Vom Regen in die Traufe


Benebelter Geisteszustand. Dunst. Schleier. Explosionen im Kopf.
Nein, nein, keine Angst ich bin nicht auf Shasha (Cannabis aus Shashamane) oder habe zuviel Blätter des hiesigen Kathstrauchs (Umgangsdroge gen. Chad) gekaut. Eher wäre ich aktuell froh diese Drogen zu haben um zu entspannen. Seit ein paar Tagen spinnt mein Körper. Hitzewallungen, Schlottern, ein mächtiger Druck im Kopf, kaum auf den Beinen sind Koordinationsprobleme da, dass ich immer wieder mal auf die Toilette renne (ok, das ist hier der falsche Ausdruck, eher: wandle), ist das kleinste Problem. Auch dass es in meinem kleinen Hotel in Konso kein fliessendes Wasser gibt und ich das Toilettenpapier selber organisieren muss. Heute Morgen habe ich im Busch Krankenhaus erfahren, dass ich an einer Typhus Erkrankung leide. Shit.

Gezahegn, der Adidas-Hosen tragende Chefarzt klärt mich aber auf. Nach Beschreibung der letzten Woche hat er eine Befürchtung: Die Krankheit ist in den Simien Mountains ausgebrochen und mit meiner Antibiotika Einnahme konnte ich das unterdrücken. „Vier Tage in Verbindung mit der Wurmkur und den Skabies, sind viel zu wenig lang. Die Bakterien konnten sich sammeln und haben hier wieder voll zugeschlagen. Deine Impfung schützt dich zwar zu 60% oder mildert den Krankheitsverlauf etwas ab, doch du bist definitiv an Typhus erkrankt.“ „Ich hätte den leckeren Salat einfach nicht essen dürfen…“ stammle ich. „Das ist schwierig zu sagen. Eine Berührung, das Trinken aus dem gleichen Glas, unvorsichtige Zubereitung des Essens, Begegnung mit bereits Erkrankten, unhygienische Verhältnisse in Camps, es ist nicht so einfach zu bestimmen“, erklärt er mir sachlich, während er ein neue Spritze auspackt. Ich versuche mich an solche Situationen zu erinnern…

 

Die wilde Fahrt in den Süden
Der tägliche Regenguss in Lalibela veranlasst mich eine Lösung für das nun verwaiste Seitenwagenboot zu suchen. Als „Souvenir“ bastelt mir Geta aus einem alten Bajaj Dach ein cooles Cover, dass das nun verstaute Material vor Regen schützt. Darauf zu sehen ist ein Bild vom berühmtesten äthiopischen Sänger Teddy Afro und dem König Tewodros dem II. von Gondar. Voller Stolz reise ich ab. Bis nach Dessie. Starkregen. Übernachtung im Hotel. Sauber. Essen = super. Die weiteren zwei Tage durch wunderschöne Landschaften folgen. Immer wieder Regen. Meine Stopps sind in grösseren Ortschaften. Die Hotels sind preisgünstig und total in Ordnung. Natürlich bin ich in jedem Ort etwas unterwegs und besuche kleine Cafes, Märkte, schwatze mit Leuten. Keine speziellen Vorkommnisse, was mich auch nur im Traum daran denken lassen würde, krank zu werden. In Addis verbringe ich zwei Tage wieder bei Wim’s und tausche mich mit anderen Reisenden aus. In der Zwischenzeit habe ich mit Corinne gesprochen und erfahren, dass es ihrem Vater etwas besser geht und die Ärzte denken, dass das Schlimmste überstanden ist. Es braucht Zeit, aber er kann sich erholen. Wir besprechen uns und entscheiden uns, dass es am besten wäre, wenn Corinne dann direkt in Nairobi wieder dazustösst. Sie wird vorher noch viele Dinge organisieren (Ersatzteile Motorrad, Zelt, Steuersachen, Wohnungsvermietung etc.), Freunde überraschen, Klettertrainings machen und vor allem Käse, Schokolade und Wein geniessen. Das hat sie sich auch verdient. So freue ich mich schon heute auf ihre Rückkehr. 1800 Kilometer und weitere Erlebnisse im Süden warten auf mich. Arba Minch ist das nächste Ziel.

