Auge in Auge mit wilden Geparden


Schritt um Schritt. Bewegungen wie in Zeitlupe. Immer den Augenkontakt halten. Die Kamera und das Stativ ganz sachte absetzen. Vorsichtig sinke ich in die Hocke. Beobachte. Freue mich. Am liebsten würde ich sofort zu ihnen hinrennen, sie streicheln und umarmen. Schon klar, das geht nicht. Die vier Geparden acht Meter vor mir sind wilde Tiere. Wie wunderschön sie sind. Und neugierig. Das Elternpaar guckt ganz genau auf jede meiner Bewegungen. Doch sie scheinen mich zu akzeptieren. Keine Abwehrhaltungen oder Fauchen. Sie trinken aus einem kleinen Schlammloch. Die Geparden Kids tummeln sich im Gras herum. Seit fast einer Stunde laufe ich mit ihnen mit. Bestimmt wundern sie sich, was ich denn will. Doch sie lassen sich nichts anmerken. Es sind die Wildlife Momente eines Afrika Reisenden, die nur ganz selten auftreten. Ich bin mir dessen bewusst und geniesse den Moment. Diese Tiere sind so wunderschön und grazil. Angst habe ich keine. Bei einem Leoparden oder Löwen würde mir so etwas natürlich nicht in den Sinn kommen. Ich bin ja nicht lebensmüde. Mittlerweile ist meine zweite Batterie der Kamera leer. Blöd auch. So setze ich mich hin und erfreue mich dem vor mir ablaufenden Tierfilm. Die Liuwa Plains im Westen Sambias bieten eine absolute Wildnis und bei genügend Geduld auch einmalige Chancen. Wie gerade jetzt.

 

Für Entdecker:  Die Liuwa Plains
Nachdem wir 10 Tage in Ikithe verbracht haben, mussten wir dann wieder nach Mongu zurück. Vorräte auffüllen. Unser nächstes Ziel sind die eher wenig bekannten Liuwa Plains. Es ist das Gebiet mit der zweitgrössten Gnu Migration nach der Serengeti in Ostafrika. Diese kommen ab Mitte September von Ostangola ins Gebiet und ziehen vom Nordwesten nach Süden. Der Höhepunkt findet dann im November statt, wenn bis zu 50´000 Tiere in den Süden ziehen. Die Raubtiere folgen. Die berühmten Liuwa Löwen. Ab Dezember bis April entsteht hier jedes Jahr ein riesiges Fluss Delta. Dann ist ein Besuch mit dem Fahrzeug unmöglich. Es ist eine herrliche Gegend für alle Tiere. Und die Gegend ist sehr bekannt für eine ausserordentliche Dichte von Hyänen.

Leider war dies bis vor ein paar wenigen Jahren genau das Problem für den Park. Die Wilderei war immens, die Kontrolle des Gebietes fast unmöglich. Löwen waren so gut wie ausgestorben. Ebenso wurden viele Antilopen Opfern der lokalen Bevölkerung. Seit ein paar Jahren hat African Parks, eine NGO die sich um den Erhalt von Wildnis Gebiete kümmert, den Park von der Regierung übernommen. Neues Personal, strikte Kontrollen und auch Drohnenflüge zur Überwachung finden statt. Die Tierwelt erholt sich von Jahr zu Jahr. Die Camps wurden renoviert und bieten Touristen wunderbare Momente in der Wildnis. Ein Besuch ist lohnenswert. Damiut verbunden wurde der Eintritt natürlich auch erhöht. Als Ausländer kostet es 100 US Dollar pro Tag für zwei Personen mit eigenem Auto und Camping. Doch Mr. Shipanuka aus Ikithe hat schon angerufen und für uns seine Beziehungen spielen lassen. Wir bezahlen den SADC Preis. 80 US Dollar pro Tag. Wir sind fünf Tage im Park unterwegs. Für unser Reisebudget kein Klacks. Doch sieht man es als Investition für den Schutz des Gebietes, als Beitrag für die Ausbildung von Rangern und Projekte zum Einbezug der lokalen Bevölkerung an, können wir gut damit leben. Unsere persönliche Form von Entwicklungshilfe findet sich in verschiedensten Formen.

