Octopussy und die Piraten von Batavia


Diani Beach. Tag 9. Regen. Was sonst? Wir Regenmacher sind unterwegs.
Langsam aber sicher glaube ich an den Running Gag, den sich unsere Freunde zu Hause mittlerweile gerne erzählen. „Die Beiden könnten ein Vermögen verdienen. Die sollten besser in Wüstengegenden reisen resp. arbeiten – Versprechen auf Regen machen. Mit dem Geld könnten sie ihr ganzes Leben lang reisen.“ Hahaha, wahnsinnig lustig. Nur noch rumreisen klingt toll. Das Doofe daran wäre nur, dass wir immer im Regen unterwegs sein würden. Und so spassig ist dies dann ja auch nicht, wie wir gerade live erfahren.

Trotz des sehr launischen Wetters geht es uns hier gut. Die Decke des kleinen Appartements fällt uns nicht auf den Kopf. In den letzten Tagen gab es durchaus trockene Abschnitte. Dann haben wir sofort unsere Badesachen gepackt und sind die 500m von unserem Appartement an den weltberühmten Strand geflüchtet. Kilometerlanger, weiss schimmernder Sandstrand. Türkisblaues Wasser. Palmen. Und wir haben den Strand für uns alleine. Fast. Die ebenso weltberüchtigten Beachboys sind auch da. Arbeitslos. Gelangweilt. Da stürzen wir uns doch auf die beiden Bleichgesichter, denken sie sich wohl. Muzungus wie sie uns in ihrer Sprache Kishuaheli nennen. Nach neun Tagen akzeptieren sie, dass wir keine Masaai Sandalen, maschinell hergestellte Holzelefanten, Halsschmuck, Freaky Sonnenbrillen oder wunderschöne Strandtücher „made in China“ kaufen möchten. Oder dass wir darauf verzichten, fünfundzwanzig Minuten lang auf einem gelangweilten Dromedar den Strand rauf und runter reiten zu wollen. Und dennoch   haben wir mit einigen eine kleine Kameradschaft aufgebaut. Sie kommen nur noch und reden ein bisschen mit uns. Alles total relaxt. Wir geniessen das Meer, lieben es, uns gegen die Wellen zu werfen oder mit ihnen (den Wellen, nicht den Beachboys) im Wettbewerb zum Strand zu schwimmen.

Eigentlich hätten wir gerne unser Zelt auch noch am wilden Strandbereich in Tiwi Beach aufgeschlagen, wo unsere Schweizer  Reisefreunde Werni, Silvana und ihr Sohn Michi gerade das kenianische Leben geniessen. Doch bei ihnen ist das Wetter auch nicht besser. Und irgendwie macht es uns nicht an, das Appartement fürs Zelt zu tauschen. So treffen wir uns auf eine Pizza in Diani und tauschen uns über Erlebtes und weitere Pläne aus. Sie sind schon eine ganze Weile hier. Anscheinend ist der grosse Regen erst mit uns an die Küste gekommen. Verflixt, wir müssen nun echt über die Bücher betreffend unserer beruflichen Zukunft…

 

Besuch der Nitty Gritties
Unsere Motorradfreunde „The Nitty Gritties“ ziehen von Malindi weiter südwärts und verbringen ein paar Tage mit uns in Diani. Wir organisieren das Appartement nebenan. Von Ronny, dem Vermieter, bekommen wir die Erlaubnis unsere gemeinsamen Frühstücke und Abende auf dem Dach des Gebäudes mit tollem Blick auf die herumliegenden baufälligen Häuser, Gärten und ohne Meeressicht zu zelebrieren. Echt, das ist keine verrückte Aussicht, doch in den Appartements ist zu wenig Platz. Wir freuen uns einfach wenn es nicht regnet und wir die gemeinsame Zeit geniessen können.
Es ist soweit. Sie sind da. Den Motorgeräuschen an, stimmt was nicht. Ein Motorrad und der rote Suzuki Jeep. „Hey Nitties, wo sind die anderen Motorräder – es waren mal drei? Und wo ist Tom, der verrückte Australier?“. Lächeln.
Istene: “Trents Motorrad ist im Sudan definitiv kaputt gegangen, die Reparatur ging schief, die Ersatzteile müssen zuerst mal von irgendwo her organisiert und in den Sudan gebracht werden. Das kann Wochen dauern. Und bei Tom ist es echt blöd gelaufen…zuerst ist er an Typhus erkrankt und hat es bis in die Bale Mountains verschleppt, dann ist sein Motorrad in den Bergen kaputt gegangen und beim Rausschleppen des Motos hat er seinen Pass verloren. Wir haben zwei Tage die ganze Gegend abgesucht. Nix gefunden. Er sitzt nun die nächsten paar Wochen in Addis Abeba fest, bis er einen neuen Pass aus Australien bekommt. Ach ja, das Motorrad ist auch noch irgendwo kaputt in einem kleinen Bergdorf im Oromia Gebiet. Hoffen wir, dass er für das Moto Teile bekommt und es dann auch wieder findet. Und es vor allem noch dort ist. Ach, so eine Abenteuerreise fordert halt seinen Tribut.“
„Na dann, herzlich willkommen im Paradies!“

