Kenia umarmt Dich!


Highlife am Fahrnern Zähne, Solothurnischer Jura, Schweiz. „Corinne, links oberhalb von dir. Ein genialer Griff. Zieh dich hoch. Du schaffst das“ motiviert Nizi ihre Kletterfreundin. Konzentration. Griff. Schön ziehen und mit den Beinen hochdrücken. Geschafft. „Puh, das fehlende Training merke ich also schon. Ach, auch hier ist es schön“, sinniert die Abenteurerin. Schweiz, Klettern – falscher Film?
Nein, nein, Corinne ist noch immer in der Schweiz und schaut zu ihrem erkrankten Vater. Es ist ebenso die Gelegenheit, die Freunde zu treffen, Sport zu machen und die Ferien von der Reise zu geniessen. „In einer Woche fliege ich dann wieder nach Afrika, direkt nach Nairobi. Mitten rein in die Regenzeit. Wird sicher spassig.“ Nizi weiss nicht genau, ob das so toll ist. In der Schweiz sagen sie einen wunderbaren Sommer voraus.
„Und was macht eigentlich Oli?“
„ Ach dem geht’s bestimmt gut. Er wird heute die Grenze in Moyale überqueren und dann am Rand der Chalbi Wüste nach Nairobi cruisen“.
„Und das ist kein gefährlicher Ort?“
„Nein, nein. Seit die Strasse in den Süden asphaltiert ist, haben die Überfälle und auch die Unfälle wegen der schlechten Strasse aufgehört. Easy. Der geniesst das sicher.“ Komm, wir trinken das verdiente Sportbier und futtern ein paar Chips dazu. Dolce vita.

Moyale (Äthiopische Seite), 22. April 2018, 08:30
„Jetzt habe ich doch schon zweimal in der Schlange angestanden. Ich brauche ja nur einen Stempel zum Ausreisen. Bitte. Ja, ich weiss, das Carnet muss ich dann auch noch ausstempeln.“ Oh Mann, dieser Typ macht mich wahnsinnig. Dann schickt er mich an einen anderen Schalter und der mich wieder zurück und dann soll ich wieder hinten anstehen. Und jetzt will er, dass ich zuerst das Carnet stemple und dann wieder hinten anstehe. Und ich glaube, er macht das nicht einmal zum Spass…er denkt, dass er mir damit helfe.
Natürlich will der Zollchef keinen Stempel reinmachen, da es ja nicht nötig sei. Wenn ich aus dem Land bin ist ja alles gut. Da kommt mein Bünzli Schweizertum durch und ich gehe nicht raus ohne Stempel. Irgendwann ist es ihm auch zu blöd und er macht einfach einen Datumsstempel rein und gut ist. Ach komm, lass gut sein, beruhige ich mich selber. Ab zum Habash, 50 Meter über die Grenze nach Kenia und die Immigration ist super schnell. Hoppla, ein anderes Land. Jetzt nur noch zum Zoll, das Fahrzeug einstempeln und ab durch die Mitte; resp. durch die Moyale Wüste. Denkste.
Seit zwei Wochen haben die Regularien gewechselt. Neu braucht man zum Carnet ein „Temporary Import Sheet“. Meinetwegen. Kann ja nicht so eine grosse Sache sein, die eine Seite umfassende Bewilligung zu schreiben. Denkste.
„Ich brauche ihre Telefonnummer. Danke. Oh halt, das ist ja gar keine kenianische Nummer. Nein, nein, das geht nicht. Ich brauche die Mobile Nummer in Kenia. Das steht hier auf dem Formular.“ erklärt der Zollbeamte freundlich.
„Ähm, ich habe ja noch gar keine Mobile Nummer von Kenia. Ich bin ja erst seit ein paar Minuten hier im Land. Kann ich Ihnen eine Nummer von meinem Camp in Nairobi geben?“
„Nein, das geht nicht. Ihre Nummer brauche ich.“ Das wiederholt er sicher dreimal sehr bestimmt. Hoppla, da ist einer mit dem falschen Bein aufgestanden.
„Lieber Herr Zollbeamter. Wie soll das denn gehen? Ich bin ja noch nicht offiziell im Land und woher soll ich eine Nummer haben“. Dieser Typ scheint echt begriffsstutzig zu sein.
Es führt dazu, dass er einen Zollbeamten bestimmt, der mit mir Moyale abklappert. Auf der Suche nach einer SIM Karte. Das Problem: Kein Strom hier. Keine Data Mobil Netz. Keine Registrierung möglich. Keine Nummer. Ganz einfach.
In meiner Verzweiflung mache ich auf Kollege mit einem Kioskbesitzer und frage ihn nach seiner Nummer. Ich wäre gerne sein WhatsApp Freund. Er freut sich und gibt mir bereitwillig seine Telefonnummer. Zurück im Zollbüro gebe ich einfach diese Nummer an. Doch anscheinend ist der Beamte nicht so doof, wie er sich benimmt. „Hältst Du mich für blöd? Denkst Du, ich weiss nicht, dass es aktuell keine Verbindung gibt? Wessen Nummer ist das?“ blafft er mich an. Die beiden Sterne auf der Schulter machen etwas Eindruck und so krebse ich zurück und erkläre ihm, dass ich ja eigentlich nur einreisen möchte. Und ich so etwas noch nie erlebt habe. Fehler. „Sie wollen also sagen, ich respektiere sie nicht? Sie meinen ich möchte sie nicht reinlassen? Ist das denn so schwierig zu verstehen, dass ich eine Nummer brauche?“ Ja, das ist es.

