Abschlepp – Safari


„Und wenn es pressiert, mach langsam“.

Max kommt in einer Stunde mit dem Flieger an. Er ist ein begeisterter Motorradfahrer und hat bestimmt Spass, wenn ich ihn mit dem Gespann abhole. Corinne geht in der Zwischenzeit einkaufen und bereitet unser Zelt im Urban Camp vor. Max bekommt den Landcruiser mit Dachzelt, wir nehmen den Habash mit Bodenzelt für die Tour.

Die Ausfahrt zum Flughafen erscheint vor mir. Nur noch 1,5 Kilometer. Der Flieger ist seit zehn Minuten gelandet. Da kommen noch 20 Minuten für die Immigration und 10 Minuten aufs Gepäck warten. Locker. Genau rechtzeitig. Es knallt. Habash schlittert und fängt an zu bocken. Scheisse.
Ein Plattfuss. Das Ziel in Sichtweite. Muss das denn wirklich sein? Absteigen. Schieben. Eine über 400 Kilogramm schwere Maschine. Über einen Kilometer weit. Mit 2 Stundenkilometer. Auf einmal bin ich bin zu spät dran. Ein Fahrzeug hält neben mir. Ich kenne die Dame. Die Frau vom Ural Besitzer Olli von Buschmann Safari. „Kann ich dir helfen. Brauchst du irgendwelche Ersatzteile?“ fragt sie hilfsbereit. „Ja und Ja. Schieben oder euer neues Motorrad“ kommt es wie aus der Pistole geschossen. „Oh. Dann bis gleich am Flughafen“. Der Schweiss läuft mir nur so runter. Es ist fast Mittag, die Sonne brennt erbarmungslos auf meine fast schon kahle Stelle am Hinterkopf. Der Schweiss läuft den Armen entlang, runter bis zum Gashebel. Im Kreisel bekomme ich sogar Vortritt. Nur noch 100 Meter. Die Security Dame an der Schranke ist proaktiv und drückt schon mal den Knopf für das Ticket und steckt es mir zu. Mein Gewissen plagt mich. Das ist ein echt Kack Start für eine Tour. Doch Max wird das locker wegstecken. Auch, dass wir dann als erstes einen Plattfuss reparieren müssen. Willkommen in Afrika.

„Wie bitte? Verspätung? Eine Stunde bis zur Landung?“ Ich muss tatsächlich nochmals am Desk nachfragen. Ich wollte dem Hinweis auf der Ankunftstafel nicht trauen. Es ist das erste Mal, dass ich mich über eine verspätete Ankunft freue. Innerlich erleichtert, renne ich raus zum Motorrad und fange sofort an das Hinterrad auszubauen. Das ist keine schwierige Sache, doch ein kleiner Aufwand. So simpel wie diese Dinger gebaut werden, so ungenau oft auch die Verarbeitung. Will heissen, es müssen zuerst einmal mal die Seitentaschen gelöst und entfernt werden, ebenso ein Abstandhalter, dann die Hinterachse ausgebaut und das Rad sorgfältig von Antrieb gelöst und rausgenommen werden. Das gleiche zurück mit dem Ersatzrad. Die Hände sind schwarz und voller Fett. Fast alles eingebaut, noch ist nichts befestigt. Es braucht Konzentration, um auch keine der Schrauben anzuziehen zu vergessen. „Jo luag amol, a Schwiizer“, tönt es von hinten. „Ach, würkli bis do hera gfahra“, eine andere Stimme. „Das isch jo nid wohr. Also mit em Flüger wärsch sicher schneller gsi“, ein anderes breites Zürcher Dialekt. Eine Schweizer Senioren Reisegruppe ist angekommen. Sie wollen sich mit mir unterhalten, aber die Zeit ist zu wenig. Höflich lächle ich und biete meine Hand zum Gruss an. Sofort ist es still. Keiner schlägt ein. Ich weiss, es ist etwas unfreundlich aber eine Notsituation. Es bleiben mir noch 30 Minuten. Wenn es pressiert, mach langsam.

 

Wilder Westen Namibias
Max ist gut angekommen. Vom Schnee in den Backofen Namibias. Das mit den weissen Beinen und Armen bekommen wir hin. Schutzfaktor 50 und man wird hier trotzdem schnell braun. Die Fahrt im Gespann erstaunt meinen über 1.90 Meter grossen Freund. Er kann trotz aller Vorbehalte die Beine im Beiboot strecken. Das Urban Camp bietet eine gute Willkommensatmosphäre. Wifi, Pool, ein „fancy“ Restaurant. Max schätzt dies sehr. Sein Eishockeyverein EHC Biel ist in den Playoffs. So kann er gleich noch das Spiel per Internet gucken. Und dann sind wir bereit für unsere Wildnis Tour.

