Hadzabe – Das Herz des Jägers


„Du essen Hirni.“
„Niemals!“
„Du essen Schlange (Darm).“
„Auf keinen Fall!“
„Also, du nehmen Niere!“
„Lieber nicht.“
„Was Du essen wollen?“
„Filet!“
„Hä?? Du Gast und Jäger. Du essen Herz von Pavian!“
„Das Ganze?“
„Es ist das Herz des Jägers!“
„Puh. Da komme ich wohl nicht mehr raus…her damit. Mmmh…schmeckt wie…hmm…Affe?“
Unsere Kommunikation ist nicht ganz einfach. Doch die Mimik in der Gesichtern aller die mich umringen, sprechen für sich. Scheint wohl so etwas wie eine Mutprobe zu sein.

Hat mir doch eine Freundin, die sich immer wieder um uns; resp. um mich sorgt (weil ich ihr mit meinen Abenteuern hin und wieder die Komfortgrenze verlasse), per WhatsApp eine Mitteilung gemacht: „Und bitte iss auf keinen Fall Pavian. Du weisst, diese Tiere sind der grösste Überträger von Viren. Lass es bitte einfach“. Und nun hocke in der Runde der letzten wilden Jäger und Sammler Tansanias und habe unter dem Druck der vielen erwartungsvoll blickenden Augen eine Entscheidung getroffen. Meine heutige Geschichte handelt vom Herz des Jäger. Der Besuch bei den Hadzabes – den letzten echten Buschmännern Ostafrikas.

Was, wir sind berühmt in Tansania?
Ma, Wade und Deon vom Mesarani Snake Camp haben uns gut auf die Wildnis vorbereitet. Schlangen seien überall. Wichtig sei, nicht auf die gut getarnte Angola Viper draufzutreten. Sie liegt oft unter Laub verborgen und ist unglaublich gut getarnt. Das sei lebensgefährlich. Aktuell ist hier Winter und die Sycamore und Migombani Bäume haben ihr Kleid abgeworfen. Braune, gelbe und rote Blätter. „Macht Euch keine Sorgen, die sind schneller weg als ihr laufen könnt.“ „Und wenn sie in die falsche Richtung schlängeln?“. Deon lächelt. Unser heutiges Ziel ist Mto wa Mbu. Es ist eine Kleinstadt am Lake Manyara. Auch bekannt in Swahili als der „Fluss der Moskitos“. Es ist ein Gebiet, in dem über 30 Sorten Bananen, unter anderem auch die „Red Bananas“ wachsen Hättest Du das gedacht?
Ebenso ist es der Ausgangsort für die verschiedenen berühmten Nationalparks wie den Lake Manyara, den Ngorongoro Krater oder die Serengeti. Diese nationalen Wildnisgebiete sind für uns jedoch kein Thema. Keine Chance für Pirschfahrten mit einem Motorrad. Eigentlich logisch, bei der grossen Raubtierdichte. Und das zweite noch viel klarer: viel zu teuer! Seit Magufuli in Tansania an der Macht ist, werden die Touristen so richtig ausgenommen (ein besserer Ausdruck fällt mir nicht ein). Alles was auch nur irgendwie mit Touristen zu tun hat, hat eine Preissteigerung erfahren. Besonders, wenn man mit einem ausländischen Nummernschild unterwegs ist. Das hat man echt verloren. Nicht nur in Nationalparks. Ebenso die Anbieter im Tourismussektor. Neue Steuer hier, zusätzliche Abgaben da. Zwar bekämpft der Präsident rigoros die Korruption, was man ihm hoch anrechnen muss. Doch hinter vorgehaltener Hand beklagen sich viele einheimische und ausländische Geschäftsleute, dass all diese Erhöhungen dem Land noch viel mehr schaden. Anyway. Wir suchen, weil für uns gar nicht anders möglich, die etwas weniger bekannten Orte aus, wie z.B. den Ol Doinyo Lengai (den heiligen Berg der Masai Götter), den Lake Natron mit seinen tausenden Zwergflamingos und die traditionelle Masai Kultur in diesem Gebiet.

