Abenteuerwelten in Südafrika’s West Kap


Ein goldener Schimmer überzieht die dunklen Steine. Kilometerweise ist in jede Richtung blickend, nichts anderes zu sehen, als diese abgeschliffenen, matt schimmernden Steine auf sandigem Boden. Am Horizont ist eine Shillouette mit den Masten eines Segelschiffes zu sehen. Die ersten Sterne leuchten am Himmel, der von einem Tiefblau in ein leuchtendes Violett übergeht. Wir stehen mitten in der Tankwa Wüste. Gerade erklärt uns Chris das vor uns stehende Kunstwerk eine Tür mit Rahmen. Mitten im Nirgendwo. „Immer wieder kommen Künstler aus aller Welt hierher. In ihren Visionen oder Vorstellungen treibt sie etwas ganz Spezielles an. Hier, mitten in der kleinen Karoo Wüste sich zu verwirklichen. Vor euch steht der Eingang zum Wohnzimmer der Wüstenfüchse. Oder so ähnlich. Ehrlich gesagt, weiss ich nicht genau, was der Künstler wirklich damit sagen will, doch das Wohnzimmer der Wüstenfüchse tönt cool, oder?“ Wir sind in Tankwa gelandet. Am Ort des legendären Afrika Burn Festivals. Am Ort, an dem sich die Welt der Inspiration, der Visionen und der Verrückten befindet. Hier sind alle Sorgen der Welt weit weg Ein Ort, an dem die Geister der Wüste Antworten auf unbeantwortete Fragen dieser Welt offenbaren. Die Sonne ist unten, die Sterne schimmern, der Wüstenfuchs (Schakal) fängt an zu heulen. Wir haben ihn um die richtigen Lottozahlen gefragt, doch heute beantwortet er keine weltlichen Fragen. Er singt für eine bessere Welt.

 

Endlich wieder unterwegs.
Es ist ein verdammt gutes Gefühl mit einem intakten Fahrzeug unterwegs zu sein. Dabei hören wir den Motor kaum schnurren. Zugegeben, mit seinen zwei Dachzelten und dem Allerwelt Look von Touristenkarre, fehlt der Coolness Faktor schon ein wenig. Wir erscheinen nun als total durchschnittliche Feriengäste, die von Ort zu Ort fahren und das Campingleben geniessen. Und damit können wir im Moment gut leben. Wir verabschieden uns von den anderen Reisenden im African Overlander Camp mit dem üblichen Spruch von „Auf Wiedersehen. Bis irgendwann und irgendwo“. Oli quatscht mir gerade die Ohren voll mit seiner Drohne. Oder lieber doch GoPro 8 Kamera. Wir sind keine halbe Stunde unterwegs, da trifft er seinen Entscheid für die Drohne. Also, wieder zurück in die Tiger Valley Mall zu Outdoor Sportsman. Nach langem hin und her, Oli verhandelt den Preis, gibt der Verkäufer auf, holt seinen Chef, der telefoniert mit seinem Chef und irgendwann bekommt er dann seine Mavic Mini mit 50 USD Rabatt. Doch die Drohne braucht eine spezielle App auf dem Telefon. „Ja, ihr Telefon sollte damit problemlos funktionieren. Ist ja ein Tecno, oder? Hier steht im Internet, dass es geht.“ Der Chef des Ladens hat die Faxen wohl dicke und will Oli nur noch loswerden. Und da wir nun einen Kauf von über 100USD machen, bekomme ich gleich auch noch preisgünstige Flip Flops für 50% Rabatt. Schnäppchen.

Wenigstens etwas für mich. Bei einem Kaffeestop begutachten wir das neue Spielzeug und laden dann gleich auch noch diese App aufs Tecno-Phone. Und natürlich funktioniert die Drohne nicht. Das Telefon ist günstiger China Schrott, dass Oli im Busch von Uganda für 100 USD erstanden hat. Es hat nur 32 Bit, die Drohne benötigt ein Telefon mit 64 Bit. Nun muss auch noch ein Telefon her. „Puh, wir geben unser ganzes gespartes Geld für diesen Schrott aus“, denke ich. Zum Glück hilft Oli’s Vater, wie er es immer wieder macht. Das neue Smartphone wird auf einer Gebrauchtplattform gekauft, ebenso Zubehör zur Drohne und auch noch eine GoPro8 mit Zubehör. Das ist dann definitiv Weihnachten, Geburtstag und Ostern zusammen für die nächsten drei Jahre. Ein Bekannter wird dann alles nach Namibia bringen. Und da mein Telefon auch etwas lädiert ist und sich nicht mehr richtig auflädt, werde ich wohl den China Schrott bekommen. Hoffentlich funktioniert dort mindestens mein Lieblingsspiel „Cooking Fever“. So, damit hätten wir dies auch erledigt. Wir sind wieder auf Abenteuerfahrt.

