Ol Doynio Lengai – Mountain of god


„Berg der Götter. Er ist unvergänglich. Es ist die Quelle unserer Inspiration. Ol Doynio Lengai hat Antworten für unser Volk.“ Vor 12 Jahren habe ich sie bei meinem letzten Besuch des Ngorongoro Kraters mitbekommen und kann mich an die Worte eines Massai bis heute gut erinnern. Es ist der Tag der Rückkehr. Endlich geht ein jahrelanger Wunsch in Erfüllung. Der Besuch des heiligen Berges der Massai.

Stundenlanges Gerüttel auf der schlechten Strasse, die sich nach 3 Stunden in einen grottenschlechten, von Sand und grossen Steinen gespickten Weg verwandelt. Die weisse Linie auf dem GPS ist weit davon entfernt eine Nebenstrasse zu sein. Doch es ist ein heisses Abenteuer. Auf der linken Seite der sagenumwobene Ol Doynio Lengai, der Berg der Götter in voller Pracht. Ein aktiver Vulkan. Fast 3000 Meter hoch. Der letzte Ausbruch 2007. Wuchtig. Rechterseits eine typische afrikanische Savannenlandschaft. Corinne’s Rufe von Zebras durchdringen meinen Helm und finden als Flüstern den Weg in mein Gehirn. Doch sofort wird diese Information als wenig prioritär eingestuft. Denn ich habe alle Hände voll zu tun. Meine Konzentration gilt dem furchtbaren Weg, die Arme sind angespannt um die Kräfte der Ural um die vielen Hindernisse zu lenken. Und dann noch das Ding mit den abgerissenen Auspuffen…

 

Auf dem Weg zum Lake Natron
Wir sind auf dem Weg nach Engare Sero, dem Massai Dorf beim Lake Natron. Die Sonnenstrahlen haben beim Eintreffen auf diesem Teil der Erde noch immer weit über 40 Grad. Meine Schweissdrüsen arbeiten unter Hochdruck und drücken jedes bisschen Flüssigkeit aus dem Körper. Die Motorradjacke ist total durchnässt. Diese staubige Vulkangegend fordert uns und unserer Maschine alles ab. Dreimal reisst es dem Habash den Auspuff ab. Wehklagen nützt nichts. Wenigstens gibt es da eine kleine Pause, denn um dies wieder zu befestigen, muss der Auspuff erstmal abkühlen. Und so habe ich dann auch die Möglichkeiten, die Zebras zu bestaunen. Die Gegend mit den verschiedenen Vulkanhügeln ist echt faszinierend. Mindestens beim dritten Mal ärgere ich mich auch nicht mehr, sondern ich geniesse die Pausen. In den letzten 5 Stunden haben wir kein einziges anderes Fahrzeug gesehen. Spätestens da wird uns bewusst, dass wir bei einem Notfall auf uns gestellt wären.
Der Blick aufs GPS verrät uns, dass nur noch 30 Km zu fahren sind. Afrikanische Kilometer. Bei aktuellen 8km/h Durchschnittsgeschwindigkeit sind das nochmals fast vier Stunden.

