Spiritus Sanctus – Armenia at its best!


Schlagloch um Schlagloch.
Nachdem wir die Grenze zu Armenien in Bagratashen überquert haben, erfreuen wir uns einer anständigen Strasse. Mindestens für die ersten paar Kilometer. Wir fahren langsam mit 40-50 Kmh und haben dabei genügend Zeit, die links und rechts von uns ansteigenden Berge und die wunderbare Landschaft zu betrachten. Der Herbst hat die Bäume entlang der Strasse in rot und gelb schimmernde Kunstwerke verwandelt. Doch dann ist es soweit und die gefürchteten und berüchtigten Schlaglöcher in der Strasse lassen uns sogleich auf die Bremse steigen. Für längere Zeit ist unser einziger Fokus, so gut wie möglich zwischen diesen schrecklichen Stossdämpfer-Killern durchzukommen. Überall klappert es. Man könnte meinen, Habash würde jeden Moment auseinanderfallen. Corinnes Blicke, die ich vor lauter Konzentration nur ganz verschwommen aus meinen Augenwinkeln wahrnehme, sind eine Mischung aus Respekt vor meinen Fahrkünsten (bilde ich mir wohl ein) und Angst vor einer Panne. Doch einmal mehr geht alles gut. Habash beweist sich als harter Hund, wir sind da nicht aus dem gleichen Holz geschnitzt…uns hat‘s richtig schön durchgeschüttelt und so brauchen wir erstmal eine Pause und einen warmen Tee. Denn die Temperaturen sind auch noch im einstelligen Bereich. Doch das schmälert nicht unseren ersten Eindruck eines Landes mit einer fantastischen Natur. Die Fahrt über viele hundert Höhenmeter hoch auf die Hochebene meistern wir trotz dem vielen Gewicht und den wenigen Pferdestärken spielend. Dieses Land, das an die Staaten Türkei, Georgien, Aserbaidschan und dem Iran grenzt, hat 2/3 der Grösse der Schweiz und  90% des Landes liegt auf 1000m.ü.M. Auch sonst ist es landschaftlich mit seinen bis über 4000 Meter hohen Bergen (Höchster Punkt ist der Gipfel des Vulkans Aragat – 4090m) der kleinen Schweiz nicht unähnlich. Die Temperaturen selbstverständlich inklusive.

Irgendwie sind wie schlecht vorbereitet für dieses Land. Unser erstes Ziel war die Fahrt nach Baku und die Gegenden in Aserbaidschan. Da wir uns dort noch um ein Visum hätten kümmern müssen (E-Visa) und wir nicht mehr als zwei Wochen Zeit investieren wollen, haben wir den Eindruck, dass diesem riesigen Aserbaidschan nicht gerecht würden. Denn wegen den fallenden Temperaturen sollten wir wohl nicht erst im November in den Iran einreisen. So blieb eben die Fahrt durch Armenien, wo wir kein Visum benötigen und welches der direktere Weg in den Iran ist. Zum guten Glück!


Das Beste zuerst
„Das Essen in Armenien ist der Hammer. Raffiniert und voller Überraschungen. Ihr werdet es geniessen!“ Dies sind die Worte einer Reisenden, die wir in der Türkei kennengelernt haben. Doch Georgien zu übertreffen könnte schwierig werden, sind wir überzeugt. An unserem ersten Tag in Armenien werden wir dann auch nach auf unserer Strecke nach Wanadsor über Stepanawan umgeleitet. So erreichen wir unser Ziel bei Dunkelheit und völlig durchgefroren. An Camping ist nicht zu denken. Und so quartieren wir uns in einer zweckmässigen Hotelvilla ein. Schnell lauwarm eine Dusche zum Aufwärmen und sofort in die Stadt um etwas Warmes in den Magen zu bekommen. Wir orientieren uns an den vielen Leuchtreklamen und stehen plötzlich auf einer richtigen Avenue, links und rechts voller kleiner Geschäfte. Bis zu Kühlschränken kann alles gekauft werden. Wobei ich bezweifle, dass gerade jetzt ein Kühlschrank so schnell mal über die Strasse verkauft wird. In einem kleinen, traditionellen Restaurant werden wir dann so richtig verwöhnt. Für erstaunlich wenig Geld geniessen wir armenische Spezialitäten wie z.B. Bulgur (ähnlich wie Epli), Bosbasch Suppe, Schaschlik und Baklava. Wir werden richtig verwöhnt. Nachträglich ist es das beste Essen, welches wir in Armenien bekommen haben. Da es nicht direkt mit Georgien vergleichbar war, würde ich sagen, dass man in beiden Ländern unglaublich gutes Essen geniessen kann. In Armenien ist die Vielfalt schon riesig. Vor allem auch die verschiedenen Suppen und Eintöpfe, welche verschiedene Sorten von Fleisch, Gemüse und auch Früchte beinhalten, sind ein Gaumenschmaus.

