Oman – Willkommen im Camping Paradies


Jebel Shams, Oman – Push your Bike!
„Oli, zieh Dir besser den Helm an. Man weiss ja nie…“, ruft sie mir zu. Als ob ein Helm bei einem Sturz von einer 80 Meter Klippe irgendetwas helfen würde. Also wirklich. Mit zittrigen Händen und dem Körperschwerpunkt auf das Gesäss verlegt, ziehe ihn mir über. Jetzt bloss nicht hinunterschauen. Die kreisenden Bartgeier scheinen sich zu amüsieren und drehen gleich noch ein paar Extra Runden.
Alle unsere Bekannten, die diesen Ort bisher besucht haben, gaben uns die Empfehlung es NICHT zu tun. Nicht mit dem Habash, unserem russischen Dreirad. Wir würden scheitern. Habash würde schlappmachen. Seine Kupplung würde in Rauch aufgehen. Doch dieser Bastard hat es gepackt. Klar, wir sind dreimal abgestiegen und haben ihn unter Einsatz unseres Lebens hochgepusht. Corinne musste einige steile Kilometer zu Fuss gehen – ihr Gewicht – viel zu viel Last. Und Oli  – er musste ja steuern. Der 2WD konnten wir das erste Mal unter Extrembedingungen testen. Ohne diesen hätten wir keine Chance gehabt. Es war die bisher steilste Strasse auf Asphalt und Offroad, welche wir bisher je gefahren sind. Doch wir sind oben. Wir sind auf dem Plateau des arabischen Grand Canyons bei Jebel Shams im Oman. Das ist ja geil. Es ist schon dunkel und nur ganz vage erkennen wir die Abgründe des Canyons. Wir sind zum Glück nicht die einzigen Camper. Einheimische Omanis, die einen gemürtlichen Abend am Lagerfeuer verbringen, zeigen uns einen guten Platz für unser Zelt. „Be careful, there is the end. 80 meters down“, erklärt er uns in gebrochenem Englisch. So langsam gewöhnen sich die Augen an die Nacht und immer mehr werden die Umrisse des Canyons sichtbar. Verschiedene dunkelgraue Flächen an den Bergen auf der anderen Seite werden sichtbar.
Der nächste Morgen hat es in sich. Aus dem Zelt geklettert, bleibt uns die Luft weg. Wir nehmen die wunderbare Landschaft erst jetzt bei Tageslicht wahr. Fünf Meter vom Abgrund entfernt haben wir unser Lager aufgeschlagen. Langsam, ganz langsam tasten wir uns an die Klippen vor. Schwindel ergreift Corinne. Sie, der Kletterprofi mit Höhenangst. Er, der Möchtegern-coole Typ mit grossem, sehr grossem Respekt, den Abgrund runterzufallen. Nach dem Morgenkaffee geht’s schon besser. Man gewöhnt sich sehr schnell an die Gegend. Spazieren entlang des Canyons erfordert einiges an Konzentration ist jedoch gut machbar. Wir – hier – cool. Wir sind stolz darauf und beschliessen die nächsten zwei Tage zu bleiben und dieses Panorama mit fotografieren, lesen und rumspazieren zu geniessen. Der Sonnenuntergang hier oben ist fantastisch. In Spaziernähe befindet sich das Jebel Shams Resort, wir bekommen alkoholfreies Bier und Seven Up – gibt Radler – passt!

Rückblick: Nachdem wir drei intensive Wochen mit Up’s und auch ein paar Downs in Dubai verbracht haben, mussten wir wieder raus. Trotz Grossstadtdschungel und Bling-Bling Abenteuer hat uns die Natur und das einfache Leben gefehlt. In Dubai schwärmen alle vom Oman: „Die sind anders. Viel relaxter, nicht protzig, unglaublich sympathisch, herzlich, sowieso das Land ein Traum!“ So haben wir uns gefreut, endlich in dieses Land zu reisen.
Ursprünglich war es unsere Idee, für 6-7 Wochen in diesem arabischen Land auf Entdeckungsreise zu gehen. Doch irgendwie wurden nur noch 3 Wochen daraus. Unser Plan, in 5 Tagen Dubai alles organisiert zu haben, ist regelrecht gescheitert. Und noch immer haben wir keine definitive Zusage für eine Verschiffung oder Verfliegung. Das bedeutet nochmals früher zurück. Doch schon in der Landschaft der UAE Richtung dem Grenzort Al-ain, haben wir alle Sorgen vergessen. Die Dünenlandschaften rauben uns den Atem. Die ganze Umgebung leuchtet in der Abendsonne in einem glühenden Orange. Wir schaffen es bis in die Nähe der Grenze und campen in den Dünen, unmittelbar des Feriendomizils eines Scheichs. Am nächsten Morgen taucht er mit seinen Söhnen bei uns auf und macht sein Training. 300m Entfernung von Punkt zu Punkt. Auf los geht’s los. Ein kleiner Drachen lockt ihn an. Wie schnell der ist. Sein braun weisses Gewand flattert im Wind. Nein, natürlich rennt der Scheich nicht hin und her. Er trainiert seinen neu erworbenen Falken. Familientradition, wie er in Englisch, Französisch und auch in passablem Deutsch erklärt. Corinne kocht Kaffee, ich sch(l)eich mich mal davon.
Wow – ich habe noch nie einen echten Scheich getroffen, geschweige denn mit ihm gesprochen. Er ist sehr sympathisch. Ich frage ihn, ob er denn der König ist und er lacht und meint nur lachend: „Es gibt nur einen König. Ich bin ein Prinz.“ Aha. Doch der Blick auf seinen 4×4 Wagen lässt mich stutzen. Die Scheichs haben doch alle nur ganz tiefe Autonummern…hat man mir so in Dubai erklärt…dreistellig…maximum. Seine war fünfstellig…hmmm…irgendwie macht ihn das noch sympathischer. Und ich durfte sogar den Falken streicheln.


