Das 8. Weltwunder


„Ich muss los. Der Fahrer wartet. Mein Flieger geht in einer Stunde. Dann Addis – Dubai – Zürich. In 36 Stunden bin ich in Hermiswil. Ich verlasse Dich jetzt. Tschüüss.“ Mit Tränen in den Augen packt Corinne ihren Rucksack und steigt in den Bus ein. Das verbliebene Slowriders Team (Oli und Habash) gucken dem Bus nach bis er zwischen den Häusern Lalibelas verschwindet. Und jetzt? Kommt sie wieder? Oder bleibt sie dann gleich lieber zu Hause?

Nach dem Spektakel in Debre Damos, reisten wir weiter über Bizet, Adigrat nach Mekele. In der Universitätsstadt haben wir ein paar Tage mit Waschen, Reifenwechsel und allgemeinen Unterhaltsarbeiten verbracht. Einmal mehr wurden wir von den herzlichen Menschen und einer für äthiopische Verhältnisse, sehr modernen Stadt beeindruckt. Hier ist der Ausgangsort für eine Danakil Wüstenexpedition. Aber nachdem wir erfahren, dass 600 Dollar, der mit Abstand beste Preis für zwei Personen und vier Tage Expedition sein sollen, entscheiden wir uns dagegen. Äthiopien erscheint uns generell als ein Land mit tiefen Lebenshaltungskosten (für unsere Verhältnisse), jedoch alle touristischen Aktivitäten kosten relativ viel. Dieses Geld wollen wir lieber für eine spezielle Tour zu den Gorillas sparen. Das Leben hier pulsiert in der Stadt, die vielen kleinen Restaurants laden zum Ausprobieren ein. Zuviel des Guten. Oli leidet. Wir dachten an einen Rückfall, doch er hat wohl den Salat nicht vertragen…obwohl ich ihm schon hundertmal gesagt habe, dass er dies lassen soll. Peel it, cook it or leave it. Manchmal habe ich das Gefühl, er wird das nie begreifen. Seine Ausreden, dass er schon sehe, ob es sauber ist, ist ehrlich gesagt, Humbug. So habe ich kein Mitleid, wenn er die letzten zwei Tag immer in der Nähe der Toilette verbracht hat. Immer eine Rolle Toilettenpapier in Griffnähe.

 

Paolo hat nicht immer recht!
Die Fahrt durch die Landschaften ist pures Kino. Im hohen Norden die trockene Steingegend, mit wenig Wasser, jedoch wunderbaren Gebirgszügen, verwandelt sich plötzlich in ein mit Hügel verziertes Hochplateau, viele Grünflächen, immer wieder kleine Flüsse, die wie blaue Adern das Plateau durchziehen. Wir sind im Hashengu Gebiet. Hunderte von Kühen, Schafen, Ziegen und viele Menschen. Ein erfrischender Anblick nach tagelanger Trockenheit. Und dann geht’s runter von den Bergen, von Korem (3000m.ü.M) nach Alamata (1500m.ü.M). Eine Nacht im Meaza Hotel. Pläne schmieden. „Oli wie erreichen wir am besten Lalibela?“ „Paolo „the Italien Machine“ hat mir in Addis von einer kleinen Strasse erzählt, die gleich von hier abgeht und über die Berge offroad bis nach Lalibela führt. Dies ist eine gute Abkürzung. Er sei dies zwar nur zu zwei Drittel gefahren, doch es soll gut möglich sein. Lass uns dies versuchen. 170 Kilometer offroad, statt 430 Kilometer Asphaltstrasse.“ Oli ist überzeugt, dass es gelingen wird. Meine Planung auf dem GPS zeigt, dass wir bis auf 3580m hoch müssen. Dabei sieht das Höhenprofil krass aus. Doch wenn Paolo sagt „es geht“ wird es wohl so sein.

