Georgia Stories


Ika, duck Dich – er hat eine Waffe!
Er hört meinen krächzenden Schrei und kniet sich blitzschnell hinter ein Dornengestrüpp. Hundegebell. Vor uns flattern 10 georgische Flughühner in alle Richtungen. 30 Meter weiter weg wird ein langes Gewehr in unsere Richtung gehoben. Nichts passiert. Zum Glück. Hinter Büschen versteckt beobachten wir die Wilderer auf der gegenüberliegenden Seite einer kleinen Schlucht. Dann entdecken wir den Pickup 20 Meter unter uns. Mit Müh und Not erkennen wir durch das Dickicht mit unserem kleinen Feldstecher das Kennzeichen und notieren dies sofort in Ika’s Iphone. Danach schleichen Corinne und Ika den mit kleinen Blätter bewachsenen Büschen entlang um einen Blick auf die Szene beim Auto zu werfen. Oli bleibt am Ort und filmt mit der Gopro. Unten sind zwei Jäger, drei Hunde, ein Fahrzeug. „Oli, siehst du einen weiteren Jäger. Ich glaube sie machen sich fertig zum Abhauen.“ „Oh oh, gerade hat mich der dritte entdeckt. Shit. Er hat sich gleich in den Büschen beim Abstieg in die Schlucht versteckt.“ Plötzlich schreit er irgendetwas in georgischer Sprache zu seinen wartenden Kollegen. „Er meint sie seien entdeckt worden und dass wir uns oberhalb von ihnen verstecken würden. Zeit zu gehen“, klärt uns Ika auf. Ika ist ein motorradfahrender Architekt und Fotograf aus Tiflis, der wie wir auf Erkundungstour im Vashlovani Nationalpark im äussersten Südosten Georgiens ist. So schnell wie möglich (und das ist bei unserer Maschine nicht so wahnsinnig schnell) fahren wir den vom Wasser ausgewaschenen Offroadweg zum Ranger Camp zurück. Hollywood Feeling begleitet uns. Immer wieder wirft Corinne einen sorgenvollen Blick zurück um zu beobachten, ob uns die Wilderer schon im Nacken sitzen. Kaum angekommen beim wachhabenden Ranger Georgj erzählt Ika brühwarm und mit voller Elan von den Wilderern. Und jetzt geht das Rennen richtig los. Georgj kontaktiert seine Kollegen und die Border Patrol, die sich sofort mit ihren Jeeps aus verschiedenen Richtungen auf den Weg machen. Georgj seinerseits bindet sich seine Stiefel, schnappt sich seine Jacke und seinen Feldstecher und marschiert los. „Hey Chef, du hast dein Gewehr vergessen“, ruft Oli in deutscher Sprache. Der Ranger tut so als hätte er dies verstanden, ballt die Faust und schreitet zügig voran. 7 Km Strecke liegen vor ihm. Wir fühlen uns so ganz allein und plötzlich nicht mehr hundertprozentig sicher in der Station….

Wer hätte dies gedacht, dass wir in so etwas reingeraten…doch mal langsam. Sind wir doch erst vor ein paar Tagen in dieses Land westlich am Schwarzen Meer eingereist. Georgien – ein Geheimtipp von vielen Reisenden und aktuell auch von Lonely Planet wird dieses Land im 2018 zu den reisenswertesten Orten der Welt gezählt.


Unsere ersten Eindrücke von Georgien

Voller Erwartungen lassen wir unseren Pass im Nordosten der Türkei ausstempeln und bei der georgischen Zollbeamtin einstempeln. Der Habash bekommt dabei ein paar schmunzelnde Blicke der Zollbeamten: „Russia, wow, good bike!“. Wir freuen uns auf weitere Abenteuer in den sagenumwobenen Kaukasus Bergen um Mestia und die subtropischen Landschaften rund ums Schwarze Meer, bevor wir den Plan haben nach Tiflis zu reisen. Dort warten die neuen Reifen auf uns. In Georgien soll um diese Jahreszeit noch immer ein spätsommerliches Klima herrschen, auch dank dem subtropischen Klima, das sich vom Schwarzen Meer ins Landesinnere zieht. Und Oli freut sich auf das vielgepriesene Essen voller Abwechslung und Rafinesse. So die Empfehlung von einer Kollegin, die Georgien kürzlich bereist hat. Und selbstverständlich kommt alles anders als man denkt…

