Kings of the Hills – Simien Mountains


Inspiration ist ein spezielles Wort. In unserer aktuellen Zeit trifft man überall darauf. Alle möglichen Angebote für Selbstentwicklung, Reisen oder Businessideen stellen dieses Wort in den Vordergrund. Es scheint, als wäre die Menschheit in einem Trott, dazu lust- oder orientierungslos. Inspiration ist der Schlüssel zu neuem Antrieb. Das letzte stimmt auf jeden Fall. Nicht umsonst heisst ein Teil meiner Firma Abenteuerleben – Inspiration. Auf Reisen neue Impulse erhalten. Aber darum geht es hier nicht. Sondern um das geschenkte Mondo Buch meines Grossvaters: „Äthiopien“. Seit vielen Jahren nehme ich (Oli) es immer wieder hervor, blättere in den dicken Seiten und bestaune die eingeklebten, verblichenen Fotos (Ja, das Buch ist wirklich alt…). Der Geruch der halbvergilbten Seiten und die Lagerung im buntverzierten Bauernschrank haben einen speziellen Geschmack hinterlassen. Den Geschmack der Freiheit oder Inspiration? Wie auch immer, jedes Mal beim Durchsehen läuft in meinem Kopf ein Kinofilm ab, bei dem ich als Abenteurerheld durch die gewaltigen Berglandschaften streife, der Wind weht durch meine lockigen Haare (was für ein schöner Traum) und ich erlebe die grossen Gruppen der berühmten Dschelada Pavianen ganz nah. Sie lassen sich von mir nicht stören, sie ziehen neben mir durch die Gräser der Simien Mountains. Die Sonne fällt langsam vom Himmel und versetzt die Welt um mich in ein leuchtendes Orange. Was für ein Romantik-Schunken. Doch das Buch hinterlässt Wirkung. Mittlerweile manifestiert sich dies immer wieder mal in meinen Träumen. Plötzlich tauchen diese Bilder auf und mir wird bewusst: Simien Mountains – dort muss ich hin. Einmal im Leben dort sein. Inspiration ist wahrlich ein Treiber. Und jetzt ist es soweit. Wir sind da. In Debark. Die Simien Mountains liegen vor uns. Ein Traum geht in Erfüllung.

 

Lass den Kleinen reden
Die Fahrt von Gondar führt uns über eine gute Strasse hoch ins fast 3000m hohe Debark. Dieser Ort ist der Ausgangspunkt für unsere Tour in die Simien Mountains. Wie überall bisher, staunen wir über die unglaublich vielen Menschen, die wir antreffen. Seitdem die Simien Mountains ein Unesco Weltkulturerbe ist, ist die Regierung bemüht, alle Menschen aus dem Parkgebiet zur vertreiben (UNESCO lässt keine integrierten Lösungen zu – oder es gibt signifikant weniger Geld). So landen dann alle Menschen hier, versuchen sich irgendwie durchzuschlagen. Nach Besichtigung der lokalen Hotels, merken wir, dass Preis/Leistung für uns nicht stimmt. Auf Empfehlung eines Einheimischen kommen wir bei Andrea Morello in der Walia Lodge unter. Ein Glück. Es ist der richtige Ort um sich auf das nächste Abenteuer vorzubereiten. Wir erhalten wertvolle Infos um die Tour zu organisieren. Danke Andrea!
https://web.facebook.com/walya.lodge

„Alle raus!“ brüllt die Parkangestellte. Nun stehen wir alleine mit einem Guide im Raum. „Ihr wollt die Dscheladas sehen? Simien erleben?“ fragt er uns in einem guten, stark slanggefärbten Englisch. „Ich bin euer Guide. Habe lange in Chicago gelebt. Bin seit 10 Jahren wieder hier. Ich würde zwar nicht sagen, dass ich der Beste bin, doch schon richtig gut. Habe berühmte Leute geführt. Seid ihr etwa berühmt? Nein. Kein Problem. 50 Dollar pro Tag. Sonst geht gar nichts!“, bekommen wir grosskotzig zu hören.  „Der einzige der geht, bist Du. Und zwar raus. Sorry Corinne, auf solche Gespräche habe ich keine Lust. Was bildet der sich ein. Zuerst lässt er alle rauswerfen, macht auf cool und will uns abzocken. Ein Guide kostet 400-500 Birr, sprich 12-15 CHF am Tag.“ ärgert sich Oli.
Doch Mister Wunderbar macht keinen Wank, er streift sich die Insektensonnenbrille über und versinkt in seinem Iphone. Ach, das hat er auch aus Amerika, das können sich die Leute hier nicht leisten, erklärt er uns auch noch. Als ob das uns interessieren würde…
„Könntet ihr bitte wieder den Kleinen reinlassen? Wir möchten uns mit ihm weiter besprechen.“ fragt Corinne die Parkangestellte. „Lasst Taiatschu rein.“
Das ist unser Guide. Mit grosser Leidenschaft erklärt uns der offizielle Guide Anwärter am Modell die Tour, organsiert die Papiere, den obligatorischen Scout (Aufpasser mit Gewehr) und ein Maulesel mit Mauleseltreiber. Bei ihm haben wir ein gutes Gefühl. DEAL!
Aus unserer Sicht macht es Sinn mit einem Guide unterwegs zu sein. Das ist hier nicht obligatorisch, doch alleine mit dem Scout ist es schwierig. Denn diese sind zwar auch aus den Bergen, sprechen jedoch kein Englisch, nur Amharik. Und so bekommt man dann gar nicht viel mit. Wir haben doppeltes Glück denn wir bezahlen einen fairen Preis (Guide 450 Birr/12 CHF/Tag, Scout 120 Birr/3.50 CHF /Tag, Maulesel 120 Birr/3.50 CHF/Tag, Maulesel Pilot 120 Birr/3.50 CHF/Tag). Dazu kommen die Eintritte und das Zelten. Alles in allem um die 40 CHF pro Tag. Denn ab unserem dritten Tag unterwegs hat die Regierung die Preise für die Scouts und Maulesel inkl. Piloten um das 300-fache erhöht. „Jetzt müsst ihr nur noch etwas Essen einkaufen, eure Rucksäcke packen und morgen ziehen wir los. Punkt 8:30 starten wir.“ bekommen wir von Taiatschu die letzten Anweisungen.

