Das Paradies, bunte Vögel und Putins Unterhosen


Scheisse. Seit zwei Stunden. Trotz Klimaanlage laufen mir Schweissperlen über die Stirn. „Bringen Sie mir den Zollchef ans Telefon. Sofort!“. Der für die „Temporary Import Paper“ – verantwortliche Beamte schneidet eine Grimasse, die wohl nur eines ausdrückt: Idioten-Mzungu. Auch das zweite Telefongespräch mit dem Zollchef bringt mich nicht weiter. Zwar entschuldigte er sich, dass er eine schlechte Verbindung hat. Doch ziemlich deutlich höre ich im Hintergrund lautes Gegröhle, Bierflaschen klirren und Pop Musik. Der ist bestimmt NICHT im Büro. Der hängt voll ab, lallt etwas von Geld bezahlen. Für seine Biere oder was? Ok, ok, heute ist Samstag, ich bin ziemlich genervt. Und klar, nur ich alleine bin für meine miese Stimmung verantwortlich. Irgendwie finde ich mein Tchi nicht. Tief durchatmen und etwas Positives denken. „OK. Bestimmt wären es keine verschwendeten Gedanken an die attraktive Dame am hinteren Schreibtisch zu denken. Sie lächelt Dich die ganze Zeit an“, so mein kleiner Teufel auf der rechten Schulter sitzend.

Beim Eintritt nach Kenia erlebte ich das Theater mit der Telefonnummer im Formular und jetzt beim Verlassen des Landes die nächste Szene. Ganz klar und bestimmt haben mir die Beamten vor 6 Wochen in Moyale erklärt, dass diese neue Verordnung für den temporären Import des Fahrzeuges keine Probleme generiert. „Nach vierzehn Tagen kannst Du sie in Nairobi verlängern oder dann einfach beim Verlassen des Landes die zusätzlichen Beträge ab 14 Tagen am Zoll bezahlen. Das ist total einfach. Ihr Touristen seid unsere Freunde“, haben sie im Norden Kenias gesagt. Doch nun sind wir hier am Zoll im Süden. 250 Dollar Strafgebühr, weil wir das Papier nicht in Nairobi verlängert haben. Androhung von Gericht, Gefängnis und Wegnehmen des Fahrzeugs beim Nichtbezahlen. Behandelt man so Freunde? Der Zollbeamte fühlt sich als Detektiv berufen und will das ganz genau klären. Die Anfragen zur Klärung was in Moyale genau vorgefallen ist, fruchtet nicht. Keine Verbindung in den Norden. Seine Zeichnungen ähneln einem Storyboard für einen Hollywood Film. Er malt Szenen und befragt mich dazu. Ich kann gar nicht mehr anders und muss lachen. Wie in einem schlechten Film oder einer Satire Sendung. Das findet er nicht lustig. Dazu kommt, dass ja nicht mal Aussage gegen Aussage steht, da niemand in Moyale zu erreichen ist. Ich glaube, das ärgert ihn. Nun, das ist dennoch kein Vorteil für mich. Das Gesetz sieht für das Nichtverlängern eine klare Strafe von 250 Dollar vor. Exklusive einem Dollar pro Tag für die Benutzung von Kenias Strassen. Was mich eben ein bisschen ungehalten macht und weshalb ich den Chef sprechen wollte. Wieder klingelt das Telefon meines Vorzeigebeamten und er verschwindet raus aus dem klimatisierten Büro an die frische Luft nach draussen. Anscheinend tut ihm dies gut. Er kommt rein, fasst mich am Ellbogen und bringt mich zu einer Beamtin, einen Tisch hinter seinem. Sie lächelt noch immer. Sie hat dem kleinen Spektakel nun zwei Stunden lang zugeschaut. Wie es sich herausstellt, ist sie die verantwortliche Beamtin am Zoll. „Diese Verordnung wurde zwei Wochen vor ihrem Eintritt in Moyale in Kraft gesetzt. Es ist jedoch sehr gut möglich, dass die Beamten nicht alles genau erklärt haben. Machen wir keine grosse Geschichte daraus. Bezahlen sie die Strassenbenützungsgebühren und sie dürfen nach Tansania.“ „Eine Frage noch: Wieso haben sie die letzten Stunden nichts gesagt?“ „Ich wollte sehen, wie sich unser neu beförderte Kollege in einer solchen Situation verhält.“ „Aha. Und?“ „Er war nicht schlecht.“ „Und ich?“ „Auch nicht schlecht. Ich wünsche ihnen einen schönen Tag.“ Herrliches Afrika.

