Zauberwelt Kahuzi-Biéga DRC


„Im Unterschied zu den Berggorillas in Uganda oder Ruanda, haben die Grauer Gorillas ein anderes Familienverhalten. Während bei den Berggorillas drei bis vier Silberrücken in einer Gruppe vorkommen können, gibt es bei unseren Familien nur einen Silberrücken. Er ist der Leader mehrerer Weibchen und jungen Gorillas. Um als Oberhaupt akzeptiert zu sein, ist er verantwortlich, die besten Futterplätze zu kennen, die Gruppe vor Gefahren zu beschützen und natürlich seine Damen zufrieden zu stellen“. Juvenal muss selber schmunzeln, als er uns dies beim Briefing in der Ranger Station im Kahuzi-Biegà erklärt. Gorilla Boss sei kein einfacher Beruf, schiebt er mit seinem herzlichen Humor hinterher.

 

Mit unserem Seitenwagen sind wir frühmorgens in Bukavu losgefahren und haben doch ewigs gebraucht bis in den nur dreissig Kilometer entfernten Park. In Bukavu erhalten wir eine Eskorte von Berufs-Taxi-Motorradfahrern. Beim Stop zum Wasser kaufen, werden wir von vielen Menschen umschwärmt. Alle wollen einen Blick auf unser Gefährt haben. Das gleiche bei der Tankstelle. Bestimmt vierzig Menschen. Mittlerweile haben wir ein gutes Gefühl dafür entwickelt, so dass unsere Antennen anzeigen, ob es „bedrohlich“ werden könnte. Unsere Antennen stehen auf grün. Die Menschen sind vor allem neugierig. Und jedes Mal erzählt uns jemand dabei eine spannende Geschichte. Alle hören diesem Menschen dann zu. Wohlverstanden: sie erzählen, wir hören wie alle anderen gebannt zu. Und mindestens eine Person fühlt sich jeweils für unsere Sicherheit verantwortlich. Diese weist die Jungen jeweils zurecht, die sich erstmals die Satteltaschen genauer anschauen möchten. Und wir kommunizieren mit den sympathischen Menschen mit unserem vom schweizerischen Akzent bereicherten Französisch um die Wette. Die Fahrt am wunderschönen Lake Kivu entlang, lässt uns vergessen, dass wir vielleicht doch ein bisschen nervös sein sollten, da wir uns in einem der wohl am schwierigsten zu bereisenden Länder der Welt befinden. Wir geniessen jedes Schlagloch, das wir noch rechtzeitig umfahren können und freuen uns auf die bevorstehenden Tage im Kongo Urwald. Mittlerweile haben wir uns auch an die UN Fahrzeuge mit den schwerbewaffneten Soldaten aus Bangladesh, Marokko, Pakistan, Ägypten und wo sie sonst noch überall herkommen, gewöhnt. Wir grüssen und werden gegrüsst. Wieder einmal ein herrlicher Morgen.

 

Willkommen im Kahuzi-Biéga NP
Die letzten paar Kilometer geht’s von Miti dann Offroad hoch in die Berge. Mr. Juvenal, Mr. Lambert und Mrs. Gloria erwarten uns schon sehnlichst. Unsere Rennschnecke entlockt ihnen jedoch ein Lächeln und sie verstehen. „Wahnsinn, dass ihr es überhaupt bis in den Kongo geschafft habt. Respekt“, meint der Chefguide Mr. Lambert ehrfürchtig. „Herzlich Willkommen im Kahuzi – Biéga!“ Wir können es kaum erwarten und freuen uns unendlich, einen weiteren Reisetraum erleben zu dürfen: Der Besuch bei den Gorillas. Doch bevor wir zum Briefing empfangen werden, zeigt uns Mr. Juvenal unser Camp für die nächsten acht Tage, stellt uns verschiedene Ranger uns Scouts vor, lädt uns zum Kaffee ein und teilt uns zum Schluss Mathieu als persönlichen Betreuer und Guard zu. Mit ihm werden wir noch viele interessante Momente haben. Wir sind beeindruckt wie professionell und gut organisiert dieser Park ist. Eine spannende Szene ist, als wir die berühmten Scouts kennenlernen. Es sind Pygmäen, die früher Wilderer im Park waren und in einem erfolgreichen Projekt durch Carlos in die Gesellschaft integriert wurden und zu unverzichtbaren Scouts ausgebildet konnten. Die Wilderei konnte dadurch drastisch reduziert werden. Und gleichzeitig kann der Park auf gewaltiges Wissen zählen. Und sie sind wirklich kleine Menschen. Dafür umso herzlicher. Im ersten Moment ist dies schon ziemlich speziell. Wie verhalte ich mich zu einem Menschen, der 1.3 bis 1.5 Meter gross sind, ohne ihnen das Gefühl zu geben, von oben herab zu blicken? Ich setze mich einfach auf die Bank und gebe ihnen das Gefühl auf Augenhöhe zu sein. Jedoch merken wir schnell, dass sich diese Menschen solche Begegnungen gewöhnt sind und sie lassen sich nicht anmerken. Sie lächeln.

