Congo DRC – das Paradies auf Erden?


DRC. Drei Buchstaben elektrisieren jeden Afrika Reisenden. Die, die schon mal dort waren, schwärmen von der Herzlichkeit der Menschen, sie erzählen dir das Positive eines zerrütteten Staates. Die, die nicht dort waren, winken ab, warnen Dich und erzählen Geschichten aus den News, Hollywood Filmen und eigenen Horrorvorstellungen. Das Verrückte daran: Beide liegen richtig. Weshalb sollte man ja auch ein Land bereisen, das seit dutzenden von Jahren von Bürgerkrieg gebeutelt wird, in dem Millionen Menschen abgeschlachtet wurden ohne das die Menschheit Notiz davon nimmt, ein Land deren Präsident und seine Konsorte alles was sie an Schätzen finden zusammenraffen und den Reichtum illegal auf ihre Seite schaffen. Ein Land, in dem Politiker nichts unternehmen, wenn sie von Nachbarn und deren westlichen Verbündeten geplündert werden und die Kriege schüren und die Präsidenten gleichzeitig Kumpels sind. Ein Land, in dem in dem Rebellen, bezahlt von der eigenen Regierung und Nachbar Staaten, die Menschen terrorisieren, vergewaltigen und Frau und Kinder abschlachten. Hollywood Filme und Dokus dazu gibt es mehr als genügend. Doch keiner zeigt auch nur ansatzweise den wahren Schrecken auf, das dieses Land in den letzten 30 Jahren erlebt hat. Ach was, seit Leopold II. Seit die Belgier diese Perle in der Zentralafrika zu ihrem Untertan gemacht haben. Und aus dem sie sich nie mehr erholt haben. Es ist der Spielball Afrikas, bei dem das Land selber gar nicht mitspielt, sondern deren Coaches für das Wegschauen bezahlt werden. Es ist das rohstoffreichste Land der Welt. Und gleichzeitig einer der letzten Länder, deren Natur die grösste Schätze der Welt darstellen. Es ist die grüne Lunge unserer Erde. DRC – Demokratische Republik Kongo. Unser nächstes Ziel.

 

Die nicht ganz einfache Art dorthin zu kommen.
Seit drei Tagen reisen wir auf einer für uns ungewohnten Strasse. Keine Schlaglöcher. Kein Abfall. Fussgängerstreifen in den Dörfern. Wir sind auf der Durchfahrt durch Ruanda. Alles dem riesigen Lake Kivu entlang. Nach unserem Abenteuer in den Ruwenzori Bergen, sind haben wir weitere Teile Ugandas bereist. Auf holpriger Strasse ging es durch den Queen Elizabeth Park, Camping am Ntunge River bei Ishasha im Südwesten Ugandas. Die einzigen Tiere die wir gesehen und aus nächster Nähe erleben durften, waren tausende Mosquitos. Die Fahrt durch die mächtigen Wälder um Bwindi sind wunderschön, unsere Tage am Lake Bunyony ziemlich regnerisch. Doch das Treffen jedoch mit unseren anderen Schweizer Reisefreunden Werni, Silvana und ihrem Sohn Michi war echt cool. Danach sind wir mit einem Zwischenhalt in Kisoro (es regnete wie aus Kübeln) die Strecke Richtung Kidaho und Ruhengeri nach Ruanda gefahren. Was waren wir gespannt auf die überall empfohlenen super Strassen. Die ersten drei Kilometer nach der Grenze war alles wie gehabt. Guter Asphalt, Menschen links und rechts die winken und uns begrüssen. Doch nach und nach merkten wir , dass es keinen Abfall am Strassenrand hat, die weissen Linien auf der Strasse leuchtend gut sichtbar sind, ja in Ruhengeri gibt es sogar Trottoirs für die Fussgänger. Und man glaubt es kaum: Zebrastreifen. Ziemlich schnell gewöhnen wir uns daran. Das einzig Komische ist, dass wir wieder auf der rechten Seite der Strasse fahren müssen. Fühlt sich irgendwie falsch an. Wir sind wohl schon zu lange in Ostafrika. Unser Ziel ist die DRC. Wir haben ein Visum für 14 Tage bekommen. Für den Besuch des Kahuzi-Biéga NP mit seinen Grauer Gorillas. Und so kommt es, dass wir zügig in West Ruanda unterwegs sind. Kyseni am Lake Kivu ist ein Stopover. Wir reisen mit der Absicht, die Gorillas in einem wilden Umfeld zu erleben und danach per selbstgebautem Floss mit dem Habash darauf, den Kongofluss entlang zu schippern und in Kinshasa die Reise nach Angola fortzusetzen. Grosse Abenteuerpläne.