 

Auf dem Weg nach Tankwa
Unsere Tour soll uns über Ceres Richtung Cederberge führen. Da es aber schon wieder spät nachmittags ist, peilen wir das uns von Sylvester Abend bekannte Weingut „BlackPearl“ in der Nähe von Paarl an. Ian erkennt uns wieder, freut sich und fragt wo denn die anderen Freunde sind. „Auf dem Weg“, antwortet Oli. Kurz vor der Ausfahrt nach Paarl haben wir Esther und Phillip eine Nachricht gesendet und scherzhaft geschrieben, dass wir wieder bei Jack Sparrow übernachten. Ein Smiley kommt zurück und der Text: „Kommen auch. Wollen aus der Stadt raus.“ Wir zelebrieren einen spontanen Abend mit einem herrlichen Nachtessen und einem Sonnenuntergang, bei dem der Tafelberg in Feuer aufzugehen scheint.

Die Fahrt über die Hügel um Ceres und die aufsteigenden Berge links und rechts ist eine Augenweide. Wenig Wildnis, viele bestellte Felder. Dennoch auf jedem Hügel blicken wir auf bunte Felder mit geometrisch angeordnete Linien der Wege. Es ist total relaxtes Reisen. Ohne Pannen. Mindestens das ist uns etwas unheimlich. „Op die Berg“ erscheint vor uns ein Schild. Gleichzeitig informiert uns das GPS, das wir nur noch wenige Kilometer zu fahren haben, bis wir unser Camp „Schoongezicht“ erreicht haben. Auf der Gästefarm angekommen, sind wir allein auf dem Camp. Die Farmerin führt uns zu einem speziellen Platz. Wunderbar an einem Bergrücken gelegen, ein eigener kleiner See zum Baden und gleich dahinter die Möglichkeit zum Wandern. So bleiben wir dann auch gleich drei Tage. Pure Erholung. Der Entscheid, nicht über die Cederberge, sondern auf einem kleinen Pad (Kleine Strasse) über die Berge in die kleine Karoo nach Tankwa zu reisen, zahlt sich aus. Die herrliche Karoo Landschaft ist eine Halbwüste mit viel Sand, vielen verschiedenen Gräser und Pflanzen sowie die Heimat der berühmten Karoo Schafe. Ihr Fleisch ist weitherum bekannt als das beste Braivleis. Die Farmer hier haben viel Platz. Die Schafe sind frei unterwegs und fressen die vielen Kräuter und Blumen. Das gibt dem Fleisch einen speziellen Geschmack, den man mit Schaffleisch von zu Hause nicht vergleichen kann. Darauf sind die Farmer hier besonders stolz. Mit geübtem Auge sieht man auch überall wilde Tiere. Eher die kleineren wie viele Mangusten Arten, Erdmännchen, Schakale, Kap Hasen und auch grosse Tiere wie die Oryx Antilopen, die sich bestens in wüstenähnlichen Gebieten zu Hause fühlen. Es ist ein ganz schönes Stück bis nach Tankwa zu fahren. Da wir vor allem so genannte „Backroads“ (kleine Pisten) fahren wollen, entschliessen wir uns für eine offiziell nur mit Bewilligung gestattete Strasse. Eine Fahrt durch verschiedenste Farmen. Da es sich um eine offizielle Strasse handelt, sind alle Gatter nur mit einfachen Ketten ohne Schloss gesichert. Und es sind viele davon. Der Beifahrer, in unserem Fall ist es die Beifahrerin, hat ordentlich Arbeit. Endlich in Tankwa.

 