Von 1500 Meter auf 3580 Meter innerhalb 30 Kilometer. Offroad. Mit einem über 600 Kilogramm schweren Seitenwagen Motorrad. Vergaser. Aktuell haben wir uns bis auf 3350m hochgekämpft. Seit einer Stunde ist der Weg immer wieder mal weggeschwemmt, voller grosser Löcher, loses Geröll. Habash schnappt hörbar nach Luft. Die Luftkühlung ist gleich Null, denn dazu braucht es Fahrtwind. So setzt er immer wieder aus, meistens in den schwierigsten Passagen. Um das Ganze unter Kontrolle zu behalten, arbeitet Oli mit der Kupplung, Corinne absolviert ihr Fitnesstraining und schiebt die Beiden. Braves Mädchen.

„I mag eifach nümm!“ klönt sie plötzlich. Mittlerweile bin ich auch abgestiegen, schiebe mit und gleichzeitig schleife ich die Kupplung ab. „Ok. Wir kehren um. Das hat keinen Zweck. Wir verbrennen die Kupplung und dann haben wir den Salat.“ „A Propos: Wie geht es Dir, Oli. Nix Toilette?“ „Hahaha…keine Zeit um mir darüber Gedanken zu machen.“ Ist doch rührend, wenn frau in dieser herausfordernden Situation noch an meine Gesundheit denkt. Während unserer Pause treffen immer mehr Kinder, Jugendliche und Erwachsene ein. Mit grossen Augen bestaunen sie uns. Die fragen sich bestimmt, was wir hier machen? Die Kommunikation gelingt halbwegs über Zeichnen und Gestikulieren. Sie sprechen kein Englisch. Dann stösst ein Lehrer dazu und übernimmt die Vermittlung. „Nur noch 2 Kilometer, dann seid ihr oben. Ihr dürft nicht aufgeben. Es ist nicht mehr weit“, übersetzt er. „Ja, aber noch ganze 300 Höhenmeter. Das schaffen wir nie!“ zweifelt Oli. „Wir helfen Euch. Wir stossen das Moto da rauf – Los geht‘s Jungs. Anpacken.“ Es gibt gar keine Möglichkeit Nein zu sagen. Und so stossen wir den Habash hoch. Alle 20 Meter ein Halt. Durchschnaufen. Alle schwitzen. Keiner mault. Weiter!

Wir bedanken uns nach zwei Stunden harter Arbeit mit ein paar Birr, Crackers und einigen Bisquits. Alle sind glücklich. Jetzt geniessen wir die Fahrt durch die Berge auf einer guten Gravelroad entlang einem reich beackerten Flusstal. Nach 11 Stunden haben wir die 170 Kilometer geschafft und erreichen das Tukul Camp in Lalibela.
Eine wahrhaftige Abkürzung. Danke Paolo!

 

Ich verlasse Dich!
Noch am selben Abend erreicht uns das Schicksalstelefon von Corinnes Mutter. Der Papa sei im Spital, es gehe ihm gar nicht gut. Die Ärzte sind ratlos und können nur hoffen, dass er sich halten; resp. irgendwie erholen kann. Nun ist es soweit. Wir haben uns schon vor der Reise versprochen: Wenn in der Familie etwas passieren würde und jemand von uns das Gefühl hat, er wolle nach Hause gehen, dann ist das keine Frage. Ob Beide gehen oder nur eine Person, müssen wir dann je nachdem entscheiden. „Oli, ich verlasse Dich. Ich werde zu Hause gebraucht. Morgen ist der Flug. Ich weiss nicht wie lange ich weg bin.“

Ab heute bin ich für ein paar Wochen auf mich alleine gestellt. Wenn man so viel zu zweit reist, ist das schon eine Umstellung. Haben sich doch Rollen verteilt. Ich muss mich zuerst zurechtfinden. Schade finde ich es für Corinne, dass sie diesen weltberühmten Ort nicht kennenlernen kann. Aber eben. So sind nur noch Yordan, ein australischer Motorradfahrer und ich hier. Wir machen ab, dass wir gemeinsam die Steinkirchen und einen Früh- Gottesdienst in der Bet Maryam besuchen. Um 05:30 bis 08:30 Uhr.