Die Sonne neigt sich immer mehr und die ersten orangen Streifen erscheinen am Horizont. Das wird wohl ein Wild Camp. Während der Pause Nummer vier, nähert sich eine Staubwolke nähert und entpuppt sich als Landcruiser. Ein Massai am Steuer begrüsst uns herzlich und gibt uns wichtige Infos weiter. „Die Strasse wird in ein paar Kilometer viel besser. No worries. Bevor ihr jedoch zum Dorf gelangt, gibt einen Strassenposten. Dort müsst ihr 75 Dollar für den Strassenunterhalt bezahlen (lächeln). Und dann kommt ein Regierungsbeamter in Form eines Rangers und wird euch ausfragen. Also, ihr campt nirgendwo, besucht auch nicht, wollt direkt Richtung Serengeti Nord Gate. Ihr schlaft im einzigen Guesthouse in unserem Dorf und geht offiziell ganz früh weiter. Und bleibt bei der Geschichte. Sonst schröpfen sie euch. Wenn ihr im Dorf seid, erwarte ich Euch und wir machen einen Plan.“ Wir sind extrem dankbar für den Ratschlag und sind ja mal gespannt was da kommt. Und nach etwas mehr als einer Stunde, gerade zum schönsten Sonnenuntergang, sind wir bei der Strassensperre. Die 75 Dollar müssen wir bezahlen, da kommen wir nicht drumherum. Das Gespräch mit dem Ranger nimmt komische Formen an. Eine Viertelstunde lang, fragt er uns aus, dass wir ja nicht hier campen oder etwas angucken würden. Denn auf jegliche touristische Aktivität müssten wir sonst zusätzlich Gebühren an die Regierung bezahlen. Zum Beispiel kostet Camping 20 Dollar an die Regierung, 10 Dollar fürs Campen und 5 Dollar fürs Fahrzeug. Zwei Personen sind dann 65 Dollar um irgendwo im Masai Dorf im eigenen Zelt auf staubigem Boden zu schlafen. Die Besichtigung des Lake Natron kostet 10 Dollar Gebühren plus Guiding, etc. Auf unser Vorhaben von drei Tagen mit der Erwanderung des Ol Doynio Lengai hätten wir dann summa summarum 450 Dollar bezahlt. Das ist einfach Abriss. Vorher war dies eine der Gegenden, in welcher man nach der mühsamen Hinfahrt mit einem wunderschönen Natur- und Massai Erlebnis belohnt wurde. Es ist ja kein Nationalpark, sondern einfach ein wunderschöner Flecken Erde. Es macht den Eindruck, dass dies selbst dem Ranger unwohl ist, uns so unverschämt abzuzocken. SO lässt er uns dann auch ziehen. Obwohl die Massai Familien zwei Camps im Ort betreiben, raten sie den Gästen nicht dorthin zu gehen. Denn die werden täglich von den Rangers kontrolliert. Und wehe zu bist dann dort. Dann gibt’s zu den Gebühren noch eine Busse. So laden die Massai die Besucher die Menschen zu sich nach Hause ein. Denn auf privatem Grund darf niemand etwas sagen. Die Situation ist für die Menschen hier ebenso deprimierend wie für die Besucher. Der Besitzer des Guesthauses offeriert uns für 10 Dollar die Nacht ein kleines, sauberes Zimmer. Das Motorrad müssen wir hinter dem Haus abdecken, damit dies niemand sieht.

 

Die Tage bei den Massai
Von unserem Massai Freund werden wir im Dorf empfangen und geniessen das verdiente Feierabendbier. „Lasst euch nicht zu viel einschüchtern von den Rangern. Noch ist das immer unser Land hier, der heilige Berg gehört uns. Wir sind hier zu Hause. Wenn ihr möchtet, könnt ihr in den nächsten Tagen unseren berühmten Wasserfall besuchen, die Flamingos am Lake Natron sehen und ebenso den Ol Doynjo Lengai hoch. Und selbstverständlich mehr von unserer Kultur erfahren. Für das Guiding müsst ihr einfach etwas berappen. Wir regeln alles andere. Ok?“ „Perfekt.“  Wir treffen seinen jüngeren Bruder Zephania. Er ist auf Studentenurlaub und möchte etwas Schulgeld verdienen. Die nächsten drei Tage sind voller Eindrücke. Speziell die Wanderung und das Bad beim Wasserfall sind erfrischend. Vom viel höher gelegenen Ngorongoro Gebiet sammelt sich Wasser und gelangt durch enge Schluchten bis in diese wüstenähnliche Mondgegend. Der Kontrast von Wasser in dieser Landschaft ist gigantisch. Und erfrischend. Die Wanderung zurück und direkt zum Lake Natron scheint vom Aussichtspunkt nur eine kurze Strecke zu sein. Denkste. Die Distanzen täuschen. Zweieinhalb Stunden im heissen Vulkansand ohne Schatten, dafür hautnahen Giraffenbegegnungen. Am Lake angekommen, die grosse Enttäuschung. Diese Zwergflamingos sind echt winzig, besonders, wenn man sie aus einer solch grossen Distanz betrachten muss. Es gibt keine Möglichkeiten näher zu kommen. Dem ganzen Ufer entlang ist es schlammig, kaum nehmen die Flamingos eine Bewegung wahr, fliegen sie wieder weiter weg. Aus tausenden werden ein paar Dutzend, vielleicht zweihundert Stück. Anscheinend sind sie gerade auf Wanderschaft. Bekannte Fotos mit dem rosagefärbten Lake Natron und den fliegenden Flamingos bleiben Wunschträume. Denn der rosagefärbte See ist nur zu einem bestimmten Zeitpunkt im Jahr zu sehen und dass erst noch nur auf der kenianischen Seite. Ja, man kann nicht nur gewinnen im Leben.