Mit den Nittiy Gritties kommt auch mehr Sonne. Ach was, es kommt viel zu viel Sonne. Voller Enthusiasmus hängen wir die ersten zwei Tage am Strand ab. Schutzfaktor 30 ist definitiv viel zu wenig. Dreimal eingestrichen und trotzdem sieht Oli wie ein Krebs aus. So schlimm, dass er am Abend nicht mal mehr raus kann. Er erbricht ständig, hat Krämpfe und Duschen ist der wahre Horror für ihn. Aber unbedingt musste er stundenlang mit Michael in die Wellen schwimmen. Doch der hat keinen einzigen roten Fleck. Also wir (ohne Oli) geniessen einen coolen Abend in der berühmten Forthy Thiefs Bar und der Bidi Badu Bar.
Life is good!

 

Kiloweise Octopussy
Dem Krebs geht’s langsam wieder besser. Auch kann er wieder duschen ohne die ganze Zeit zu ächzen und zu jammern. „Los, Oli pack deine Badehose und deine GoPro ein, wir gehen Octopussy jagen.“ Trent steht in der Tür und muss beim Anblick von Oli lächeln. „Armer Krebs. Aber hey, nach rot kommt dann braun. Alles wird gut. Doch vielleicht solltest du heute besser mit deinem T-Shirt schnorcheln.“ „So schlimm? Wo ich doch langsam in shape komme?“ „Wen willst du denn mit deinem krebsroten Body beeindrucken. Die gut trainierten, braun schimmernden Beachboys? Doch eigentlich meinte ich wegen deiner Körperfarbe. Los geht’s, Buddy“. Gestern haben wir mit den lokalen Fischern einen Ausflug ausgehandelt. Wir wollen heute unser Nachtessen selber fangen. Octopus soll es sein. Mit zwei Holzbooten geht’s raus ins Meer. Hinter den Hai-Riffen stoppen wir bei einer Sandbank und watscheln erstmals auf einem längst abgestorbenen Riff umher. Dabei zeigen uns die Fischer die Fangtechnik. Und tatsächlich, es klappt. Eine Stunde später haben wir zwei Octopus mit ihrer Hilfe gefangen. Geteilt durch 6 Leute – reicht nicht. Wir verbringen weitere zwei Stunden mit Schnorcheln und versuchen nun die Tintenfische zu finden. Unter Mithilfe schaffen wir dies ebenfalls. Mit vier gefangenen Octopus geht’s zurück an den Strand. Jetzt heisst es die Tiere mit voller Kraft in den Sand schleudern (sie sind schon tot) und sie so weich zu klopfen. Ansonsten kann man sie nicht essen. Mit den soften Octopus gehen wir in ein kleines lokales Restaurant und verhandeln mit dem Chef. Ein Octopussy (in ihrem Englisch kommt immer und zu allem ein y am Schluss) und drei Bestellungen für Reis und Chai Maziwa, wenn er uns zeigt wie man den Tintenfisch am besten zubereitet. Deal. Und so geniessen wir unseren Fang als Dinner. En Guata!