Doch die Geschichte ist etwas vielfältiger. Und komplexer.
Kongo live.

 

Wie es dazu kam, im Kongo Ferien zu machen
Kleiner Rückblick: Februar 2016 Chur, Schweiz
Auf unserer Vortragstournee „Lagerfeuer Geschichten aus Namibia“ gastieren wir in Oli’s Heimatstadt. Unter den Besuchern ist auch Oli’s Kunde mit Freunden. Margrit gehört dazu. Vor und nach dem Vortrag schwärmt sie vom Kongo und Carlos Schuler, dem bekanntesten Gorillaschützer in Afrika. Er sei auch Schweizer und vor 30 Jahren als Reisender im Kongo gelandet. Sein Buch „Leben und Überleben im Kongo“ sei eines der spannendsten Bücher für eine Reise dorthin. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir zwar den Plan für die aktuelle Reise, jedoch noch keinen Plan. Wir haben dies in unser Ideenbuch geschrieben und noch nichts weiter dabei gedacht. 10 Monate später kurz vor Weihnachten erhält Oli eine Paketsendung. Ein Geschenk. Verblüfft und sich fragend von wem das wohl sein könnte, reisst er die Geschenkpackung auf: Ein Buch. Genau. Das von Carlos. Margrit schreibt nette Zeilen dazu und ermuntert uns, sofern wir unser Projekt starten würden, mit Carlos Kontakt aufzunehmen. So fangen wohl die besten Geschichten an…mit einem russischen Seitenwagen aus der Schweiz auf einen Besuch in die DRC fahren…verrückt, oder?

Die Lektüre hat es in sich. Kaum die ersten Kapitel reingezogen, noch nicht bei den schockierenden Geschichten und Szenen aus dem läuft es mir kalt den Rücken herunter. Plötzlich habe ich das Gefühl, diesen Menschen doch kennen zu müssen…oder uns etwas stark verbindet? Carlos beschreibt seinen Start im Kongo und dass er immer wieder im Winter in die Schweiz zum Arbeiten gekommen ist. Als Eismeister und Skilehrer. In Arosa. Seine besten Freunde sind die legendären Eishockeyspieler Guido und Blitz Lindemann, Benni Neiniger, Reto Dekumbis, Heini Staub und wie sie alle heissen. Ja genau, die Spieler mit denen ich das Vergnügen hatte als junger Spieler ebenso in Arosa zu spielen. Am gleichen Ort an dem Carlos gearbeitet hat. Ich dachte ich würde die Eismeister kennen. Könnte es sein, dass ich da nicht genug aufmerksam war. Jedoch war es ja auch eine Zeit, in der meine Afrika Reisen noch nicht geboren waren. Doch ein solcher Zufall kann ja gar nicht sein. Es gibt doch keine Zufälle. Oder doch? Vielleicht Bestimmung?

Carlos Buch fasziniert mich. Authentische Überlieferungen einer Zeit, als der Kongo und vor allem der Osten von Intrigen, politischen Spielereien und grausame Kriegen erschüttert wurde. Carlos fokussiert dabei auf sein Leben mit seiner Familie und seiner Bestimmung zum Schutz der letzten Grauer Gorillas. Authentisch, faszinierend, fürchterlich, ehrlich schonungslos. Keine Polemik, sondern ein Tatsachenbericht von einer ganz wenigen weissen Menschen, die diese Zeit miterlebt haben. Ich kann mir das alles kaum vorstellen, soweit bin ich im Wattebausch der Schweiz aufgewachsen. Umso mehr wird der Kongo für uns eines der Ankerziele für unser grosses Abenteuer. Carlos und ich schreiben uns im 2017 die ersten Emails. Freundlich gibt er mir zur Antwort, dass wir herzlich willkommen sind. Unsere gemeinsamen Freunde verbinden uns natürlich sofort. Immer wieder mal tauschen wir uns aus. Uns hat dies viel bedeutet, wurden wir so immer wieder auf den neuesten Stand gebracht.