Nach dem harten Einstieg war dies definitiv ein verdientes Highlight schon zu Beginn unserer Zeit in Armenien.


Mystisches Armenien
Während der Fahrt und in den ersten Tagen vertiefen wir uns in unser elektronisches GuideBook Lonely Planet. Mystisches Armenien – Klöster und Kirchen überall. Der Stolz der älteste kirchliche Staat zu sein. 300 Jahre nach Christus haben sie offiziell die apostolische Kirche als Staatsreligion erhoben und im ganzen Land Kirchen gebaut. Obwohl er heute auf türkischem Boden steht, ist er wohl noch bekannter als all die Kirchen Klöster im Land: Der heilige Berg Ararat. Ja, genau der Berg an dem die Überreste der Arche Noah liegen sollen. Und dieser ist mit seinen 5165m von weiten Teilen des Landes her sichtbar. Ursprünglich befand er sich auf armenischem Gebiet, bis er 1921 gegen den Willen der Armenier von der Sowjetunion an die Türkei übertragen wurde. Noch heute sehen die Menschen dies hier als schmerzlicher Verlust, denn für Sie ist er die Mutter aller Berge. Am Fusse dieses Berges soll auf armenischem Gebiet eines der schönsten Klöster liegen: Khor Virap. Natürlich nicht zu vergessen: Das Geghard Kloster, das Tatev Kloster mit der längsten Seilbahn der Welt (swiss made) und Yerevan – die Hauptstadt Armeniens. Ab geht’s auf Abenteuertour!


Wiedersehen im 3GS Camp
Der Sewan See mit seinem Postkarten-Kloster wollen wir als erstes sehen. Von Wanadsor geht’s über den Sewanpass nach Sewan. Kalt ist es hier. Windig. Sieht nach Regen aus. Saublöd hat Oli vergessen seine langen Unterhosen anzuziehen. Nun schlottert er wie ein Schlosshund. Der Chai (Tee) und die zwei gefutterten Desserts geben ihm trotz des vielen Zuckers noch zu wenig Aufwärmpower. Camping wäre schon toll hier. Auch könnten wir Budget sparen. Doch die unter Overlander weitergegebenen Campingplätze sind entweder Strandplätze oder eingezäunte, abgeschlossene Grundstücke, die wohl vor über 20 Jahren ihren letzten Camper hatten. Uns bleibt also nur noch die Möglichkeit günstig eine Unterkunft zu finden. Ein Blick ins Booking.com und wir finden 50m entfernt das Writers House. Ein Haus im Ufo Design und noch zahlbar. Hier haben wichtige Dichter ihre Gedichte geschrieben. Irgendwie ist es gleichzeitig ein Museum. So scheint es. In Wirklichkeit ist es aber so, dass das Haus die letzten vierzig Jahre Wind und Wetter ausgesetzt war und wohl auch Ausserirdische gelandet haben und es in eine Bruchbude verwandelt hatten. Dabei wäre es so cool! Doch man stelle sich vor, es ist 4 Grad in der Nacht, katastrophal isoliert und der beim kleinen Heizofen funktioniert nur einer von 4 Wärmelampen. Dafür mit eingebautem Ventilator. So dass es die ganze kalte oder nur leicht wärmere Luft im kleinen Zimmer umhergeblasen wird….brrrr….die Schlafsäcke auspacken, den Laptop anwerfen, Karibik Film aussuchen, kuscheln und einfach vor dem TV rumhängen. Geht doch.