Tankwa – Der Ort der Verrückten, Philosophen und Lebenskünstler
Dazu muss man sagen, dass dieser Ort in Südafrika eine magische Anziehungskraft für viele Menschen aus aller Welt hat. Denn hier ist das berühmte Afrika Burn. Es handelt sich um das Gegenstück des Burning Man Festivals in Arizona, USA. Dort treffen sich jedes Jahr über eine Million Menschen mitten in der Wüste, um einem philosophischen Feuerfestival mit viel Kunst und Tanz beizuwohnen. Das Burning Man gilt als das grösste Open Air Festival der Welt. Hier in der Tankwa Wüste ist es nicht die gleiche Dimension, doch treffen sich hier über 15´000 verrückte Menschen am Africa Burn Wochenende. Und es sind viele Leute darunter, wo der nächste Nachbar oftmals 15 Kilometer entfernt wohnt. Jeweils im April findet das Festival statt. Doch der Punkt auf der Landkarte (Ort ist es ja nicht) bietet das ganze Jahr über Camping an. Die Landschaft hat sich von einer Sand-/Graswüste in eine unendliche Steinwüste gewandelt. Wir sind mitten in der heissen Phase hier. Fünfzig Grad Lufttemperatur ab 11 Uhr morgens sind normal. Schatten und etwas Abkühlung bieten nur die Bar und der Aufenthaltsraum. „Ihr müsst unbedingt zum Sky Labyrinth“, meint Chris und denkt wir wollen mit dem Auto in die Wüste rausfahren. Pah, wir doch nicht. Corinne hat die glorreiche Idee mit geliehenen Fahrrädern die Wüste und deren Kunstwerke zu erkunden. Strampel, strampel. Seit fast drei Jahren sind drei motorisierte Räder das mindeste was uns bewegt hat. Mit klapprigen Drahteseln, meines hat eine Acht am hinteren Rad und der Lenker ist etwas lose, kämpfen wir bei 50 Grad die sandige Strasse entlang. Mein Keuchen hallt durch die Luft. Hier draussen ist es so still, ein Gefühl wie zu Hause, wenn man einen hohen Berg besteigt und das Gefühl bekommt, dem Himmel so nah zu sein. Kein Geräusch, nur ein dumpfer Druck auf den Ohren. Jeder Herzschlag ist zu hören. Unsere eineinhalb Liter Wasser sind schon auf dem Hinweg durch unsere durstigen Kehlen geflossen. Das Sky Labyrinth ist toll gebaut, die philosophische Ausrichtung haben wir nicht so ganz verstanden. Ist wohl einfach zu heiss. Das Hirn schützt sich gerade vor zu vielen Synapsen Verbindungen, die sonst wohl einen Hitzestau verursachen könnten. Chris nimmt uns gegen Abend jedoch mit dem Auto mit und wir fahren weitere Kunstwerke in der Wüste an: Der Schakal, die Musik der Wüste Installation, das Tor zur Welt des Wüstenfuchs und weitere. Das Piratenschiff, das Teufels Bike und der kaputte Windrotor erkunden wir zu Fuss.

Ebenso Eindruck macht uns ein Gespräch mit Gray. Ein Arbeiter aus Malawi, der seit vielen Jahren in Tankwa arbeitet. Er erzählt uns von seinen Träumen als unabhängiger Farmer in seinem Land. Drei Kühe konnte er mit seinem Ersparten schon kaufen. Seine drei Hühner haben soeben Nachwuchs bekommen. Während er hier arbeitet, kümmert sich seine Frau und die beiden Kinder um die Tiere. Sie leben noch auf dem Land ihres Onkels. Doch bald hat er genug Geld gespart, um bei der Regierung ein Stück Land für seine Existenz zu Hause zu kaufen. Ein bis zwei Hektaren Land kosten ihn um die 1500 USD. Und dann bekommt er das Land für die nächsten 99 Jahre als Pacht. Ob er damit leben könne, frage ich (Oli). „Auf jeden Fall. Meine Familie kann gut leben davon. Wir können Mais anbauen, einen Gemüsegarten anlegen, 6 Kühe halten, bekommen Eier von unseren Hühnern und werden auch ein paar Ziegen von meinem Onkel bekommen. Dann gehe mit unseren Produkten zum Markt und verdiene Geld. Das ist ein erstrebenswertes Leben. Ich muss nur noch weitere fünf Jahre hier arbeiten und hart sparen. Dann ist es soweit“ sagt er voller Stolz.

Mir wird einmal mehr bewusst, in was für einer privilegierten Welt wir gerade leben. Allein die neue Drohne und die neuen GoPro Kamera kosten schnell mal so viel wie sein ganzes Erspartes der letzten zehn Jahre. Oder eine gute Existenz für eine Familie in Malawi.

 

South Africa West Coast – Vom kleinen Missgeschick
„Mann O L I V E R. Warum hörst du nie auf mich. Da vorne steht ja 1.4 bar. Und du denkst wieder, ich der Abenteurer kann das schon. Du bist unglaublich.“ Corinne ist wütend. „Unglaublich was?“ „Unglaublich blöd. Mich kackt das langsam an. Wenn ich sage Stop, dann meine ich das so. Meinetwegen kannst du das Auto jetzt selber ausbuddeln. Ich habe genug von deinem überheblichem Getue. Ich mache gar nichts.“ Corinne ist richtig wütend. Unser Mietauto hat sich richtig schön eingegraben. Es ist 17:30, in einer Stunde ist es stockdunkel und wir sitzen irgendwo in einem Sandloch an der Westküste Südafrikas. Nach einem langen Tag und vielen tollen Tagen entlang der Küste mit Wildcampings, muss das Schicksal genau jetzt zuschlagen. Wo wir doch so schön im Flow waren.