Mehr zum Buch hier: Carlos Schuler – Leben und Überleben im Kongo

 

Wir sind drin – Kongo DRC
Nun, nach vielen tausend Kilometern, unzähligen Ländern und vielen Habash Reparaturstunden stehen wir in Cyangugu in Ruanda am Zollschalter. Ausstempeln. Und dann die berühmte Brücke in den Kongo DRC überqueren. Eines der geschichtsträchtigsten und berühmt-berüchtigsten Ländern der Welt. „Next. Mister. Hello.“ Die Worte und der etwas lautere Ton reisst mich aus meinen Gedanken. Der Zollbeamte schaut mich prüfend an und fragt, ob ich wirklich da rüber will. In jedem Fall. „Ok. Next.“

Und schon wieder haben wir neue Freunde gefunden. Als ich mit den Pässen zum Motorrad zurückkehre, hat sich schon wieder eine kleine Traube um Corinne und Habash gebildet. Für die Menschen hier ist Habash nicht von dieser Welt. Die Menschen haben echte Freude, diskutieren um die zwei Zylinder, den Seitenwagenantrieb, das Benzinvolumen und vieles mehr. Wir haben immer so schnell Kontakt und die Menschen sind echt erfreut. Wir haben nie das Gefühl, dass sie von uns irgendetwas erwarten. Sie sind ehrlich neugierig und so kommen wir ständig ins Gespräch. „Ihr müsst keine Angst haben im Kongo. Die Menschen sind herzlich. Im Moment ist es gerade ruhig in Bukavu. Seid trotzdem immer vorsichtig. Korruption ist eigentlich das grösste Problem. Im Kongo ist alles möglich. Mit Geld“, stimmt uns ein Kongolese lachend ein. Wir starten unseren Feuerstuhl, tuckern über die Brücke und schlagartig erleben wir den Kongo. Der Asphalt hat auf der Ruanda Seite aufgehört…wir sind drin. 300 Meter weiter geht’s ums Einstempeln. 14 Tage Gastrecht in der DRC.
Herzlich werden wir von den Menschen am Strassenrand begrüsst. Shake Hands mit Offiziellen, Willkommens Selfies und Probesitzen von Polizisten auf dem Habash. Keiner fragt nach Geld. Auch nicht der Grenzbeamte als er uns einstempelt. Das überrascht uns. Alles läuft korrekt, inklusive dem Einstempeln des Carnet de Passage. Den Polizeichef darauf angesprochen, muss er herzlich lachen. „Wir sind nicht alle so. Das kommt sicher noch“, meint er mit einem Schmunzeln und treibt energisch die mindestens 40 Leute weg, die sich als Empfangskomitee um dem Habash gebildet haben. Freie (Offroad) Fahrt in die Millionen Stadt Bukavu.

 

Kleine Übersicht zur Demokratischen Republik Kongo
Aufgrund der Geschichte des Landes wird es als das schwarze Herz Afrikas bezeichnet. 77x grösser als ihr ehemalige Kolonialmacht Belgien; 55x grösser als die Schweiz; fast 7x grösser als Deutschland. 81 Millionen Einwohner ohne weitere Millionen illegale Flüchtlinge (ach ja, nur mal am Rande erwähnt: In der Flüchtlingsdiskussion in Europa vergisst man, dass innerhalb von Afrika eine x-fach grössere Flüchtlingsbewegung passieren. Wo doch viele polemisch behaupten, dass alle Afrikaner nach Europa kommen. Augen auf, liebe Leute. Doch das scheint nur die wenigsten zu interessieren.

Das Land gelangte im 1885 unter die Kolonialherrschaft von König Leopold II. Sie gilt als eine der grausamsten Kolonialführerschaften und dauerte bis 1908. Bis 1960 verwalteten die Belgier dieses riesige, rohfstoffreiche Land. Da wurde alles abgeschöpft, an andere Länder verkauft und den riesigen Kongo klein gehalten. Beim Abzug der Kolonialherren im 1960 hatten gerademal 3 Kongolesen einen Universitätsabschluss.