Natürlich besuchen wir auch noch das Sewan Kloster. Schlicht. Schön. Sehenswert.
Mit Uwe und Sabine haben wir abgemacht, dass wir das 3GS Camp in Garni ansteuern. Die Fahrt von Sewan Richtung Yerevan und dann wieder hoch auf 1800 m.ü.M. ist fantastisch. Immer wieder kleine Dörfer, Landleben, den Ararat in Sichtweise. Offizielle Camps und Campingplätze sind in Armenien eher rar gesät. Es gibt etwa 4 davon. Das 3GS gilt als guter Ausgangspunkt für Besichtigungen der Hauptstadt Yerevan und ebenso für die Besichtigung des Klosters Geghard. Die schweren Eisentore öffnen sich und wir staunen über dieses wunderschön hergerrichtete Camp. Mitten drin ein Pool zum Baden. Wäre es denn nur nicht so bitterkalt. Der geheizte Aufenthaltsraum mit eigener Küche kommt uns nach dem Writers House gerade als purer Luxus vor. Wir lieben den Raum. Gezeltet wird selbstverständlich draussen. Ab heute sind Minusgrade angesagt. Morgens ist das Kondenswasser am Zelt und beim gedeckten Moto gefroren. Doch sobald die Sonne den Tag beglückt wird es richtig angenehm. Ein herrlicher Ort. So beglücken wir die kleinen Läden am Strassenrand und kaufen uns Futter für mehrere Tage. Die Menschen freuen sich ab den Touristen. Man versteht sich ohne grosse Worte. Denn Englisch ist hier eine fremde Sprache und Armenisch ist für uns leider unmöglich zu verstehen. Geschweige denn zu lesen. Obwohl Armenisch eine wunderschöne Kaligraphie hat. Doch bei genug Sympathie gibt Situationen, da geht es ohne Worte. So ist das hier. Im Laufe der kommenden vier Tage kommen und gehen immer wieder mal neuen Travellers. Abends kochen wir zusammen und tauschen spannende Geschichten aus. Und zu guter Letzt beneiden wir dann die Reisenden mit ihren Caravans, die in ihre von der Standheizung gewärmten Schlafräume gehen. Und wir müssen bei Minusgraden das Pyjama anziehen und zuerst mal die Schlafsäcke wärmen. Wir überleben es und geniessen m Tag die Ausflüge. Besonders das Geghard Kloster ist spannend. Da entsteht echtes Indiana Jones Feeling, wenn du dich in die dunklen Kammern begibst und zuerst mal eine Minute benötigst, um die mystischen Gegenstände, Wandreliefe oder Zeichnungen zu betrachten. Fantastisch.


Tolino ist tot – Scheisse!

Eines Abends im Zelt ist die Tragödie gross. Corinne sitzt auf ihrem Schlafsack und schaut mich mit tränengefüllten Augen an. Dann bricht sie ihr Schweigen: „Tolino ist tot. Er ist heute gestorben. Einfach so. Was machen wir nun?“ „Wer?“ frage ich verdutzt. „Tolino. Es ist so traurig.“ Dann geht die Heulerei los. Wortlos übergibt sie mir ihren E-Reader und dann klingelt es im Spatzenhirn. „Oh, nein. Du meinst den E-Reader. Tolino…ist ja klar. Steht ganz unten auf dem Gerät. Wie hast Du denn das geschafft?“ „Ich habe nichts gemacht! Der Bildschirm ist einfach gesprungen. Wahrscheinlich die Wärme und dann die Kälte hier im Zelt. Was mache ich jetzt nur? Bei uns geht einfach immer alles kaputt. Das ist nicht fair.“
Hey Corinne, nicht verzagen, einfach Oli fragen. Ich hole meinen Tolino raus und schenke ihn meiner Liebsten. „Mein ist Dein“. Corinnes Gesicht erhellt sich, die Tränen werden werden weggewischt. Natürlich will sie dies nicht einfach so annehmen. Doch schlussendlich ist die Welt wieder in Ordnung und ich werde mich nun vermehrt meinem Handy widmen müssen. Denn einen E-Reader haben wir auch in der Hauptstadt nicht finden können. Ein kleiner Blick in die Zukunft: Doch auch dieser Tolino ist dann nach drei Wochen im Iran an der gleichen Krankheit gestorben. Ich kann hier gar nicht beschreiben, wie scheisse wir diese Dinger nun finden. Sorry für den Ausdruck, doch wir sind echt angeschissen mit diesen qualitativ unterklassigen, dafür teuren Geräten;- )
Und: Im Iran gibt es auch keine solche E-Reader. Sie sind auf einer solchen Reise halt schon unverzichtbar geworden. Shit happens.


Fotosession Khor Virap
Nachdem wir den Habash wieder einmal in einer kleinen Ein-Mann-Werkstatt hatten und die abgebrochene Bremseinrichtung zusammengeschweisst haben, geht’s dann weiter ins Landesinnere. Wir haben den Ararat jeden Tag aus der Ferne betrachtet und wollen nun dem Geheimnis des Khor Virap Klosters am Fusse des heiligen Berges auf die Spur kommen. Dieses liegt nur unweit der türkischen Grenze und gilt zusammen mit dem Ararat als ein heiliges Symbol in Armenien. Und gleichzeitig ist es ein schmerzlicher Ort, denn in der jüngeren Vergangenheit ist dies auch ein Teil des Genozids, der durch die Türken verübt wurde. Hoffnung und Schmerz an einem Ort vereint. Mit Blick auf den gestohlenen heiligen Berg.