Von Mongu reisen wir über die neue Asphaltstrasse bis nach Kalabo. Bei Molly im Büro von Africa Parks bezahlen wir den Eintritt. Danach geht es auf die kleine Fähre über den Luanginga Fluss. Die Fähre hat keinen Motor sondern analog einem Seilziehwettbewerb braucht es Muskelkraft. Alle ziehen an einem Strang. Nach einer Viertelstunde sind die meisten Leibchen der kräftigen Frauen und Männer schweissnass. Wir sind am anderen Ufer. Vor uns das Fahrzeug der Polizei. Eine Seilziehrunde vor uns hat eine Filmcrew von BBC übergesetzt. Sie machen gerade einen neuen Kinofilm über eine Leopardenfamilie. Schon seit sechs Wochen sind sie jeden Tag unterwegs. Von ihnen bekommen wir ein paar Tipps wo sie kürzlich Geparden gesehen haben. Ausser ihnen und uns ist für die nächsten Tage niemand im Park unterwegs.  Es ist Mitte September und typische Zwischensaison. Die Südafrikaner haben keine Ferien. Die Europäer auch nicht. Und erst Mitte November ist die grosse Migration, wo sich die Tiere bis in den zentralen Teil des Gebiets kommen. Der Norden ist ziemlich verlassen und kaum besucht. Festgefahren. Wir helfen den Polizisten ihr Fahrzeug aus dem Tiefsand zu bringen. Der Fahrer hat drei Minuten vorher noch gelächelt, als ich auf der Fähre mit dem Luftdruck runter bin. Jetzt steigt er nicht einmal aus, sondern lässt seine Kumpels aussteigen um zu Buddeln und zu Schieben. Doch keiner der Polizisten geht auf die Knie um den Sand vor den Reifen wegzuziehen. Geschweige denn unter den Wagen um das Differential auszubuddeln. Man könnte ja dreckig werden. Wir mittendrin. Oli lässt ihnen die Luft auf 1.2 Bar ab, liegt mit unserer Schaufel unter das Fahrzeug. Corinne geht auf die Knie am Vorderreifen und zieht den Sand weg. Staunen und totale Ahnungslosigkeit bei den Polizisten. Keine Ahnung, was die ohne uns gemacht hätten. Der Dank ist eine riesige Staubwolke und tschüss. Kein Danke, nichts.

„Sie gehen die Leute entlang dem Ufer kontrollieren“, sagt uns einer der Fährmänner. Rund ums Kerngebiet dürfen Menschen wohnen und fischen. Aktuell dürfen sie auch in den Seen im Park mit ihren Körben auf Fischfang gehen. Ansonsten ist es aktuell extrem schwierig zu überleben für die Menschen. Wir kämpfen uns einige Kilometer durch den tiefen Sand bis wir in die Plains kommen. Dort treffen wir dann auch immer wieder mal auf Menschen bei ihrer täglichen Nahrungssuche. Besser gesagt beim Fischen. Sie jagen vor allem Catfish, eine Welsart die langsam am Boden der noch verbliebenen, kleinen Tümpel rumschwimmen. Die Frauen (anscheinend machen nur Frauen diese Arbeit) stossen mit voller Wucht ihre Körbe ins Wasser. Bis auf den Boden. Das braune Wasser spritzt in alle Richtungen. Hin und wieder haben sie Erfolg. Dann strecken ihren Arm durch das seitliche Loch im Korb und ziehen einen Fisch raus. Ein Jauchzen folgt. Alle freuen sich mit. Wir schauen dem Treiben eine Weile zu. Gegen ein paar Salticrax dürfen wir sie fotografieren und filmen. Die Krackers werden hungrig verschlungen und weiter geht es mit der anstrengenden Arbeit. Wir sind ganz fasziniert. Oli überlegt sich, ob es für ihn wohl nicht besser wäre, seine Angelrute gegen einen Korb einzutauschen. Und dann Catfish statt irgendwelche Flussbarsche zu fischen. Die Chance wäre wohl grösser. Doch wohin mit dem Korb auf dem Motorrad?