 

Steve und seine Fish Eagles
Mittlerweile ist es Abend. Die Tansania Seite war gnädig zu uns und hat uns ebenso zwei Stunden an ihrer Grenze verbringen lassen. Aber hey, alles total relaxt. Keine Probleme. Alles freundlich. Die sind halt einfach nicht so schnell.

Ein paar Tomaten, Süsskartoffeln, acht Eier, trockene Vanille-Biscuits und zwei Packungen Milch haben wir auf dem Weg von der Hauptstrasse zum Insider Spot „Fish Eagle Point“ zusammengekauft. Viel mehr war in den kleinen Dörfchen nicht zu haben. Wie sich dann aber herausstellen sollte, konnten wir den Fischern jeden Tag einen Teil ihrer Beute abkaufen und Steve’s Mitarbeiter brachten uns auf Wunsch frische Kokosnüsse. Paradies.

Die Jungs vom Firefly haben nicht übertrieben. Die Sonne geht gerade unter und wir können uns an der Szene kaum satt sehen. Steve und seine Frau entschuldigen sich, dass sie gerade das Camp auf Vordermann bringen und eigentlich nicht offen hätten, da aktuell noch immer Zwischensaison sei. Doch wir sind herzlich willkommen und können uns den besten Platz aussuchen. Wir finden ihn an einer der drei Lagunen, die das Camp umgeben. Direkt am Sandstrand. Das Fish Eagle Camp liegt gleich nach der Grenze zu Kenia, auf einer Halbinsel namens Boma, 50 Km nördlich von der Stadt Tanga. Umgeben von Mangroven und tausenden von Kokospalmen hat Steve sein Paradies vor etwas mehr als zehn Jahren gefunden und stetig weiter ausgebaut. Der gebürtige Simbabwer hat vorher viele Jahre im Wildtierschutz und als Guide in Tansania gearbeitet. Und plötzlich dachte er, es wäre eine gute Idee, die Küste von Daressalam aus hochzulaufen und einen Platz für die Zukunft zu suchen. Und wohl am letzten Tag seiner wochenlangen Reise hat er den Ort gefunden und mit den Einheimischen verhandelt, das Land von der Regierung gepachtet und eines der schönsten Camps an der Küste Tansanias geschaffen. So geht Abenteuerleben.

Fischen, Schwimmen, Sonnenbaden, Fotografieren, Kochexperimente, kein Tropfen Regen. Das ist ein Leben. Ok, das mit dem Fischen. Bis heute habe ich keine Fortschritte gemacht. Während die Einheimischen ihre Eimer füllen, beisst nichts bei mir an. Jeden Tag kaufe ich meinen Fischerkameraden zwei Fänge ab und überrasche Corinne. Die denkt sicher: Was für ein toller Hecht! Doch die gibt es nicht im Meer…
Dafür gibt’s hier im Pemba Channel die Blue Marlin und andere Riesenfische. Steve ist begeisterter Sportfischer und besitzt auch zwei Boote dafür. „Sportfischer und Taucher kommen oft zu uns. Gemeinsam mit Harm aus dem Firefly haben wir auch einmal im Jahr ein grosses Tauchcamp. Die Meereswelt ist hier perfekt, da wir zwischen zwei Ozean Nationalparks von Kenia und Tansania liegen. Für die grossen Fischerboote ist es verboten hier zu kreuzen“, erklärt er mir. Für uns reicht es, einfach hier zu sein. Ohne grosse Aktivitäten. Vier Tage geniessen.

Schau mal rein: https://www.fisheaglepoint.com/

 

