Das Virus kommt nach Namibia


„Mister, Mister, was ist mit diesem Virus? Worum geht es? Sind wir auch gefährdet?“
Drei der Farmmitarbeiter stehen völlig verunsichert bei uns im Camp. Linus, der Angolaner, hat schon eine Antwort parat: „Ich habe in Facebook gelesen, dass eine Zwiebelsuppe mit viel Knoblauch hilft. Das wird überall angeboten. Auch meine Familie sagt das. Können sie für uns Knoblauch kaufen gehen?“ Corinne sieht verschmitzt weg. Ich kann mir das Schmunzeln trotz der ernsten Lage nicht verkneifen. „Aha. Knoblauchsuppe hilft gegen den Virus. Das sagen die modernen afrikanischen Zauberer, die auch auf Facebook sind?“ „Ja, das stimmt. Es wird viel Werbung gemacht. Auch bekomme ich Whats App Nachrichten davon.“ Doch Linus Kollegen mögen dem Ganzen keinen Glauben schenken. Sie stehen wie ein Häufchen Elend da und sind völlig verunsichert. Es ist die zweite Woche, nachdem Corona in den westlichen Medien aufgetaucht ist. Noch sind vor allem erste Nachrichten aus Italien aktuell. Doch in fast allen Medien werden von allen Richtungen berichtet und viele Vermutungen kundgetan. Afrika mit ihren gewaltigen HIV und Tuberkulose Quoten durch alle Schichten und Jahrgänge sei der wahrscheinlich der am meisten gefährdetste Kontinent. Dazu kommt das gewaltige Risiko mit katastrophalen Gesundheitssystemen in fast allen Ländern dazu. Auch in den hiesigen Medien in Namibia hört man schon vereinzelt davon. Doch die Farmer im Agri Markt schmunzeln noch über diesen mysteriösen Virus. „Das Chinesen Zeugs wird sich wohl in Europa ausbreiten. Nicht bei uns. Wir haben immer gutes Wetter“, so einige Stimmen. Die Meinung ist, dass man im Moment in Europa eine grosse Panik für Nichts mache. Namibia sei weit weg. Überhaupt müsse man sich auf einer Farm keine Gedanken machen. Das sei ja die beste Selbstquarantäne. Dennoch versuchen wir den Arbeitern den Ernst der Lage und das was wir bisher mitbekommen, zu erklären. „Hier, in der Wildnis sind wir wohl am ehesten sicher. Solange ihr am Wochenende nicht nach Okahandja für Parties geht.“ Jeden Tag erfahren wir ein bisschen mehr. Was uns langsam aber sicher besorgt.

 

Selbst Quarantäne in der Wildnis
Johan teilt uns mit, dass er und Danie dieses Wochenende nicht von Südafrika auf die Farm in Namibia kommen können. Sie haben dringende Vorsichtsmassnahmen für ihr Business zu treffen. Die Regierung in Südafrika fordert alle Lebensmittelproduzenten zu Präventiv gegen den neuen Virus zu agieren. Dennoch ist die Stimmung noch immer locker, keine Spur von Panik. Funa, unser Damara Mitarbeiter will ein freies Wochenende. Er muss an eine Beerdigung von einem Onkel. Dagegen ist selbstverständlich nichts einzuwenden. Wir besprechen die Lage und geben ihm die Tipps für Händewaschen und gesunden Abstand mit. Das, was wir halt bis jetzt wissen. Ich bringe ihn zur Strasse, wo er von einem passierenden Farmauto mitgenommen wird. Das Corona Thema ist bei allen auf der Farm wieder etwas im Hintergrund. Wir müssen die Flächen für das neue Camp entbuschen. Alles ist ruhig. Beim Besuch des Agri Markts in Hochfeld ist es wie vor einer Woche. Lockere Stimmung, Namibia ist vollkommen sicher. „Ach, da wird viel übertrieben. Europa ist sich eine Krise einfach nicht gewohnt.“ Der Besitzer des Marktes ist sich sicher, dass der Medienhype bald wieder vorbei sein wird.