Batumi, das Las Vegas Georgiens an der Schwarzmeer Küste lassen wir aussen vor, denn wir wollen mehr das Landesinnere kennenlernen. Kaum in Kutaissi angekommen und den Habash abgestellt, werden wir in unserer schweizerischen Landesprache begrüsst. Von zwei gut angezogenen Herren, von denen einer eine Tasche aus Schweizer Militärdecken umhängen hat. Wir müssen uns zuerst mal sammeln und nachfragen, was sie meinen, denn wir sind das Schweizerdeutsch nicht gewohnt – jo gits denn das – Schwiizer! Es stellt sich heraus, dass der Taschenmann der Mario aus der Schweiz ist und sein Kollege ist Kasache. Sie sind als Langzeit Wahlbeobachter vor Ort und bereiten alles vor, dass die Regionalwahlen demokratisch korrekt ablaufen können. Mario freut sich ebenso wie wir, wieder einmal Landsleute zu treffen. So machen wir am nächsten Tag zum Brunch in der Stadt ab. Auch treffen wir wieder Uwe und Sabine, mit denen wir zuletzt spannende Tage in Kappadokien verbracht haben. Am Abend gehen wir dann auch gleich mit Sabine zum Abendessen. Uwe muss passen. Er hat sich so wohl so gefreut über unsere Ankunft, dass er gleich krank wurde. Und dass spürt dann gleich das ganze Land. Denn ihr Motto der Reise ist: Follow the blue sky. Und wenn dieser mal krank ist, dann folgt der grey sky. Am Ankunftsabend legt sich ein grauer Wolkenschimmer über Kutaissi. Es ist eine Frage der Zeit bis es regnet. Unser Treffen mit Mario am nächsten Tag wird sehr interessant. Sabine und der kränkelnde Uwe sind natürlich auch dabei. Wir haben uns viel zu erzählen. Begleitet wird dies von kühlem Wetter und sich ständig verdunkelndem Himmel. Bei der Verabschiedung gegen Abend wird der Wolkenhimmel ziemlich düster und das Wasser findet seinen Weg von den Wolken zum Boden. Es schüttet aus Kübeln….dem Uwe muss es wohl echt mies gehen. Und so geht es die nächsten 3 Tage. Zum Glück sind wir in einem Zimmer bei einer Familie untergekommen und campen nicht irgendwo wild auf einem Feld. Unsere Pläne nach Mestia in den Kaukasus zu fahren, begraben wir schnell, denn dort schneit es gerade. Das schlechte Wetter schlägt aufs Gemüt. Irgendwie haben wir wenig Lust bei Regen die Sehenswürdigkeiten wie Kirchen und Museen in Kutaissi zu besichtigen. Und auf die Fahrt im Regen nach Tiflis haben wir auch gerade keinen Bock. So konzentrieren uns auf das Essen.


Georgische Spezialitäten

In verschiedenen einheimischen Restaurants geniessen wir die leckeren Speisen. 3 Tage lang essen wir uns durch die georgische Küche: Chatschapuri (Brot in Form eines Kuchens mit viel geschmolzenem Käse drin), Chink’ali (gefüllte Teigtaschen), Shkhmeruli (Brathähnchen mit Knoblauch und Walnüsse), Lobiani (wie Chatschapuri mit einer Hackfleisch Füllung), Champignons Sulguni (Käse überbackene Champignons), Mzwadi (Schaschlik/Fleischspiesse) und vieles mehr. Ganz viele Gerichte sind mit Käse zubereitet und alle anderen sind auch nicht gerade leichte Kost. Doch lecker sind sie mit ihren Gewürzen, man kann fast süchtig werden. Oder sind es einfach Verzichtserscheinungen. Und dies obwohl wir in der Türkei ja ebenso gut gegessen haben. Ach, es bleibt keine Zeit darüber nachzudenken, wir haben nämlich schon wieder Hunger. Wahrscheinlich hat unser Körper ein automatisches Programm. Es wird Winter und er muss ganz viel Energie speichern. Wir konnten fast nicht mehr aufhören, unsere Speicher zu füllen. “Herr Ober, bitte nochmals solche gefüllte Champignons…ja ja, schon ok, wir wissen schon, dass es erst 09:30 Uhr morgen ist…“