Bei unserer Ankunft werden wir dann gleich mal mit der Realität konfrontiert. Überall stehen nigelnagelneue schwarze Mercedes G-Klasse Geländewagen, BMW, Mercedes Cabrios. Ein extremer Kontrast. Doch die Oberschicht leistet sich das Heiraten im geschichtsträchtigen Kloster. Nach Besichtigung verstehen wir dann auch dass das Heiraten an diesem Ort für die Leute eben schon faszinierend ist. Die Szenerie kann nicht schöner sein. Es ist ein echt mystischer Ort. Wenn dann die Liebe gleich lange hält wie die Klöster ist ja nichts dagegen einzuwenden. Bis dass der Tod euch scheidet. Die Geschichte um Khor Virap ist spannend: https://de.wikipedia.org/wiki/Kloster_Chor_Virap

Der inoffizielle Campingplatz östlich unterhalb des Klostersfelsen ist ideal für uns. Leider sind wir nicht die einzigen, die sich 100 Meter neben der türkischen Grenze umsehen. Ein weisser, rostverzierter Lade mit zwei zwielichten Typen. Einer davon mit einem Pump Action Gewehr im Arm. Genau auf „unserem“ Plätzchen. Schön eben. Oli verhandelt. Erfolglos. Sie wollen nicht weg und versuchen ihm weiszumachen, dass sie hier Tauben schiessen wollen. Mit Kanonen auf Spatzen schiessen, geht mir durch den Kopf. Den leeren Bierdosen nach, würden die ja nicht einmal einen Elefanten aus 5 Meter Entfernung treffen. „Komm Oli, lass uns gehen. Das ist mir nicht geheuer. Bestimmt Schmuggler.“ „Hey, Corinne“ ruft Oli hinüber „die wollen doch nur spielen…sie laden uns zum Bier ein. Machst Du jetzt die Spassbremse oder was? Komm Bier trinken und auf Tauben schiessen. Was ist schon dran?“ Dieser Sarkasmus ist total deplaziert. Schlussendlich verbschiedet sich Oli mit einem Shakehand und „machends guat, meine lieben Freunde“. Völlig verdutzt bleiben zwei mutmassliche Ganoven stehen und was die wohl von den Schweizer Reisenden denken? Sie sind bestimmt einfach froh, dass wir abhauen. Campen dürfen wir dann auf der anderen Seite des Felsens bei einem Bauern auf seinem geernteten Feld. Mit Blick auf den Ararat und das Kloster. Ein Bett im Kornfeld. Was will‘ste mehr?


Tatev und die Fahrt offroad durch die Berge

Unsere restlichen Tage in diesem wunderbaren Land haben wir on the road durch gewaltige und faszinierende Berglandschaften verbracht. Camping in wunderschöner Umgebung, z.B. im Crossroad Camp oder in Tatev. Natürlich steht dort wieder ein sagenhaftes Kloster. Die Lichtspiele im Inneren sind gewaltig. Absolut erlebenswert.
Die längste Seilbahn der Welt mit nur zwei Trägern und über sieben Kilometer Länge ist für die Menschen hier eine echte Attraktion. Für uns eher Mittelmass. Swiss Made hat uns dabei am ehesten Stolz gemacht. Doch der Chef hatte einen Tag Ferien und so fährt sie dann nicht. Nichts verpasst. Die Schlucht bei Tatev Kloster konnten wir auch so betrachten. Quer durch die Berge gings dann auf einer teilweise happigen Offroadstrecke nach Kapan. Eine typische armenische Stadt. Schön gelegen, die Wichtigkeit von verdichtetem Bauen war hier wohl schon vor 40 Jahren ein Thema. Immer noch herzliche Menschen, für uns die Möglichkeit wieder einmal in einem Bett zu schlafen.


Endlich wieder warm in Meghri
Unsere letzten Tage verbrachten wir bei einer Familie in einem B&B im kleinen Bergdorf in Meghri, nicht allzu weit von der iranischen Grenze weg. Deutlich spürbar sind hier die milden Temperaturen. Endlich wieder ohne Jacke nach draussen, sogar in Flip-Flops durch die Gassen anstelle der schweren Schuhe. Überall Khaki Bäume und weitere Früchte. Ein Paradies. Der Iran wartet. Doch zuerst trinken wir unseren Raki Schnaps leer und geniessen die letzten Feierabend Biere. Sprit tanken ist der beste Ausdruck. Danach gibt’s wochenlang nix mehr.

Der Muezzin weckt uns um fünf Uhr . Hä? Was soll das? In Armenien?
Die Grenze ist nah. Uns erwartet eine neue Welt. Auf geht’s in den Iran!