Die Nachrichten überschlagen sich von Tag zu Tag. Der Norden Italiens scheint geradezu wegzusterben. Der Virus breitet sich unheimlich schnell in der Schweiz, Deutschland, Spanien, Frankreich aus. Man erwägt sogar, die Ländergrenzen in Europa zu schliessen. Die Diskussion um die Grenzgänger ist voll entbrannt. In allen Medien ist es das Thema Nummer Eins. In Facebook starten Diskussionen aller Art. Von einer schweren Grippe bis zum Weltuntergang wird alles hitzig und ohne Grundlage diskutiert. Leider ist dieses Medium hier in Afrika so weit verbreitet, dass die Leute gleich einmal alles aufsaugen und rumplappern. Natürlich auch auf der Farm. Dazu kommt, dass noch keine verlässlichen Informationen von der Regierung verfügbar sind. Funa ist am Montag zurück. Und er sieht nicht gut aus. Die wässrigen Augen lassen das Schlimmste befürchten. Er ist krank. Oder einfach noch besoffen von der Beerdigung? Nach langer Diskussion gibt er zu, auf einer Beerdigung und auf Parties gewesen zu sein. Aber er fühle sich gut genug zum Arbeiten. Doch Jeremia, der Vorarbeiter ist wirklich besorgt. Er befürchtet, dass Funa das Virus haben könnte. Niemand von uns weiss genug, um das wirklich beurteilen zu können. Selbstverständlich hat der Betroffene alle Absprachen von Hände waschen oder Abstand halten in den Wind geschlagen. Nach Rücksprache mit dem Besitzer Johan entscheiden wir, dass Funa die Farm verlassen muss. Wir wollen keine Risiken eingehen. Mit einem negativen Test kann er jedoch zurückkommen.

In Südafrika hat die Verbreitung schon begonnen, die Verunsicherung in der Bevölkerung ist gross. Ab sofort muss jeder Mitarbeiter, der die Farm verlässt, zu Hause bleiben und darf erst zurückkehren, sobald sich die Situation beruhigt hat. Niemand weiss, wie sich das Virus wirklich ausbreitet, ob es auch die Umwelt; sprich vielleicht sogar Wildtiere infizieren kann. Die Besitzer sind sehr besorgt um die Sable Zucht und die Nashörner. Wir sind sicher, dass die Wildnis Farm für uns alle die beste Quarantäne ist. Aktuell ist es sowieso ein Traum hier. Der viele Regen lässt das Gras spriesen. Dort wo im November noch Sand und ein paar vertrocknete Grashalme standen, wächst kniehohes, sattes Gras und Blumen aus dem sandigen Boden. Die Landschaft ist kaum wieder zu erkennen. Wir sind mitten im März. Am Morgen steht immer wieder dichter Nebel, dann kommt Regen, danach Sonne. Das herrlichste Wetter der Welt für eine Wüstengegend scheint kein Ende zu nehmen. Das hat es hier seit vielen Jahren nicht mehr gegeben. Scheint ein gutes Jahr zu werden…

 

Was passiert gerade mit dem Virus?
Täglich kommen mehr Meldungen von der Presse und auch von zu Hause. Toilettenpapier wird knapp, die Läden werden geplündert, die Panik greift um sich. Immer mehr Infizierte in Europa. Amerikas Präsident lächelt alles weg und meint, dass es bald mit den „importierten China Virus“ vorbei sein wird. Alles halb so schlimm. Von Südamerika hört man wenig. Russland hat keine Fälle, Iran offiziell auch keine – meine iranischen Freunde berichten uns jedoch Schreckliches. Der Virus überrollt die Welt. Die Welt geht unter, die Natur wehrt sich. Und Afrika ist kaum betroffen. Das Wunder des schwarzen Kontinents? Aktuell gibt es kaum verlässliche Tests auf der Welt. In Afrika schon gar nicht. Die ersten Fälle in Nigeria, in Algerien und Äthiopien werden bekannt. In Namibia? Noch immer kommen Touristen aus Europa für ihre Ferien ins Land. Doch niemand denkt an Test. Tourismus ist die grösste Einnahmequelle im Land.