Entlang der Berge mit Blick ins berühmte Rift Valleys cruise ich bei bestem Wetter nach Arba Minch. Die paar Regengüsse sind eine willkommene Abwechslung. Mit jedem Kilometer verwandelt sich die Landschaft. In Arba Minch herrscht schwüle Luft, rundherum dichte subtropische Bewaldung, vor mir zwei gewaltige Seen. „Ich bin in einem anderen Land“, geht es mir durch den Kopf. Kaum ist das Zelt im Garten des Bekele Mola Hotels aufgestellt, fängt es an zu regnen. Am Tag heiss, in der Nacht fallen heftige Niederschläge. Alles ist feucht und vermag am Tag kaum zu trocknen. Da ich fast der einzige Gast in der ganzen Anlage bin, kümmern sich die Angestellten herzlich um mich. Ich verzichte auf selber kochen und kann zu einem guten Preis endlich wieder Lammtibs (die Fastenzeit endete mit Ostern) geniessen. Und herrlichen Salat. Wieder einmal Vitamine. Habe ich mich hier angesteckt? Glaube ich nicht.

Kleine Episode am Rande: Dritter Tag hier. Durchnässt aufgewacht. Der Boden hat das Wasser nicht mehr aufgenommen und das hat irgendwie durchgedrückt. Scheint so. Darf nicht sein. Nachdem Corinne per Zufall am gleichen Tag bei Bächli Sport in Bern (dort wurde es gekauft) reklamiert, bekommt sie die läppische Antwort, dass das bei alten Zelten schon mal vorkommen könne. Alles normal. Wirklich? Ein einjähriges Zelt für fast tausend Franken? Doch keine Chance. Die Serviceabteilung müsse das Zelt sehen. Haha. Dies ist nun schon das dritte Mal nach unseren Schlafmatten, dass wir abgewimmelt werden. Ich schreibe eine freundliche Email an den Schweizer Hersteller Exped und schildere den Vorfall. Danach rufe ich beim zuständigen Produktverantwortlichen an. „Hör mal, ich würde es wirklich schätzen, wenn ich nicht weiterhin in den Badehosen schlafen müsste.“ Kommt es mir über die Lippen.
Scheint ein gutes Argument zu sein. Der Manager interessiert sich wirklich um mich. Unsere Website hat er schon besucht gehabt, um sich ein Bild zu machen. Als Traveller erfasst er auch die Situation und bietet sofort eine Lösung an. „Das darf nicht passieren. Kann es aber tatsächlich mal geben. Ich stelle Euch gerne ein neues Innenzelt zur Verfügung. Und es wäre toll, wenn wir in Zukunft eine Partnerschaft haben könnten. Euer Projekt ist echt cool!“. Drei Tage später hat Corinne das letzte ihrer Ersatzteile beisammen. Danke an das ganze Exped Team!

 

Dorze – Und noch eine Runde Löwenmilch!
„Oj, oj, oj, oj, joooooo“ – „Ooojooo“ und EX. Die fünfte Runde Areki, in der lokalen Sprache Lion Milk genannt ist im Magen angekommen. Dieser starke Schnaps aus Zwiebeln, Knoblauch, Weizen, Gerste, Mais und Hopfen ist etwas gewöhnungsbedürftig. Und er soll gesund sein, versichern mir meine einheimischen Saufbrüder. Da wusste ich noch nicht, dass ich krank bin. Oder gerade deswegen? Eher nicht. Das Zeugs tötet jedes Bakterium ab.

Auf Empfehlung meiner neuen äthiopischen Freunde Andrea und Hilena, mache ich einen Ausflug nach Dorze. Wenige dreissig Kilometer von Arba Minch entfernt, lebt auf 2500 Meter ein Volk mit einer total eigenen Kultur. Aus dem Stamm der falschen Bananenbäumen (die haben keine Früchte) stellen sie das bei uns als Superfood geltende Nahrungsmittel „Kocho“ her, der Honigwein soll in Strömen fliessen, die Männer sind sehr tüchtige Weber und stellen die schönsten Kleider in der Region her. Dazu kommt, dass sie alle sehr offene, herzliche Menschen sind, die in einer faszinierenden Natur leben. Klingt nach Abenteuer. Das mit dem Honigwein sowieso. In der Vergangenheit galt er als das Getränk des Königs. Einmal im Jahr hat er alle Menschen zum Palast eingeladen und die Menschen durften Honigwein geniessen. Heute leben die kleinen Könige überall im Land weiter;-)