Im Dorf und in der Umgebung unterwegs, erfahren wir mehr über die Kultur der Massai, erfahren mehr von den Massai Kriegern (welche heute vor allem Weidegründe bewachen)  , treffen den Dorfchef und seine drei Frauen, plaudern mit ihm, selbstverständlich will er am Schluss noch Geld dafür, was für uns nicht in Frage kommt. So laden wir die Familie zu Getränken ein. Unsere Erwartungen waren wohl etwas zu hoch, denn die Massai Kult besteht vor allem durch Legenden und durch Hollywood Filme projezierten Lebensweisen. Rinder zu besitzen ist nach wie vor das Wichtigste und bestimmt den Reichtum der Menschen in dieser Volksgruppe. Die Geschichte von den Kämpfen der Massai Krieger gegen Löwen ist fast überall vorbei. Die majestätischen Tiere sind heute geschützt und für die Jagd und Tötung von Löwen werden auch Massais vor Gericht gestellt und kommen ins Gefängnis. Die Mär, dass die Massai im Einklang mit der Natur leben, finden wir ebenfalls weit hergeholt. Denn alles wird dem Erhalt und dem Wachstum von Rinderherden untergeordnet, was weiss Gott nicht viel mit Einklang mit der Natur zu tun hat. Landcruiser, Mobilphones und ständiges Betrinken gehören heute leider für viele Massais zum Lifestyle.

Im Dorf sind wir vom ersten Tag an bekannt wie bunte Hunde. Kaum sind wir am Morgen aus der Tür, warten schon vier Massai Frauen und befallen dich regelmässig. Armreife, Halsketten, Ohrringe, Miniatur Bogen und Pfeile – es gibt viel zu kaufen. Doch alle haben genau die gleichen Produkte, die sie zu unverschämten Preisen aufschwatzen wollen. Und die lassen Dich keine Sekunde aus den Augen. Auch wenn Du zum Chai und Chapati zur Bretterbude gehst, sie folgen dir überall hin. Dabei gibt es viele herzliche Momente und gemeinsames Lachen, doch irgendwann ist es einfach zu viel. Mittlerweile haben wir bei jeder Dame etwas gekauft und noch immer geben sie sich nicht zufrieden. Doch wie wir erfahren müssen, sind die Männer nicht besser. Auf die Besteigung des Ol Doynjo Lengai verzichten wir schlussendlich. Um zum Ausgangspunkt zu kommen, brauchen wir einen 4×4 Fahrzeug. Dieses kostet zum Guide nochmals 120 Dollar. Und irgendwie haben wir die Schnauze voll, vom ständigen Geld ausgeben. Darauf angesprochen, erklären sie uns voller Stolz und mit einem Lächeln, dass sie eben gute Geschäftsleute. Unsere Meinung: Sie sind einfach unverschämt. Wir verzichten auf die Besteigung des heiligen Berges. Im Nachhinein hätten wir es vielleicht besser machen sollen, doch in dem Moment war es für uns einfach nicht stimmig. Enttäuschung entsteht ja nur dann, wenn die die eigenen, unausgesprochenen Erwartungen nicht erfüllt werden, halt es in meinem Kopf. Vielleicht haben wir beim Entscheid um hierher zu kommen, einfach ein zu romantisches Bild im Kopf gehabt. Dennoch ist die Gegend hier unbeschreiblich schön. Eine Tour hierher würden wir jedoch nicht als ein absolutes Muss weiterempfehlen.

 

Irgendwo in Afrika   
Zurück wählen wir die östlich verlaufende Route von Engare Sero durch die Wildnis nach Longido. Die Landschaft verwandelt sich von Vulkan zu Savanne. Die Strecke ist purer Genuss. Nochmals viele spannende Passagen mit viel Sand, Steinen und steilen Passagen. Viele der Brücken wurden in der extremen Regenzeit vor ein paar Wochen weggeschwemmt. SO kommen wir in den Genuss, um unsere Geländefertigkeiten zu trainieren. Müde, jedoch mit vielen weiteren Eindrücken erreichen wir ….an der Hauptstrasse zwischen Arusha und Nairobi. Das Tembo Guesthouse bietet eine gute Möglichkeit sich etwas auszuspannen, bevor wir am nächsten Tag auf einer fast schon langweiligen Asphaltstrasse nach Norden zurück nach Kenia weiterziehen.

Nach 2 Monaten Kenia und Tansania landen wir punktgenau wieder bei Chris in der Jungle Junction. Habash hat sich nach den vielen spannenden Offroad Abenteuern eine Verwöhnkur verdient. Mit neuem Motoren- und Getriebeöl, neuem Hinterreifen, Justierung des Ventilspiels und einer leidenschaftlichen Reinigung wollen wir ihn für die bevorstehenden Monate motivieren. Uganda, Ruanda und der Ostkongo warten auf uns.

 

The legendary Slowriders Africa trip is still going on!