Sossusvlei ist ein Muss für „Ersttäter“ in Namibia. Der riesige Sandkasten mit den roten Dünen und dem einzigartigen Dead Vlei, den toten Bäumen, ist jedes Mal faszinierend. Max hat so richtig in den Ferienmodus geschaltet. Aufstehen frühmorgens ist kein Muss. Uns ist das einerseits auch recht, andererseits wollen wir doch die wunderbaren Welten hier bei bestem Licht betrachten. Wir einigen uns darauf, dass es ihm dies nicht das Wichtigste ist, sondern einfach schon hier zu sein, einen grossen Wert hat. So erklimmen wir die Sossuvlei Düne bei gleissendem Licht und sehen die heissen Temperaturen als Schwitztherapie. Uns allen gefällt‘s.

Die Reise geht über den Naukluft Park, nach Swakopmund, über den Messum Krater in die wilden Gebiete der Trockenflüsse Ugab, Desolation Valley bis in Huab. Im Messum Gebiet kommt dann Max noch an einen super Deal mit legalen oder illegalen (wer weiss das denn schon so genau) Mineuren. Ein volles Pack Dacha zum Spitzenpreis. Gutes Zeugs. Damit kann er dann gleich auch noch Sonnenuntergang entgegenfliegen. Unsere Wild Camps bescheren uns tolle Erlebnisse mit Wüstenelefanten und Nashörner, die in der Nacht zwischen unseren Zelten durchgewandert sind. Mit dem Motorrad so tief in der Wildnis unterwegs zu sein, ist fantastisch. Und anspruchsvoll. Ganz vergessen sind Wifi und Pool. Nein, nicht ganz. Im Huab wird es dann zum Bedürfnis unseres Gastes. Nachdem wir diesen Wunsch mehrfach gehört haben und es zwei Wochen lang keine Chance gab, laden wir Max in der Twyfelfontain Lodge ab. Zwei Tage Wildnis Pause. Dafür Pool und Wifi. Wie es sein muss, ist der Pool in Revision (ein kleines Provisorium steht da) und Wifi ist ziemlich schwach. Manager Daniel entschuldigt sich. Doch für Max passt das schon. Wir sind in der Zwischenzeit im Aba Huab Fluss auf Tierbeobachtung. Frisch gestärkt nehmen wir den nächsten Teil in Angriff: Etosha. Das Moto lassen wir beim Eldorado Camp vor dem Nationalpark. Vom Halali Camp aus, gehen wir auf die Fotopirsch. Dabei ist uns das Tierglück hold. Abends sitzen wir noch lange am beleuchteten Wasserloch und erfreuen uns der Nashörner, Hyänen, Elefanten, Warzenschweine und einmal an einer Löwin.

Nicht so erfreulich sind die katastrophalen Strassenverhältnisse in Namibia. Die viel befahrenen Strecken um Sossusvlei und vor allem im und um den Etosha Nationalpark sind ein wahrer Graus Die Wellblech Pisten lockern Schrauben am Fahrzeug, verursachen Schläge auf den Rahmen, die Stossdämpfer kommen an den Anschlag. Ein Wunder, das wir es nach 24 Tagen ohne grosse Reparatur wieder nach Windhoek geschafft haben. Schadensbilanz: Abgerissene Schrauben an der Bullbar, neun gebrochene Speichen am Habash. Halb so schlimm.

Eine solche Tour in Worten zu beschreiben ist für mich sehr anspruchsvoll. Bilder erzählen viel besser. Unten findet ihr sie.

 

Nächste Runde…wildes Namibia
Max ist mit vielen Eindrücken in den Frühling nach Hause geflogen. Wir haben eine Woche, um alles zu reinigen, den Landcruiser wieder fit zu machen und unsere administrativen Dinge zu erledigen. Susanne und Nizi sind voller Vorfreude. Stefan, von African Sun Car Hire, stellt uns einen kräftigen Hilux 3.0L Automatik für die Tour zur Verfügung. „Da kann nix passieren. Kein Verschalten. Das Ding ist ideal für Namibia Touren“, meint er beim Abholen. Sogar mit Klimaanlage. Corinne und ich freuen uns darüber. Denn Susanne und Nizi wollten unbedingt den Landcruiser als Fahrzeug. Und dessen Klimaanlage besteht einzig aus zwei Fenstern.