Cruisen. Die Strasse gehört uns. Yeah. Kein anderes Fahrzeug. Der Fahrtwind bei 50 Kilometer pro Stunde kühlt nicht wirklich, die natürliche Klimaanlage gibt es erst ab 85 Km/h. Doch das erreichen wir so gut wie nie. Das Flimmern am Horizont versetzt uns in einen tranceähnlichen Zustand. Das Moto Flow. Ein schwarzer Punkt taucht auf. Scheinwerfer blinken. Und schon ist das mächtige BMW GS Motorrad an uns vorbei. Im Rückspiegel sehe ich ein rotes Licht blinken. „Oli, der will dass wir anhalten.“ „Bin schon lange auf der Bremse. Das geht nicht so schnell wie bei denen.“ „Unser Ding ist ja auch nur eine alte BMW Kopie, oder?“ „Madame, bitte keine Beleidigungen. Wir haben eine russische Ural“. Zum Glück geht’s aufwärts uns so kommen wir dann doch noch zum Anhalten. Da ist die BMW schon neben uns. Zwei freundlich dreinblickende Reisende. „Hi. You are the Slowriders, right? I heard from you. Well known in Tansania“. „Oha“. „My father Steve called me yesterday and told me from your stay at Fish Eagle Point”. „Ahhh. Nice to meet you too guys.“ Was für Zufälle!
Sie geben uns den heissen Tipp: Migombani Camp bei Mto Wa Mbu. Das schönste Camp in Afrika. Wir sollen uns überraschen lassen. Wir notieren uns die Koordinaten und die Beschreibung zur Ausfahrt, denn es gibt noch kein Schild. Das Camp ist erst seit drei Wochen offen. Wir würden staunen und nicht mehr weggehen wollen. So unerwartet die Begegnung zustande kam, so schnell ist sie vorbei. Sie müssen zurück nach Arusha. Wenden, Gas geben und schon ist die Höllenmaschine wieder im flimmernden Horizont verschwunden. Und wir haben noch nicht mal den Motor gestartet.

Migombane – Das schönste Camp Afrikas
In Mto Wa Mbu kaufen wir noch frisches Gemüse auf dem Markt und suchen die Abzweigung. Wow. Wie beschrieben. Genau gegenüber der Einfahrt des Manyara Nationalpark geht ein zweispuriger Buschpfad weg. Durch Stock und Stein. Wir trauen unseren Augen nicht. Geht hoch ist untertrieben. Damit es die Landcruiser schaffen, haben sie die Spur betoniert. Nur passen wir da leider nicht rein, weil wir ja keinen solchen Radstand haben. Knifflig. Wir müssen als Erstes Ballast loswerden sonst schaffen wir das nie. Corinne packt die Einkäufe und muss raus. Ballast…hehehe. Mit Anlauf schaffe ich die schwierigsten Passagen und die ersten zwei Kurven. Dann stirbt der Motor ab. Ganz vorsichtig lasse ich die fast 600 Kilogramm schwere Maschine ein paar Meter in eine kleine Senke rollen. Vollgas, Kupplung schleifen lassen und wieder geht’s im Schneckentempo ein paar Meter weiter. Das Gleiche weitere dreimal. Ehrlich: Ich habe nun Angst, dass die Kupplung verraucht. Doch zurück ist auch keine Option. Irgendwie schaffen es Habash und ich auf die erste Anhöhe. Corinne ist mit hochlaufen schneller. Warten. Den Motor abkühlen lassen. Es geht weiter mit Corinne im Boot. Nur die letzte Steigung muss sie nochmals raus. Bis zum letzten Höhenmeter klettern wir mit dem Habash in einer staubtrockenen Gegend. Geschafft! Und was wir erleben ist kaum in Worte zu schaffen. Ein Golfplatz? Überall Rasenfläche, ein riesiger Baobab neben dem Infinity Pool mit Sicht über die ganze Landschaft und vor allem den Lake Manyara. Hier ist alles vom Feinsten. „Herzlich Willkommen im Paradies“ ruft mir der Manager freundlich zu. Wie wahr. So ein Campingplatz haben wir in ganz Afrika echt noch nie gesehen. Kaum vom Stahlross abgestiegen und die Leute begrüsst, rennt schon ein Masai Wächter mit seinem Speer auf uns zu und ruft etwas. Seine Blick: Gefürchig. Er bleibt vor mir stehen und spricht ganz schnell. Ich verstehe kein Wort. Er zeigt ganz nervös auf das Motorrad. Langsam drehe ich mich um und sehe es auch: Die schwarze Mamba, die es sich zwei Meter neben uns unter dem rechten Zylinder bequem gemacht hat. Vor meinem geistigen Auge erscheint Deon mit seinem Lächeln: Welcome to Africa. Wir bewegen uns nicht. Keine Zuckung. Die Schlange ist nicht riesig. Wohl noch eine Teenie-Snake. Doch da liegt das eigentliche Problem. Erinnerungen an Ma‘s Worte werden wach: „Die jungen Schlangen können ihr Gift nicht regulieren. Bei einem Biss, sondern sie alles ab, was sie haben. Und dann landest Du, wenn Du ganz viel Glück hast bei uns im Schlangenspital. Wenn Pech dazukommt, auf einem staubtrockenen Friedhof als Käferfutter.“ Nach gefühlten Stunden, wohl aber nur wenigen Sekunden, macht sie sich auf den Weg und kriecht zum Glück auf die andere Seite des Motorrads und von da in den Busch neben die Grünfläche. Wir campen etwas weiter weg. Schlange hin oder her: Einmal im Leben im Swimmingpool schwerelos schweben, ein eiskaltes Tusker in der Hand und den Blick über die wundervolle Landschaft Afrikas. Hach, hier will ich nie mehr weg!