Es stimmt ja schon, dass die Dame am Eingang zum Namaqua Nationalpark gesagt hat, es gebe zwei Stellen mit Tiefsand. Und der Ranger meinte, ich sollte dann mit dem Reifenluftdruck runter. Ja, und dann war da noch ein Typ, der gesagt hat, er fahre da locker mit 1.8 bar durch. Dass ich dann auch noch den PowerDrive Knopf gedrückt habe, war wohl auch nicht die beste Lösung. Auch wurde ich informiert, dass wir die einzigen Gäste sind und sie eine Ausnahme machen, weil wir so spät ankommen. Alles klar. Ich wollte einfach nicht hören oder besser, ich war einfach zu faul bei dem Schild auszusteigen und den Luftdruck runter zu lassen. Sind ja nur ein paar hundert Meter. Falsch, falsch, falsch. Ich gestehe mir selber zu, ein Idiot zu sein. Aber rumschreien nützt auch nicht viel. Jetzt sitzt sie da vor dem Auto und raucht. Anstatt zu buddeln. Das hilft auch nicht weiter. Corinne hatte gebuddelt und das Auto freigelegt und ich wollte nicht hören. Ich habe zu viel Gas gegeben. Die breiten Reifen mit dem groben Profil haben sich wie Schaufelbagger in den Sand gegraben. Nun sitzt das Fahrzeug mit seinem Unterbauch auf dem Sand. Blöd gelaufen. Mit beiden Armen ziehe ich den Sand unter dem Fahrzeug weg. Mit der Schaufel versuche ich verzweifelt das Differenzial freizubekommen. Einfacher gesagt als getan. Corinne hat sich nach zwei Zigaretten beruhigt und fängt auch an, den Sand unter dem Fahrzeug wegzuziehen. In der Zwischenzeit haben wir auch den Reifendruck auf 1.1 bar gesenkt.  Nächster Versuch mit Anfahren. Keine Chance. Wir stecken fest. Mit einem Mietfahrzeug ohne Sandbleche. Mittlerweile ist fast eine Stunde um und Dunkelheit umgibt uns. Leider ist gerade nicht Vollmond, so dass wir uns mit dem Scheinwerferlicht des Fahrzeugs begnügen müssen. Mir fällt ein, dass da ja noch ein Schild war. Und eine Absperrung mit grossen Steinen. So schleppe ich mehrmals die Steine und drei Holzpfähle die 80 Meter Sandpiste zum Fahrzeug und lege die Steine hinten und vorne die Pfähle wie Sandbleche unter die Reifen. Nach dem dritten Mal anfahren, macht die Kiste einen Sprung nach vorn. Geschafft. Mit sandigen Unterhosen und von Sandflöhen vollgebissenen Armen sind wir erleichtert und fahren ganz vorsichtig die zwei Kilometer zu unserem Camp. Im Dunkeln wird Pasta gekocht. Zur Feier des Tages trinken wir Drosty Hof Wein „Claret Selection“ aus dem Tetra Pack und schliessen wieder einmal Frieden miteinander.

Als am nächsten Tag der Ranger schon früh morgens aufkreuzt, machen wir auf Affen. Nichts Sehen; Nichts Hören; Nichts Sagen. Wir stellen uns doof. Das können wir ganz gut. Das ist ein Talent von uns. Doch selbstverständlich weiss er genau was Sache ist. „Wie ist denn euer Luftdruck heute?“ „Ich weiss nicht genau wie hoch, doch es wird keinen Regen geben“, meine äusserst kreative Antwort. Er lacht und fragt uns, ob er uns durch die Dünen begleiten soll. Nicht dass wir dann wieder die Hinweistafeln als Sandbleche und seine Steine als Unterlage benutzen würden. „Ach was, wir schaffen das. Kein Problem“. Er tippt sich mit dem Zeigefinger an seinen speckigen Hut, zeigt auf uns und steigt in seinen Wagen. Das Fenster gleitet runter und er wiederholt ganz freundlich: „1.2 Bar. Das ist vorher ein Schild. Einen schönen Tag noch.“

Alles geht gut. Es ist herrlich Corinne zu beobachten, während wir durch die Düne fahren. Als würde sie sieben Tode sterben. Die Atmung ganz flach, schnell und die Augen. Die Augen. So gross wie die eines Uhus. Immer wieder zieht sie die Augenlider hoch und dann wird ausgeatmet. Doch wir sind durch und geniessen die wilden Strände der Westküste im Namaqua Nationalpark Südafrikas.