Corinne holt unsere reisehungrigen Gäste am Flughafen ab. Sie sind ebenso das erste Mal in Namibia. Wir gehen nochmals in den Westen und reisen ebenso bis in den Huab Trockenfluss. Dieses Mal wählen wir eine andere Route durchs Desolation Valley. Es lohnt sich sowieso immer dorthin zu kommen. Die Landschaft ist magisch, man kann so viel entdecken. Den ersten Plattfuss haben unsere Gäste schon mal eingefangen. Kann passieren, macht nichts. Ein Highlight für die Ladies ist aber der Wasser und Sand Ausflug in Walvis Bay. Die drei Damen sind zuerst aufs Boot für die Delfine, Robben, Flamingos und am Nachmittag mit einem Landrover mit Profi Fahrer in die riesigen Dünen von Sandwich Harbour. Hoch und runter wie auf einer Achterbahn. Zum Abschluss ein gedeckte Tafel mit weissem Tischtuch am Strand. Austern und Champagner. Prost!

Im Huab suchen wir leider vergeblich nach den Wüstenelefanten. Doch allein die Landschaft und das wilde Campen sind abenteuerlich. Unser Ziel ist es, weiter nach Norden bis ins Hoanib Tal zu reisen. Dabei freuen wir uns auf die einsame Strecke durch die Palmwag Konzession. Im Hoanib werden wir die Wüstenelefanten bestimmt sehen. Danach soll es durch Khowarib Schlucht nach Kamanjab gehen und die Etosha wollen wir vom Westeingang her durchfahren. Grosse Pläne. Alles kommt anders.

 

Benzin oder Diesel?
„Alles raus. Jeder Tropfen. Und dann den Tank auswaschen und neu mit Diesel füllen.“ Oliver ist schwer genervt. Die Diskussion scheint kein Ende zu nehmen. „Meinst du nicht, dass 0.8 Liter Benzin auf 149.2 Liter Diesel kein Problem sind?“ fragt Corinne scheu. „Ich weiss es nicht wirklich. Der Tankwart behauptet kein Problem, der Lodge Mitarbeiter sagt das Gleiche. Doch ich bin mir nicht sicher. Bei unserem Landcruiser würde ich sagen, dass es keine Rolle spielt. Bei diesem Automatik. Keine Ahnung.“ Der Tankwart telefoniert mit der Palmwag Lodge, zu der die Tankstelle gehört: „Kein Problem. Alle sagen, da passiert nichts.“ Wir geben verunsichert auf. Dann wird es ja schon gut gehen.

Als wir an die Tankstelle herangefahren sind, hatte uns der Tankwart freudig zugewunken. Zuerst unseren Landcruiser gefüllt. Mit Diesel. Dann den wartenden Landcruiser der Lodge vollgemacht. Mit Benzin. Dann wieder unser zweites Fahrzeug. Auf dem Deckel steht gross DIESEL. Schnell den Deckel auf-, dazu mit dem Fahrer des Lodge Fahrzeugs noch geplaudert und den grünen Stutzen reingemacht und den Hebel gezogen. Corinne, die das ganz beobachtet, bekommt sofort einen kleinen Schreikrampf, schubst den Tankwart, dieser zieht den Stutzen raus und bemerkt sogleich seinen Fehler. Ein Lächeln: „Macht nichts, keine Sorge.“ Und dann eben diese endlose Diskussion. Natürlich, wenn er den noch verbliebenen Diesel und das eingefüllte Benzin rauslässt, müsste er es wohl von seinem Lohn bezahlen. Verbleibende 40 Liter Diesel und 1 Liter Benzin, macht um die 55 US Dollar. Oder umgerechnet um die 800 Namibian Dollar. Bei einem Gehalt um die 1800 Namibian Dollar ist das schon fast existenziell. Wohl deshalb beharrt er darauf, dass es keinen Einfluss haben wird. So nimmt er den gelben Hahn und füllt ganz auf. Leider erreichen wir Stefan telefonisch nicht. Mit einem schlechten Bauchgefühl geht es zur Lodge aufs Camp. Recherchen im Internet geben keinen klaren Aufschluss. Ausser, dass man bei älteren Diesel Fahrzeugen in kalten Gebieten immer wieder mal ein bisschen Benzin reinschüttet, um die Einspritzanlagen auf Temperatur zu bringen. Ein weiterer Gast (Beruf Mechaniker) beruhigt uns und meint, dass dies kein Problem sein sollte. Das Verhältnis sei so unausgeglichen, das mischt sich.