Migombani Camp: https://www.migombanicampsite.com

 

Hadzabes – Die letzten Buschmänner Tanzanias
Die kurze Begegnung mit Joel Lutiga im Migombani Camp, einem tansanischen Tourguide, ändert unsere Pläne augenblicklich. Er erzählt uns von den letzten Wilden. Den echten Buschmännern Tansanias. Den Hadzabes. Aus seinen Erzählungen verstehe ich, dass diese eine eigene Klicksprache sprechen, die es sonst gar nicht in Tansania gibt. Sofort verbinde ich dies mit unseren Buschmann Freunden aus Namibia und hake nach. Man sei sich nicht sicher, doch man vermute, dass sie Verwandte sind. Es gibt nur wenige Untersuchungen. Sofort setze ich mich mit unserem Freund Werner, dem weissen Buschmann aus Namibia in Verbindung. Wenn jemand etwas über die wilden Völker Afrikas weiss, dann er. Tatsächlich. Es gibt eine Verbindung mit den San. Er habe die Hadzabes leider noch nicht besuchen können, doch er wäre super, wenn wir für ein paar Tage dorthin gehen könnten. Diese Buschmänner leben östlich vom Lake Eyasi und teilen sich das Land mit den traditionellen Volksstämmen der Datogas und Iraqis. Diese leben jedoch von der Viehzucht. Und die Hadzabes ausschliesslich vom Jagen und Sammeln. Man könnte meinen, dies wäre ja easy Sache, denn die Hadzabes könnten ja die Rinder jagen. Doch nein, nein. Die leben seit vielen hundert Jahren zusammen und respektieren sich gegenseitig. Voller Enthusiasmus, schmieden Corinne und ich die Pläne und reisen zwei Tage später Richtung Lake Eyasi, welcher sich südöstlich des Ngorongoro Gebietes befindet. In unserer Hosentasche die Notiz von Joel: die Telefonnummer von Muza. Er kann uns helfen. Die Fahrt führt uns über eine holprige, staubige Nebenstrasse. Links und rechts typische Afrika Landschaft mit vielen Akazienbäumen, weiten Feldern und kleinen Dörfern mit ihren typischen Lehm- und Ziegelbauten. Und über die Airtel Werbung. In jedem Dorf ist ein mindestens ein Haus rot gestrichen und dem Logo des Mobilfunkanbieters verziert. Fünf Stunden und viele Staubschichten später erreichen wir das „Office“ des lebenden Museums. Dabei handelt es sich um ein kleines Rundhaus mit einem Schild und zwei Wächtern die uns zuerst mal kontrollieren wollen. Das hier ist zwar kein Nationalpark, dennoch wollen sie das Gebiet schützen, damit nicht einfach wilde Horden von Touristen auf die Hadzabe Fotojagd gehen. Es geht darum, die Menschen in ihrem ursprünglichen Leben so gut wie möglich zu belassen. Das finden wir sehr vernünftig. Wäre nun auch schön, wenn die Regierung das Land auch zur Schutzzone erklärt und nicht ausländischen Investoren das Gebiet als Chance für Farmen anbietet. Irgendwie ist hier alles ein bisschen widersprüchlich. Und wahrscheinlich ist genau dies das Problem. Umso mehr finden wir die Idee gut, dass Besuche geregelt sind. Als wir den Zettel auf den Tisch legen, scheint alles klar zu sein. Jeder kennt Musa. Nach einer halben Stunde erscheint ein junger, modern gekleideter Rastaman mit gestylter Sonnenbrille und einem mit Cannabisblätter verziertem Motorrad. Musa. Ok, einen Buschmann habe ich mir definitiv anders vorgestellt. Doch man darf sich vom Aussehen nicht täuschen lassen. Musa ist zwar vom Stamm der Datoga, jedoch mit den Hadzabes aufgewachsen. Auch spricht er deren Klicksprache. Allein das macht ihn fast einzigartig.