Mr. Juvenal ist für alle touristischen Belange im Nationalpark verantwortlich. Neben Französisch spricht er ebenso ein gutes Englisch (wie viele hier) und viele lokalen Sprachen. Er stellt uns ein spannendes Programm zusammen, um neben den Gorillas noch mehr im und um den Park kennenzulernen. Für uns eine riesige Chance. „Hier gibt es so viel zu sehen, zu erleben und kennenzulernen. Unser Land ist im wahrsten Sinne eine Goldgrube. Mit allen Vor- und Nachteilen.“ Wir sind beeindruckt mit welcher Ruhe und Gelassenheit er uns etwas zur Geschichte des Parks und den Menschen hier erklärt. Viele von ihnen, Juvenal inklusive, haben die schrecklichen Zeiten im Park erlebt, als sie jahrelang von Rebellen überfallen und Ranger sinnlos ermordet wurden, als sie gewilderte Gorillas tot aufgefunden hatten und um den Erhalt der Naturschätze gekämpft haben. „Es war eine grausame und harte Zeit. Doch wir haben zusammengehalten. Das schweisst uns noch heute zusammen. Wir haben Ranger und Scouts, die sich seit dreissig Jahren um den Erhalt der Gorillas kümmern. Es macht uns stolz, dass wir dies täglich schaffen und wohl auch einzigartig. Es ist nun seit einigen Jahren stabil und in der Zeit konnten wir touristische Angebote aufbauen.“ Juvenal klärt uns weiter über den Park, die Gorillas, deren Verhalten, den Ablauf der Besuch auf. Und dass es sogar erwünscht ist, dass wir Fotos und Videos machen. Ohne Permit selbstverständlich. Juhui.

Wir entscheiden uns den Besuch der Gorillas erst am nächsten Tag zu machen. Wir wollen die Vorfreude noch etwas geniessen. Im Gegensatz zu Besuchen in Ruanda und Uganda, besteht hier die Flexibilität den besten Zeitpunkt zu finden und nicht einfach einen Timeslot zu bekommen, der dann fix ist. Auch ist der Gorilla Besuch mit 400 USD & 100 USD fürs Visum um einiges günstiger. Für uns ist es nicht das Geld, sondern es ist die Chance eine unvergessliche Erfahrung off the beaten track vs. Massentourismus zu machen. Unser erster Eindruck hier bestätigt uns, das Richtige gewählt zu haben.

 

Auge in Auge mit King Kong
Langsam, ganz langsam bewege ich einen Zweig einer Liane zur Seite und erstarre. Vor mir sitzt Bonane. Ein Gigant. Auge in Auge mit einem der mächtigsten und stolzesten Tiere unseres Erdreichs. Seine Augen leuchten. Sie starren. Es fällt mir schwer, einen Gedanken zu fassen. Starr vor Respekt blicke diesem riesigen Menschenaffen in die Augen. Hypnotisiert von der schieren Naturkraft gehe ich in die Hocke und beobachte. Ausser dem Knacken der Äste und den Schmatzlauten des Gorillas ist es still um uns herum. Auch die Ranger verhalten sich respektvoll und geniessen den Moment. Diesen Moment werde ich nie mehr vergessen. Erst im Nachhinein ist es möglich zu verstehen was wir gerade erlebt haben. Und auch kaum in Worte zu fassen. Ich versuche es gar nicht weiter hier das Momentum zu beschreiben.