 

Am Rande: Jeden Tag gehen wir zu den kleinen Mini Markets oder zu den Strassenhändlern. Heute verhandelt Corinne so lange um kleines Geld, bis die Bananen ihre Farbe von gelb zu braun wechseln. Am Schluss sparen wir fünf Rappen. Doch am selben Abend lassen wir uns vom Bidi Badu mit einem Piki-Piki (Taximotorrad) zum Appartement fahren. Es ist Nacht, das Handy hat längst den letzten Tropfen Säure aus der Batterie gesaugt und den Geist aufgegeben. Nix mit Taschenlampe. Im schwachen Schein der Motorradlichts kramt Madame eine Note aus ihrer dicken Geldbörse, welche jedoch nicht mit Geld, sondern mit hundert anderen Dingen vollgestopft ist. Mann hat da kein Verständnis. „Der Rest ist für Dich. Danke fürs Heimbringen“. Spätestens als der Mopedfahrer absteigt, die Mama umarmt und dem Papa einen enthusiastischen Handshake anbietet, spätestens da denke ich, dass Mama wohl ihr ganzes Markterspartes vom Tag und noch viel mehr wieder ausgegeben hat. Klar. sie hat ihm eine falsche Note gegeben. Zehnmal mehr als der Preis. Tagesbilanz: Vier Verkäufer sind unzufrieden und ein Mopedfahrer reitet nun mit seinem Piki Piki auf den Wolken. Irgendwie nicht ganz fair, oder?

 

 

Shimoni – sind das die echten Piraten von Batavia?
„Hey Corinne. Hör mal. Bei den Piraten von Batavia hat es gebrannt. Die ganzen Kindheitserinnerungen futsch.“ „Ich dachte du wärst in der Schweiz aufgewachsen. Also wie ein Beachboy siehst du ja auch nicht gerade aus. Viel zu wenig Körperspannung“, witzelt sie. Herrlich. Wie ich diese Witze über meinen aus Stahl geformten Body lustig finde…obwohl ich ein ernstes Thema zur Sprache bringe. Wir haben online die Meldung gelesen, dass es im Europapark gebrannt hat. Warum ist das überhaupt wichtig?

Es ist bekannt, dass es einem an Plätzen sehr gut gefällt, an denen man glaubt, man wäre schon mal da gewesen. Erinnerungsblitze oder Deja-vu‘s, eine Mischung aus Erfahrungen und Wunschbildern, die dem Erinnerungsvermögen etwas vormachen. Wohl sucht man etwas? Und dann bricht der Wunsch aus, mehr zu entdecken. In eine andere Welt tief einzutauchen.

Wir sind in Shimoni, einem kleinen Fischerdorf ganz im Süden Kenias. Bei der Hinfahrt hat es, wie könnte es anders sein, wieder geregnet. Über schlammverschmierte Pisten erreichen wir das unscheinbare Dorf. Die zahlreichen, alten Holztafeln an der einzigen kleinen Kreuzung lassen erahnen, dass hier einiges zu entdecken sein könnte: Slave caves, National Marine Aqua Park, Diving Area, Firefly Ocean Camp. Genau. Firefly. Dort wollen wir hin.

In der iOverlander App haben wir Empfehlungen von dem kleinen Paradies gelesen. Wir finden Einlass, auch wenn sie offiziell noch geschlossen haben. Harm, der Besitzer ist vor Ort und bietet uns einen Platz fürs Zelt wo immer wir wollen. Dieser Ort ist vor allem bei Tauchern sehr bekannt, da man von hier aus im Marine Nationalpark tauchen und auch die  Korallenriffe mit ihren bunten Bewohnern mit Schnorcheln erleben kann. Das Firefly ist ein professionelle Tauchschule und gleichzeitig der Hauptsitz für ein Projekt zur Erhaltung der Korallenriffe rund um Wasini Island. Wir quartieren uns dort für zwei Wochen ein. Oli wird die Bloggeschichten auf Vordermann bringen und ich wasche, lese und putze in der Zeit das Motorrad. Und da wir beide keine Taucher sind, suchen wir nach anderen Erlebnissen. Was uns wieder zu Oli’s Kindheitserinnerungen führt.