 

Diamanten Sperrgebiet
Wahrscheinlich gibt keine andere Ressource um die sich abenteuerliche, verrückte und genauso traurige Geschichten handeln, wie Diamanten. Es ist das Stück der Begierde für Regierungen, Käufer aus aller Welt, eine stabile Ressource, mit der das Land aufgebaut werden kann wie z.B. Botswana. Aber genauso die Chance für korrupte Beamte, illegale Verkäufer und Käufer, Abenteurer mit viel Hoffnung auf etwas Glück und oft die beste Währung für Schurken und Mörder. Viele Geschichten ranken sich um die Kohlenstoffsteine, die seit Jahrhunderten die Kronen der Könige schmücken und der beste Beweis für Liebeserklärungen an eine Frau sein soll. Sofern man sich das natürlich leisten kann. Ein grosser Teil der Westküste Südafrikas und genauso in Namibia sind Diamanten Sperrgebiet. Es sind die Teile hunderte Kilometer nach Süden und Norden vom Orange River, der in Lesotho seinen Ursprung hat. Aus den Bergen des Königreichs sollen die kleinsten Diamanten entlang des Flusses getragen worden sein und an der Küste der beiden Länder am Strand und im Meer liegen. Seit vielen Jahrzenten wird dort danach gesucht und gefunden. Mittlerweile sind die Strände mehr oder weniger Diamantenfrei, der meiste Ertrag kommt von dem Suchen im Meer. Man nennt es Offshore Suche und dabei werden riesige Unterwasser Staubsauger benutzt, der Sand gefiltert und noch heute ansprechende Erträge generiert.

Natürlich ist es uns nicht erlaubt die paar hundert Kilometer nach dem Namaqua NP direkt an der Küste entlang zu fahren. Wir werden vom Wachposten zurückgepfiffen, als wir das versucht haben. Doch vier Diamanten Städte kann man besuchen: Hondeklip Bay, Kleinsee, Porth Nolloth und Alexander Bay. Von Einheimischen haben wir die Hinweise bekommen, dass noch heute der grösste illegale Diamantenhandel im Land in Kleinsee und Porth Nolloth stattfinden soll. Man solle sich dort in Acht nehmen. Es gebe auch viel Gesindel, das dort rumschwirrt. Gerade Hondeklip Bay und Kleinsee sind weit entfernte Orte in einer einsamen Gegend. Über hundert Kilometer führt eine staubige Piste von der TransNamib Hauptstrasse in die verlassene Gegend. Und dennoch wollen wir dorthin.

 

Zitterpartie Hondeklip Bay
Wie es denn auch sein soll, ist es neblig, als wir an der Hondeklip Bay ankommen. Der Ort besteht aus verschiedensten kleinen Häusern, einige davon haben sich dem Tourismus verschrieben. Dutzende von Wegweisern zu kleinen Hotels und Restaurants. Zumindest der Campingplatz besteht nicht mehr. Das Dorf macht einen gespenstischen Eindruck. Wir schauen uns die paar Menschen, die aus dem Nebel vor uns erscheinen, ganz genau an. Arbeiter oder illegale Händler? Keine Ahnung. Wahrscheinlich ist da ganz viel Mythos dabei. Wir steuern unser Fahrzeug an einen Strand, ein paar Kilometer ausserhalb des kleinen Städtchens. An die Küste bei einem alten Schiffswrack. Es ist ein Picnic Spot der Gemeinde. Überall sind Grillstellen vorhanden. Zeit für einen Spaziergang und ein paar Fotos. Es dämmert, der Nebel wird mehr. Plötzlich taucht ein Fahrzeug auf, hält ein paar Meter vor uns. Männer und Frauen steigen aus, inspizieren den Ort, laufen zu Wrack. Sie scheinen uns zu beobachten. Wir fühlen uns plötzlich unwohl. Warum sollte jemand bei Dunkelheit das Wrack besuchen. Warum rennen da fünf Leute rum, gucken die ganze Zeit zu uns rüber und fahren dann wieder weg?
Wir sind keine ängstlichen Leute und haben schon einiges an kuriosen Situationen erlebt. Doch es erscheint uns reichlich suspekt. Die schummrige Nebelstimmung trägt auch nicht gerade zu einem besseren Gefühl bei. Wenn ich etwas gelernt habe auf Reisen, dann ist es auf meinen Bauch zu hören. Nicht nur wenn es ums Essen geht. Da es schon spät ist, wir mit Heisshunger unser Essen fertig gekocht haben und das Dachzelt auch schon aufgestellt ist, entschliessen wir zu bleiben. Doch wir packen alle wertvollen Sachen wie Computer, die neue Drohne ins Dachzelt. Das Victorinox Offiziers Messer kommt auch mit hoch. Die Alarmanlage im Fahrzeug schalten wir zum ersten Mal an. Das machen wir sonst nie. Sonst schliessen wir das Auto nur mit dem Schlüssel. Denn bei den Mietautos geht sie plötzlich in der Nacht los. Das kennen wir von anderen Touristen, die mitten in der Nacht alle anderen Gäste in den Nationalpark Camps wecken. Das Tosen des Meeres und die brechenden Wellen halten uns wach. Jedes Geräusch wird im Gehirn geprüft und ausgewertet. Bis wir dann vor lauter Konzentration in einen Tiefschlaf fallen und am nächsten Morgen mit dem Sonnenaufgang aufwachen. Es ist nichts passiert. Der Nebel ist weg, es wird ein sonniger Tag.