 

Liuwa Zauber
Nach der ersten Nacht in einem offiziellen Camp im zentralen Teil zieht es uns in den Norden. Wir haben den Tipp vom Camp Betreuer bekommen. „Da oben wird ein neues Camp gebaut. Es ist jedoch noch nicht fertig. Kein Tourist geht im Moment dorthin. Die Löwen sind dort unterwegs. Auch die Gnus kommen schon langsam runter“. Als wir im Camp ankommen, werden wir von einem Bewacher herzlich begrüsst. Er haust dort in einem Zelt und kümmert sich um den Platz. Seit Wochen. Er zeigt uns einen Wildplatz und meint, dass wir so lange bleiben können wie wir wollen. Oder eben unser Permit abläuft. Und dass wir auch zu Fuss unterwegs sein dürfen. Mit der nötigen Vorsicht. Er würde sonst auch mitkommen. Dann zeigt er seine von Löwen zerbissenen Eimer, Bratpfannen und sein Getränkebecher. „Acht Löwen sind hier. Gestern sind sie in der Nacht gekommen und haben auf allem rumgekaut, was sie finden konnten. Sie sind in im Spieltrieb. Bald sind die grossen Herden Gnus hier.“
Wir sind froh um unser Dachzelt. Man weiss ja nie.

Wir hören sie in der zweiten Nacht ganz nah, finden viele Spuren, doch wir sehen die Löwen auch bei Fahrten in der tiefen Dämmerung nicht. Und die Hyänen sind auch irgendwo um unser Camp. Ihr Lachen kommt von allen Seiten. Doch leider kein Sichtkontakt. Jeden Tag sind wir um fünf Uhr auf und begeben uns zum Wasserloch. Das trockene Gras steht an vielen Orten hüfthoch, was die Tierbeobachtung nicht einfacher macht. Gnus sehen wir rundherum, es ist die Vorhut der Migration. Herden mit bis zu 300 Tieren haben wir gezählt. Was natürlich noch nichts ist zu den …tausenden, die in November dann überall rumblöken.

Das Wetter ist morgens oft etwas neblig, auch am Tag haben wir selten ein klares Blau am Himmel. Vollbremsung. „Corinne, guck das hinten im Gras sind doch Geparden, oder?“ Sie nimmt das Fernglas und sucht die Gegend ab. „Wow. So schön.“ Da ist Oli schon draussen mit der Kamera und auf dem Weg. Und weg ist er. Die Geparden und er verschwinden hinter einem kleinen Hügel auf eine Ebene. Nach über einer Stunde kommt er voller Stolz zurück. „Du kannst dir nicht vorstellen, wie nahe ich zu ihnen heran durfte. Ich bin das sicher zwanzig Minuten am gleichen Ort gesessen und habe sie beobachtet. Das war ein Erlebnis. Irgendwann hatten sie dann wohl genug von ihrem Besucher und sind im Gras verschwunden.“

In den nächsten Tagen sehen wir die Geparden Gruppe noch einmal, jedoch wollten sie dann nichts von uns wissen. Bei Sichtkontakt im Gras verschwunden. Mittlerweile finden sich die Geier ein. Verschiedene Arten sehen wir rund um unser Camp herum. Auch sie warten wohl auf das alljährliche Gnu Festival. Am vierten Tag sehen wir zum ersten Mal ein anderes Auto. Das Auto von der Lodge im Süden des Parks. Die Liuwa Plains sind für uns einer der Orte, an den man hingeht, wenn man sich der vielen Autos und Touristen an der Chobe Riverfront in Botswana überdrüssig ist. Ein Ort, an dem man sich als Entdecker fühlt und man den Wildnis Zauber in seinem vollen Glanz erleben kann. Wir kommen wieder.

 

https://www.africanparks.org/the-parks/liuwa-plain

 

Wunderbares Afrika
Beim Rausfahren der Liuwa Plains ist es von Vorteil zu wissen, ob die kleinen Fähren über den Sambesi in Betrieb sind. Unser Camp Bewacher weiss nicht, ob die Fahrt über den Norden eine gute Idee ist. Besser alles nach Westen, Richtung Lukulu. „Dort fährt sie immer“. Eine stundenlange Fahrt über die Plains, wir passieren kleine Dörfer am Rand des Parks. Dann geht’s in den Wald. Inklusive Wasserdurchfahrten und Bäume hacken, die auf die Strasse gefallen sind. Im letzten Moment erreichen wir die Westseite des Sambesi Flusses. Es ist fünf Uhr nachmittags. Wir hupen ein paar Mal und hoffen, dass der Fährmann noch dort ist. Und wir warten. Zwanzig Minuten später ertönt ein Signal und die kleine Fähre setzt sich in Bewegung. Man hätte den Fährmann zuerst im Dorf holen müssen, entschuldigen sie sich danach. Sie weisen uns den Weg zur katholischen Mission Sancta Maria, wo uns Pater Kenneth an einem Platz mit herrlicher Aussicht auf den Sambesi campen lässt. Auf dem Markt in Lukulu kaufen wir frische Lebensmittel ein. Da spürt man die African Vibes. Alle wollen dir etwas verkaufen, sie feilschen mit ihrem grossen Talent um den besten Preis. Wenn wir das Gefühl haben, gut verhandelt und ein paar Rappen bei den Tomaten gespart zu haben, der Gesichtsausdruck des Händlers betrübt ist, er sich schauspielerisch geschlagen gibt, dann kann man fast sicher sein, dass es ein Win-Win Geschäft ist. Doch schlussendlich zeigen sie immer ein herzliches Lachen, wenn der Weisse meint, gewonnen zu haben. Auf dem Markt würden die findigen HändlerInnen ihre Ware nie unter Wert verkaufen. Mit der Zeit spürt man auch genau, was in Ordnung ist und wann aus Verzweiflung verkauft wird. Dann feilschen wir auch nicht mehr, sondern kaufen eher mehr ein, um die Menschen zu unterstützen. Der Markt ist jedes Mal ein spannendes Schauspiel.

Unsere Fahrt geht danach weiter auf einer holprigen Naturstrasse bis wir nach Stunden an der nächsten kleinen Fähre stehen, die uns über einen krokodilverseuchten Nebenfluss des Sambesi zur Hauptstrasse Richtung Angola bringt. Dort wollen wir über Sambesi Town zur Brücke der Hoffnung nach Chinyingi reisen.

„Ja genau. Durch das nächste Dorf fahren, dann beim grossen Baum nach links in die Ebene runter, alles dem alten Weg folgen und nach ein paar Kilometer kommt ihr dann zu einer Brücke. Dort seid ihr richtig“, erklärt uns ein junger Mann im Fussballtrikot von Manchester United. Gerade hat ein Fussballspiel in der Pampa geendet. Die Spieler und Dorfbewohner aller Alter zieht es zurück in ihre Dörfer. Das Spielfeld wird von Bäumen begrenzt, ist nach rechts ziemlich abschüssig und voller Löcher. Als Tore dienen je zwei Holzstämme, die sie in den Boden gerammt haben. Latte gibt es nicht. Der Schiedsrichter entscheidet. Den jungen Mann darauf angesprochen meint er: „Wir spielen heute ein Turnier. Drei Mannschaften aus den Dörfern rundherum. Jeden Monat machen wir dies. Doch heute sind wir Letzter. Das ist bitter, weil wir mit Abstand das beste Team sind. Aber dann lassen wir denen halt ihre Freude.“ Eine alte Mama am Stock gehend kommt zum sichtlich enttäuschten Spieler gelaufen, reckt den Daumen in die Höhe und ermuntert ihn mit für uns fremd klingenden Worten. Es ist die Grossmutter. Das Spektakel im Busch geht in dreissig Tagen wieder weiter.

 

Chinyingi – Brücke der Hoffnung
Angekommen an der Brücke verschlägt es uns dem Atem. Eine riesige Hängebrücke, die über den mächtigen Sambesi Fluss führt. Mitten im Busch. Die ersten Schritte darauf sind sehr speziell. Die Metallgitter von 1x1m Meter sind mit Draht verbunden. Es schaukelt. Hundert Meter der Brücke entlang und noch nicht in der Mitte. Ich (Oli) halte mich an den seitlichen Stahlseilen. Ich getraue mich kaum runterzuschauen. Hinten wartet eine Gruppe Kinder und Mütter in ihren bunten Kleidern mit Fischkörben auf dem Kopf. Sie wollen passieren. Sie schmunzeln. „Was, wie wollen wir denn hier kreuzen?“ geht es mir durch den Kopf. Doch das geht ruckzuck. Und durch sind sie. Sie lachen und rufen mir etwas zu. Ich drehe mich um, immer eine Hand am dicken, seitlichen Stahlseil. Unter der Brücke zieht sich ein riesiger Sandstrand dem Fluss entlang hin, auf der anderen Seite dichter Urwald mit grossen Bäumen und Büschen. Der ideale Campingplatz. Kaum mit dem Auto durch den Sand gewühlt und ein paar Stühle aufgestellt, tauchen zwei Herren in sauberer Kleidung auf und stellen sich vor. Pater Matthew Nguyie und der Dorflehrer Mr. Kennedy Kulu. „Wir sind die Leiter der katholischen Mission von der anderen Seite“, sagen sie mit einem herzlichen Lachen. Sie heissen uns herzlich willkommen an der Brücke der Hoffnung und im Gebiet des Luwale Stammes. Wir dürfen hier campieren so lange wir wollen.

Und so bleiben wir für 7 Tage an diesem tollen Ort. Die ersten Tage hilft Oli den Einheimischen mit dem Wässern und schälen von Maniok Wurzeln. Der süsslich-säuerliche Geruch hängt für Tage in der Luft. Vom unserem Strandplatz ist es spannend zu beobachten, wer so alles im Gänsemarsch über die Brücke geht. Frühmorgens sind es gut angezogene Männer mit Umhängetaschen und Aktenkoffern, dann kommen Arbeiter die ihre Fahrräder stossen, einer verbotenerweise sogar ein Motorrad. Eine Stunde springen Kids mit ihren Schulranzen über die Brücke, danach Frauen mit Fischkörben auf dem Kopf. Das Gleiche am Abend. Ausser, dass die Frauengruppen nach dem Fischen zuerst bei uns am Strand zum Baden und sich Waschen kommen. Ob sie denn keine Angst haben, fragen wir eine junge Frau. „Shallow water (wenig tiefes Wasser), it is ok. But don’t swim. The Crocs are around“, ermahnt sie uns. in holprigem Englisch. Seitdem verzichtet Oli auf die Abkühlung.

Pater Matthew lädt uns zu sich ein. Wir plaudern über dies und das. Wir möchten mehr über die Geschichte der Brücke wissen. „Die Brücke wurde von den Priestern der katholischen Mission im Jahre 1975 gebaut. Vorher mussten die Menschen diese Stelle täglich mit ihren Einbäumen überqueren, um auf den Markt oder die kleinen Seen für den Fischfang zu kommen. Jedes Jahr wurden viele Menschen von den riesigen Krokodilen attackiert und gefressen. So hatten die Priester die Idee von einer Brücke der Hoffnung. Anfangs waren es nur quergelegte Holzlatten. Bei der Eröffnung hat der dicke Pater aus Amerika eine Kiste Bier mitgebracht. Damals eine Sonderheit und kaum zu bekommen. So ist er als Erster über die Brücke und in der Mitte waren die Holzlatten schon etwas morsch. Er ist direkt mit seinem Bier durch die Balken in den Fluss gefallen. Und wisst ihr, was er als Erstes gemacht hat?“ Wir hängen an seinen Lippen: „Gegen Krokodile gekämpft?“ „Nein, er hat die rausgefallenen Biere sofort wieder im Wasser gesammelt. Das war für ihn das Wichtigste“, erzählt der Pater lachend. „Die Krokodile haben sich vor ihm wohl gefürchtet. Der Amerikaner war bestimmt doppelt so schwer wie du Oliver.“ Na, dass muss ja ein echter Mordskerl gewesen sein, geht mir durch den Kopf.

„Danach haben sie die Holzlatten und gegen solche Aluminium Gitter getauscht. Die Brücke hält nun seit 45 Jahren. Die Menschen lieben sie. Es gibt ihnen die Möglichkeit sich frei auf beiden Seiten des Sambesi zu bewegen und auch Handel zu betreiben. Leider braucht sie dringend eine Renovation. Die Stahlseile müssen erneuert werden. Ebenso die Verankerungen verstärkt. Doch unsere katholische Mission ist mausarm. Seit einpaar Jahren sind wir völlig auf uns selber gestellt. Unsere ehemaligen Partner aus Amerika und Irland haben kein Geld mehr. Unsere Unterstützer sind da in diese schrecklichen Missbrauchsfälle verwickelt. Seitdem sind wir völlig in Vergessenheit geraten. Und die Regierung interessiert dies wenig. Die sagen, die Kirche hätte es gebaut und die soll für den Unterhalt schauen. Wir tun alles, was möglich ist. Die Menschen hier spenden was sie können, doch wir sind hier eine der ärmsten Regionen des Landes. Wir glauben daran, dass wir das irgendwie schaffen.“ Pater Matthew macht einen standfesten Eindruck. Er und seine Kirche leben nicht einfach von Spenden, sondern bewirtschaften Land und gehen auch auf den Markt um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

As wir ihm erzählen, dass wir unbedingt die berühmten, riesigen Sambesi Krokodile erleben wollen, leuchten seine Augen. „Jedes Mal wenn wir eines sehen, taucht es sofort beim ersten Geräusch in den Fluss“, klagen wir ihm. Er holt den Dorflehrer herbei. Mr. Kennedy Luku erklärt uns, dass hier in der Gegend noch immer Menschen von Krokodilen gefressen werden. Es ist besonders gefährlich für Frauen die am Fluss waschen und Kinder, die dort baden gehen. Er kenne aber jemanden in einem Dorf, nur ein paar Kilometer durch den Busch entfernt. Der echte Crocodile Dundee aus Sambia.

 

Crocodile Dundee aus Sambia
Nach einer tollen Fahrt vorbei an Maniokfeldern und dichtem Wald, taucht vor uns ein sehr ursprüngliches Dorf mit Lehm- und Strohhütten auf. Rundherum ist Mais und Maniok gepflanzt. Mitten im Dorf stehen mehrere Mangobäume. Die Kinder spielen mit selbstgebastelten Drahtautos, die Mädchen machen gerade ein Hüpfspiel. Als sie uns sehen, rennen alle auf uns zu uns. „Mr. Dominik“, sagt Kennedy zu ihnen. Die Kinder rennen los und rufen „Grossvater, Grossvater“ in der Luwale Sprache. Wir warten auf den Krokodil Experten.

Da kommt er. Ein sympathischer, älterer Mann. Mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht. Der Lehrer herzt ihn. Beide begrüssen sich wie es nur alte Freunde tun. Umarmung, Hände halten, sich in die Augen schauen. Mr. Dominik freut sich sichtlich um bei der Fotojagd auf die Krokodile dabei zu sein. Er scheut sich auch gar nicht, uns in seinem sehr spärlichen Englisch, dafür viel Luwale, den Ort, die Strategie und das Anschleichen zu erklären. Mr. Kennedy übersetzt alles in perfektes Englisch. Der Ort liegt einige Kilometer weg vom Dorf. Keine Menschen weit und breit. Die Fahrt ist wildes Terrain ohne Weg. Vorbei an kleinen Seen und viel Wald. Bei einer Anhöhe halten wir. Ab sofort müssen wir uns still verhalten. Dort angekommen, schliessen wir die Autotüren ganz sachte, um keinen Lärm zu machen. Dann schleichen wir uns auf eine Anhöhe. Diese fällt sanft bis zum Fluss hinunter. Sechzig Meter trennen uns von der riesigen Sandbank. Regungslos sitzen wir im Busch, lassen uns von den hunderten Mopane Bienchen plagen. Und  staunen. Dominik flüstert: „Hier leben die grössten Krokodile weit und breit. Wir haben schon Tiere von sechs Meter gesehen. Die sind richtig alt und vor allem gefährlich. Seht ihr die beiden auf der linken Seite. Das vordere ist ein Weibchen. Es ist schwanger. Das Männchen neben ihr ist wohl um fünf Meter lang.“ Wir sind baff. Zum Fotografieren ist das etwas weit weg.
Mr. Kennedy nimmt mich an der Hand. Wir schleichen einige hundert Meter der Kuppe entlang, dann hinter viel Gestrüpp bis zum Sandstrand. Langsam, Schritt um Schritt kommen wir näher. Die Krokodile haben uns noch nicht gehört. Der Wind kommt uns entgegen. Plötzlich sind wir nah, sehr nah. Knappe fünfzehn Meter vor mir liegt ein riesiges Urmonster. Es dreht sofort den Kopf. Den Schlund weit aufgerissen. Mir bleibt gerade mal das Herz stehen. Obwohl wir noch einiges an Abstand haben, ist mir etwas mulmig zu Mute. Die Mischung aus Faszination und Schrecken, lässt mich fast vergessen, dass ich ja ein Foto machen wollte. Kaum die Kamera angehoben, bewegt sich das riesige Tier. Blitzschnell. Zum Glück nicht in meine Richtung. Es verschwindet im Wasser. Drei Meter vor dem Ufer taucht es wieder auf und wartet. Und plötzlich sehen wir ganz viele von den Augen, die uns anstarren. Mutig schreiten wir zu den Liegeplätzen und messen die Abdrücke im Sand. Zwischen drei und fünf Meter Länge. Echt imposant.

Als wir wieder zurück bei Corinne und Mr. Dominik sind, bewegen sich die riesigen Urzeitviecher wieder zurück auf ihre Liegeplätze. Aus der Ferne beobachten wir sie nochmals eine Weile. Mr. Kennedy und Mr. Dominik – das war ein genialer Ausflug. Danke!

Zurück bei der Brücke, ruft uns ein Fischer zu. Er kommt gerade nach Hause. Mit einem Korbn voller Fische. Wir haben zwar keine Ahnung, was das für welche sind, doch wir kaufen ihm ein Teil des Fangs für bescheidenes Geld ab. Und so feiern wir unseren letzten Abend bei den Luwales mit gegrilltem Fisch, etwas Maniok vom Grill (ja, das kann an so essen) und unserem letzten Bier. Auf, dass die Brücke noch lange fortbestehen wird.

 

Die Quelle des Sambesi
Der viertlängste Fluss Afrikas entspringt ganz im Nordwesten Sambias, nahe an der Grenze zur Demokratischen Republik Kongo. Er entwickelt sich zu einem gewaltigen Strom, der 2574 Kilometer später in den indischen Ozean mündet. Es ist die Heimat für Millionen von Menschen und Tieren, bietet Nahrung und Wasser zum Leben, lässt eine einzigartige Fauna und Flora an seinen Ufern wachsen. Und begeistert Millionen von Touristen jährlich an seinen gewaltigen Victoria Fällen.

Und irgendwo, ganz im Nordwesten Sambias, an der Grenze zur Demokratischen Republik Kongo ist seine Quelle. Dort wollen wir jetzt hin. Wir wollen die Quelle des Sambesi mit eigenen Augen sehen. Von Chinyingi aus, erleben wir zwei Tage lange eine wilde Fahrt durch herrliches Buschland, über grosse Hügelketten, eine Übernachtung im Camp der Anti Poaching Einheit des Lunga Nationalparks und viele Kilometer tiefe Sandpisten. Manyinga, Chibwika, Mwinilunga heissen die passierten Dörfer. Einmal mehr stehen wir an einer Flussüberquerung. Auch hier heisst es Hand anlegen und am grossen Seil ziehen. Kaum von der Fähre runter, werden wir sofort von vielen Menschen umringt. Das Angebot zum Schmuggeln von Diamanten, lehnen wir lächelnd ab. Auch Mitbesitzer einer „offiziellen“ Mine zu werden, ist nicht unser vorrangiges Ziel. Und genauso wenig wollen wir unser Fahrzeugs hier verkaufen. Wie sollen wir denn weiter. Etwa zu Fuss?

Von der Fähre aus, geht es für fast achtzig Kilometer nochmals Schlagloch um Schlagloch auf einer einst asphaltierten Strasse entlang. Bis vor Kalene Hill. Dort in der Nähe soll es das Nchila Camp von Dr. Fischer geben. Seit Tagen sprechen alle Einheimischen von dieser Person. Er soll viel für die Menschen ganz im nordwestlichen, fast schon vergessenen Zipfel des Landes geleistet haben. Die Familie Fischer lebe seit Generationen an der Grenze zur DRC und hat ein gewaltig grosses Farm- und Jagdgebiet. Viele zehntausend Hektaren. Sie sind stark engagiert in Anti Poaching Ausbildungen von Rangern, bieten vielen Menschen einen Arbeitsplatz, haben Schulen auf ihrem Gebiet. Und einen Campingplatz. Wir sind sehr interessiert an der Geschichte und reisen an den wohl entlegensten Campingplatz Sambias. Dort angekommen, erfahren wir die riesige Enttäuschung. Camping nur auf Voranmeldung…das kann ja nicht wahr sein. An einem der entlegensten Orte im südlichen Afrika. Corinne hat denen vor drei Tagen eine Email gesendet. Die hätten sie leider nicht bekommen, weil der Empfang hier so schlecht wäre. Naja, das ist wenigstens ehrlich. Denn Mobilfunknetz ist so gut wie inexistent hier. Wir können jedoch auf dem Wild Camp bleiben. Für 50 US Dollar pro Person. Camping ohne irgendwelche Infrastruktur, ohne die Chance mehr vom Land zu sehen, geschweige denn die Geschichte der Fischers zu erfahren. Ich glaube ich spinne. Es ist ja nicht so, dass dieses Gebiet ein touristisches Reiseziel wäre, geschweige denn gibt es hier in der Gegend andere Camps. Wir lehnen ziemlich unhöflich ab und sind froh diesen unfreundlichen Ort sofort wieder zu verlassen. An alle die hier hoch wollen: Geht besser direkt zur Sambesi Quelle und verhandelt dort einen fairen Preis.

An der Quelle des Sambesi sind wir die einzigen Touristen. Ist halt nicht gerade um die Ecke. „Und das seit vielen Wochen“, wie der Wächter uns mitteilt. Wir bezahlen brav den Eintritt in das Gebiet und verhandeln einen annehmbaren Preis für Camping pro Nacht. Bezahlen sie nie den ausgeschrieben Preis. Da ist nichts. Die Toilette im Showroom funktioniert nicht. Das Wasser ist gesammeltes Regenwasser in einer Tonne, die vor vielen Wochen mal gefüllt wurde. Selbst der Wächter empfiehlt die die Buschtoilette mit Schaufel. Gut, dies sind wir gewöhnt.

Um die Spannung zu erhöhen, wollen wir erst am nächsten Tag zur Quelle. Uns schwebt eine Quelle wie in den Bergen vor. Klares, kaltes Bergwasser, das aus einem Felsen entspringt. Oder mindestens irgendwo aus einer Spalte. So frisch, dass man sofort daraus trinken will. Mit dieser Vorstellung laufen wir am nächsten Morgen dem markierten Pfad entlang, steigen auf eine von einer europäischen NGO konstruiertes Holzdeck (steht auf einer Tafel), wo uns ein Weg auf Holzplanken in den Wald führt. Ist wirklich cool gemacht. Man wandert fünfzig Zentimeter über dem Boden im dichten Dschungel. Hunderte von Moskitos, Fliegen und andere faszinierende Insekten begleiten uns. Immer wieder Wasserpfützen am Boden, wenig fliessendes Wasser. Am Ende des Wegs angekommen, steht er vor uns. Der Baum, unter dem der mächtige Sambesi entspringt. Wasser drückt da durch den Boden. Es sammelt sich zwischen den Wurzeln und rinnt in die nächste Spalte. Immer wird es etwas mehr. Flüsschen ist noch immer übertrieben. Auch wenn die Quelle kein spektakulärer Ort ist, es ist in jedem Fall ein geschichtsträchtiger. Und wir sind da. Am Ursprung einer der mächtigsten Flüsse Afrikas. Am Start vom Sambesi. Der Fluss, von dem viele Entdeckungsgeschichten handeln. An der Quelle aller Mythen, die entlang des Flusses von den Menschen erzählt werden. Wir geniessen den Moment, steigen von der Plattform und folgen dem Wasser für viele hundert Meter durch das dichte Buschwerk. Bis uns die Bewacher der Quelle, die Moskitos in die Flucht schlagen.

Auch der mächtigste Fluss entspringt aus einer kleinen Quelle. Wie wahr.