Dieses am Tag unscheinbare Fischerdorf verwandelt sich in der Nacht zu einem Erlebnis. Oli glaubt, die Piraten von Batavia in echt zu erleben. Überall kleine, beleuchtete Marktstände aus einfach gezimmerten Holzbalken, an jeder Ecke werden frisch gefangene Fische gebraten, die Einheimischen sind unterwegs, lachen, diskutieren und begrüssen uns herzlich beim Vorbeigehen. Nur das Gejohle nach dem vielen Wein fehlt. Immer wieder hört man das Singen des Muezzins aus der kleinen, alten Moschee. Es ist Ramadan. 90 Prozent sind hier Moslems und sie halten sich an die Regel, kein Alkohol zu trinken. Doch es tut dem Ganzen keinen Abbruch, im Gegenteil, es macht es noch viel sympathischer. Jeden Abend streunen wir rum. Und am Tag kaufen wir unsere Vorräte immer ganz frisch ein. Doch als Erstes geht’s immer zu den Mamas beim Cafe Bravo zum Frühstück. Chapati und Chai Maziwa. Erst danach zu den zahlreichen Marktständen für Octopus, Fisch, Gemüse, Früchte. Und so erlebt Oli jeden Abend seine Kindheitserinnerungen: Die Piraten von Shimoni.

Die Tage vergehen wie im Flug. Der Regen kommt und geht. Ebenso der Strom und das Internet. Letzteres zwingt Oli auch immer wieder dazu, Pausen zu machen und sich im Meer mal abzukühlen. Hier bildet nicht der Sand den Strand, sondern abgestorbene Korallen. Im Firefly kann man durchaus ins Meer gehen und ein paar Meter draussen sieht man schon wunderschöne Korallen und leuchtende Fische. Dieser Ort ist wirklich etwas für Liebhaber, kein einfacher Badestrand. Harm empfiehlt uns auch in den Marinepark zu gehen und ebenso Wasini Island zu besuchen. Natürlich bietet er dies dann auch gerade an. Doch leider findet sein Angebot nicht in unserem Budget Platz. Mittlerweile kennen uns die Leute im Dorf und so bietet uns Balou an, zu einer bestehenden Tourgruppe dazu zu stossen. Wir verbringen einen wunderbaren Tag auf einer Dhauw und im Wasser. Während wir schnorcheln, schwimmen Delfine um uns herum, grosse Schildkröten kommen zu Besuch, tausende bunte Fische erleben wir bei den Korallen und am Schluss haben wir wieder einen menschlichen Krebs an Bord. Braun wird wieder Rot. Doch dieses Mal halb so schlimm.
Den Tag lassen wir bei einem leckeren Essen mit gegrillten und noch vor ein paar Stunden bestaunten Meeresbewohnern in Balous kleinem Restaurant auf Wasini Island, ausklingen.

Natürlich dürfen kleine Reparaturarbeiten in der Zeit hier auch nicht fehlen. Habash, unser russisches Motorrad beschwert sich über Langeweile, indem er uns dies mit zwei platten Reifen zeigt. Es sieht so aus, dass zwei Dornen durchgestochen haben und uns so vor eine kleine Herausforderung stellen. Vor lauter Relaxen fällt uns die Reparatur schwer und wir machen die Schläuche noch mehr kaputt. Völlig verzweifelt betteln wir die Frau bei der kleinen Werkstatt für die Piki Piki’s in Shimoni an, sie solle uns bitte von irgendwoher Schläuche finden, sonst können wir nicht weiter. Sie telefoniert und telefoniert, winkt mit dem Zeigefinger hin und her um uns mitzuteilen, dass es keinen gibt. Puh. Doch sie gibt nicht auf. Eine Stunde später jubelt sie lautstark, macht ein Victory Zeichen und strahlt übers ganze Gesicht. Eine Garage in Nairobi sendet die Double-Heavy-Duty-Schläuche. Morgen sollen sie ankommen. Keine Ahnung wie das gehen soll, doch es klappt. Auch die Montage. Ohne weitere Löcher zu machen. Es läuft guuuut…

Von hier wegzugehen, fällt uns zwar etwas schwer, doch die Jungs vom Firefly haben uns empfohlen, bei Steve vorbeizuschauen. Fish Eagle Point in Tanzania. Etwas vorweg: DER HAMMER. Doch Geschichten dazu im nächsten Blogbericht.

 

Hier geht’s zum Firefly Ocean Camp: https://fireflyoceancamp.com/