 

Bis nach Oranjemund
In Kleinsee reisen wir durch. Direkt nach Porth Nolloth. Die Welt sieht heute schon viel besser aus. Allein das Wetter macht viel aus. Blauer Himmel und Sonnenschein. Port Nolloth ist ein kleines Dorf mit Läden, Hotel, Tankstelle und viel Nostalgie. Man hat den Eindruck, dem Dorf den vergangenen Diamantenschürfer Rush immer noch anzusehen. Heute ist Sonntag, die meisten Läden sind geschlossen. Dennoch staunen wir über die orientalisch aussehenden Leute, Inder und Chinesen die rumlungern. Doch ebenso viele Nama People mit ihren verbeulten und verrosteten Pick Ups sind unterwegs. Genauso begegnen wir teuren Offroad Fahrzeugen, die von Weissen gesteuert werden. Die vier bärtigen Pakistaner bei denen wir in ihrem kleinen Laden eingekauft haben, machen uns schon einen speziellen Eindruck. Bis anhin haben wir Leute mit dieser Herkunft nur sehr selten so abgelegen an der Atlantikküste angetroffen. Wohl sucht jeder sein bisschen Glück hier. Die hier ansässigen Diamantenfirmen haben eigene Quartiere, welche gepflegt sind. Gärten mit Blumen haben wir in Afrika selten gesehen. Aber hier hat alles seine Ordnung. Nur das wir wenige Menschen begegnen. Könnte schon sein, dass hier die legalen Geschäfte gemacht werden. Und auch die krummen. Aber das wollen wir gar nicht wissen. Wir fahren durch ein verlassenes Quartier mit alten Baracken und ausgeschlagenen Fenstern. Die Tankstelle, welche im unserem GPS verzeichnet ist, scheint nicht mehr zu existieren. Uns hält hier nicht viel. Wir ziehen weiter über breite, sandige Strasse und landen schlussendlich in der Diamantenstadt Alexander Bay. Die südliche Grenzstadt zu Namibia am Atlantik. Doch irgendwie finden wir auch ausserhalb keinen einigermassen ansprechenden Platz für ein Wild Camp. Wir stehen zwar an einer Lagune mit toller Sicht auf Wasservögel. Doch rechts von uns ragen die Industrieanlagen der Diamanten Firmen in die Höhe und der sandige Platz ist übersät mit Abfall. Der einzige Lichtblick ist ein Fischer, der uns begrüsst und euphorisch mitteilt, dass seine Frau vor einer Woche beim Spaziergang einen zwei Karat Diamanten gefunden hat. Aber sie hätte sich nicht gemeldet und würde ihn behalten. Also, Augen auf meint er dann mit einem breiten Grinsen. Wir haben zwar keine Ahnung, wieviel Wert ein zwei Karat Diamant hat, dennoch machen wir einen Spaziergang. Die Augen hochkonzentriert auf den Boden gerichtet. Uns wird aber bewusst, dass wir gar nicht wissen, wie ein Rohdiamant überhaupt aussieht. Wir würden diesen Schatz wohl nicht mal erkennen, auch wenn ein zwanzig Karäter vor uns liegen würde. Mit dieser ernüchternden Erkenntnis beschliessen wir heute noch nach Namibia einzureisen. Die nächste Diamantenstadt wartet.