 

Nix handeln – Blechen!
An alle, die selber organisiert in den Simien Mountains trekken wollen: Kauft den Grundstock eures Futters in Gondar ein. In Debark bekommt man nur noch etwas wenige Sachen wie Tomaten, Ziebeln, Brot, ev. eine Frucht und Wasser. Nix mit den im Lonely Planet erwähnten Snickers. Da haben wir uns zu früh auf die energiespendenden und zuckerhaltigen Schokosnacks gefreut.
Auf dem Markt und kleinen Läden kaufen wir das noch benötigte Futter (für uns, nicht für die Dscheladas) ein. Natürlich wird versucht, die Farangis bei jedem Kauf über den Tisch zu ziehen. Preise 3-4 fach so hoch wie für Locals werden uns angeboten. Doch nicht mit uns, denken wir. Das Handeln haben wir im mittleren Osten zur Genüge erfahren. Immer mit einem Lächeln auf den Lippen, feilschten wir da bis wir uns bei einem Preis einigten, bei welchem schlussendlich beide gewonnen oder je nach Ansicht auf etwas verzichtet haben. Danach gab man sich sogar die Hand und wünschte sich alles Gute. Inshallah.
Hier? Denkste! Viele Menschen spielen schnell einmal beleidigte Leberwurst. „Nix handeln, blechen, Farangi – oder geh woanders hin!“ so tönt oftmals von schnippischen Verkäufern. Nicht so nett. Jedoch treffen wir doch noch verhandlungsfreundliche Äthiopier und können um die Preise feilschen.

 

Pssst – Sie kommen!
„Ich glaube sie sind heute nicht da. Kein Mucks zu hören.“ „Doch. Doch. Warten wir noch etwas.“ Mahnt uns Taiachu. Mittlerweile sind wir seit drei Stunden auf dem Bergrücken oberhalb des Geech Camps. Heute Morgen sind wir auf den zwei Stunden entfernten 3926 Meter hohen Aussichtspunkt „Imet Gogo“ gewandert. Was für eine Aussicht!
Ok, Oli hat es eventuell weniger geniessen können. Er hatte nicht seinen besten Tag. Maulend ist er immer ein paar Meter hinter uns hergetrottet. „Aber jetzt muss ich Fotos machen“  hat er dann immer wieder gejapst. Und so hat er dann auch geschickt die Pausen getarnt;-)
Auch wenn es mit den hunderten Dscheladas nicht klappen wird, wir haben diese wunderbaren Tiere jetzt schon viele Male aus nächster Nähe beobachten können, den äthiopischen Wolf haben wir gesehen (sieht aber eher wie ein Fuchs aus…), viele Geier und auch kleine Tiere wie Mäuse oder „Heugümper“. Bis jetzt sind wir richtig happy.

Ein lautes Gähnen reisst Corinne aus ihren Gedanken. „Hey, sie kommen.“ Oli lehnt sich über eine Felskante und winkt und heftig zu. Leise schleichen wir durchs Gras zu den Felskanten und kauern uns dahinter. Die Dämmerung hat eingesetzt. Die Sonne lässt die Gräser der Landschaft unter uns in einem leuchtenden Orange erscheinen. Wie aus Oli’s Traum. Aus allen Richtungen kommen die Dschelada Affen zusammen. Erst als eine grosse Gruppe von hunderten Tiere zusammengefunden haben, machen sie sich auf den Weg zum Berg. Auf uns zu. Sofort installieren wir unsere Kameras und nehmen unsere Beobachtungsplätze ein. Sie sind unterwegs. Es ist ein unglaubliches Gefühl, diese Tiere aus solcher Nähe zu beobachten. Knapp einen Meter laufen sie neben uns durch, halten mal an, zupfen die letzten Gräser aus dem Boden, gucken Corinne mit grossen Augen an und gehen dann weiter. Hunderte. Wow.