Frühmorgens hat Mr. Lambert als Chefguide wie jeden Tag die Scouts losgeschickt. Täglich suchen sie die habituierten Gorilla Gruppen um festzustellen, wie es ihnen geht und welcher Gemütslage sie sind. Wie wir Menschen haben auch sie verschiede Launen und geben den Scouts zum Ausdruck, ob sie einen Besuch zulassen. Scouts und Gorillas kennen sich oft schon viele Jahre und sie haben ein gegenseitiges Vertrauen aufgebaut. Und dennoch sind sie wilde Tiere. Es ist kein Zoo hier, sondern die grössten lebenden Menschenaffen sind fähig, Beziehungen zu unterhalten. Doch auch für die Scouts und Ranger gilt einen gesunden Abstand zu den Tieren zu wahren. Und so zeigen sie uns denn auch wie weit wir uns den Tieren nähern dürfen. Nachdem die Scouts die Tiere gefunden haben, meldeten sie dies an die Rangerstation und machten uns mit vier Rangern auf den Weg. Dabei waren wir zwei Stunden im dichten Dschungel unterwegs und sind dort auf die Scouts getroffen. Vor dem Besuch wurden wir nochmals instruiert. Die Kameras sind bereit. Der Herzschlag erreicht 125 und Körperspannung ist maximal. Es ist soweit. Noch verdecken uns die Zweige die Sicht.

Nach der ersten ehrfürchtigen Begegnung mit Bonane (er heisst so, weil an einem 31. Dez. geboren wurde), folgen wir dem Silberrücken mit Abstand durch den Bambuswald. Es zieht ihn zu seinen Damen, die wir kurzum entdecken. Sie sind um einige kleiner und eher scheu. Und dennoch: Nachdem wir minutenlang in der Hocke verharren, kommen sie hinter den Büschen hervor und ziehen gemächlich an uns vorbei. Eine der Damen verharrt vor uns, blickt zurück, tastet Corinne mit den Augen ab und zieht langsam zu nächsten Busch um zu futtern. Gänsehaut Momente.

Nach 5 Stunde sind wir wieder im Camp zurück. Doch noch immer ist es unglaublich schwierig, das gerade Erlebte einzuordnen. „Corinne, hast du gesehen wie der mich angeguckt hat. Als wären wir schon lange befreundet. Ich hatte das Gefühl, ich hätte ihn schon mal irgendwo getroffen.“ „Und erst die Damen. Du machst dem Bonane gleich Konkurrenz. Aber ich denke, Du hättest keine Chance gegen ihn. Der ist wohl zwei Meter gross und um an die 200 Kilogramm schwer. Da bist du mit deinen 105 Kilogramm ja direkt ein Leichtgewicht dagegen.“ „Naja, nicht gleich übertreiben. Ich bringe nicht mehr als hundert auf die Waage…“, findet Oli den Vergleich nicht so lustig. „Naja, aber dafür hast du auch fast so viele graue Haare.“ „Wo genau?“ Schweigen. Finde ich gar nicht lustig.

Gorillas kommunizieren tatsächlich mittels Klopfen auf die Brust und dem ausstossen furchterregende Laute. Dies Laute zusammen mit den riesigen Zähnen machen unglaublichen Eindruck. Es sind Mechanismen die zur Revier-Verteidigung und dem Schutz ihrer Familie dienen. Denn generell haben diese faszinierenden Tiere ein ruhiges Gemüt und sind sehr friedliebend. Und sie sind Veganer. Echte Hipsters.

Ihre Speisekarte besteht aus Blättern, Beeren, Wurzeln, Kräutern, Stängeln oder Bambussprossen. Was mir beim Schreiben gerade auffällt…die Essgewohnheiten der Tierveganer ähneln dem heutigen Homo Veganus. Jedoch soll nicht der Eindruck entstehen, dass die menschlichen Veganer kleine Gorillas wären…kleiner Spass am Rande. Und wenn schon, Gorillas sind cool. Ihre Futtersaison (die der Gorillas) besteht aus drei Perioden pro Jahr. Aktuell befinden wir uns in der trockensten Zeit, dies bedeutet, dass ihr Futter hauptsächlich aus Bambus und Wurzeln besteht. Und wenn sie Glück haben, finden sie ihre grössten Leckerbissen. Die Frucht des Myriantis Baums. Diese wird von Menschen und den Gorillas gleichermassen geliebt. Sie ist voller Vitamin C und für das Immunsystem Gold wert. Über diese Rockstars des Tierreichs gäbe es noch so viel zu erzählen…doch besser Du erfährst dies live vor Ort. Hol doch gleich mal einen Stift und trage dir den Besuch fett in deine persönliche Bucket List ein. Gorillas besuchen. Asap.