In diesem Wildnisgebiet von der Fläche des Kantons Zürich (ca. 1500qkm), leben heute nur noch um die 500 traditionelle Buschleute. Sie sind in ca. 15 Gruppen organisiert und leben nomadisch. Gibt das aktuelle Gebiet nichts her, ziehen sie weiter. Musa schickt einen Ranger mit dem Motorrad voraus um zu schauen, ob eine Gruppe in der Nähe ist und bereit wäre, uns zu empfangen. In der Zwischenzeit erledigen wir das Arrangement. Wir bezahlen Musa einen Tageslohn und den Hadzabes ein Entgeld pro Tag fürs Projekt. Das Geld wird von einer Community zum Schutz der Hadzabes verwaltet und vor allem für Ernährungszusatz wie Mais, Reis oder Metall für die Herstellung von Pfeilspitzen verwendet. Plötzlich singt jemand „No woman no cry“. Musas Telefon klingelt. Es geht los.

Am Anfang war das Feuer
Offroadspass pur. Sandpisten, zwei Trockenflüsse die wir nur mit ganz viel Anlauf und dem Zusatzantrieb schaffen, zwischen Wüstenpflanzen hindurch. Immer tiefer in den Busch. Wir sind da. Die Begrüssung ist herzlich. Die haben noch nie so ein Motorrad gesehen. Klar, wurde ja auch erst viele Jahrhunderte nach Ihnen erfunden, geht es mir durch den Kopf. Erstmal alles anschauen und raufsitzen. Und wir müssen gleichzeitig einen kleinen Kulturschock verarbeiten. Es ist ganz anders als wir uns vorgestellt haben. Die Buschmann Kultur der San im südlichen Afrika ist total anders. Die „Verwandten“ der San sind nicht kleine, schmächtige, gewitzte und charmante Künstler der Spurensuche. Hier treffen wir auf kräftige, teilweise grosse und oft rau wirkende Menschen, die jagen um zu überleben. Dies bedeutet, ausschliesslich das Ergebnis zählt. Auch gibt es nur wenige Frauen in ihrem „Dorf“, welches aus ein paar Strohhütten und vor allem einem schattenspendenden Baobab Baum besteht. Alle tragen irgendein westliches Bekleidungsstück. Und jeder Männer Körper ist mit einem Pavianfell geschmückt. Die Frauen sind mit verblassten Tüchern und sehr dezentem Kopfschmuck gekleidet. Die Bögen und Pfeile sind selbstverständlich „handmade“, die Messer jedoch ziemlich modern. Jeder hat mal etwas von einem Touristen bekommen. Vom Rambo Imitat bis zu den schwedischen Mora Messer ist alles vertreten. Ja, der Fortschritt macht auch hier nicht halt. Schwierig für uns zu beurteilen ist es, dass die Kinder so aufwachsen, jedoch nicht in die Schule gehen. Konsequenterweise sollten sie das ja auch nicht, denn ihre Schule ist die Buschschule, doch genau diese Frage spaltet anscheinend auch die Regierung. Eigenes Land ja, doch die Kinder sollten zur Schule. Knifflig. Musa hat viel zu tun, denn Oli will schon zu Beginn ganz viel wissen. Und die Hadzabes sind am Austausch ebenso interessiert.