Doch zuerst noch ein paar Impulse zu Lalibela. Sie gilt als heilige Stadt, das Neu-Jerusalem und ist mit Abstand der wichtigste Wallfahrtsort der orthodoxen Christen. In einer Zeit gegen Ende des 12. Jahrhunderts wurde Lalibela vom König als sein Sitz ausgesucht. Zu dieser Zeit war der König ebenso der geistliche Führer und das Religionsoberhaupt. So liess er gewaltige Felsenkirchen erbauen. Diese wurden alle als ein Block aus dem felsigen Untergrund geschlagen. Elf Kirchen wurden auf drei verschiedenen Felsen erstellt. Die wohl berühmteste ist die St. Georges Kirche. Lalibela mit seinen sagenhaften Felsenkirchen gehört zum Unesco Weltkulturerbe und ist mit Abstand der meistbesuchte Ort des Landes. Viele Menschen pilgern aus dem ganzen Land, teilweise hunderte von Kilometer hierher. Und das speziell in der Zeit um Ostern. Ganz ehrlich: Das muss man gesehen haben!

Freitag 30. März 06:00
Eine Woche vor Ostern (In Äthiopiens Kalender ist das eine Woche nach dem unseren), sind wir Teilnehmer des wohl längsten Gottesdienstes, den ich je besucht habe. Noch ist es dunkel draussen. Nur die schwachen Strassenleuchten erhellen die Gegend. Von überall strömen Menschen in weissen Gewändern zur Bet Maryam. Tausende. Es erinnert mich an einen Hollywood Streifen, dessen Namen ich vor lauter Beobachten schlicht vergessen habe. Die Menschen singen, summen, weinen und beten vor sich hin. Sie drängen sich an die Mauern der Kirche, an die Felsen und auch jeder Türrahmen wird geküsst. Hier scheint alles heilig zu sein. Viele alte und noch viel mehr junge Menschen strömen durch die engen, in die Felsen gehauenen Zugänge ins Innere der Kirchen. Bei den jungen Menschen schimmern unter den weissen Gewändern die T-Shirts ihres Lieblings-Fussballvereins durch. Viele Gläubige haben kleine Bibeln in amharischer Schrift und vertiefen sich darin. Im Innern der Kirchen predigen die Priester in einem sehr dogmatisch wirkenden Verhalten von der Hingabe zu Gott und der Geschichte Jesu. Dabei schleppen sie grosse Kreuze mit sich rum. Es dünkt mich, in eine andere Zeit versetzt worden zu sein. Die Menschen sind in Trance, viele von ihnen scheinen echt zu leiden, sie sitzen weinend am Boden und rufen nach Jesus. Andere sind ruhig und in Gedanken versunken. Die Hingabe zu Gott scheint gewaltig. Das ist eine neue Erfahrung für mich. Das Leben ist voller Überraschungen.

Eine Woche ist vergangen seitdem Corinne weg ist. Hier regnet es täglich. Eigentlich wollte ich Ostern abwarten und dann bei der einen Kirche fotografieren gehen. Die Kirchen habe ich gesehen, bis auf St. Georges, die berühmteste. Mir schweben Bilder mit Pilgern vor. Doch irgendwie habe ich zu wenig Geduld, um nochmals eine ganze Woche hier rumzuhängen. Zumal sich Yordan auf den Weg in den Süden gemacht hat und mir mein Gefühl sagt, dass ich nun genug Religionstage hinter mir habe. Ich bin im Zweifel. „Ostern ist die heiligste Zeit für uns hier“ erklärt mir Geta, unser Camping-Betreuer in der Tukul Lodge. „Doch die Woche davor ist für den Besuch der St. Georges Kirche fast am Idealsten. Denn in dieser Woche findet jeden Tag in einer anderen Kirche eine Messe statt. So ist es gut möglich, dass am kommenden Sonntag viele Leute in der St. Georg sind. Ideal zum fotografieren.“ Danke Geta, dein Tipp hat sich als goldig herausgestellt. Und so gelingt mir ein toller Abschluss meiner Pilgerreise nach Lalibela.

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