 

Die faszinierenden Tage mit den Rangern
Uns gefällt es hier. Täglich haben wir Austausch mit Rangern und Scouts.
Um in Bewegung zu bleiben, wandern wir mit drei Rangern auf den Vulkanberg Mt. Kahuzi. Durch den Regenwald geht’s auf 3300 Meter hoch. Immer wieder hören wir Kreischgeräusche und sehen Baumwipfel sich hin und her bewegen. „Wir haben hier viele Schimpansen. Diese sind jedoch total wild und leben in den höchsten Bäumen. Nur selten kann man sie sehen. Fast nie trifft man sie am Boden an“, klärt uns unser junger Guide auf, der einen topfitten Eindruck macht. Mittlerweile befinden wir uns im steilen Bambuswald. Zum Glück kann man sich an den dicken Bambusstängel festhalten und hochziehen. Unter hoher Anstrengung (Oli) schnaufen wir uns hoch. Bestimmt machen wir gerade 300 Höhenmeter in kürzester Zeit. Raus aus dem Wald kommen wir in eine Busch- und Grasvegetation mit vielen Blumen und Felsbrocken. Wüssten wir nicht, dass wir hier im Kongo wären, könnte es auch irgendwo in den Walliser Alpen sein. Der Himmel klärt auf und gibt den Blick auf unendliche Weiten frei und endlichen sehen wir auch den anderen Vulkanberg Mt. Biéga. Toll. Hier ist die pure Wildnis. „Das ist unsere zwei monatliche Beobachtungstour. Seht ihr da hinten diese Bergkette? Da patroullieren wir weiter und sind bis 7 Tage unterwegs. Das Essen haben wir im Rucksack und an bestimmten Punkten haben wir kleine überdachte Hütten zum Schlafen. Besonders wichtig sind die in der Regenzeit“, meint der ältere Ranger. Ich staune und kann mir kaum vorstellen, dass er diese Strecke schafft. Beim Hochgehen hat er mit mir im Takt gekeucht und sich hochgekämpft. Und ich würde die ganz Tour nur unter höchster Anstrengung schaffen. Und Corinne – wohl kein Problem für sie. „Wisst ihr, man darf uns Ranger nicht unterschätzen. Wir sind uns dies gewohnt“, meint er dann fast schon hellseherisch. Und schmunzelt. Wir sonnen, geniessen die Pause und die Ranger erzählen uns Geschichten. Wir hören gespannt zu und reisen in Gedanken durch den Kongo.

 