Ok, jetzt mal für alle, die es ebenso nicht genau wissen. Es macht sehr wohl etwas aus. Diese modernen Common Rail Diesel Fahrzeuge vertragen keinen Tropfen Benzin. Benzin und Diesel mischt sich nicht. Es bilden sich Benzinblasen. Und wenn diese angesogen werden, gute Nacht. Die Einspritzdüsen verschmoren, der Motor ist danach: Fucked up!

Wer es nicht glauben will oder eine verrückte Geschichte von gestrandeten Urlaubern in der Wüste lesen will, sollte unbedingt dranbleiben.

 

Komm schon, lass uns nicht hängen
Bis spät am Abend versuchen wir klare Informationen zu bekommen. Es steht 90/10 dass es nichts ausmacht. Mit einem verdammt schlechten Bauchgefühl legen wir uns schlafen. Am nächsten Morgen versichert ein Mitarbeiter der Lodge, dass alles gut kommt und wir die Tour durch die Palmwag Konzession geniessen können. Die Tipps für gute Wild Sichtungen nehmen wir gerne entgegen. Mal wieder ist es heiss. Unsere Gäste haben zum Fahrzeug mit Klimaanlage gewechselt. Wir erleben einen wunderbaren Tag mit der Sichtung von Bergzebras, Springböcken und Ameisen. Die Strecke führt uns über grobe Naturpiste, Zweispur Wege, Trockenflussüberquerungen, kleine Berge hoch und runter. „Kein Ruckeln, keine Macken, alles gut mit dem Wagen“, berichten uns Susanne und Nizi. Gut. 110 Kilometer mit teilweise hartem Gelände zeigt der Tageskilometer. Die Sonne neigt sich mehr und mehr nach Westen. Es wird bestimmt ein herrliches Feuerwerk von einem Sonnenuntergang. Das Blackridge Wild Camp liegt genau vor uns. Doch Susanne und Nizi scheinen sich nicht über den Sand zu getrauen. Wir warten fünf Minuten in unserem Wagen, dann reagieren wir. „Wieso kommt ihr nicht bis zur Feuerstelle?“ „Hey Oli, keine Ahnung was los ist, das Auto macht keinen Wank mehr. Schau, die Zündung ist an. Dann passiert nichts mehr.“ Susanne meint, sie hätte wirklich nichts gemacht. „Er ist ausgegangen“, einfach so, versichert sie. Keine/r von uns ist Automechaniker. Oli versteht etwas von seinem alten Motorrad und dem alten Landcruiser, jedoch so viel wie die anderen von diesen modernen Autos. Der Schreck ist in allen Gliedern, denn eine Panne hier draussen ist eine Herausforderung. Klar, wir haben noch den Landcruiser um rauszukommen, doch was wenn da etwas passiert. Wir sind mitten in der Wildnis. Niemand kommt hier einfach vorbei. Kaum vorzustellen, als einzelnes Fahrzeug hier zu sein. Und am Gate haben wir angegeben, ins Hoanib Flusstal durchzufahren. Es erwartet uns also auch niemand zurück. Das Satelliten Telefon geht nicht, das Abonnement ist vor ein paar Tagen wohl abgelaufen. „Vielleicht der Starter?“ so Nizi. Könnte sein. Wohl unwahrscheinlich, warum sollte das Auto plötzlich ausgehen? Anziehen geht bei einem Automatik Fahrzeug nicht – der geht höchstens kaputt. Neutraler Gang, anhängen und die zwanzig Meter bis zum Camp ziehen. Und jetzt? „Sonnenuntergang geniessen, Leckereien kochen und Wein trinken. Uns wird schon ein Plan einfallen.“ Susanne hat Recht. Der Sonnenuntergang ist spitze. Der Wein auch. Alles andere schaffen wir – irgendwie – aber erst morgen.

 

Es gibt immer einen Morgen danach
Wir stehen wieder bei der Palmwag Lodge. In einer heftigen Diskussion mit dem Manager. Dieser Typ will uns nicht helfen, schickt uns weg mit den Worten “Das ist doch nicht mein Problem. Ich habe hier ein operatives Business zu führen“. Dass wir gerade dabei sind, uns als seine Gäste wieder einzuschreiben, vergisst der Hitzkopf. Vielleicht passt arrogantes XXX-Gesicht besser.
Keinen einzigen Kontakt will er uns geben, nicht mal jemanden anrufen, geschweige denn einer seiner Leute mit Oli und einem Landcruiser in seine eigene Konzession schicken um das Fahrzeug zu bergen. Wir stehen fassungslos und um Worte ringend an der Rezeption.