Oli folgt ihnen mit der GoPro Kamera. Sie lassen sich nicht aus der Ruhe bringen. Bei der Felswand angekommen, holen sie Anlauf und springen drüber. Verrückte Typen. Jede/jeder findet in den Felsen dann ein Plätzchen, in welchem sie dann übernachten. Dies ist ihre Chance, um sich vor ihrem grössten Feind, dem Leopard zu verstecken. Einfach eine grandiose Erfahrung!

 

Wo bin ich? Warum ist es hier so kalt? Was ist passiert?
Chenek Camp. Tag 4. Oli kommt völlig aus dem Häuschen und mit einer schräg aufgesetzten Stirnlampe beim Zelt an. Besser gesagt, er fällt vor dem Zelt hin, krabbelt zu seinem Eingang und versucht völlig entnervt den Reisverschluss aufzubringen. Natürlich helfe ich ihm. Er redet nicht, atmet laut und total unregelmässig. Wimmert vor sich hin. Und will ins Zelt kotzen…Blitzschnell bin ich auf, hole einen Plastiksack, machen das Zelt auf und er erbricht gefühlte Stunden. Sein Gesicht ist total weiss, Schweissperlen überall. Nachdem wir die Magenentleerung ohne grösseren Schaden hinter uns gebracht haben, lege ich ihn hin. Doch irgendwie scheint er ungeheuerliche Schmerzen zu haben. Er krümmt sich und ich weiss nicht was ich tun soll. Er vermag kaum etwas zu sagen. Das Voltaren 800’er Schmerzmittel beruhigt ihn dann etwas. Er erzählt mir, dass er auf dem Weg von der Toilette zurück zweimal hingefallen und wohl länger liegengeblieben sei. Alles habe sich gedreht, jedoch könne er sich nicht so recht erinnern. Ja, er war ca. 25 Min. weg, auf Toilette. Dann meint er, er hätte so grosse Schmerzen in der Brust, könne kaum atmen. Einschlafen sei gefährlich. Wahrscheinlich bekomme er dann plötzlich keine Luft mehr im Schlaf. Das macht Angst. Keine Ahnung wie ich ihm da helfen könnte. Alle rund um uns schlafen. Der Guide, Scout oder Maulesel Pilot könnte uns eh nicht helfen. Wie sollte ich dies denn auch erklären. Um drei Uhr schläft Oli dann endlich ein. Und ich auch.

Wie sich 5 Wochen später herausstellen soll, war dies der Beginn eine Typhus Erkrankung, welche wir nach der Tour mit etwas Antibiotika (leider zu wenig – nur 4 Tage) für die nächsten Wochen unterdrücken konnten…

Der Morgen bricht an, im Zelt wird es unglaublich heiss und stickig. Total gerädert sehe ich mich mit verklebten Augen um und stelle fest, dass ich plötzlich unglaublich viel Platz für ich habe. Corinne? Oh, sie ist wohl hoch auf den Gipfel den 4430m hohen Bwahit losgezogen. Ich krieche aus dem Zelt. Was riecht hier so, frage ich mich gleichzeitig. Der Kopf schmerzt als würde mir gleich die Schädeldecke wegfliegen. Koordinationsschwierigkeiten. Es ist kühl, aber ich schwitze als hätte ich gerade den ersten Preis der finnischen Saunameisterschaft gewonnen. Ok. Kamillentee zum Frühstück. Dabei besuchen mich meine neuen Freunde. Die Dscheladas sitzen um mich rum und frühstücken mit. Grashalme. Bestimmt genauso gut wie der Kamillentee, denke ich mir dabei.

Zwei Stunden später ist Corinne schon wieder zurück und erzählt voller Stolz von ihren Begegnungen mit den äthiopischen Steinböcken und den Affen. Und dass sie schnell oben gewesen seien. Yep – glaube ich aufs Wort. Mein Zustand verbessert sich ein bisschen und ich kann den Tag für ein paar weitere Bilder nutzen. Irgendwie bin ich jedoch schon froh, dass wir morgen abgeholt werden und mit einem 4×4 runterfahren können. Laufen wäre wohl etwas viel in dem Zustand. Aber so geniessen wir die Zeit, gehen am Abend nochmals auf eine kleine Erkundungstour und freuen uns einen Traum realisiert zu haben.

 

Und was jetzt?
Die zwei Tage Erholung bei Andrea sind Gold wert. Oli schläft viel, bekommt viel Tee, Schiro mit viel Knoblauch und die fantastischen Lammtips à la Andrea zur Stärkung. Dazu Zwiebelschnaps. Uns geht es richtig gut.

Und: Das Mondo Buch hat noch viele weitere interessante Seiten parat: Die Klettermönche von Debre Damos, die Kultstätte Lalibela und das Rift Valley im Süden des Landes. Perfekt!

Und welches ist deine Inspirationsquelle?