Geschlagene 3 Stunden später schlendert ein weiterer Grenzbeamter ins Büro. Drei Sterne.
„Was macht dieser Typ denn noch da?“ fragt er den anderen. Gemeint bin wohl ich. Ein kleines Wortgefecht zwischen den Star-Beamten. „Das ist doch egal. Wenn die Nummer vom Camp in Nairobi drin ist, geht das in Ordnung. Lass ihn gehen.“ Geht doch.


Gefühl der Freiheit – naja für ein paar Minuten wenigstens.

Ein Blick in den Himmel und die Laune wird nicht besser. Es ist der Start des Nachmittags und dicke schwarze Wolken ziehen sich zusammen. Mein Ziel ist es noch immer nach Marsabit zu kommen. Dennoch: Ich bin ein Glückspilz. Ein paar Jahre früher und es würde ein echtes Road-Abenteuer auf mich warten. Ich kann nicht mehr zählen, wie viele Warnungen und gleichzeitig spannende Geschichten ich betreffend meiner bevorstehenden Strecke vor unserer Reise gehört habe. Tagelange Holperpisten, Sand, Feinstaub und Banditen. Das hat sich alles total relativiert, denn die Strecke wurde nach vielen Jahren endlich bis Moyale asphaltiert. Seit die Chinesen Afrika bevölkern, geht es mindestens in Sachen Infrastruktur vorwärts. Aktuell macht es mir nichts aus, dass ich keine Horrorgeschichten von dieser Strecke erzählen kann. Ich bin eigentlich schon froh, wenn alles einigermassen gut geht. Die ersten 80 Kilometer sind ein Genuss. Nicht zu heiss, ruhige Fahrt, Habash schnurrt wie eine Miezekatze, die Wolken am Himmel vollführen eindrückliche Tänze. Flow. Yeahh!
Und dann zieht Habash voll nach links. Er hoppelt. Schlägt aus. Kommt wie ein wildes Pferd plötzlich zum Stehen und wirft mich fast ab. Vor meinem geistigen Auge sehe ich eine Arena, ich auf einem Wildpferd – Rodeo. Und als wäre dies nicht genug, setzt auch noch ein Platzregen ein. Ich; resp. mein metallenes Pferd hat sich etwas eingefangen, die Luft ist raus. Toll. Zum Glück sind dann gleich Einheimische um mich herum, zeigen mit dem Finger auf das Motorrad, lachen, klatschen und versuchen mir dann auch noch eine Frau anzudrehen. Echt. Kann hier draussen passieren. Mit den Zuschauern unter Zugzwang packe ich meine Werkzeuge aus und versuche diesen verflixten Reifen zu wechseln. Doch es geht einfach nicht. Verzweiflung. Wut. Noch immer Regen. Bis ich dann nach fast einer Stunden merke, dass das Ersatzrad einen Plastikring zum Schutz drauf hat und es sich empfiehlt, diesen zu entfernen, ansonsten ist eine Montage unmöglich. Blöd auch.
Endlich alles wieder fix. Viele Hände geschüttelt. Etwas Bakschisch für‘s Rumstehen bezahlt. Heiratsantrag definitiv abgelehnt. Woher sollte ich denn auch 5 Kühe für diese Schönheit herzaubern?