Im Telefongespräch mit Funa berichtet er Unglaubliches. Er sei im öffentlichen Spital und zwei Kliniken in Okahandja gewesen. Niemand könne etwas genaueres darüber sagen. Sie haben schlicht keine Tests. In der letzten Klinik haben sie einen HIV Test gemacht und ihm mitgeteilt, dass dieser negativ sei. Er sei somit wenig gefährdet, auch nicht Corona infiziert und könne wieder arbeiten gehen. Wir entscheiden, dass er zu Hause bleiben muss. Anscheinend gibt es seit heute nur Tests am internationalen Flughafen in Windhoek.

Und dann nimmt es auch in Namibia seinen Lauf. Ein spanisches Ehepaar, das vor Covid-19 im Heimatland flieht und in ihrem geliebten Namibia reisen will, wird positiv getestet. Nun geht die Angst um, dass viele andere schon im Land sind und den Virus verteilen werden. Die Regierung berichtet täglich, jedoch sehr defensiv. Die Verunsicherung in der Bevölkerung steigt. Sogar im Agri Markt werden Hinweise im Umgang mit Covid-19 aufgehängt. Vorbildlich installieren sie vor dem Laden das Lavabo, eine Dame mit Mundschutz und Handschuhen kontrolliert das Händewaschen. Abstand halten ist noch nicht aktuell. Die Worte des Inhabers und der Farmer sind plötzlich ganz andere:“ Jetzt haben wir das Ganze auch bekommen. Unglaublich. Wir müssen vorsichtig sein.“ Keine Spur mehr von den markigen Sprüchen. Aus dem Corona Virus wird richtigerweise nun die Covid-19 Krankheit. Sie ist auch hier angekommen. Corinne und ich kaufen genug Vorräte für drei Wochen für die Farm und uns ein.

In der Zwischenzeit hören wir von anderen Reisenden im südlichen Afrika, die ihre Reisen abbrechen und sich bei den Botschaften melden um nach Hause zu kommen. Für uns noch kein Thema. Die Grenzen sind noch offen. Vielleicht ist ja alles nur halb so schlimm. Doch die Nachrichten überschlagen sich stündlich. Besonders Europa mit Italien und Spanien. Aber auch in der Schweiz und Deutschland breitet sich die Panik rasant aus. Langsam aber sicher kriechen die Verschwörungstheoretiker aus ihren Löchern. Chaos scheint um sich zu greifen.

In Europa mutet es wie ein Wettbewerb an: Wer hat weniger Infizierte? Wer hat am wenigsten Tote? Welches Land hat die fähigsten Krisenmanager? Wo sind die kompetentesten Virologen? Viele Wissenschaftler scheinen in der Krise auch Chancen zu sehen und drängen sich ins Scheinwerfer Licht. Theorie um Theorie, Zahlen um Zahlen, Vermutungen um Vermutungen, Erklärungen um Erklärungen werden um die virtuelle Welt gejagt. Mittlerweile sind die Grenzen zu den Nachbarländern geschlossen. Auch hier in Afrika. Ein guter Freund sitzt am Strand in Angola, ein anderer in der hektischen Hauptstadt Sambias, andere sind isoliert auf Farmen in Südafrika. Per sozialen Medien bekommen wir die tätlichen Angriffe auf andere Reisende mit, die in Äthiopien und Tansania gestrandet sind. Sie werden öffentlich beschuldigt, den Virus zu bringen, die Schwarzen zu verseuchen und dezimieren zu wollen, um wieder die Herrschaft über Afrika zurück zu erlangen. Viele wollen ihren Lebenstraum abbrechen und einfach nur noch zurück in ihr Heimatland. Die Angst der Menschen greift um sich, dazu werden sie von ihren Regierungen im Stich gelassen. Denn diese Leute haben anscheinend wenig Ahnung und behaupten noch immer, dass sich das Virus bei warmen Wetter wie hier in Afrika nicht ausbreiten wird. Dass Saudi Arabien und die Emiraten mit heissem Wetter schon verzweifelt gegen die Ausbreitung kämpfen, scheint niemanden zu interessieren.