Hier ein kleiner Einblick in die Speisen von einem anderen Traveller, der sich in den Restaurants Georgiens wohl ebenso gefühlt hat: http://www.tastingtravels.com/lecker-georgien/

Nach nur drei Tagen in Georgien fühlen wir uns irgendwo zwischen zu Hause und doch weltfremd. Die ganzen Häuser sind alt, grau oder total farblos. Die Wetterlage trägt dazu bei, dass wir uns in einer tristen Welt befinden. Bilderinnerungen aus Büchern und Fernsehen von der ehemaligen Sowjetunion dringen in unsere Köpfe. Viele arme und alte Leute in den Strassen und Stadtparks, rauchende, stinkende und klapprige Autos – alles grau in grau. Überall kleine Verkaufsstände, an welchen oftmals welkes Gemüse verkauft wird. Selbstverständlich wird dies dem heutigen Georgien nicht gerecht! Das schlechte Wetter, die bis aufs Essen nicht eingetroffenen Erwartungen und unsere getrübte Wahrnehmung,  lässt sich eine Enttäuschung nicht vermeiden. Wir entscheiden uns nach Tiflis weiterzuziehen. So nutzen wir das trockene Zeitfenster, doch auf dem Moto ist es saukalt. Kaum in Tiflis angekommen, fängt es wieder an zu regnen. Beim Suchen nach den Winyard Appartements (eine super Empfehlung zu einem günstigen Preis) geben uns die nicht asphaltierten Quartierstrassen einen kleinen Vorgeschmack auf die bevorstehenden Afrika Strecken: Matsch, tiefe Löcher, Wasser, Dreck. Zum Glück werden wir von Maya herzlich empfangen und haben die Möglichkeit Tiflis von einer trockenen Bleibe aus kennenzulernen.


Tiflis – Raus aber richtig!

Zwei weitere Tage Regenwetter schlagen langsam aber sicher aufs Gemüt. Da hilft auch die georgische Gastfreundschaft nicht weiter, geschweige denn der hausgemachte georgische Rotwein (sauer ohne Ende) von Mayas Mann. Erschwerend kommt hinzu, dass die Sprache und Schriftzeichen für uns ein Mysterium bleiben. Schön anzusehen, doch wir schaffen es nicht, daraus schlau zu werden. Mittlerweile benutzen wir bei jeder versuchten Kommunikation mit den Menschen vor allem das eine Wort: Didi Madloba – Vielen Dank. Dies hilft eigentlich immer, um den eher zurückhaltenden Menschen ein gewinnendes Lächeln abzuringen. Doch vielleicht geht es ihnen ja genau wie uns. Sie finden das Wetter nicht so toll und sind etwas deprimiert?

Also wir müssen raus – aber richtig. Bis jetzt haben wir nichts gesehen, ausser graue Städte, Gegensätze zwischen steinreich und arm, Matsch, extrem viel Verkehr und die frechsten und rücksichtlosesten Autofahrer der Welt. Das Land hat sicher viel mehr zu bieten. Der Norden ist uns zu kalt und an gewissen Orten sogar unpassierbar. Doch im Internet finden wir den Vashlovani Nationalpark, auch die Serengeti in Vorderasien genannt. Die trockenste Gegend des Landes. Ganz im Südosten des Landes, angrenzend an Aserbaidschan. Nur 200 Km von Tiflis entfernt und vorzugsweise mit dem 4×4 befahrbar. Oder mit der Ural.