Karibu in Kenya

Wenige dutzende Kilometer weiter in Turbi – Armee, Schranke, Fahrzeuge, Kontrolle.
„Wie soll ich denn überhaupt bis nach Marsabit kommen?“ meine Frage an den zivil gekleideten Geheimdienstmitarbeiter (so hat er sich ausgewiesen):
„Mein lieber Reisender. Sie gehen heute NICHT nach Marsabit. Sie verbringen die Nacht hier“, sagt er bestimmt mit einem Lächeln auf den Stockzähnen. „Gefängis?“ frage ich trocken. Seine Kameraden brechen in schallendes Gelächter aus. „Wenn sie möchten…ansonsten würden wir sie zu uns in die Kaserne einladen. Wir freuen uns, dass sie hier sind. Wir lieben die Reisenden. Gerne lade ich sie zum Essen ein, sie bekommen eine Hütte, Bett, Dusche. Welcome in Kenya. Major John kümmert sich um alles.“ „Was jetzt? Echt wahr?“ „Ja.“

Es wird ein herzlicher Empfang bei den Polizisten. Natürlich bekommt jeder sein Selfie mit mir auf dem Motorrad. Sie sind echt interessiert. So erzähle ich meine erlebten Geschichten und sie ihre. Das hier in der Chalbi Wüste noch heute die Karawanen mit ihren hunderten Kamelen rumziehen, das die verschiedenen Bevölkerungsgruppen der Gabbra, Barana, Buiji oder Samburu um Wasser, Tiere und Land streiten. Die einen kommen aus der Gegend und erzählen Geschichten von Löwen und Hyänen, andere erzählen von ihrer Heimat im Süden und dass dort die Löwen viel grösser sind. Wieder andere geben mir viele Tipps für die Reise mit. Es fühlt sich an wie ein inniges Umarmen. Ich bin echt baff. Karibu in Kenya.


Grüne Wüste

Aktuell werde ich Zeuge eines Weltwunders. Der Regen in den letzten Wochen hat ausgereicht, die trockenste Region Kenias in eine grüne Welt zu verwandeln. Ich kann mir staubige Pisten und heisse Temperaturen nicht vorstellen. JA, ich sehe nicht mal ein einziges Sandkorn. Das Gras steht überall Kniehoch. Wasser von unten und oben. So richtig speziell macht es, wenn ich durch meine angelaufene Motorradbrille hunderte von Kamelen (Dromedare) entlang der Strasse ziehen sehe. So grotesk dies erscheint, so wichtig ist es für die Menschen hier. So können die Dämme gefüllt werden, bevor dann in zwei Monaten alles wieder auszutrocknen beginnt. Bei Archer’s Post im Samburu Land, steht das Wasser bis wenige Zentimeter unter der Fahrbahn. Nur unter sehr vorsichtiger Fahrweise darf man passieren. Im Nachhinein erfahre ich, dass die Krokodile überall am Rand verteilt sind und dass sie bis in das Dorf gekommen sind. Vorweg: Der Regen in den nächsten Wochen verwandeln halb Kenya in eine Katastrophenlandschaft. Viele der Flüsse treten über, zerstören Dörfer und fordern Menschenleben. Viele wasser- und tierreiche Gebiete können wir so nicht besuchen.

Noch drei Tage bis der Chef wieder zurück ist, und ich sie am Flughafen abholen darf. Ich freue mich drauf. Da ich noch immer keine SIM Karte gefunden habe, frage ich mich, wie es ihr so geht?
Sonne und Regen wechseln sich immer wieder ab. Vor mir: Das zweithöchste Bergmassiv Afrikas. Der Mount Kenya. Gelegen am östlichen Rand des Rift Valleys ist er mit seinen 5199m eine gewaltige Erscheinung Doch er steht in den Wolken. Schade. Vor dreizehn Jahren waren wir schon mal hier. Ganz da oben. Und der Augangsort Nanyuki war zu diesem Zeitpunkt ein kleines Städtchen in der Pampa. Und heute – eine grosse Stadt, voller Werbeplakate, grossen Häusern, breiten Strassen und einem regen Treiben. Meine nostalgischen Gedanken verlassen mich wieder nachdem ich durch die Stadt bin. Die Landschaft mit den Wäldern in diesem Gebiet lässt mich in die Gegenwart zurückkehren. Die Strecke von Moyale nach Nairobi wird trotz Regen zu einem Erlebnis.