Der erste Präsident Joseph Kasavubu hatte die grosse Aufgabe dieses riesige Land in der ersten Phase der Unabhängigkeit zu führen. Immer wieder wechselte er seine Regierung aus. Sein radikaler Kurs gegen Oppositionelle war berüchtigt. Nach fünf Jahren wurde er von Mobuto Sese Seko abgesetzt.

Leider wurde es unter Mobuto bis 1997 nicht viel besser. Zwar wurde es zeitlich etwas ruhiger, doch auch nur weil der Diktator rigoros und brutal jegliche Aufstände und Opposition brutal niederschlug. Es war die erste Zeit ungeheuerlicher Korruption. Er sicherte sich, seiner Familie und seinen Getreuen alle Schätze, korrumpierte das Land und liess kritische Stimmen brutal zum Schweigen bringen. Sein ausschweifender Lebenstil und seine Regentschaft wurden von einem seiner Armeegeneräle Laurent Désiré Kabila beendet, als dieser sich 1996 an die Spitze putschte. Mit Ideen und Hoffnungen für dieses gebeutelte Land gestartet, schlitterte es in den sogenannten afrikanischen Weltkrieg. Hinter vorgehaltener Hand wird heute noch davon gesprochen, dass westliche Mächte viele politische Intrigen gesponnen haben und auch die Nachbarländer dazu angestiftet haben. Alles um sich ihre Rohstoffe zu sichern. Denn Kabila wollte eine neue Verteilung und war bereit mit dem Osten (China, Japan) nähere Beziehungen einzugehen. Auch war es sein öffentlicher Wunsch, dass sein Sohn Joseph niemals Präsident werden sollte, da er nicht die Intelligenz und die Autorität besitzen würde.

Zweieinhalb Jahre nach seiner Machtübernahme fiel er einem Attentat zum Opfer; resp. wurde er von seinem Leibwächter ermordet. Bis heute sind die Umstände und Hintergründe nicht vollständig geklärt. Sein unfähiger Sohn Joseph Kabila wurde als Präsident installiert und übernahm sofort die Macht. Die Kriege wurden mehr, der Kongo schlitterte immer tiefer in die Dunkelheit. Gewalt, illegale Ausbeutung, Millionen von kriminellen Flüchtlingen, mehr und mehr Rebellengruppen, die grausam Menschen berauben, vergewaltigen, ermorden. Millionen von Kongolesen werden in den zwei Kongokriegen von 1996 bis heute getötet. Die Zeit unter der Regentschaft von Joseph Kabila ist eines der dunkelsten Kapitel der Weltgeschichte. Und niemand nimmt Notiz davon. Das Staatswappen mit Friede, Gerechtigkeit und Arbeit als Symbole erscheint als ein Hohn.

 

Anmerkung: Ende 2018 wurden endlich die lange überfälligen Wahlen abgehalten. Joseph Kabila darf gemäss Verfassung nicht mehr antreten. Der bis zu diesem Zeitpunkt wenig bekannte Oppositionspolitiker Félix Tshisekedi wird als neuer Präsident gewählt. Im Parlament besitzt jedoch noch immer Kabilas Partei die Mehrheit. Jedoch besteht Hoffnung für das Land.

 

Mehr dazu: Der Kongo DRC und seine Geschichte

 

Nun habe auch ich mich aller negativen Attitüden bedient, um die Aufmerksamkeit auf dieses Land im Herzen Afrikas zu haschen. Doch der Kongo hat noch viel mehr zu bieten:

– Der grösste unberührte Regenwald Afrikas
– Den Kongo River mit einem faszinierenden Ökosystem und Leben entlang des Flusses
– Viele heute noch unentdeckten Pflanzen und Tierarten
– Das faszinierende Gebiet mit Vulkanen und den grossen Seen im Osten
– Die Legenden (oder ist es wahr) von Urzeittieren um den Lake Télé im Westen
– Die berühmten Monster- /Urzeitfische im Sangha River im Westen
– Mehr als 200 verschiedene Ethnien und unheimlichen Kulturschätzen
– Eine kaum zu überbietende Herzlichkeit und Offenheit der Menschen
– Menschen die gerne arbeiten und eine unschätzbare Cleverness besitzen
– Die Grauer Gorillas, die Kriege überlebt haben und nur im Kahuzi zu finden sind
– und vieles mehr