„Ihr müsst jetzt euer Zelt beim Baobab aufbauen, morgen früh geht’s auf die Jagd“, meint Musa. Wir bekommen ebenso zwei Wächter. Hier streunen immer Hyänen rum. Doch die Wächter schlafen wohl, denn eine davon schnüffelt sich dem Zelt entlang. Sofort ist Oli wach. Das ist schon ein spezielles Gefühl. Der undefinierbare Geruch, die kratzenden Geräusche der Nase dieses Raubtiers am Zeltstoff. Ein paar Millimeter Kunststoff trennen uns vom Jäger der Nacht. Doch nach ein paar Sekunden ist das vorbei und sie hauen wohl ab. Wir wissen das nicht genau, denn wir sind nicht erpicht, das Zelt zu verlassen und nachzuschauen.

05:00 Es geht los. Wir hören die vielen Stimmen der Jäger, sind sofort auf und bereit. Kamera, Batterien und eine Flasche Wasser. Es kann losgehen. Wir treffen uns beim Dorf Baobab. 5 Jäger und bestimmt 12 Hunde. Das ist auch so etwas Spezielles. Seit ihnen vor vielen, vielen Jahren mal einen Hund zugelaufen war, haben sie ihn nicht verspeist, sondern gemerkt wie hilfreich die bei der Jagd sind. Mit den Datogas haben sie um Hunde gehandelt und so hat es sich eingebürgert, Jagdhunde zu halten. „Wow, was riecht denn hier so stark nach wheat?“ fragt Oli den Musa. „Ach das ist normal. Sie geben ihr Geld auch für Marihuana aus. Die rauchen den ganzen Tag das Zeugs. Wie Bob Marley“ lacht er.
Kiffende Buschmänner.
Seit Stunden folgen wir den Spuren eines Buschbocks. In der Hocke, robbend oder im Slalom durch den dornigen Dickbusch. Es ist anstrengend. Die Spur verliert sich. Doch plötzlich hallt ein Geschrei von Pavianen durch die Wildnis. Und weg sind sie. Die Jäger. Wer denkt, kiffen macht langsam, der täuscht sich gewaltig. Von einer Sekunde auf die andere stehen Corinne, Musa und ich alleine im afrikanischen Busch. Musa weiss nicht so recht weiter. Oli übernimmt das Kommando und wir folgen den Spuren und anderen Hinweisen wie abgeknickten Ästchen. Zwischendurch ein Orientierungsschrei der erwiedert wird. So lotsen uns die Buschmänner. Nach 30 Minuten sind wir wieder bei der Gruppe. Voller Stolz präsentieren sie uns die erlegten Tiere: Zwei erwachsene Paviane und ein Kleines. Wird auch gegessen, so Musa trocken. Doch erstmal das Jagdritual…richtig…Kiffen. Nach sieben Stunden sind wir wieder zurück im Camp. Die letzten zwei Stunden in der glühenden Hitze durch den Busch waren ziemlich schweisstreibend und anstrengend. Und die Hadzabes in ihrer Fellkleidung? Es scheint, als wären sie kein bisschen müde. Beim Anblick der Beute läuft dem Rest der Gruppe das Wasser im Mund zusammen. Sofort geht’s ans Eingemachte. Den Pavianen wird das Fell abgezogen und in der Sonne aufgespannt, die Innereien mit ein paar gezielten Schnitten rausgeholt, der Darm ausgepresst, das Herz aufgespiesst, der kleine Paviane wird gleich als Ganzes ins Feuer geworfen. Ebenso werden Fleischstreifen zum Trocknen geschnitten und aufgehängt (Biltong). Der Snack mit den Innereien wird verteilt. Jede/r will etwas. Und wir mittendrin. Und so komme ich zur Ehre und verspeise voller Genuss das Herz des Jägers.