 

Wieder in Namibia. Im geheimnisvollen Oranjemund
Die freundliche Zöllnerin hat uns am 02. Februar wieder in Namibia eingestempelt. Für 3 Monate. Das ist ideal, da wir Ende April Richtung Angola und Zentralafrika weiterziehen wollen. Sie ist es auch, die uns den Tipp gibt, am Strand von Oranjemund unser Nachtlager auszuschlagen. Auf die Frage, ob es sich denn auch lohnt in die Stadt zu gehen und die bis vor zwei Jahren geschlossene Stadt zu besichtigen, verweist sie uns auf eine Broschüre. „Es ist ein spezieller Ort. Die Oryx Antilopen ziehen durch die Stadt, man kann auch beim kleinen Museum mehr über die Diamantenminen erfahren“, teilt sie uns mit. Sofort machen wir uns auf den Weg zum Strand. Dort, wo der Orange River nach über 1400 Kilometer ins Meer mündet. An die Stelle wo man noch vor Jahren, Diamanten am Strand gefunden hat. Von Oranjemund haben wir schon viel gehört. Die Stadt war bis vor ein paar Jahren das Eigentum einer Diamanten Mine. Es haben nur Menschen und deren Familie dort gewohnt, die für die Minen gearbeitet haben. Der Weg nach Draussen führte nur über strenge Kontrollen, bei denen man einen Passierschein vorweisen musste. Sonst gab es keine Möglichkeit ins Landesinnere zu kommen. Überhaupt ist der nächste Ort in Namibia weit weg. Hier ist man in einer Wüstengegend. Umgeben von Sand.

Immer wieder haben wir von Freunden gehört, dass Oranjemund ein geschichtsträchtiger, ursprünglicher Ort ist, mit grossem Einfluss der deutschen Kolonialisierung um 1900. Gerade, weil niemand hinein durfte und nur wenige Menschen hinaus durften, hat sich ein Mythos gebildet. Noch immer steht der erste Golfplatz Namibias hier. Mit Flugzeugen sind Geschäftsleute eingeflogen worden, um mit dem Kader der Minengesellschaft Runden auf dem Grün zu drehen. Wasser war mit dem Oranje Fluss ja genügend da. Wir stellen uns ein altes, verlottertes Dorf vor. Die Häuser am Zerfallen, der Wind weht den Wüstensand durch die Stadt. Die menschenleeren Strassen mit Sand bedeckt, die Oryx Antilopen ziehen entlang, die Spuren sichtbar in den Sandhügeln. Ein Nebelschleier überzieht die Stadt und verleiht ein Ansehen vergangener Tage. Es soll eine Bar geben, in der ein weissbärtiger, alter Mann alte Geschichten zu erzählen weiss. Klingt spannend. Das wollen wir natürlich ergründen.

Die Fahrt führt vorbei am verlassen Kontrollposten. Rechterseits erheben sich grosse Sanddünen. Auf der linken Seite eine Farm mit gesichtslosen Gebäuden und Grasflächen mit Pferden. Das Schild mit Camping und auf der Dünenseite die Hochspannungsleitungen, lassen uns erahnen, dass wohl nicht mehr alles so nostalgisch sein wird, wie erhofft. Wir sparen uns die Besichtigung für den nächsten Tag auf und biegen vor der Stadt links ab. An einem Sandmeer entlang, beim Golfplatz vorbei (er sieht auch nicht nostalgisch aus), zum Meer. Betonbauten mit gebogenen Mauern, bieten Schutz vor dem Wind. Dahinter der breite Sandstrand und die mit viel Getöse brechenden Wellen des Atlantik. Der Strand ist gut besucht von Menschen aller Couleur. Viele moderne Offroad Fahrzeuge sind im Sand geparkt. Familien und junge Paare verbringen einen entspannten Tag am Meer. Es ist niemand mit Pferdekutsche oder hoch zu Ross unterwegs. Auch sehen wir keine alten Laternen mit Kerzen, sondern moderne Strassenbeleuchtung. Es scheint niemanden zu stören, als wir uns für die Nacht installieren. Hier kann man problemlos campieren.