Die letzten Stunden von Albi, dem Suppenhuhn
Zwei Tage später sind unsere frischen Vorräte aufgebraucht, der Eiermann kommt heute nicht zur Station, die Begnés sind schon weg, wir brauchen etwas fürs Abendessen. Mit Mathieu begeben wir uns zu Fuss ins Dorf Miti. Unterwegs besuchen wir die kleinen Siedlungen und setzen uns mal hier und mal da zum Bananen Bier dazu. Die Menschen begrüssen uns herzlich. Natürlich kennt jeder Mathieu. Er und seine Familie leben schon seit Generationen hier. So bekommen wir die Chance, die Menschen, die Häuser, Gärten, Tiere und alles andere kennenzulernen. Und natürlich fragen sie alle nach Geld. Und sie lachen so unschuldig dazu. Doch genauso fröhlich nehmen sie ein Nein entgegen. Es tut dem Kennenlernen keinen Abbruch. Und sowieso hat es sich schon überall rumgesprochen, dass wir „les blancs“ mit dem komischen Motorrad sind. Unterwegs kommt die Idee, ein Huhn zum Nachtessen zu kaufen. Da es hier keine Kühlschränke gibt, fällt die Wahl auf ein lebendiges Huhn. Mathieu kennt da jemanden in einem anderen Dorf, der einen alten Hahn hat, den er loswerden will. Wir drücken ihm ein paar Francs Congolaise in die Hand und er verschwindet hinter dem nächsten Hügel. Zwanzig Minuten später kommt er rennend mit einem schneeweissen Flatterding unter dem Arm zurück. Ein stolzer Hahn. Wir taufen ihn spontan Albert. Und das im Wissen, dass für ihn die letzten zwei Stunden geschlagen haben. Doch vorher erlebt Albert seine Bucket List durch: Busfahren im Vollbesetzten Bus. Er gackert alle an und freut sich wohl. Es ist sein erstes Mal ohne in einem Käfig zu sitzen. Dann geht’s auf den Markt von Miti um Gemüse zu kaufen. Albi immer schön unter dem Arm. Die Offroad Rückfahrt auf dem Taxi-Motorrad zurück in Camp, geniesst er ebenfalls. Ehrlicherweise haben wir ihn schon liebgewonnen. Die Ranger begrüssen uns zurück und finden wir hätten einen wunderschönen Hahn gekauft. Als Corinne ihnen zu erklären versucht, dass wir den ja essen wollen und nicht zum Züchten gekauft haben, lachen sie lauthals. Langer Rede kurzer Sinn: Es geht nun ums Ganze. Einen Moment denkt Corinne daran, den Hahn laufen zu lassen, doch Mathieu ist schneller und schwupps, zappelt das arme Dinge kopflos im Kessel herum. Mit heissem Wasser machen wir die Federn ab, bereiten uns zuerst mal die Vorspeise mit Magen, Darm, Füsse, Kopf und Herz zu. Etwas würzen – schmeckt!
Mathieu zeigt uns die Tricks mit den Kochbananen, Corinne zaubert einen herrlichen Salat und Oli schneidet die Mangos. Wir feiern das Leben mit Albi dem Gummihuhn, Kochbananen und frischen Mangostreifen. La vite e bella.

 

Nochmals eintauchen in die Zauberwelt der Gorillas
Wir sind schon 5 Tage im Camp und wollen gar nicht mehr weg. Uns gefällt es hier so gut. Die Natur, die Menschen und ihre Geschichten, ach man könnte Bücher schreiben. Oder Bloggeschichten. Mr. Juvenal lädt uns ein, für einen speziellen Freundschaftspreis nochmals die Gorillas zu besuchen. Sie möchten uns unbedingt den unbestrittenen Clanchef aller Silberrücken präsentieren. Chimanuka. Während der Kongo Kriege und der grausamsten Wilderer Zeit zwischen 1996 bis 2003 wurden über die Hälfte aller Gorillas abgeschlachtet. Chimanuka ist einer der Überlebenden. Doch er war über zehn Jahre verschwunden. Die Ranger glaubten, er sei ebenso unter den Opfern. Doch plötzlich taucht er mit einer Familie wieder auf. Er wird auf 35 Jahre geschätzt. Es ist ganz klar der Chef unter den hiesigen Gorillas. Auch ist er der Vater von Bonane und vielen weiteren anderen Gorillas wie Bonjour oder Karuibu.

„Kommt, es geht los. Kamerabatterien geladen? Regenzeugs dabei?“ fragt uns Mr. Lambert. „Es ist doch stahlblauer Himmel!“ meint Oli. Schmunzeln bei den Rangern. Durch Sumpflandschaften watend, über Grasflächen hüpfend und dichten Urwald kämpfend, freuen wir uns auf die Begegnung mit Chimanuka. Vorsichtig führen uns die Scouts an mannshohen Gräsern entlang. Absolute Stille. Schmatzen. Vorsichtig um die Grashecke gespäht, sitzt da ein riesiger Silberrücken und geniesst die Wurzeln. Bonane ist ja schon mächtig, aber Chimanuka ist eine ganz andere Liga. Ein Riese. Wunderschön. Er entdeckt uns, lässt sich aber nichts anmerken. Plötzlich brüllt er, rennt an uns im Abstand von einem Meter vorbei und setzt sich vier Meter weiter weg wieder hin. Weiterfressen. Und uns ist das Herz gleich mal in die Hosen gerutscht. Schweisstropfen laufen die Stirn herunter. Und das liegt nicht an der Feuchtigkeit. Chimanuka hat gleich mal klar gemacht, wer der Chef ist. Alles klar.

