Mysthische Derwische & Riesenfische


Eine und eine halbe Stunde fahren wir nun schon mit der Fähre der Küste entlang. Und bekommen den Mund voll lauter Staunen gar nicht mehr zu. Immer noch türmen sich Hochhäuser und werfen Schatten auf weitere Teile Istanbuls. Ganz fasziniert unterhalten wir uns mit Einheimischen über die Grösse. Fast ein Viertel aller Türken leben in und um diese riesige Stadt. Sie sind stolz darauf. Man merkt dies. Einer von ihnen nimmt die Fähre um dann von der Yalova Seite her zu seiner Wohnung zu gelangen. Dies sei viel entspannter als durch die Stadt zu fahren. Und er spart noch fast eine halbe Stunde Zeit. Verrückt. Das sind Dimensionen, die wir noch gar nicht wirklich erfassen können. Doch wir sind einfach happy: Wir sind wieder unterwegs. Ziel: Kein konkretes Ziel. Mal an den Lake Isnik. Dort soll es schön sein.


Die GPS Tücken

Unser GPS Gerät zeigt 2 Stunden Fahrt von Yalova an. Geringe Distanz oder wenig Zeit. Mutig wie wir sind, wählen wir geringe Distanz. Ein Fehler. Wir quälen den Habash über steile Hügel und unbefestigte Strassen, durch kleine Dörfer und geerntete Äcker. „Unmöglich. Corinne, das ist echt nicht möglich. Bestimmt hast Du den falschen Ort eingegeben. Hier führt kein Weg mehr hoch. Und zurück geht nicht mehr.“ Wir stehen mit laufendem Motor unter einem Durchgang der neuen, sechsspurigen Autobahn. Links und rechts neben uns läuft das Wasser auf dem trockenen Boden und schliesst sich vor uns zu einem kleinen See zusammen. „Doch, doch, ich habe das Ziel richtig eigegeben.“ kontert Corinne. Nach minutenlangem Suchen sehen wir einen ausgewaschenen und scheinbar unpassierbaren Weg. Mitten durch die Olivenbaum Plantage. Steigung ca. 24%. „Scheisse…lahme Ente…russischer Säufer…huara Schiisdreck“ Alle möglichen Schimpfwörter braucht Oli als Pilot, nachdem er schon zum dritten Mal nicht geschafft hat um auch nur bis zur Mitte der Strecke zu kommen. Die 40PS reichen nicht aus. Der Motor läuft richtig heiss und das darauf getröpfelte Wasser verdampft sofort. Nebelschwaden umgeben Habash. Corinne ist hochgelaufen um die Beiden anzufeuern. Doch es reicht einfach nicht. Und die hergefahrene Strecke kommen wir noch viel weniger hoch. Hmmm…. So holpern wir neben dem Autobahnzaun auf dem geernteten Feld entlang und suchen weitere Möglichkeiten. Da! Ein Bauer. Oli rennt los um den heimwärts trottenden Bauer zu erreichen und versucht dem verdutzt blickenden Mann unsere auswegslose Situation zu erklären. Es sieht so aus, als verstünde er Oli. Beruhigend legt er den Arm auf seine Schulter und zeigt in die Ferne. „Ich glaube er hat mich nicht verstanden. So wie ich das interpretiere, meint er wir sollen alles über die Felder fahren. Irgendwo gibt es dann schon einen Ausweg.“

So ruckeln wir ein paar Meter weiter und siehe da. Das gleiche Bild wie vor zwanzig Minuten. Doch der Weg ist weniger ausgewaschen. Nun legt Herr Pilot den Seitenwagenantrieb wieder ein, holt Anlauf. Brüllend und schreiend erklimmen sie Meter um Meter. Die Hälfte…erreicht…nur noch 5 Meter…oh nein… Vorsichtig rollt Oli den ganzen Abhang wieder runter, flucht wieder und ist doch etwas optimistisch. Das Gepäck wird abgeladen. Nächster Versuch: Roooaarrr…der russische Bär rennt hoch und …geschafft! Yeah. Wir sind Helden! Die darauffolgenden 60 Kilometer sind easy und reine Entspannung. So wie die drei Tage auf dem Muhit Camp. Wir erholen uns von der Istanbul Hektik und der schweisstreibenden Fahrt hierher. Wir erholen uns so gut, dass wir am letzten Tag sogar freiwillig um 04:30 aufstehen, unseren Rucksack mit Kaffee und Frühstuck umschnallen und auf den über dem Camp ragenden Berg wandern um einen fantastischen Tagesanfang zu erleben. Bei Kaffee und Keksen besprechen wir das GPS Malheur. Unser Fazit: Es spielt keine Rolle, ob wir geringe Distanz oder wenig Zeit einstellen, dieses Ding hat ein Eigenleben und macht was es will. Wir nennen es von nun an: Goofy. Und: wir müssen einfach cool bleiben und an den täglichen Aufgaben wachsen. Klingt schön, oder? Ob wir dann im Kongo bei Regenzeit und ähnlichen Herausforderungen auch so darüber schmunzeln können, werden wir sehen. Goofy und die zwei Doofy auf Abenteuerreise…