Ach ja, wie wir überhaupt hierhin gekommen sind?

Tja. Am frühen Morgen, machte der Hilux immer keinen Wank. 110 Kilometer über diese Offroadstrecke abschleppen ist keine Option. Viel zu gefährlich. Nachdem wir alles in unserer Macht stehende versucht haben, kommen wir zur Einsicht, dass es wenig Sinn macht hier auf jemanden zu warten. In der aktuellen Vorsaison kommt höchstens alle vierzehn Tage hier durch. Diese Route ist nicht bei den Kontrollfahrten der Anti Poaching vorgesehen. Die Lodge Besucher fahren sowieso nicht so weit rein. „Ok, geniessen wir das Frühstück, ohne dass uns ein Bissen im Hals stecken bleibt, genug trinken und dann packen wir alles ins Haghuri. Wir fahren langsam wieder zurück. Hoffen wir, dass wir keinen Zwischenfall haben.“ so Oli unser Guide. Nach fast fünf Stunden sind wir zurück am Gate. Und dann typisch Afrika: Wir erzählen dem Herr an der Schranke was passiert ist. Keine Reaktion. Er will nur das Entry Permit sehen. „Ihr seid eine Stunde zu spät draussen. Das macht 200 Rand“, sagt er trocken. Oli kann es nicht fassen, packt den Typen am Arm läuft drei Meter weg und beherrscht sich. Dann ruft der empathielose Mensch seinen Manager in der Lodge an. „Ok. Ihr könnt durch. Ihr müsst beim Manager bezahlen.“ AWA. So pflegen die Südafrikaner zu sagen: Africa wins again.

Nun, der Manager verzichtet mindestens auf die 200 Rand. Haha. Das Telefon mit Stefan dem Autovermieter endet so, dass er auch nicht wirklich sicher ist, ob das Tanken solche Probleme hervorrufen kann. „Kann sein, aber ich bin mir nicht sicher. Ich werde das klären. Sag dem Manager, er soll mich anrufen.“ Das macht er und kommt dann wieder auf mich zu. Ein bisschen freundlicher. Ich will gar nicht wissen, was Stefan ihm gesagt hat. Dennoch, Hilfe verspricht er keine. Er drückt mir eine Karte in die Hand, auf der er von Sesfontein her einen geraden Strich bis zum Blackridge Camp eingezeichnet hat. „ Hier könnt ihr mit einem Abschleppwagen rein, in zwei Stunden über eine ebene Fläche hinfahren und wieder raus. Das ist eine Anti Poaching Strecke. Organisieren müsst ihr Euch selber“, sagt er und verschwindet in seinem Büro. Auf den ersten Blick sehe ich, dass dies in jedem Fall mehr als zwei Stunden Fahrt sind müssten. Als ich zornig seine Bürotür öffne und mich beschweren will, sehe ich, dass vier Leute über den Chef gebeugt stehen. Er muss das neue Reservierungssystem lernen. „Ihr könnt gleich vier Personen ausbuchen lernen. So etwas habe ich noch nie erlebt. Das ist doch weit weg von der Kultur eures neuen Besitzers Gondwana Collection. Das wird nicht ohne Folgen bleiben!“
Oh, wie recht das ich auch hatte. Leider.

 

Abschlepp-Safari
Unterschlupf finden wir hundert Kilometer nördlich. Vor Sesfontein in der Khowarib Lodge. Corinna und ihr Mann Theo führen das Camp am Eingang zur Khowarib Schlucht. Wir kennen uns seit ein paar Jahren und ich freue mich immer wieder hier zu sein. Doch dieses Mal sind wir  ein paar Tage zu früh. Doch das ist kein Problem. Sie helfen uns gerne. Stefan hat in der Zwischenzeit seinen Mechaniker Kollegen Willy organisieren können. „Morgens um 07:00 muss Oli bereit sein. Willy wird um 04:00 losfahren.“ Um es richtig zu verstehen: Willy ist die nächstgelegene Garage mit Abschleppdienst. Im 340 Kilometer gelegenen Opuwo. Das sind Namibia Verhältnisse.