 

Bukavu – Willkommen im Paradies
Braungebrannt, mit seinem Skilehrer Lächeln an die Gorilla Wand gelehnt, heisst er uns in seiner Co-Co Lodge auf der bekannten Landzungen am Lake Kivu willkommen. „Da habt ihr Euch aber Zeit gelassen. Ich warte nun seit sechszehn Monaten. Eure coole Kiste hat es wohl nicht so eilig. Schön seid ihr hier. Willkommen im Paradies!“ Als würde man sich schon ewig kennen. Bei Pizza (mit Abstand die besten in ganz Afrika!!), kann Oli gar nicht mehr aufhören den Carlos auszufragen. Er nimmt‘s sportlich und spricht mich direkt darauf an: „Weisst du, als ich hier vor vielen, vielen Jahren angekommen bin, wollte ich auch gleich alles wissen. Hier gibt’s so viele Geschichten und Wissenswertes. Ich würde sagen peu à peu.“ Er bietet uns an, als Gäste bei ihm in der Lodge zu bleiben. Zum Glück zu einem Freundschaftspreis. Anders könnten wir dies mit unserem Budget nicht verkraften.

Aufgrund der stetig unsicheren Situation, versucht man das was noch geht, in sicheren Wert zu haben. Hier sind es US Dollars. Mitgebracht von der ungeheuerlich grossen Zahl UN-Soldaten, den hunderten Hilfsorganisation und Geschäftsleuten aus dem Ausland. Wenn möglich will man hier in Dollar bezahlt werde. Fahrer für die Organisationen, Verkäufer in Shops, Hotelbetreiber, Restaurants, etc. Denn die einheimischen Franc Congolaise kann man ja nun wirklich nicht als stabile Währung bezeichnen. Und das macht den Kongo richtig teuer. Im Supermarkt sind die Preise mindestens wie in der Schweiz. Für das einheimische Volk ist das kaum zu leisten. Umso mehr schätzen wir es, dass wir bei Carlos bleiben dürfen, denn einen Campingplatz gibt es hier natürlich nicht.

Carlos hilft uns mit unserer Idee, vielleicht doch länger im Kongo bleiben zu können und auf dem Kongo Fluss entlang zu schippern. Wir machen den Plan, die ersten 3 Tage in Bukavu zu bleiben, dann für 8 Tage in den Kahuzi-Biéga und den Gorillas zu gehen und dann bei einer Pizza in der Gorilla Bar definitive Entscheidungen zu treffen. Carlos stellt uns seinen Freund André vor. Mit ihm erkunden wir erstmals die Stadt zusammen.

Bukavu liegt am riesigen Kivu See. Umgeben ist sie von vielen Hügeln und vom 2194 Meter hohen Mbogue und dem 1800 Meter hohen Ruvumba. Die alten Kolonialhäusern versprühen noch immer Charme, auch wenn viele der Häuser nicht mehr renoviert wurden, genauso wie viele Strassen. Dazu kommt, dass die Stadt, verteilt auf viele Hügel, täglich wächst und wächst. Immer mehr Menschen strömen hierher in der Verzweiflung, Arbeit zu finden. Blickt man von erhöhter Stelle auf Bukavu, schimmert und blinkt die Stadt wie eine Disco Kugel. Die täglich neu entstehenden Blechhütten breiten sich immer weiter aus. Die Stadt ist auf 1.5-2 Mio. Einwohnern gewachsen. So genau weiss das niemand.

Leider ist das Fotografieren nur mit einem Permit für 250 Dollar erlaubt. Mit einer staatlichen Genehmigung. Und ob ich diese einfach so bekomme, konnte André nicht so genau klären. Wir verzichten darauf. André arbeitet bei der Polizei und kümmert sich um touristische Angelegenheiten, weshalb er beide Augen zudrückt, wenn heimlich aus dem Auto filmen. Oder auf der Strasse total verkrampft versuchen ein unauffälliges Foto zu machen.