 

Von Druiden und Zauberwelten
Eskisehir liegt hinter uns. Auch die Nacht auf dem „Grillcamp“ in Seyitgazi. Wir wollen die „vergessene“ Zauberwelt des phrygischen Tals entdecken. In den Reiseführern ist dies nur eine Zeile wert, doch wir haben herausgefunden, dass es ein sehr dünn besiedeltes Hochplateau auf dem Weg nach Afyon ist. Die Fahrt verläuft durch märchenhafte Wälder, entlang von Alpenwiesen, links von uns sind kleine Seenlandschaften. Es scheint auch so, dass sich Habash für sein gestriges Verhalten entschuldigen möchte, denn er erklimmt hunderte von Höhenmetern auf unbefestigten Strassen als wäre er dafür gebaut worden. Das einzige wirklich gefährliche sind die mächtigen Hirtenhunde, die uns immer wieder verfolgen, fürchterlich bellen und einer von ihnen hat tatsächlich versucht Oli auf dem Moto zu attackieren. Unser Problem ist, dass wir nicht einfach davonfahren können. Den Berg hoch auf unbefestigten Strassen erreichen wir höchstens 30 km/h. Das reicht nicht mal, um einem Dackel davon zu fahren…letztendlich geht alles gut und wir werden mit einigen Stunden in einer abgeschiedenen Welt belohnt. Ein paar Tage später erfahren wir von Aschar, einem Guide in Kappadokien, dass wir in einem sehr mystischen Tal unterwegs waren. Hier hätten in ganz früheren Zeit eine Gruppe von Druiden und Kelten gelebt. Dies wäre sehr speziell, da dies eigentlich nicht keltisches Gebiet gewesen sei. Die Stein- und Felsformationen gelten als heilige Stätten. Noch heute sei ein spezieller Naturzauber zu spüren. Dies können wir bestätigen. Die Gegend um Döger ist ein echter Geheimtipp.

Überhaupt ist die Vergangenheit in diesen Gegenden allgegenwärtig. Entweder die Druiden, die Römer, die Osmanen oder eben die Geburtsstätte des Sufismus in Konya. Nach wildem Campieren auf Kartoffelackern (es gibt hier keine Camps mehr), erreichen wir Konya.