Pünktlich um 08:00 afrikanischer Zeit, trifft Willy ein. Mit einem V8 Landcruiser. Ein mächtiges Ding. Er habe nur heute bis nach dem Mittag Zeit, dann müsse er sofort nach Epupa, dort seien andere Gäste liegengeblieben. Klar, am Nachmittag noch schnell 500 Kilometer auf Naturstrasse hoch an die Grenze zu Angola.

Unsere Fahrt zusammengefasst:
Den Einstieg haben wir relativ gut gefunden, nach den angegebenen 2 Stunden waren wir noch 70 wilde Kilometer Fahrt von unserem Fahrzeug entfernt. Drei Felspassagen erforderten hochentwickelte Fahrerfähigkeiten. Die natürlichen Treppenstufen sind auf dem Rückweg mit einem angehängten Fahrzeug niemals zu schaffen. Wir haben ein Nashorn gesehen (wenigstens etwas), Willy wurde von Stunde zu Stunde nervöser, er flucht wie ein alter Seemann über den Manager. Fuk, fuk, fuk schallt es im Auto immer wieder. Nach fast 12 Stunden anspruchsvoller Fahrt sind wir überzeugt, am richtigen Ort zu sein. Doch anstelle von absoluter Wildnis, erblicken wir mehrere kleine, dreieckige Häuser. Haben wir uns auch noch verfahren?

Die Sonne geht schon wieder unter. Die letzten Strahlen lassen etwas auf einer kleinen Anhöhe reflektieren. Mit dem Fernglas können wir es genau sehen. Unser Fahrzeug steht noch da. Doch was sind diese dreieckigen Dinger? Beim Näherkommen stellen wir fest, dass dies mehrere Offroad Fahrzeuge mit Klappdächern sind. Eine Gruppe Australier mit einem einheimischen Guide stehen im Flussbett und kochen gemütlich vor sich hin. Sie reagieren völlig cool, als wir ankommen. „Ach, dann ist das ja wohl euer Fahrzeug. Kommt, trinkt erstmals ein Bier.“ Verrückte Szene. Sonst trifft man hier draussen selten jemand. Und jetzt die lockeren Australier, die wahrscheinlich gar nicht wissen, was wir gerade durchmachen. Ein Stück ihrer grillierten Würste oder Pasta bieten sie uns leider nicht an. Aber zum Glück haben wir im kaputten Auto noch zwei Dosen Baked Beans. Überhaupt sind wir nicht auf Camping vorbereitet. Dachten wir doch, in ein paar Stunden wieder zurück zu sein. Das waren des Managers Worte. Dieser Idiot schickt uns mit Falschinformationen in eine völlig abgelegene Gegend. Nicht vorzustellen, wenn uns auf der Fahrt hierher irgendetwas zugestossen wäre. Es ist eine Gegend, in der das Nichts alles beherrscht. Doch nun sind wir ja hier angekommen, per Zufall sind andere Leute da und alles ist beim Besten. Und Bier hat es genug.

Willy montiert den Starter ab. Kaputt. Doch er kann sich nicht vorstellen, dass dies das Problem ist. Alles Mögliche testet er bis tief in die Nacht hinein. Danach legt er sich in seinen Landcruiser zum Schlafen. Über dem Ganghebel, der Mittelkonsole und den Kopf unter dem Steuerrad. Ich habe es etwas bequemer im Kofferraum des Hilux. Zwar etwas kurz, ich liege um den Kühlschrank herum, dafür mit einem herrlichen Luftzug durch die offene Seiten- und Hinterklappe. Für die Abschleppfahrt kommt nur eine Strecke in Frage. Zum Mudorib Trockenfluss, ins Hoanib Tal, dem Trockenfluss entlang nach Sesfontain und nach Khowarib. Eine wilde Offroad Strecke. Eine einzigartige Natur und viele Tiere. Doch stundenlange Konzentration mit Bremsen des vorderen Fahrzeugs fordern mich. Vor allem die vielen kleinen Hügel und der Tiefsand erfordert höchste Aufmerksamkeit. Als wir Wüstenelefanten vor uns haben, will Willy schnell weiter, ich brauche eine Pause. Mindestens dies muss drin liegen. Fünf Minuten. Weiter geht’s.