Unsere Tour durch Oranjemund am nächsten Tag zusammengefasst:
Wir werden mit einem modernen Schild als Gäste begrüsst. In der Perle in der südwestlichen Ecke Namibias. Die Stadt macht einen sehr gepflegten Eindruck. Viele Rasenflächen. Ein klar und strukturiert angeordnetes Strassennetz, ein Industriebereich mit Autogaragen, Minenequipment und Kleingewerbe. Schöne, herausgeputzte Häuser mit kleinen Gärten entlang der Quartierstrassen, der lebendige Dorfkern mit PEP, SPAR, POST, MTC, verschiedenen Restaurants und weiteren Geschäften. Das alte, bekannte Elektrizitätswerk trohnt in der Mitte der Stadt. Auf den Strassen findet sich kein Sandkorn, so herausgeputzt ist es. Bei allen offiziellen Plätzen hat es markierte Parkplätze. Das Spezielle daran: Es darf nur rückwärts eingeparkt werden. Und zwar stehen in der ganzen Stadt Hinweisschilder. Ausser beim SPAR Supermarkt interessiert das niemanden. Das Museum ist genau gegenüber des Discounters. Ein kleines Haus mit ein paar Utensilien im Garten. Auf die Frage, ob man es dann besuchen darf, meint die Frau im Souvenirladen: „Sorry, es ist in Renovierung. Das Museum ist geschlossen“. Blöd gelaufen. Bei der Touristeninformation nebenan, versichert man uns, dass das Museum in das alte geschichtsträchtige Elektrizitätswerk gebracht wird. In ein bis zwei Jahren soll es soweit sein. Wir sind einerseits total enttäuscht, weil unsere romantische Vorstellung ja so etwas von falsch war und gleichzeitig überrascht, da wir finden, dass dieser Ort durchaus Potential hat. Sobald man auch in die Wüste fahren darf, ob mit oder ohne Guide, könnte dies in Zukunft durchaus ein lohnenswertes Ziel im Süden werden. Ach ja, die Oryx Antilopen haben wir gesehen. Sie haben auf den Grasflächen in der Stadt friedlich gegrast.

 

Durch den Süden zurück ins Bwanapolis
Wir sind mit drei Fahrzeugen unterwegs. Unsere Nachbarn Norbert und Sonja vom African Overlander Camp in Kapstadt haben wir beim Spar in Oranjemund getroffen. Kurzum haben wir uns entschlossen für ein paar Tage zusammen zu reisen. „Nur, wenn Oli nicht mehr schnarcht“. Haha ein neuer Running Gag. Und ein weiterer Reisender schliesst sich uns an. Die Fahrt mit Wild Camping entlang dem Oranje River ist traumhaft. In Aussenkehr trennen sich unsere Wege. Nicht für lange. Am späten Nachmittag treffen wir Sonja und Norbert im Gondwana Roadhouse alleine an, da ihr Kollege unbedingt noch alleine in der Steinwüste rumkurven wollte. In der Zwischenzeit sind wir am Fishriver Canyon gewesen. Doch es war so trocken und kein Wasser im Canyon zu sehen, dass wir nur eine Stippvisite mit Fotos gemacht haben.

Gemeinsam beschliessen wir, dass wir auf das teure und schmucklose Camping im Roadhouse verzichten und landen ein paar Kilometer weiter im Canyon Farm Yard. In seinem Padstall lassen wir erst einmal eine eiskalte Fanta unsere trockenen Kehlen beglücken. Der Farmer freut sich und bietet uns Camping an. Wir wollen aber in die Natur raus für ein Wild Camp. Er kann das kaum glauben, die meisten Touristen wollen alle möglichen Infrastrukturen. Doch nach einem kurzen Schwatz führt er uns in die Wildnis seiner 52‘000 Hektar grossen Farm. Um uns herum sind hohe Berge. Es sind die gewaltigen Abbrüche einer Hochebene. Wie in einem Canyon. Wir befinden uns inmitten einem wilden Buschland mit Akazien, wilden Tieren und einem Sonnenuntergang zum Träumen. Die Wolken ziehen rund um uns herum. Ein untrügliches Zeichen, dass der Regen bald kommen wird und die extrem trockene Landschaft im Süden für ein paar Wochen aufblühen lässt.  Uns allen gefällt es so gut hier, dass wir die Erlaubnis für eine weitere Nacht bekommen. Alle schlafen gut. Niemand schnarcht.

Am dritten Tag geht es dann getrennt weiter. Sonja und Norbert ziehen westwärts an die Küste nach Lüderitz, wir schnurstracks nach Norden in die Hauptstadt nach Windhoek. Wir haben das Gefühl, Stefans Goodwill mit dem neuen Auto ausgereizt zu haben und wollen es zurückbringen. Und dann kreieren wir einen Plan für unseren drei monatigen Aufenthalt in Namibia.

Nächste Station:
Bwanapolis oder Bwana Tucke Tucke in Windhoek. Die Auffangstation für herumirrende Abenteurer wie wir es sind. Carsten sei Dank!