Vashlovani Nationalpark
Ein Blick auf die Meteoblue-App schürt die Vorfreude. In diesem Gebiet zeigt sich die Sonne für die nächsten 4 Tage. Also los. Mittlerweile sind wir genauso frech wie die Georgier und schaffen uns auf der Strasse den nötigen Respekt. Hupen, überholen, Handbewegungen, fehlende Sicherheitsabstände haben wir nun auch drauf. Corinne ist mit der Navigation beschäftigt und bekommt dies vor lauter Konzentration kaum mit. Ansonsten hätte sie wohl ein Herzkrise bekommen. Beim NP-Office in Dedoplistskaro, der letzten Stadt im südöstlichen Teil Georgiens, bekommen wir das Permit und eine kleine Führung durchs Museum. Ein normales Fahrzeug (ohne 4×4) wäre aktuell nach dem Regenwetter nicht empfehlenswert, doch die Ural sei ja mit Seitenwagen Antrieb und sowieso würde die ja alles schaffen. Wenn sich die Dame nur nicht täuscht…Es folgen die 40 Kilometer Anfahrt auf ausgewaschener Schotterstrasse, die viel Geduld und Fahrkünste erfordert. Und dann geht’s Offroad durch eine ausgetrocknete Hügellandschaft, den grossen Kaukasus immer im Rücken. Spätestens hier wird der Fahrer und Maschine richtig getestet. Was von weitem harmlos aussieht ist ein zweispuriger Track mit vielen Löchern, Seitenneigungen und feuchten Stellen, wo unsere abgefahrenen Reifen nur wenig Halt finden. Dazu kommen mehrmals diese unglaublich angsteinflössenden kaukasischen Hirtenhunde, die uns verfolgen, fürchterlich anbellen und versuchen uns aufzuhalten. Doch das alles schaffen wir. Bis auf den letzten Hügel. Es hat eingedunkelt. Nur noch 6 Km zum Ranger Camp. Und dann so was. Wir schaffen es einfach nicht…4 Meter fehlen…der Hügel wird zum Hügel der Unerreichbarkeit! Im Dunkeln bauen wir unser Zelt am Fusse des Scheiterns auf, begnügen uns mit einem kalten Bier und legen uns voller Enttäuschung schlafen. Kalt und feucht wird es auch noch in der Nacht…

Am nächsten Morgen beobachten wir zwei Einheimische, die mit ihrem Lada elegant um den Hügel cruisen und mit Vollgas durch die Schlammlöchern fahren. Das trauen wir dem Habash nicht zu und so versuchen wir den Hügel des Scheiterns nochmals hochzukommen. Mit eingeschaltetem Seitenwagen Antrieb, ohne Corinne im Körbchen, motivierenden Zurufen und einigem Glück schaffen wir es hoch. Yeah!  Der Rest wird anspruchsvoll, doch gut fahrbar.

Ranger Georgj begrüsst uns. Wir finden den coolsten Campingplatz seit langem. Mit einem Blick über die ganzen Schluchtentäler. Wer weiss, mit etwas Glück sehen wir endlich die Bären, Wölfen, Hyänen oder den Legenden Leopard?

Dieser Nationalpark ergänzt die Vielfältigkeit Georgiens. Der Vashlovani wird oft mit den amerikanischen Badlands oder dem afrikanischen Namibia verglichen. Hier wechseln sich Schluchtenlandschaften mit halbwüstenartiger Savanne, in welcher sogar auch Gazellen leben. Auch viele verschiedene Raubvögel, Geier und kleinere Vogelarten haben hier ein zu Hause. Im Grenzfluss zu Aserbaidschan lebt von einer grossen Vielfalt an Fischen und Wassertieren. Durch seine abgelegene Lage ist er eher wenig besucht und lohnt sich zu entdecken.

Der scheue Georgj taut erst nach einiger Zeit auf. Wohl auch darum, weil die Kommunikation sehr schwierig ist. Oli’s Zeichenkünste im Sand und auf Papier überzeugen ihn nicht und er versteht uns nicht. Und umgekehrt. Erst als dann Ika im Camp ankommt und den Übersetzer spielt, finden wir zueinander und Georgj wird zur Plaudertasche. „Die Bären sehen wir selten. Wir haben hier 20 Bären in der Region. Doch der Eine kommt manchmal hierher und klaut uns den Honig aus den Bienenhäusern. Aber was soll ich da machen. Er liebt diesen ja genauso wie wir den Bären“ erzählt er uns voller Stolz. Und dann serviert er uns seinen Honig. Wir verstehen nun den Bären: Der Honig ist super. Und am nächsten Tag startet die eingangs erwähnte Geschichte.

Wir erleben trotzdem wunderschöne Abenteuertage in einer faszinierenden Gegend. Eines Tages kommen wir wieder, ausgerüstet mit einem 4×4 Wagen und erkunden alle weiteren Teile dieses Parks. Das versprechen wir uns und den Bären.

>>Hier gibts mehr zum Vashlovani NP