Nach zwei Tagen kommen wir beide völlig geschafft in der Khowarib Lodge an. Geschafft. Wir sind wir von der Abschleppsafari zurück. Corinne, Susanne und Nizi sind überglücklich, dass uns nichts passiert ist. Wir konnten sie ja gar nicht benachrichtigen. Corinna und Theo haben schon zwei Fahrer instruiert um loszufahren und uns zu suchen. Ein Mitarbeiter von Willy hat sich vor Stunden von Opuwo auf den Weg gemacht und sicherheitshalber einen Starter besorgt. Bei seiner Ankunft ist die Spannung gelöst. Einbauen und wir können an nächsten Tag weiterreisen. Doch halt – wir sind noch immer in Afrika. Zwar ist die Schachtel richtig angeschrieben, doch der falsche Starter drin. Manuell statt Automatik. AWA. Wir machen neue Pläne.

Weiter geht die Abschleppsafari. Am Morgen früh starten Willy und ich nach Opuwo. Die Ladies nehmen den Landcruiser über den Grootbergpass nach Kamanjab. Die Khowarib Schlucht haben wir vom Plan gestrichen, unsere Daten und Plätze im Etosha Nationalpark müssen wir umbuchen.

 

Ach, wenn es dann schon mal schiefläuft, dann wenigstens richtig
Opuwo. Es ist das erste Mal, dass ich mich richtig freue dieses Schild zu sehen. Die Stadt ist als Hauptstadt der Himbas schon einzigartig, das Chaos ist es ebenso. Ich glaube, man liebt diese Stadt erst auf den zweiten oder dritten Blick. Doch heute freue ich mich richtig. Links und rechts spazieren die halbnackten, mit roter Farbe eingeschmierten Frauen der Strasse entlang. Die Hirten mit ihren Röcken und der typischen Kopfbedeckung, eines nach hinten geschwungenen Horns, laufen mit ihren Stöcken hinter den Ziegen. Viele weitere Menschen anderer Tribes sitzen in ihrer Tracht da und versuchen Armreifen, Ketten und andere Souvenirs zu verkaufen. Die Strassen sind staubig, Plastiksäcke dekorieren die Zäune verschiedener Gebäude.

Nach zwei Stunden analysieren, schrauben, fotografieren und testen ist das Ergebnis ersichtlich. Anlasser kaputt. Doch es kommt viel schlimmer: Die Einspritzdüsen sind verschmort. Es ist Benzin statt Diesel in den Motor gekommen. Da Benzin heisser verbrennt als Diesel, reicht es aus, die ganzen Einspritzdüsen zu zerstören. Und danach kam gar kein Kraftstoff mehr durch. Deshalb hat er geblockt. Weiter zeigt sich, dass zwei Zylinderstangen verbogen sind und dazu noch zwei Zylinderköpfe gerissen. Auf Afrikaans heisst es dann so schön: Die Bakkie is fucked up!

Stefan hat natürlich gar keine Freude. Er ist jedoch einfach froh, dass wir es alle aus dem Gebiet geschafft hätten. Das Auto bleibt mal bei Willy. Und er sendet ein anderes Mietfahrzeug bis morgen früh nach Kamanjab. Alles weitere gucken wir dann, wenn wir unsere Tour fertig hätten. Ein Taxifahrer bringt mich nach Kamanjab. Einmal mehr ist es spätabends. Im Oppi Koppi Camp haben sich die drei Ladies schon eingerichtet. Zelte stehen, Bier wird kalt getrunken. Kaum habe ich das Material aus dem Taxi ausgepackt, gucken mich sechs Augenpaare an. Hm, irgendwie stimmt das etwas nicht. „Auto ist kaputt. Motor muss komplett revidiert werden. Macht euch keine Sorgen, Stefan schickt gerade Benjamin mit dem neuen Auto hierher“. Noch immer der gleich Blick. „Wir müssen dir etwas sagen“. Verdächtige Stille. „Wir hatten auch eine Panne“, stammelt Corinne. „Uns ist ein Reifen explodiert. Auf dem Grootbergpass. Zum Glück haben uns die Leute von der Lodge geholfen. Wir haben noch nicht mal die Muttern vom Rad lösen können, so fest waren sie angezogen. Doch das Beste kommt ja noch. Hier angekommen, haben wir nur einen alten Reifen als Ersatz gefunden. Wir sind nicht sicher, ob er passt.“ Oha. Scheint nicht unser bester Tag zu sein. Doch der Reifen passt. Ach, wir wollten sowieso schon immer mal einen Hankook Mud Terrain. Es sieht ziemlich abgefahren aus, doch besser als al ein kaputter. Es bringt auch gar nichts zu hinterfragen, warum er geplatzt ist. Oder wie die Seite aufgeschlitzt wurde. Wir brauchen nach den letzten Tagen einfach mal etwas Bier, Wein und ein leckeres Spiessbock Steak. All in one: Shit happens.