Nach einer abenteuerlichen Fahrt auf nassen Pisten hoch bis nach Dorze, sitze ich nun in einer kleinen Hütte bei einer Familie und geniesse das Kocho mit Honigsauce und Chilli. Gemeinsam trinken wir alle eine Runde Areki. Eine Runde bedeutet, dass jeder mal mit den Trink-Kampfspruch aufsagt und die anderen mittrinken. Wir sind zu siebt. Und das reicht völlig aus um einen zerstreuten Kopf zu kriegen. Eine Stunde vorher durfte ich die Menschen kennenlernen, ihnen bei der Arbeit mit Schälen der falschen Bananenbäumen zusehen, Einblicke in die Webarbeiten gewinnen und allerhand Fragen zum Leben hier stellen. Bei einem lokalen Guide habe ich einen Tag und nach ganz vielen Runden Honigwein einen Besuch bei dieser Familie abgemacht. Sie machen dies hier als „lebendes Museum“, wobei zu sagen ist, dass die Familien ganz normal leben und man Einblicke gewinnen kann. Der Erlös geht aufgeteilt an die Familien und an die Gemeinde.
Das Kocho ist die Schälmasse, welche in einem Erdloch mit Bananenblättern zugedeckt wird, dort 4 Monate lang fermentiert und danach als faseriger Teig zerschnitten und zu Fladen verarbeitet wird. Auf einer Metallplatte wie eine Pizza gebacken, entsteht ein leckeres Fladenbrot. Aufgrund der schonenden Zubereitung sind viele Vitamine und Nahrungsfasern erhalten, welches das Lebensmittel zu einem kleinen Superstar macht. Das Kocho wird nur hier und traditionell von den Frauen hergestellt. Über Vermittler findet es auf den Märkten in den grösseren Städten Äthiopiens guten Absatz. Dafür bekommen sie Produkte wie z.B. Baumwolle, welche die Männer zu Kleidern, Decken und anderen Stoffen verarbeiten, diw dann wieder auf die Märkte gelangen. Es ist richtig toll zu erleben, wie sich die Menschen um ihr eigenes Wohl interessieren und voller Stolz darüber berichten.

Der Marktbesuch ist genauso spannend. Die Menschen scherzen, lassen mich immer wieder Fotos von ihnen machen und wollen mich hartnäckig zum Kauf von einem Kilo Zwiebeln überreden. Doch ich bleibe hart. Flüssige Zwiebeln sind mir lieber. Es ist fünf Uhr nachmittags. Die Marktfrauen sitzen alle auf der Wiese zusammen und gönnen sich das lokale Bier aus der Kallebasse. Die einen weil sie zufrieden mit dem Umsatz sind, andere weil sie zuwenig verkauft haben und sich zu trösten versuchen. So meine ich es in ihren Gesichtern zu lesen. Die Erfolgreichen wollen unbedingt das ich mich zu ihnen setze und tella (Loacal Bier) mit ihnen trinke. Friends forever. Nach drei Runden habe ich genug, besonders weil mir dieses Getreidegetränk nicht soooo wahnsinnig schmeckt.

Mein kleiner Engel auf der rechten Schulter spricht plötzlich mit mir: Oli!! Aus der gemeinsamen Kallebasse mit fünf Marktfrauen trinken…das schreit nach Warnstufe Rot! Doch der kleine Teufel auf der linken Schulterseite sitzend flüstert mir: „Komm schon. Daran stirbt man nicht. War doch toll, oder?“ Puhh, ich glaub ich bin betrunken…

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Und was jetzt?
Auch nach der Injektion durch den Chefarzt, Antibiotika- und Schmerzmitteln hämmert es im  Kopf. Der Körper schlottert. Die Typhus Bakterien wüten. Völlig entkräftet liege ich wieder in meinem Zimmerchen und versuche einfach zu schlafen. Unmöglich. Auch komme ich nicht drauf, wo ich mich denn nun wirklich angesteckt haben könnte. Es spielt auch keine Rolle mehr. Plötzlich hämmert es gegen die Türe. „Oliver, Oliver. Ich bin es, Shibeshi“. Zitternd öffne ich die Türe und erinnere mich sofort wieder an den sympathischen Einheimischen, mit dem ich am ersten Abend auf ein Bier aus war. „Ich habe dein Motorrad gesehen und die Rezeption gefragt, warum du noch hier bist. Du siehst schrecklich aus. Und: du musst mehr essen. Komm mit!“ Und so guckt er jeden Tag nach mir. Manchmal am Morgen, manchmal nach der Arbeit am Abend. Einfach so. Ich bin echt gerührt, so einen tollen Freund hier zu haben. Danke Shibeshi!