Konya – wo die Konservativen ganz liberal sind
Informiert man sich über diese Stadt, die inmitten der Kornkammer der Türkei liegt, fallen immer wieder die Worte: Konservativ, Sufismus, Moschee, Pilger, Modern, Lebendig, durchschnittliches Fussballteam. Ganz schlüssig werden wir nicht, doch neugierig. Im Hotel Bella finden wir Zimmer für 100 türkische Lira die Nacht. Geht in Ordnung. Inmitten von der lebendigen Altstadt. Inmitten aller Pilger und nur wenige Meter von der berühmten Moschee und dem Mevlana Museum entfernt. Hier erleben wir die authentische Türkei, wie wir sie uns vorgestellt haben (Istanbul ist natürlich auch authentisch, doch eben sehr touristisch). Hier herrscht ebenfalls hektisches Treiben und Handeln in allen Gassen, überall Kuaför-Läden und Barbiere, überwiegend Frauen mit Kopftuch und Kebab-Läden an jeder Ecke. Die Muezzins der Stadt heulen Dich in den Schlaf und wecken Dich auch wenige Stunden später wieder mit ihrem Singsang, der an heulende Schakale erinnert. Und dennoch fühlen wir uns wohl inmitten dem Trubel. Irgendwie ist es nicht die gleiche Art von Hektik oder wir haben einfach selber nicht so viele Erwartungen und Ziele zum Anschauen. Wir lassen das Leben auf uns einwirken. Die Menschen sind extrem freundlich und offen, obwohl sie selber sagen, dass es halt das konservative Zentrum der Türkei ist. Sie sprechen gerne über Gott und die Welt, ohne auch nur in irgendeiner Form missionarisch oder belehrend zu wirken. Völlige Entspannung. Für uns gibt es einen Grund, warum wir hier sind: Whirling Dervishes. Immer wieder haben wir im Vorfeld unserer Reise Bilder von diesen Männern gesehen, die sich in Röcken gekleidet im Kreis drehen und tanzen. Und dann heissen sie noch Derwische. Klingt doch irgendwie unheimlich… In Konya wird man überall damit konfrontiert. Die Kaffee- und Teehäuser heissen so, auch die Kebab Läden und Hotels. Wir werden aufgeklärt: Derwische sind so etwas wie die Gelehrten der Philosophie des Sufismus im Islam. Diese vertreten den Glauben, dass ein (Zusammen)Leben auf dieser Welt nur mit Liebe erreicht wird. Kurz erklärt, ist dies eine der liberalen Auffassungen des Islams. In der Vergangenheit wurde dies von vielen strenggläubigen Moslems als kein richtiger Islam abgetan, denn es ist das Gegenteil eines streng konservativen bis extremistisch orientierten Islams. Rumi, der bedeutendste persische Philosoph des Mittelalters und Gründer des Ordens der tanzenden Derwische, ist der populärste Vertreter. Rumi fungierte als Brücke zwischen der westlichen Ethik und einem islamischen Verständnis von Moral. Dichter und Denker des Islams haben Rumis Poesie immer wieder aufgegriffen, um religiöse Differenzen zu beleuchten oder um mit Hilfe seiner Verse Zugang zu Fragestellungen der Moderne zu bekommen. Rumis Botschaft ist synonym für die spirituelle Vereinigung mit dem Geliebten, mit Gott, geworden. Und die Derwische des Mevlani Ordens sind diese Brücke zu Gott. Sie tanzen sich in Ekstase und sind dort dem Himmel nah. Mehr dazu: http://www.eslam.de/begriffe/t/tanzende_derwische.htm

Wir hatten das Glück einer solchen Aufführung beizuwohnen. Und dabei können wir unsere Eindrücke gar nicht in Worte fassen. Es ist, als wären mit ihnen in der Trance dabei gewesen. Eindrücklich. Zauberhaft.

Schon vier Tage sind wir hier und es zieht uns weiter. Doch vorher besuchen wir das `Tonscherben` Museum (Corinnes Wunsch), schlendern durch den modernen Teil der Stadt, und dieser ist ein echter Kontrast zu unserem Viertel. Überall moderne Shops, stylische Bars, vielen Frauen ohne Kopftuch. Diese Stadt vereint wirklich Alle und Alles. Irgendwie sind wir ganz verwirrt, haben wir doch geglaubt, hier sei alles konservativ und streng religiös. Der Sufismus scheint tatsächlich einen liberalen Ansatz zu haben. Sympathisch.  „Oli, hier ist der Outdoorladen. Wow. Die haben ja alles Mögliche, freut sich Corinne sichtlich. Vor unserer Abfahrt sind wir noch auf der Suche nach einer neuen Schlafmatte. Corinnes teure Thermarest Matte, welche wir uns zu Hause geleistet haben, ist schon defekt. Das Ventil. Kaum im Laden, werden wir gefragt, ob wir Schusswaffen oder Campingmaterial suchen. „Hmm. Was für Schusswaffen?“ fragt Oli ungläubig. „Alle Modelle der Welt. Aber nur Schrott für die Entenjagd“. Aha, deshalb haben wir nie Enten in der Türkei gesehen… Die beiden Besitzer entpuppen sich als überaus herzliche und spassige Typen. Sie hätten uns nur auf den Arm nehmen wollen, wir würden als Ausländer keine Waffen bekommen. Ausser Angelruten. „Angelruten – echt?“ Olis Augen leuchten. Er, der schon seit Jahren gerne mal einen echten Fisch fangen möchte. Er, der bisher noch nie Glück hatte. Puh, keine Chance ihm das auszureden, denkt sich Corinne. Zwei Stunden und zwei Chai Tee später wird unser Reisegepäck erweitert. Ich habe meine Schlafmatte inkl. neuem Kopfkissen und er seine Jagd-Angelrute mit allen möglichen Ködern. Das wird ja ein Spass. Hoffentlich denkt er nicht, wir würden nun beim Essen Geld einsparen und nur noch Fische futtern. Der fängt bestimmt auch damit keinen Fisch. Eventuell wäre eine Schrotflinte doch erfolgsversprechender gewesen…

Nun müssen wir aber losdüsen…auf nach Kappadokien!