 

Augen zu und durch
Tiere gucken im Etosha verläuft bis auf einen weiteren Platten am Mietwagen problemlos. Belohnt werden wir mit einem Löwen Kindergarten. Aus nächster Nähe, gucken wir zwei Stunden fünf kleinen Löwen zu, die von einem Teenager Löwen beaufsichtigt werden. Die drei Tage im Park sind im Gegensatz zu den vorherigen. Total relaxt, uns geht’s richtig gut. Der Besuch bei der AfriCat Foundation auf dem Weg nach Windhoek ist ganz schön, doch nicht mehr wirklich empfehlenswert. Vor drei Jahren noch, konnte man die Geparden in freier Umgebung in Begleitung eines Guides und Trackers zu Fuss erleben. Heute sind nur noch drei übrig und die leben in einem grösseren Gehege. Irgendwie scheint das Wildlife Management nicht mehr ganz so gut mehr zu funktionieren. Heute leben 30 Leoparden auf einer Fläche von 20‘000 Hektaren. Durchschnittlich rechnet man einem Leoparden 5’000 Hektaren zu. Kein Wunder haben diese ihre Fress-Wettbewerber gejagt und getötet. Aber der Besuch war ja einen Versuch wert.

Dennoch verlassen unsere beiden Gäste das Land mit gewaltigen Eindrücken, wie sie selber sagen. Die Landschaften, die Tierwelt, Menschen und die Abenteuerfahrt bleiben in Erinnerung.

Und uns bleiben noch drei Wochen bis unser Visum abläuft. Mit grossen Aufwand erstellen wir ein detailliertes Schadenprotokoll über den Hergang des kaputten Fahrzeugs. Wir müssen Zeugenaussagen einholen, das Ganze juristisch korrekt aufbereiten. Wir sind der Meinung, dass die Besitzer der Tankstelle für den Schaden geradestehen müssen. Und dass die unterlassene Hilfeleistung durch die Lodge bzw. den Manager und die geradezu fahrlässigen Empfehlungen zur Bergung, ein so hohes Risiko darstellen, dass sich jemand dafür Verantwortung übernehmen muss. Gondwana Collection als neuer Besitzer zeigt denn auch Verständnis. Wir treffen das Management und deren Anwältin. Alle sind der Meinung, dass dies eine ausserordentliche Situation sei, die Firma rechtlich wohl gerade stehen müsse. Doch natürlich wollen sie alles selber nochmal rekonstruieren und mit den verantwortlichen Personen sprechen. Stefan muss den Motor nach Windhoek holen, um den von Experten untersuchen zu lassen. Expertisen aus Europa und Südafrika müssen angefordert werden. Es geht um einen Schaden von insgesamt 110’000 Rand (7‘000 CHF) Ein wochenlanges Tauziehen folgt.

Wir sind mittlerweile seit drei Wochen in Botswana und erhalten endlich die Nachricht von Stefan. „Gondwana ist bereit, 80‘000 Rand zu bezahlen. Dafür muss dann alles vom Tisch sein. Das reicht gerade mal, um seine Kosten zu decken. Eure Auslagen wollen sie nicht decken. Ist das ok für Euch“. Was sollen wir dazu sagen?

Wenigstens hat Stefan dann ein wieder funktionierendes Fahrzeug für den Verleih und wir kommen mit einem blauen Auge aus der Geschichte. So gesehen sind wir froh, dass Gondwana Hand bietet. Dass die sich nicht einmal bei uns gemeldet hat, enttäuscht uns jedoch sehr.

Das Abenteuer Tourveranstaltung haben wir nach Namibia abgeschlossen. Unsere Vorstellung, dass am Ende noch irgendetwas übrigbleibt, hat sich in Luft aufgelöst. Die Bilanz besteht aus tollen Wochen mit Freunden, eindrücklichen Erlebnissen in der Natur, einer einzigartigen Form von Abschlepp Safari und einem Schaden von drei Reifen (die kaputten am Mietfahrzeug müssen aus Sicherheitsgründen ersetzt werden), einem Motorrad mit 9 gebrochenen Speichen, einem neuen Motorradreifen und ein kompletter Service inkl. Lenkungsgestänge richten am Landcruiser, Mehrausgaben durch den Motorschaden und zwei blauen Augen.

Doch wie heisst es so schön: Augen zu und durch.