Wir bewegen uns in den Wald und entdecken dort seine Familie. Junge Männchen von acht bis neun Jahre. Zukünftige Silberrücken. Wir sind mucksmäuschenstill. Oli setzt sich auf den Boden, die Kamera im Anschlag. Bonjour und Karibu kommen auf uns zu, machen faxen, Abstand drei Meter, sie legen sich auch auf den Boden, beobachten. Pure Neugier. Uns ist bewusst, dass wir einen Mindestabstand von 7 Meter haben sollten. Doch wir können ja gar nicht mehr weg, denn die Gorillas sind zu uns gekommen, ja sie halten uns allein mit ihren Blicken gefangen. Jetzt aufzustehen und wegzugehen, könnte unkontrollierte Reaktionen bei den Gorillas auslösen. Besser liegenbleiben und positive Gedanken aussenden. Es wirkt. Fotografieren ist gar nicht so einfach. Denn bei diesem intensiven Augenkontakt nun die Kamera hochzunehmen, könnte die ganze atmosphärische Verbindung zerstören. Doch nach einigen Minuten mache ich es dennoch. Dabei freue ich mich, dass dies ok ist. Ich meine zu verstehen oder zu spüren (das klingt bestimmt unglaublich esoterisch…). Es ist die Verbindung zwischen mir und Karibu. Meine Kamera tut unserer Beziehung keinen Abbruch. Er wirft sich sogar extra noch in Pose. Naja, wahrscheinlich geht gerade die Wahrnehmung mit mir durch. Die Begegnung ist so intensiv. Ich glaube ich verliere den Verstand. Mr. Lambert schleicht sich leise dazu und gibt mir das Zeichen auf Rückzug. Wir wollen die Gorillas nicht zu stark an Menschen und Touristen gewöhnen. Man könnte wohl stundenlang hier sitzen und ihnen zuschauen. Und es fängt an zu regnen. Klar. Genau jetzt.

Und so erleben wir denn auch gleich richtigen Kongo Regen. Alle haben die Pellerinen dabei. Corinne ihre Regenjacke. Oli sein rotes 100% Cotton T-Shirt. Durch die Sumpflandschaft können wir nicht zurück. In kürzester Zeit steht alles unter Wasser. Die Scouts hacken Bäume um eine Brücke zu errichten. Knietief durch Graslandschaften geht es auf die nächste Waldzone zu. Kriechend bewegen wir uns durch das Dickicht. Nach zwei Stunden kommen wir zur Strasse. Die Station bekommt unseren Funkspruch und schickt einen Pickup. Oli bekommt gleich auch den Logenplatz auf der Ladefläche. Corinne als Frau den trockenen Platz im Auto. Immer wieder schlägt Oli auf das Dach, damit sie langsamer fahren, denn der Regen trifft mit voller Wucht auf ihn. Und das fühlt sich an wie Nadelstiche. Die Tropfen sind riesig. Die Strasse hat sich in eine einzige rote Masse verwandelt. Zum Glück ist der Fahrer erfahren und schlingert kontrolliert die Buschstrasse zurück zur Station. Nicht vorzustellen, wenn wir mit dem Habash hier Richtung Kongofluss unterwegs wären. Noch selten haben wir so enorme Wassermassen in so kurzer Zeit erlebt. Hallelujah!

 

Freunde fürs Leben
Nach acht wunderbaren, ereignisreichen Tagen verabschieden wir uns bei den Rangern und Scouts. Wir sind unendlich dankbar für diese einmalige Zeit im Dschungel. Während wir hier waren haben wir so eine intensive und herzliche Zeit erlebt, dass wir keine Sekunde an unser gescheitertes Kongofluss Projekt gedacht haben. Die Kongolesen sind einfach grossartige Menschen mit einem riesigen Herz, einer ehrlichen Offenheit und einem gesunden Humor.

Zurück in Bukavu sitzen wir mit Carlos zusammen bei Pizza und Bier in der Gorilla Bar. Alle drei haben leuchtende Augen. Am liebsten würden wir alles erzählen was wir erlebt haben und wie toll das alles ist. Doch wir sitzen einfach alle mit einem breiten Grinsen da. Carlos mit seinem Skilehrer Lächeln: „Ich hab es Euch ja schon am Anfang gesagt. Willkommen im Paradies.“
Endlich haben auch wir verstanden.

 

Für deine Bucket List:  https://www.kahuzibieganationalpark.com/

 

Und wenn Du mehr dazu wissen möchtest, kannst Du uns gerne nachfragen:
o.beccarelli@bluewin.ch