Spannende Beobachtung: Als der kleine Paviane richtig durchgebraten ist, kommt eines der Kinder angelaufen. Wohl 2-3 Jahre alt. Der Papa schneidet dem Pavian den Schwanz ab und gibt ihm dem Kleinen. Ich habe noch selten so leuchtende Augen gesehen. Als wäre es ein Glacé oder eine Süssigkeit. Der Vogeljäger brät seine Taube und als er sie voller Sehnsucht verzehren will, kommt ein anderes Kind angerannt. Teilen. Es sieht aus, als würde es den Vogeljäger ärgern, hat er sich doch so gefreut. Schmatzend sitzen die wilden Männer ums Feuer und verzehren die Pavian Innereien. Es scheinen Delikatessen zu sein. Und der Darm. Für den Chef zuerst. Sein Lieblingssnack wie er mir danach erklärt. Geschmackssache.
Ehrlich: Ich fühle mich in meine Kindheit versetzt. Und zwar zu dem Zeitpunkt als meine Eltern mir es verboten haben, den Film „Am Anfang war das Feuer“ zu schauen (und ich es natürlich dennoch heimlich getan habe). Die Steinzeit lässt grüssen!

Pfeile, Hunde, Cannabis
In den drei Tagen haben wir die Möglichkeit, noch mehr von den Hadzabes zu erfahren.
Besonders die Pfeilherstellung nimmt viel Zeit in Anspruch. Jeder ist für seine eigene Jagdausrüstung verantwortlich. Und so besteht ein Grossteil der Zeit neben der Jagd im Pfeile herstellen, Bogen bauen, Messer schleifen und Cannabis rauchen. Die Frauen kümmern sich um das Abendessen, indem sie wenn immer möglich, aus der Jagdbeute ein Gulasch herstellen. Dazu gibt es Ugali – Maispappé. Diese bekommen sie von der Regierung als Zusatznahrung. Die Hunde bekommen ebenfalls Ugali mit Fleischresten. Bei den Hunden ist es der täglich der grosse Kampf um die besten Stücke. Da geht’s schon ziemlich wild zu. Einer benimmt sich so daneben, dass es an die Kette kommt und zur Strafe am nächsten Tag nicht zur Jagd darf. Der Hund. „Dies ist die grösste Strafe für den Hund. Denn er fühlt sich so ausgegrenzt. Danach wird er sich doppelt anstrengen, um wieder zur Gruppe zu gehören“, erklärt mir einer der Jäger. Was uns zu Beginn eher weniger aufgefallen ist, wird in den persönlichen Gesprächen offensichtlich.

Die Gruppe lebt zwar gemeinsam und es steht jedem Mitglied frei, die Gruppe zu verlassen und sich anderswo anzuschliessen. Doch im Gegensatz zu den San sind sie anders organisiert. Der Gruppenälteste ist gleichzeitig die respektierte weise Person mit der letzten Entscheidung. Doch jede Gruppe hat auch einen Leader, der in erster Linie ein ausgezeichneter Jäger ist und die besten Jagdgebiete kennt. Er ist Jagdführer, Lehrer, Vermittler und Freund von allen. Wenn es um grosse Entscheidungen wie Weiterziehen, Schlichtung von Streit oder Heirat / Vermehrung (wichtiges Thema / grosse Gefahr von Inzest) geht, spricht er sich immer mit dem Ältesten ab. „Meine Stellung und der Respekt ist vor allem auch davon abhängig, dass wir alle genug zum Essen haben. Auch regle ich die Dinge mit den Rangern und unserer Community ausserhalb. Ich stehe der Gruppe vor, beschütze sie und führe sie in der Wildnis. Die Menschen hier wollen vor allem eins: Leben als Buschleute. Ich sehe es als meine Verantwortung, das möglich zu machen. Wir sind alle gleich und entscheiden zusammen. Und dennoch kümmere mich darum, dass dies auch so möglich ist.“ Die Sonne geht langsam hinter dem grossen Baobab unter und zaubert ein goldener Schimmer auf die Strohdächer der Hadzabes.
Und mein Magen verdaut noch immer das Pavianherz.

Vielen Dank für die eindrückliche Begegnung, meine lieben Steinzeit Freunde!