Oman – Sei unser Gast!
Der Grenzübertritt in Al-Ain verläuft problemlos. Die Omanis in ihrem traditionellen Gewand und der kronenförmigen Kopfbedeckung machen einen herzlichen und sehr zuvorkommenden Eindruck. Sie sind sehr interessiert und freuen sich über den Besuch. Gastgeber wie wir sie vom Iran her kennen. Schon auf den ersten Kilometern und dem Passieren der ersten Dörfer fällt uns ein riesiger Unterschied zu den Einheimischen in UAE auf. Überall arbeiten Omanis. An der Tankstelle, als Taxifahrer, auf dem Bau, auch beim Strassenkehren. Darauf angesprochen erklärt uns ein Reisender an der Tankstelle: „Wir alle sind Oman. Es ist unser Land, wir haben es mit aufgebaut und es ist in unserem Verständnis es weiter zu tun. Wir lieben Gäste und andere Menschen die hierherkommen. Ganz wie es unser Leader, Sultan Qabus vorlebt. Er ist ein weiser Mann. Das Geld vom Öl und vom Erdgas wird in Infrastrukturen, Versorgung und Schulen investiert. Stell Dir vor, vor vierzig Jahren hatten wir gerade mal zwei Schulen und ein Krankenhaus. Heute sind wir modern. Es ist eine wunderbare Natur hier, die Lebensqualität ist sehr hoch. Auch ist es absolut sicher, wir haben keine Kriminalität und leben in totaler Harmonie zueinander. Wir sind stolz auf unser Land. Willkommen im Oman. Willkommen zu Hause!“
Es sollte sich herausstellen, dass er sein Land und die Menschen nicht treffender hätte beschreiben können.


Camping Feeling pur in den Wadis
Auf der Westseite entlang der Hadschar Gebirgszügen campieren wir in verschiedenen Wadis: Dam, Tanuf, Naturpark MRKHAH und andere. Im Oman kann man überall campen. Die Omanis machen es genauso. Immer wieder bekommen wir Essen geschenkt. Und Datteln. Die besten sind die mit dem Kardamon Gewürz. Zusammen mit dem Fladenbrot und Halma. Ein Frühstückstraum. Überhaupt fühlen wir uns in der Fluss- und Gebirgslandschaften total wohl. Overlanding in Oman können wir bestens empfehlen.

Mittlerweile sind wir in Nizwa angekommen und gehen auf Entdeckungstour. Die ehemalige Hauptstadt versprüht noch immer altertümliches Flair. Auch wenn die Touristen mittlerweile in grösserer Anzahl herkommen, schaffen es die Menschen hier, Traditionen zu behalten. Oder eben genau deswegen. Und dann werden wir entdeckt. Während wir uns in der Hitze mit einem kalten Diät Pepsi abkühlen, schleicht ein Omani mit seinem Smartphon um den Habash und macht Aufnahmen. Wir beobachten. Er scheint ganz fasziniert davon. Eine Stunde später ziehen wir weiter und verlassen Nizwa.


Hey man – we are the Nizwa Bikers!

Kaum aus der Stadt, donnert es von hinten. Ein grünes Ungeheuer verfolgt uns und zeigt uns den Blinker nach rechts. Wir halten an und werden sofort vom ungeheuerlichen Biker in bestem Englisch angesprochen. Shakehands! Er ist der Boss der bekannten Nizwa Bikers und wurde von seinem Kollegen informiert, dass wir in der Stadt sind (der Schleicher mit dem Handy). Wir könnten immer auf sie zählen, sie seien unsere Schutzengel im Oman. WhatsApp Nummern werden ausgetauscht. Kaum geblufft, dass Habash sich toll benimmt, reisst mir 3 Kilometer weiter der Kupplungszug.
„Hey Ahmed. We have a problem. Can you help us?“ “No problem. Wait for us. We will be there in 15 min.” Als sie ankommen erkennen wir Ahmed nicht wieder. Wo ist der Harley Helm, wo die Brille, Lederjacke. Er hat sich in sein schneeweisses Gewand geworfen und hantiert nun mit dem schmutzigen Ersatzkabel. Und er wird nicht mal schmutzig. Ich darf nicht helfen – sein Geschenk an uns. Wie auch das darauf folgende Nachtessen. Ich weiss gar nicht, wie wir uns bedanken könnten. Es ist für die Leute hier eine Selbstverständlichkeit zu helfen. Tags darauf besuchen wir die Bikers in ihrer Firma, einem Motorcycle Workshop. Habash bekommt auch noch einen Service mit Ölwechsel und allem drum herum. For free. Und wir werden schlussendlich auch noch stolze Ehrenmitglieder der Nizwa Bikers. Ein neuer Kleber auf dem Habash zeugt davon. Danke Ahmed und an alle Freunde der Nizwa Bikers!!