Nairobi – Willkommen im absoluten Verkehrschaos

Geschlagene drei Stunden für 3 Kilometer. Das ist sogar für Habash ein neuer Rekord. Einmal falsch abgebogen und dann erwischt es dich. Davor haben mich schon meine neuen Freunde in Turbi gewarnt. Sie hatten Recht. Pünktlich zu meiner Einfahrt in die Stadt, verschwindet der Regen und ich sehe seit langem wieder Mal die afrikanische Sonne. Und wie. In der Motorradkleidung sind es gefühlte 40 Grad, dazu kommen die Abgase…ein echter Hexenkessel. Dass mich dann auch noch ein Matadu rammt und den Kotflügel des Habash verbiegt, passt bestens. Ein flüchtiges Sorry muss reichen. Herzlichen Willlkommen im grössten Verkehrchaos der Welt!
Endlich in Karen bei Chris. Die Jungle Junction ist DER Treffpunkt für Afrika Abenteurer. Hier kann man sich austauschen, bekommt Informationen, kann sein Fahrzeug wieder in Schuss bringen. Seit Jahrzehnten ist es die Adresse. Nur noch einmal schlafen.


Welcome back, Charmbolzen!

Kommt sie auch wirklich zurück? Ich meine, so wie sie am Telefon erzählt hat, gefällt es ihr in der Schweiz. Zweieinhalb Stunden Warten. Seit sicher 20 Minuten kommt niemand mehr durch die Türe. Doch der Flieger kommt hier an, versichern mir die Flughafen Mitarbeiter.
Fast schon gebe ich auf, da geht die Türe ein letztes Mal auf und sie ist da. Strahlen, vollgebackt mit Reifen und Taschen schleppt sie sich in die Ankunftszone. „Die wollten, dass ich das Material verzolle. Motorradteile, Kameras, Schweizer Schokolade. Doch irgendwie habe ich es geschafft. Zum Glück haben sie die eine Tasche nicht mehr angeschaut. Aber mit meinem Charme…ach schön wieder hier zu sein!“ Wie wahr.
Zehn weitere Tage bleiben wir in Nairobi bei Chris, lernen weitere Schweizer kennen, machen Moto Service selber, futtern die mitgebrachten Cervelats und die Schokolade, begrüssen unsere Freunde aus Südafrika „The Nitty Grittys“, schmieden gemeinsam Pläne: Diani Beach. Die Zeit vergeht wie im Flug. Der tägliche heftige Regen stört uns eigentlich nicht, ausser dass er uns am Weiterreisen hindert.
So bewegen wir uns in dieser riesigen Stadt. Sie ist sehr modern oder besser gesagt, voller Gegensätzen. Die Preise in den Einkaufszentren schocken uns dennoch. Kenia ist unglaublich teuer. Wie zu Hause. Doch wir wählen die Alternativen: Bretterbuden mit gutem lokalem Food, verschiedene lokale Märkte, sehr gute kleine Metzgereien und kleine Bars. Insbesondere um die Jungle Junction gibt es einiges zu entdecken. Das ist unsere Welt.


Na dann, zähl mal schön die Lastwagen bis Mombasa

Für Motorradfahrer (auch nicht für Seitenwagenfahrer) gibt es keine Gnade. Die schönen Strecken durch die Nationalparks sind fast alle unmöglich. Der Tsavo ist für uns keine Option. Chris hat uns schon gewarnt, dass die Strecke von Nairobi nach Mombasa NICHT zu den schönsten, jedoch erlebnisreichen Strecken gehört. Hunderte Kilometer schwerer Transitverkehr. „Ihr könnt tausende Lastwagen betrachten und Euch die schönsten aussuchen“ hat er lachend gemeint. Durch das gewaltige Hochwasser auf dem Land, gibt keine andere Option. Da müssen wir durch. Spätestens am zweiten Tag als es in Mombasa Hunde und Katzen regnet und wir immer wieder durch Kniehohe Pfützen müssen, sind wir einfach dankbar, dass es am ersten Tag nicht geregnet hat. Die Fahrt durch die Stadt ist eine echte Herausforderung. Immer wieder versagt Habash, weil wohl Wasser in den Luftfilter kommt. Die überholenden Autos schenken uns keine Beachtung, sondern fahren voll durch die Pfützen. Egal. Wir sind eh schon nass.

Zum Glück haben wir bei AirBnB ein kleines Appartement in Diani Beach in Strandnähe gefunden. 18 Dollar am Tag. Eigene Küche, Schlafzimmer, Ventilator. Perfekt!