Schon zehn Tage hier in Konso. Mit Corinne habe ich das Wiedersehen um zwei Wochen verschoben. Denn wer weiss, wie lange das hier noch geht. Am Tag fünf nach dem Start der Antibiotikas geht’s endlich aufwärts. Das Wetter spiegelt meinen Gesundheitszustand. Die letzten Tage haben mächtige Gewitter und Regenfälle die Stadt Konso in eine braune Masse verwandelt. An Motorradfahren wäre eh nicht zu denken gewesen. Nun trocknet es ab, die Sonne zeigt sich am Tag und die Welt sieht wieder besser aus. Auch wenn ich nicht allzu viel in der Konso Gegend gesehen habe, ist es ein guter Zeitpunkt um weiterzuziehen.

 

Endzeitstimmung in Moyale
Noch fünf Tage und dann sind die Slowriders wieder vereint.
Eigentlich war es mein Traum, mit dem Habash in die Turkana Region zu reisen, die Hamer Stämme zu besuchen und dann durch die wilde Gegend östlich entlang dem grössten „Wüstensees“ Afrikas nach Nairobi zu reisen. Darauf muss ich nun endgültig verzichten. Einerseits wäre es schon in der Trockenzeit ein Hochrisiko Projekt mit dem Habash durch das Gebiet zu fahren (viele Sandpassagen, Überquerung von Trockenflüssen, kein Treibstoff, Hitze, etc.), geschweige denn in der vorherrschenden Regenzeit und andererseits ist es zeitlich einfach nicht möglich. So entscheide ich mich von Konso direkt über Yabello nach Moyale an die Grenze zwischen Äthiopien und Kenia zu fahren.

„Halt oder sie schiessen!“
„Wer?“
„Die Somalis und die Oromos“
„Warum?“
„Weil sie sich bekriegen. Die Strasse ist die Grenze. Müssen sie so viel fragen?“
„Ja.“
„Warum?“
„Weil ich da durch muss. Ich muss in ein paar Tagen meine Frau in Nairobi am Flughafen abholen.“
„Warum?“
„Weil sie zum Team gehört.“
„Was für ein Team?“
„The Slowriders.“
„Nie davon gehört…“

Wäre es nicht so ernst, würde ich mich über die Konversation freuen. Doch die vielen Soldaten um mich herum und das gerade losgetretene Geballere, tragen nicht zu einem Hurra-Gefühl bei. Ich bin ein paar Kilometer vor Moyale angekommen. Der Offizier erklärt mir sachlich, dass es in den letzten Tagen immer wieder Gefechte in und um Moyale zwischen den beiden Gruppen gegeben hat. Tote, viele Verletzte. Sie würden die Gruppen verfolgen und verhaften. Und sich natürlich auch wehren; sprich Rebellen werden bei Auflehnung auch erschossen. Das sei schon seit vielen Jahren ein grosses Problem. Ich müsse mich etwas gedulden. Nach einer Stunde werde ich an die Barriere gepfiffen. „Siehst du den Hügel da vorne. Den musst Du passieren und dann kommst Du in die Stadt. Beeile Dich und gehe direkt in das Hotel. Kein Anhalten, kein Kontakt in der Stadt. Go.“
Ganz ehrlich: Das ist schon ein spezielles Gefühl. Da fährst DU ganz alleine auf eine Kilometer langen Gerade, links und rechts schwer bewaffnete Soldaten, versteckt hinter Häusern, auf Dächern, in Gräben. Und dahinter siehst Du Leute rennen. Auf beiden Seiten. Und du ganz alleine mit schlappen 50Km/h (es geht aufwärts) schnurstracks unterwegs. Fragende Blicke aus den Schützengräben: Was genau ist das denn? Was macht er da?  Eine Szene aus dem Endzeitfilm The Road geht mir durch den Kopf. Episch.

Ich halte mich auch in der Stadt an die Anweisungen. Das Hotel entschuldigt sich mehrere Male für die Unannehmlichkeiten. Klingt, so als wäre es ein kleiner Rohrbruch, kommt es bei mir an. Doch als sie erzählen, dass gestern auf der Strasse, unweit vor dem Hotel, Leute erschossen haben, begreife auch ich den Ernst der Lage.
Vom Regen in die Traufe.