Vom lustigen Vogel und Usambara Veilchen
Tanga – Die Stadt mit dem zweitgrössten Hafens im Nordosten Tansanias wäre für uns eigentlich nur einen Stopover für eine Nacht. Wäre. Eigentlich. Nach wunderschönen Tagen bei Steve wollen wir in die Usambara Mountains. Wir rollen in dieser postkolonialen Stadt ein. Geschichtlich ist Tanga vor allem bekannt, weil hier die deutsche Schutzmacht in der Schlacht um Tanga im ersten Weltkrieg 1914, die britische Streitmacht zurückgeschlagen hat und ihr Reich Deutsch-Ostafrika mithilfe der Stärke der Askari (Afrikanischen Soldaten) erfolgreich verteidigen konnte. (Mehr: https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_bei_Tanga). Der Hafenort entzückt mit Charme, den man erst auf den 2. Blick erkennt. Kaum beim CBA Camp angekommen und unser Zelt mit dem letzten Hering befestigt, startet Petrus wieder eine Offensive gegen uns. Regen. Drei Tage lang. Ein Härtetest für das Zelt und für uns. Zum Glück lernen wir unseren Schweizer Kollegen Fernando kennen, der sich gerne als Hippie-Massai Krieger verkleidet und sich als Bewohner vom Ngorogoro vorstellt. Ein lustiger und gleichzeitig sehr sympathischer Vogel. Seine grosse Leidenschaft ist Tansania. Immer wieder zieht es ihn zwischen seinen weltweiten, beruflichen Tätigkeiten hierhin. Er kennt jeden. Jeder kennt ihn. Sein Geheimtipp: Der kleine Kiosk gleich um die Ecke. Ein guter Ort, um die Regentage gemeinsam mit Bananenbier trinken zu vertreiben. Oder danach auf normales Bier im bekannten Yachtclub umzuschwenken. Es ist der Treffpunkt für die Nautic-Abenteurer; sprich die Segelschiff Reisenden. Und so hängen wir ein paar Tage in Tanga rum, besorgen Servicematerial für Habash und füllen unsere Futter-Vorräte wieder auf.

Niemand ist vollkommen: Glück heißt, seine Grenzen kennen und sie lieben. Das Zitat vom französischen Schriftsteller Romain Rolland trifft es ziemlich genau. Und diese Grenze treffen wir hier in den Usambara Mountains an. Die Schlammpiste zur Irente Farm hoch ist für uns wohl nicht zu schaffen. Wir sind in einer schönsten Gegenden des Landes. Die Bergkette im Nordosten Tansanias ist so etwas wie die unbekannte Perle für Touristen. Es ist schon ein bisschen verrückt: Innerhalb von einer Stunde Fahrzeit ist man vom herrlichsten Sandstrand inmitten einer wunderschönen Bergwelt. Schon zu Kolonialzeiten war es ein ganz wichtiger Ort. Denn die deutschen und englischen Besetzer hatten immer wieder mit der heimtückischen Malaria Krankheit zu kämpfen. Ausser hier. Aufgrund der Höhe ist das, das einzige Gebiet des Landes, in der keine Malaria vorkommt. Auch ist man bis heute überzeugt, dass die Luft hier heilend und reinigend wirkt. Durchaus möglich. Im Usambara Gebiet gibt es noch Überreste von Regenwäldern die über 30 Mio. Jahre alt sind. Es ist ein Ort mit einer der weltweit reichsten Fauna und Flora. Spannend zu wissen: Auch die bei uns geliebten Veilchen Blumen haben hier ihren Ursprung. Das Usambara Veilchen ist endemisch und wurde von hier in die ganze Welt gebracht.

Wir treiben Habash, unsere Seitenwagen Traktor die vielen Höhenmeter hoch, feuern ihn an und erfreuen uns der herrlichen Welt. Heimatgefühle kommen bei Corinne auf. Vom Hauptort Lushoto aus, wollen wir mehr von der Bergregion entdecken. Doch leider gibt es diese Grenze des Glücks. Aufgrund der starken Regenfälle der letzten Tage, ist unser Aktionsradius beschränkt. Und zu Fuss erwandern wir den Irente Aussichtspunkt und unter Führung von Pascal, besuchen wir umliegende kleine Dörfer und deren Zuckerrohr Farmen. Wir werden von den Dorfbewohnern zum Umtrunk eingeladen. Und das fermentierte Glücksgetränk schmeckt uns. Die Unterkunft im einfachen Hostel Tumaini ist unser Base Camp für ein paar Tage. Mehr zu beschreiben ist Wortverschwendung. Am Besten, die Bilder anschauen und gleich ein cooles Angebot buchen, z.B.: https://tansania.de/trekking/usambara-berge/

 

Kaffee und anderer Zauber
„Noch keine Minute habe ich diesen höchsten Berg Afrikas sehen können. Verrückt“ jammert Oli vor sich hin. Da denke ich gerne ein paar Jahre zurück, als wir bei Schneesturm und Regen den Kilimanjaro bestiegen haben. „Ganze vier Tage war es auch damals. Doch dann war es ja perfekt“, versuche ich ihn zu ermuntern. Doch auch ich finde es langsam Zeit, dass die Sonne die Wolken vertreibt und uns einen klaren Himmel schenkt. Wollten wir doch ein cooles Foto mit dem Habash vor dem Kili machen. Das ist so etwas wie die perfekte Afrika Erinnerung. Daraus wird aber nichts. Nach 8 Tagen rund um Marangu und Arusha ziehen wir weiter.  Doch wir haben trotzdem einiges im Gepäck: Die Kaffeetour im Materuni Gebiet am Fusse des 5895m hohen Kilimajaro war toll. Gerade hier gedeiht der beste Kaffee des Landes, sagen die Chagas. Der bevölkerungsreichste Stamm lebt vom Ackerbau: Bananen, Mais, Weizen, Sisal und eben der weltberühmte Kaffee. Siebzig Prozent der Produktion ist der qualitativ hochstehende Arabica für den Export. Der Rest Rubica, welcher vor allem im Inland getrunken wird und als qualitativ weniger hochstehend gilt. Neben Tabak ist Kaffee das wirtschaftlich stärkste Exportgut Tansanias. Doch über etwas wundern wir uns dennoch. Die fehlende Kaffeekultur. Während wir in Äthiopien in einer einzigartigen Kaffeewelt versunken waren, ist davon weder in Kenia und noch in Tansania etwas zu spüren. Der Kaffee wird in den Dörfern und Städten nicht zelebriert oder an jeder Ecke angeboten. Darauf angesprochen, bestätigen dies unsere zwei lokalen Führer mit kräftigem Kopfschütteln. „Wir produzieren ja auch vor allem für Euch im Westen. Das ist nicht für uns. Rubica kann an nicht zelebrieren.“ „Oha.“ Würde trotzdem nicht schaden, etwas Kaffeestolz zu zeigen. Finden wir.

Hey Ma – sind das wirklich Putins Unterhosen?
Durch Arusha „rushen“ wir mit unserem Gespann durch. Uns interessiert mehr das Maserani Snake Camp, 25 Km weiter westlich. Es ist die Schlangenkompetenz schlechthin im Land. Und Camping bieten sie auch an. Als Mitglied der Cobras Eishockey Plauschmannschaft ist es ein Muss in diesem Camp vorbeizuschauen. Drei Südafrikaner sind vor dreissig Jahren hierher gezogen und haben in diesem trockenen Gebiet auf dem Weg in die Serengeti, so etwas wie ein Kompetenzzentrum aufgebaut. Ein Spital, spezialisiert für Schlangenbisse, ein Terrarium mit allen im Land vorkommenden Arten, ein Abholservice für die umliegenden Farmer und die Schlangenbar. Jede/r Besucher hinterlässt hier ein kleines, persönliches Souvenir. Von visierten Autogrammkarten irgendwelche amerikanischen Astronauten, T-Shirts, oje…sind wirklich Unterhosen? Beim genaueren Betrachten ist es nicht so einfach zu erkennen, ob das tatsächlich die Unterschrift des russischen Präsidenten oder einfach Spuren sind. Wer unterschreibt denn schon mit einem braunen Stift, also wirklich! Lynn (genannt Ma) meint, dass es sich eventuell auch um das Souvenir vom amerikanischen Präsidenten handeln könnte. Sie weiss es nicht so genau. Überhaupt – Ma, Wade und Deon haben viele spannende Abenteuergeschichten auf Lager. Auch überlassen sie mir die Werkstatt um den Service zu machen und die Reifen zu wechseln. Das Essen kochen wir nicht mehr selber. Wir gehen einfach zur Hauptstrasse zu den vielen kleinen Ständen und starten dort mit den Chipsy Maiai (Pommes Frites mit Omelette und Chili Sauce) und den Gummihähnchen. Dies wird uns noch Monate begleiten. Doch wir wollen noch etwas Reserven zulegen. Denn für unsere nächsten Geschichten brauchen wir einen Plan B.

Denn als Nächstes reisen weiter zum Lake Eyasi. Zu den letzten echten Buschmännern Tansanias. Den Hadzabes. Da zählen Jagderfolge zum Überleben. Und wenn Oli nicht mehr Talent als beim Fischen beweist, na dann wird dies wohl eine echte Bodyshape Kur.

Oh, das Essen kommt. Sorry, wir kämpfen ab sofort um jedes Pommes Frites auf dem Teller. En Guata. Alles Weitere im nächsten Blogbreicht.

Bis dann – immer ganz schön den Teller leer essen!