In den nächsten Tagen erkunden wir alleine und zu Fuss die staubigen Strassen, überall Motorräder, Autos und Lastwagen. Wir staunen über die sauberen und neuen Landcruiser verschiedener Hilfsorganisationen, gewöhnen uns an die stetige Präsenz bewaffneter UN Soldaten, die hektisch fuchtelnden kongolesischen Polizisten mit ihren gelbbemalten Helmen, erleben viele herzliche Begegnungen auf dem Markt und in Strassencafés, feilschen in unserem holprigen Französisch um Bananenpreise und staunen über die verschiedenen Bäckereien mit echtem Brot (hey wir kennen das gar nicht mehr). Die Menschen erleben wir als sehr herzlich, offen, kontaktfreudig. Eine ganz andere Kultur, nicht mehr nur Busch wie in den letzten Monaten. Vielleicht macht auch ganz viel die französische Sprache aus. In den letzten Monaten konnten wir uns mit Englisch nicht immer verständigen, hier mit Französisch ist es ja schon fast ein Heimspiel. Naja, auch wenn in der 3. Liga. Doch wir freuen uns mit den Menschen sprechen zu können. Und doch sind wir immer ein bisschen angespannt. So viele Menschen, so viel Armut, so viel Ordonanzpräsenz. Stell die vor, du stehst mitten auf dem Marktplatz, tausende von Menschen um die Dich, stetige Bewegungen, viele Augen die den Weissen begutachten und alle Eindrücke werden mit deinen Erwartungen und Vorurteilen gemixt. Da musst du ganz schön cool oder abgebrüht sein, um relaxt zu bleiben.

Bei Bier und Spiesschen im lokalen Restaurant, klärt uns André darüber auf, dass wir durchaus ein Visum für 3 Monate erhalten könnten. Die Kosten weiss er noch nicht, wahrscheinlich unheimlich hoch. Wir entscheiden uns noch nicht. Wir wollen nochmals mit Carlos über die Möglichkeiten, Risiken und Realitäten für unser Projekt Kongo River sprechen.

 

Von zerstörten Träumen und hoffnungsvollen Lichtblicken
Jeden zweiten Tag erhalten wir eine WhatsApp von Jack, den wir in Fort Portal in Uganda kennengelernt haben. Er ist Koordinator bei der WHO für den aktuellen Ebola Ausbruch im Nord Kivu. Doch leider ist nun auch das südliche Gebiet in der Ituri Region betroffen, der Ausbruch weitet sich aus um die Knotenpunkt Stadt Beni. Es wird immer schlimmer. Hat er uns am Anfang noch mitgeteilt, welche Strecken wir bis nach Kisangani nehmen können und welche Dörfer wir dringend meiden sollten, sind die Nachrichten niederschmetternd. Nicht unter Kontrolle, heisst es. Und unsere allfällige Strecke würde uns mitten durch das Zentrum führen.

Carlos und André raten uns dringend ab. Die Rebellenbewegungen haben zugenommen, die Sicherheit kann unmöglich garantiert werden. Zudem finden in 3 Monaten die Wahlen für einen neuen Präsidenten statt. Zu diesem Zeitpunkt war der Kriegsverbrecher Bemba noch immer als Nachfolger Kabilas im Rennen. Keine gute Voraussetzung. Auch der Regen wird wohl im November kommen. Und wehe, wenn wir da irgendwo auf einer der Strassen oder auf einem Floss oder Boot sind. Zudem weist uns André darauf hin, dass es schlicht nicht mehr möglich ist, einfach ein Floss zu bauen und den Kongo runter zu fahren. Nicht einmal mit einem einheimischen Kapitän. Die Polizei würde uns rausnehmen und wir müssten selbstverständlich mehrere hundert Dollars Schmiergeld zahlen.

Abenteurer oder Hasardeur?
Ausgeträumt oder einfaches schlechtes Timing?

„Oliver, geniess die Zeit mit den Gorillas und den Rangern. Das sind die wahren Schätze hier“, ermuntert mich Carlos. Da ich immer das Gefühl habe, es gibt Wege um Ziele zu realisieren, fällt es mir im Moment nicht einfach, die Situation zu akzeptieren. „Schlaf drüber, morgen machen wir einen kleinen Ausflug und dann geht ihr für eine Woche in die Wildnis zu Chimanuka. Das Gorilla Erlebnis wird Euch alles andere vergessen lassen.“ Danke Carlos!

