uns deprimiert. Es ist unglaublich wie viel Gletscher in den letzten Jahren verloren ging. Und so begnüge ich mich mit der Quelle des Morteratsch Gletschers. Viel mehr bleibt nämlich nicht übrig. Auch wenn die neu geschaffene, vom Gletscher freigegebene Gegend wunderschön ist, ist es schon verrückt und stimmt uns nachdenklich, wie das ewige Eis schwindet.


Weiterziehen
Nach 5 wunderbaren Tagen im Engadin ist es nun an der Zeit, weiterzuziehen. It’s Slowride-time….

 

Ps. Wir haben ein paar Tipps und Fotos im Portfolio für Euch gesammelt.
Mehr dazu auf der Blog Frontseite. Viel Spass beim angucken.

 

 

Und sie bewegen sich doch: