Das tapfere Schneiderlein


„Ach, vergesst es. Ich habe keine Ersatzteile für eine so alte Maschine. Vielleicht in der Hauptstadt in Lusaka. Aber das kostet. Bestimmt 50 US Dollar und dann der Kurier hierher nochmals der gleiche Betrag. Und dann läuft sie wieder. Aber sie ist dann immer noch alt. Besser ihr kauft eine neue. Ich habe gute Maschinen. Nur zweihundert US Dollar. Direkt aus China.“ Dann tippt der geschäftige Mann in seinem Telefon rum, spricht laut und heftig mit seinem Gegenüber. Entnervt beendet er das Gespräch. Dies wiederholt sich bestimmt noch dreimal. „Ich habe es Euch gesagt. Keine Chance. Eure Nähmaschine ist zu alt. Wer hat denn noch Teile für die ersten Singer Maschine No. 128? Das ist eine Rarität. Die gehört ins Museum. Wollt ihr jetzt eine neue haben?“ Corinne schaut zuerst mich an, dann unseren neuen Freund Brave, danach ist Mr. Innocent dran. Alle schauen ganz enttäuscht zu Boden und die Antwort ist einhellig: Nein. Wir wollen die Singer No.128 am Leben erhalten. Damit Herr Brave weiterhin tolle, farbige Kleider für seine Frau und seine Kinder schneidern kann. Denn die Nähmaschine ist ein Familien Erbstück. Schon sein Ur-Grossvaters hat damit gearbeitet. So um die 1910. Und Herr Brave hat auch schon fast die Sechzig erreicht. Wir erzählen euch gerne die Geschichte vom tapferen Schneiderlein und seiner legendären Nähmaschine aus Sambia.

 

Ikithe – Sonnen- und Schattenseiten im Paradies
Die sandige Piste durch den Busch nach Ikithe macht richtig Spass gemacht. Immer wieder tauchen links und rechts ursprüngliche Siedlungen auf. Dazwischen Busch und leider auch einiges an verbrannter Erde. Viele Menschen haben Fahrräder. Doch das lässt sich nicht gut im Sand fahren. Sie werden meistens dazu benutzt, um sie mit grossen Säcken voller Holzkohle zu beladen und sie viele Kilometer bis nach Lumulunga zu schieben. Jedes Mal wenn wir die Holzkohle sehen, gibt es einen Stich ins Herz. Die Landschaft so schön, doch überall wird geköhlert. Ist das wirklich nötig? Die Transporteure sind freundlich, winken und sind immer für einen Schwatz zu haben. Angesprochen auf das Abbrennen der Landschaft meint ein sympathischer Kerl mit einem breiten Grinsen: „Es ist unsere einzige Chance, ein paar Kwacha zu verdienen. Hier gibt es nichts. Ja, nicht einmal Regen um etwas zu pflanzen. Wenn wir einen Baum mittlerer Grösse köhlern, sind das etwa fünf Säcke. Pro Sack wird uns etwa 20 Kwacha (1.50 CHF) bezahlt. Pro Monat kann ich in einem guten Monat bis 700 Kwacha verdienen.“

Unglaublich, wie wenig ein Baum wert ist. Genauso verrückt, dass ein Mensch, der jeden Tag hart arbeitet und im Buschdorf lebt, mit 35 CHF überleben muss. Auf die Frage, ob er sich denn keine Gedanken um die Natur mache oder dass dann plötzlich keine Bäume mehr da wären, meint er: „Was soll ich denn machen? Ich muss eine Familie ernähren. Seit Generationen köhlern wir. Die Bäume wachsen nach. Nachdem es gebrannt hat, wird es grün. Wir haben genug Bäume hier.“ Sieht man sich um, könnte man ihm fast zustimmen. Wir sind mitten im tiefen Busch. Doch das Problem ist weitaus grösser. Alle köhlern hier. Und dennoch nützen unsere grossen Sprüche aus Übersee, von wegen Umweltschutz und „Stopp die Holzkohle in Afrika“ wenig. Wie sollen die Menschen denn hier überleben? Beides sind katastrophale Situation.

Es ist leider das tägliche Afrika: Der stetige Kampf zwischen Leben und Überleben.

Gerade in dem Moment hüllt uns eine Staubwolke ein. Ein Auto schlingert an uns vorbei. Wir husten, der Fahrer winkt. Bestimmt der Camp Chef, denn ansonsten macht die Gegend nicht den Eindruck, dass Autos zum Alltag gehören. Wir machen uns auch auf den Weg und erreichen das Ikithe Camp am kreisrunden See. Wir haben schon einiges an Überraschungen in Afrika erlebt. Doch das hier ist fast schon unwirklich. Mitten im Nirgendwo stellt jemand eine Design Lodge auf die Beine, die es in sich hat. Die Lounge ist riesig mit vielen Bildern, überall durchgestylte Sitzplätze, man sieht die riesigen Balken des Dachs, eine Galerie und viel geschliffenen Beton. Die Bungalows voller Luxus und die Campsite direkt am Strand. Die Ablution mit Freiluft Duschen, Umzieh Räumen, alles perfekt. So etwas würde man hier draussen nicht erwarten. Perfekt um etwas aufzutanken, denken wir. Mister Shipanuka ist der Manager. Er begrüsst uns herzlich und entschuldigt sich für die Staubwolke. Wir sind die einzigen Gäste. Es ist sichtlich stolz auf die Anlage.

Nach drei Tagen und als man sich etwas besser kennt, klingt es etwas anders. „Wisst ihr, diese Lodge gehört einer bekannten Staatsanwältin in Sambia. Sie ist politisch aktiv. Ursprünglich ist sie in der Gegend aufgewachsen. Doch es ist wie überall in Afrika. Die Madame braucht eine Lodge um bei der Elite dazu zu gehören. Doch wie ihr gemerkt habt, fehlt es uns an Strom; respektive Diesel für die Generatoren, es gibt nur kaltes Wasser, die Bar ist sehr dürftig ausgerüstet und wir alle werden nur alle vier Monate bezahlt. Wenn überhaupt. Es gibt Familienmitglieder der Besitzerin, die seit einem Jahr nichts gesehen haben. Sie meint immer nur, kommt noch. Doch wo wollen wir sonst hin? Wir kommen von hier. Arbeit haben wir jeden Tag. Mit den wenigen Gästen können wir gerade mal über die Runden kommen. Ich sage Euch, reiche Leute sind die Unbarmherzigsten. Ich muss jede Woche unseren Buchhalter nach Mongu bringen, um das wenige Geld einzuzahlen. Kaum ist es auf der Bank, ruft sie an und beschwert sich, dass dies nicht genug ist. Aber sie will nichts investieren. Und sie war seit über zwei Jahren nicht mehr hier. Doch jeden Monat ist sie in Mongu. Die Lodge und das Design ist eine Franchise von einer grossen südafrikanischen Tourismuskette. Da hat sie irgendwann einmal ein Geschäft gemacht. So geht das in der Politik. Ihr müsst entschuldigen, wir tun unser Bestes. Und wir hoffen ihr könnt es geniessen.“

Es ist kein Wehklagen des Managers. Es ist die afrikanische Realität. In dem Moment blicke ich zum Kühlschrank der Bar: 2x Cola, 1x Fanta, 2x Bier. Ich nehme eine Fanta und ein Bier im Wissen, dass ich nun wohl ein Nachschub Problem verursache. Doch vielleicht machen sie es clever genug und das Geld geht in eine schwarze Kasse, aus der Löhne bezahlt werden. Den Vorschlag an den Barman Hr. Innocent gemacht, muss er lachen. „Ich bin auch der Buchhalter. Bei uns wird alles korrekt verbucht. Ist Berufsehre.“  Naja, selber schuld, denke ich.

 

Das tapfere Schneiderlein
06:30. Es ist der fünfte Morgen in Ikithe. „Mister, Mister. Can you help me, please?“
Vor mir steht Mr. Brave. Er ist der Gärtner, Poolreiniger und Holzbringer im Camp. Ein netter Mensch um die sechzig. Schüchtern steht er da und hält ein komisches Metallstück in der Hand. „Mir ist der Läufer meiner Singer No. 128 kaputtgegangen. Mister Oliver, ich glaube sie sind ein guter Mechaniker. Können sie ihn reparieren, bitte?“ Hä? Sofort habe ich an ein Schachspiel gedacht. Doch der Läufer sieht da ganz anders aus. Es mag sein, dass ich mich täusche, doch das Schachspiel ordne ich nicht als Mr. Braves Lieblingsspiel ein. Nur so ein Gefühl. Was ist dann der Läufer? Und vor allem was ist eine Singer no.128? Eher kein Motorrad, oder?

„Mann Oli, das ist eine Nähmaschine. Weisst die schwarz-goldene mit Gaspedal“, so Corinne. „Nein, nein, die No.128 hat eine Handkurbel“, korrigiert Mr. Brave ganz stolz. Davon hat Oli bestimmt keine Ahnung. „Ok, klingt ja nach einer modernen Maschine“, sagt der Ahnungslose sarkastisch. „Nein, nein, sie ist uralt. Schon mein Ur-Grossvater hat damit Kleider genäht. Es war die erste Maschine hier in der Gegend. Auch mein Grossvater, mein Vater und ich haben damit unsere Kleider selber gemacht. Doch jetzt ist sie kaputt. Werden sie mir helfen?“ Er kramt ein Plastiksack aus seiner Arbeitskleidung. Der Inhalt ist eine uralte Bedienungsanleitung. Die meisten Blätter sind lose. Die verschnörkelte altenglische Schrift ist kaum lesbar. Ist das wirklich wahr? Die haben eine Gebrauchsanleitung über drei Generationen vererbt. Das sind klassische Afrika Momente. Da musst du an dich halten um nicht vor Komik loszubrüllen. Mr. Brave scheint im Umgang mit der Nähmaschine aber nicht den gleichen Humor wie ich zu haben. Es ist ein ernstes Problem

„Was kostet so ein Teil?“ so Oli. „So um die 250 Kwacha?“ kommt es vom älteren Mann selbstsicher zurück.  „Das ist viel zu viel. Ich gebe Ihnen kein Geld, sondern besorge ein Ersatzteil. In Ordnung?“ Oli hat keine Ahnung was er damit ausgelöst hat. Mr. Brave strahlt übers ganze Gesicht. ”Bis wann?”  “Drei Tage.” Die Wette gilt.

Mr. Shipanuka der Manager kommt hinzu. „Ja, das ist eine ernste Sache“, sagt er mitfühlend. Ich bin noch immer in bester Laune und muss Lachen. Ich weiss, es ist ernst, wäre doch nur nicht die groteske Situation, dass wir nun alle vier auf die uralte Gebrauchsanleitung gucken und uns Gedanken machen, wie wir im afrikanischen Busch ein Ersatzteil für eine Nähmaschine aus dem 1910 besorgen könnten. Doch wo sonst, wenn nicht hier in Afrika. Herrlich.

Mr. Shipanuka kratzt ein paar Scheine zusammen und gibt sie mit meinen 150 Kwacha einem Mitarbeiter. Dem Fahrer. Er darf dann auch gleich des Managers Auto haben. Er soll morgen mit dem Ersatzteil und 12 Getränkeflaschen zurück sein. Denn seit zwei Tagen ist gar nichts mehr im Kühlschrank der Bar. Zwei Tage später ist der Typ noch immer nicht aufgetaucht. Der Manager meint, dass sei immer das Gleiche mit ihm. Das Telefon nimmt er nicht ab, wahrscheinlich sei er auf Party gegangen und das Geld ist wohl flöte. Es scheint ihn nicht zu überraschen. Und auch nicht zu stören. Ach, der kommt dann schon wieder, meint er. Das ist für uns natürlich ärgerlich, denn wir haben unser Versprechen gegeben. Und vorher gehen wir nicht weg. Am dritten Tag ist es uns zu bunt. „Wir kümmern uns selber darum. Wer kommt mit?“

Zu fünft sitzen wir in unserem Zweiplatz-Landcruiser und rattern Richtung Mongu. Mr. Innocent, der Buchhalter kommt mit. Er muss auf die Bank um die paar Kwacha einzuzahlen, die er von unserer Campingmiete bekommen hat. Mr. Brave braucht es natürlich auch. Und die Dame mit den drei Gepäckstücken, keine Ahnung wer das ist. Ev. des Managers Geliebte oder so? Egal, sie ist sehr freundlich und will sie als Erstes nach Hause gebracht werden. Klar. Wir sind beste Taxi weit und breit. Auch das Einzige. Der Buchhalter lassen wir bei der Standard Bank raus und versprechen, ihn dann auch wieder abzuholen. Wir drei Helden sind auf dem Markt und klappern jeden Stand mit Werkzeugen und Schraubenschlüsseln ab. Jedes Mal ein Lächeln und horizontales Kopfschütteln. Mittlerweile sind wir beim Schaufel- und Alteisenhändler angelangt. Er schickt uns in Gewerbequartier. Zum umtriebigen Haushaltwarenhändler. Und der will uns gerade eine neue Maschine verkaufen. Nochmals telefoniert er rum. Er will uns wirklich behilflich sein. Wir erhalten einen Kontakt von einem alten Mann vor Lumulunga. Keine Adresse, der wohne irgendwo am Fluss. Wir würden ihn schon finden. Er war des Königs Schneider.

Und tatsächlich. Nach mehrmaligem rumfragen, laufen wir nun alle vier (inkl. Buchhalter) in der brütenden Hitze in einer kleinen, ärmlichen Siedlung rum. Wir fragen die Menschen nach dem alten Schneider. Eine junge Frau ruft uns zu sich. Ihr Grossvater sei da und will uns sehen. Ein alter Mann sitzt unter dem Mangobaum an seiner Singer Maschine. Unverkennbar sind die goldenen Verzierungen der Nähmaschine. Mr. Braves Augen fangen an zu leuchten. Doch die Maschine ist modern. So um die 1950 Jahrgang.  Mit Gaspedal. Der Läufer wird nicht passen. Die zwei alten Schneider sprechen eine Weile, halten dabei Händchen und dann bittet er uns zu warten. In seinem Haus hat er verschiedenste Metallkisten rumliegen. Eifrig wühlt er darin. Er wird fündig. Drei alte, verrostete Läufer bringt er nach draussen. Schlappe 250 Kwacha will er. Bekommt er. Mr. Brave scheint den Tränen nahe zu sein. Er umarmt den alten Schneiderkollegen und dankt ihm tausendmal. Mittlerweile sind alle Mütter mit Kindern aus der Siedlung hier. Sie freuen sich und rufen den beiden Schneidern alles Beste zu. Geschafft.

Kaum in Ikithe zurück, nimmt Mr. Brave mich mit zu seinem bescheidenen Haus, stellt mich seinen Kindern und seiner Mutter vor. Er erzählt unsere Geschichte und alle freuen sich. Dann setzt er den Läufer ein, kurbelt an der Maschine und fängt an, ein Kleidungsstück zu nähen.
Wir sind so froh, dem tapferen Schneiderlein geholfen zu haben.

Und prompt haben wir vergessen, die Getränkeflaschen für die Bar einzukaufen.
Naja, der Tag hätte dann ja schon fast kitschig geendet. Nein, in der afrikanischen Realität gibt es nur wenige Happy Ends…

 

Grenzerfahrung im Busch
„Unser Essen ist weg. Gerade wollte ich die Chips öffnen und etwas naschen. Doch die sind weg, Ebenso die Crackers. Das Brot. Jemand hat das geklaut. Unfassbar.“ Corinne ist wohl vor allem enttäuscht weil die Chips weg sind. Nach einem langen Tag auf der Suche nach dem Läufer wollte sie wohl einfach etwas ausspannen und geniessen. Als wir am Morgen los sind, haben wir unsere Kochsachen zusammengestellt und im Camp gelassen. Die Security darauf angesprochen, holen sie Mr. Shipanuka. Er will dies geklärt haben, denn er befürchtet, dass wenn sich so etwas rumspricht, niemand mehr kommen wird. Reges Treiben. In alle Richtungen sind die Angestellten unterwegs. Eine halbe Stunde später kommen sie wieder zusammen. Mit dem hungrigen Dieb. Ein Knabe um die 14 Jahre in verschlissenen Kleidern und gesenktem Blick sitzt auf einem Ast vor uns. Er weint. Sagt aber nicht. Dann kommt die Mutter angerannt, fällt auf die Knie und fasst Oli um die Knöchel. Dann klatscht sie dreimal in die Hände, wie sie es beim König machen. Sie weint und wimmert. Ihre Tränen laufen über ihr Gesicht und tropfen auf meine Flipflops. Sie spricht vor sich hin. Dann schaut sie hoch. Ein schrecklicher Anblick. Eine einst schöne Frau, hat eine verätzte Gesichtshälfte, ein trübes Auges. Der alte Vater kommt hinkend und mit stark gebeugtem Gang hinter den Sicherheitsleuten hervor. Sein Fuss ist verkrüppelt. Auch er macht eine seitliche Respektbezeugung und klatscht in die Hände. Mr. Brave erklärt uns, dass die Eltern sich schämen würden. Die Lozis stehlen nie. Sie wollen uns um Gnade bitten. Sie hätten nichts zu essen, doch stehlen würden sie nie. Ihr Sohn hätte das alles selbst gegessen. Sie hätten nichts davon gewusst. Es ist die pure Verzweiflung.

Wir stehen wie angewurzelt da und fühlen uns grottenschlecht. Was sind wir nur für Menschen, dass wir uns wegen etwas Essen beim Manager beschweren? Wo wir doch für wenig Geld wieder einkaufen gehen können. Etwas, was diese armen Menschen wohl nicht einmal zu träumen wagen. In diesen Momenten fühlt man sich genauso so schlecht wie der Junge, der einfach eine Chance gesehen hatte und aus Verzweiflung gehandelt hat. Wer könnte es ihm verdenken? All unser elektronisches Zeugs wie Solarpanel oder die Schaufel und die aufgehängten T-Shirts hat er nicht mal angerührt. Das gibt einem echt zu denken. Was sind wir oftmals nur für arrogante Idioten, wenn wir uns zu Hause aufregen, dass sie im Laden halt nicht genau die gesuchte Marke Tomatensauce haben oder dass es nur noch 2-lagiges Scheisspapier im Gestell hat. Oder wir mit äusserster Vorsicht Fleischwaren einkaufen, deren Ablaufdatum in zwei Tagen ist und wir sogar nur den halben Preis bezahlen. Es könnte ja schlecht sein vor dem Ablaufdatum. Darüber sollte man sich mal wirklich Gedanken machen im Wattebausch der so vermeintlich „zivilisierten“ Welt. Nicht aufregen, Oli…

Langsam finden wir aus der Stockstarre zurück. Wir bitten die Frau aufzustehen. Wir umarmen die Menschen. Es ist gerade das Einzige was uns einfällt. Mr. Brave erklärt ihnen, dass wir ihnen verzeihen und sie unsere Freunde sind. Dann erklärt er ihnen, dass sie ein solches Verhalten nicht akzeptieren dürfen, denn sie wollen ja Gäste in der Gegend haben. Und wenn die ausbleiben, hätten sie alle keinen Job mehr. Das wäre noch viel schlimmer. Die Eltern verstehen dies und entschuldigen sich wieder. In der Zwischenzeit hat Oli weitere Krackers aus dem Auto geholt und schenkt sie der Familie. So nett diese Geste gemeint ist, es ist natürlich eine schlechte Idee. Die Gerechtigkeit ist nun völlig aus dem Gleichgewicht. Denn was sollen die Sicherheitsleute, der Gärtner und die anderen Angestellten denken. Man beschenkt die Diebe? Sie überleben genauso hier. Wir merken dies und räumen weitere Vorräte raus und verteilen sie an die Angestellten. Endlich Happy End?

Nein. Dieses Erlebnis beschäftigt uns so sehr, dass wir kaum eine ruhige Minute am Abend finden. Geschweige denn schlafen wir gut. Wir suchen das Gespräch mit Mr. Shipanuka und Mr. Brave. Was können wir in dieser katastrophalen Situation tun? Ob wir der Familie weitere Vorräte abgeben sollen? „Schaut, dies ist euer eigener Entscheid. Natürlich kennen wir die Familie. Es sind rechtschaffende Menschen. Der Vater hatte vor ein paar Jahren einen schweren Unfall. Ausser Köhlern kann er nicht mehr arbeiten. Die Söhne helfen mit. Seine Frau hatte eine schwere Krankheit und sieht kaum etwas. Sie gehören zu den Ärmsten. Wie andere aber auch. Doch wenn ihr sie unterstützen möchtet, helfen wir. Wir kommen mit Euch“, sagt der Manager.

Wir kramen alles raus was wir noch haben, machen einen Haufen voller Esswaren für die Arbeiter der Lodge und den Rest packen wir in eine Tasche. Dann geht’s dem See entlang zu ihrer kleinen Siedlung. Die Familienmitglieder sind sehr herzlich und heissen uns willkommen. Auch der diebische Junge kommt, weiss noch nicht so recht, ob er sich über unseren Besuch freuen soll. In einer kleinen, aus Holzstämmen gezimmerten Hütte, sitzen wir mit den älteren Söhnen und dem Vater ums Feuer. Darauf köchelt ein Topf mit dem täglichen Maisbrei. Der Vater erzählt, seine Söhne und wir hören zu. Mr. Brave übersetzt. Sie würden es extrem schätzen, dass wir so respektvoll mit Ihnen seien. In der Zwischenzeit packt Corinne Dosen mit Mais und Erbsen aus. Teigwaren, drei Tomaten, eine Gurke, eine Flasche Sonnenblumenöl und Tee finden ebenso den Weg zu den dankbaren Menschen. Die Augen aller strahlen pure Dankbarkeit aus. Wir schütteln eine gefühlte Ewigkeit verschiedene Hände zum Abschied.

Endlich ein Happy End.
Wenn auch nur für einen kleinen Moment.

Das Leben und Überleben in Afrika wird morgen weitergehen.