Carlos Frau Christina stösst zur unserer Besprechung dazu. Gestylt und in afrikanischer Kleidung. Wow. Viel haben wir schon von ihr gehört. Gemeinsam mit ihrer Freundin aus Amerika, hat sie erfolgreich das Projekt City of Joy und V-Day aufgebaut. Dabei begleiten sie Frauen, die Opfern von Vergewaltigungen und Kriegsverbrechen wurden, zurück ins Leben. Sie und ihr Team machen sie stark. So erfolgreich, dass Netflix eine Kinodoku gedreht hat. Christine muss in ein paar Minuten los und nach New York fliegen. Sie wird mit ihrem Team und tausenden von Menschen die Premiere von „City of Joy“ feiern. Die „Dokumentation des Jahres“ wirbt Netflix überall auf Plakaten und Lichtsäulen in den Städten Amerikas. Voller Stolz wird uns Carlos zwei Tage später die Fotos der Premiere aus dem fernen Amerika zeigen. Selfies von Christina mit Schauspielern, Teamfotos mit Produzenten. Mittendendrin eine hochgewachsene, farbig gekleidete und strahlende Frau aus Afrika. Bezaubernd. Für ein paar Minuten versetzen wir uns in eine andere Welt. Und dass dann wenige Tage später Christinas enger Freund und Arzt Denis Mukwege den Friedensnobelpreis erhält, ist eine Sensation. Es sind hoffnungsvolle Lichtblicke im schwarzen Herz Afrikas. Und die beste Bestätigung für die tägliche herausfordernde Arbeit in der DRC. Es macht mir richtig Freude, so schöne Themen aus dem Land zu berichten. Es sind Menschen die bewegen: Carlos, Christine, Denis und viele viele mehr. Herzliche Gratulation. Die Welt dankt Euch – ihr macht sie zu einem besseren Ort!

 

Unbedingt mehr dazu hier: city of joy congo

 

Hey Chimanuka – wir kommen!
Nach intensiven Tagen in Bukavu sind wir endlich soweit, in den Kahuzi Biéga NP zu reisen. Dieser 6000 km2 befindet sich nordwestlich von Bukavu und gilt als einer der wichtigsten Naturschätze des Landes. 10 Prozent Berggebiet mit den beiden grössten Erhebungen, den erloschenen Vulkanen Kahuzi (3308 m.ü.M. und Biéga (2790 m.ü.M). 90 Prozent des Parks gelten als Lowland, in welchem wieder Elefanten, Büffel, Leoparden etc. vorkommen. Gorillas, Schimpansen und hunderte von Vogelarten kommen im Berggebiet vor.

Der Nationalpark wurde 1970 von Christinas Vater Adrien Deschriver gegründet. Er war der erste Mensch, der menschlichen Kontakt zu den Gorillas hatte und Freundschaften zu Silberrücken schliessen konnte. Es war ihm möglich zwei Gruppen zu habituieren, was bedeutet, dass die Gorillas die Menschen in ihrer Umwelt tolerieren. Die durch den Film „Gorillas im Nebel“ bekannt gewordene Gorilla Forscherin Diane Fossey hat ebenfalls in ihren Anfängen mit Adrien Deschriver gemeinsam geforscht. Und es ist ebenso der Ort, an dem sich Carlos über zwanzig Jahre lang unter schwierigsten Herausforderungen dem Schutz der Gorilla verschrieben hat.

Carlos ist zwar nicht mehr im Dienst des Parks oder der Entwicklungsorganisation, dennoch hat er noch immer beste Beziehungen zu den Verantwortlichen. So informiert er den Chief Guide und den Leiter Tourismus, dass wir uns auf den Weg machen. Sie freuen sich auf unser Kommen. Unser Habash ist gesattelt, unter bestimmt achtzig Augenpaaren getankt worden, die Federn sind einen Tick weicher eingestellt und aus dem ATM haben wir genügend Dollars rausgelassen.

 

Das Abenteuer Kongo geht weiter.
Im nächsten Bericht.