Unsere Farmbesitzer sind total gestresst. In Südafrika ist die Hölle los. Der Virus breitet sich aus. Noch immer nicht wie in Europa, doch es wird ja auch kaum getestet. Wie auch – ohne Tests? In Südafrika flimmern Bilder von kriegsähnlichen Zuständen über den Äther. Die Townships im Land sind vom Militär abgeriegelt. Helikopter fliegen den ganzen Tag. Es gibt kein Herauskommen aus den Armenvierteln. Millionen von Menschen sind auf kleinstem Raum eingesperrt. Johan und Danie befürchten das Schlimmste: Chaos, Rebellion, Gewalt. Dazu kommt die inoffizielle HIV Rate von fast 40 Prozent in fast allen Ländern im südlichen Afrika. Das kann epochal enden.

In unserer namibischen Wildnis sind wir weit weg vom Ganzen. Täglich sind unser Buschmann Japau mit Corinne auf Nashorn Tracking und stellen sicher, dass es denen gut geht. Die anderen Arbeiter sind noch immer mit Entbuschen beschäftigt. Ich kümmere mich um die Sable Antilopen, helfe auf dem Feld mit, schreibe meine Abenteuer Geschichten, gehe auf Fotojagd und bin für die aktuellen News verantwortlich. Fast alles entspannt. Bis auf die Schlangen, die aus ihren Löchern kommen. Diese Woche sind es viel zu viele und sie sind viel zu nah. Zwei junge schwarze Mambas sind auf Entdeckungsreise in unserer Outdoor Dusche. Corinne will am Abend bei wenig Licht duschen und sieht etwas am Vorhang bewegen. Jesses, ist sie cool geblieben: „Oli kommst du bitte mal, ich glaube hier ist eine schwarze Mamba im Bad“. Ich durfte sie dann weglocken und habe sie ehrlicherweise mit eine Schaufel erschlagen. Schwarze Mambas im Camp gehen gar nicht. Auch wenn man sie weit weg aussetzt, sie kommen immer wieder zurück. Einen Tag später trete ich um ein Haar auf eine Cobra, die auf dem Weg zum unserem Schuppen liegt. Am gleichen Tag schleicht sich eine Zebraschlange Richtung Arbeiter Haus. Dann versetzt die Mama aller schwarzen Mambas unsere Arbeiter auf der Ladefläche des Pickups in Angst und Schrecken, als sie sich neben unserem Fahrzeug auf fast Fensterhöhe aufrichtet. Zum Glück war eines der Fenster auf der richtigen Seite geschlossen. Am Freitag Abend hat es sich eine fette und wunderschöne Puffotter auf der Strasse vor unserer Einfahrt bequem gemacht. Und das sind nur die giftigen Dinger, die wir gesichtet haben. Die anderen, ungiftigen Schlangen sehen wir eh immer wieder rund ums Camp.

 

Heile Welt im Busch – das Chaos nimmt seinen Lauf
Die Nachrichten weltweit werden immer grotesker. In deutschen Nachrichten werden „qualifizierte“ Journalisten interviewt, die aus Afrika berichten. „Afrika hat ja nicht die Probleme mit dem Virus wie Europa. Da gibt es so viele junge Menschen. Wenn die älteren Risikopersonen sterben, ist das zwar schlimm, doch auch eine Chance. Afrika ist so jung. Die Jungen kommen nach und bauen den Kontinent wieder auf.“ Solchen Schwachsinn wird mittlerweile schon von seriöse Medien verbreitet. Die Länder im südlichen Afrika haben wie schon erwähnt bis zu 40% HIV Infizierte. Das sind Risikiopersonen. Und die meisten sind unter 40 Jahre alt. Dazu kommt, dass junge Afrikaner keinen Kontinent aufbauen können, sondern dann einfach von den Big Playern wie China, Amerika, Russland und Europa übernommen werden. Ganz ehrlich: Manchmal frage ich mich echt, was Journalisten und Medien qualifiziert, solchen Mist zu verbreiten. Man könnte ja schon fast an Verschwörungstheorien glauben.

In Namibia wird ein Lockdown verkündet. Blöd nur, dass niemand genau weiss, wann der beginnt. Freitag Mitternacht oder Samstag Mitternacht. Wir planen den Ausflug ins hundert Kilometer entfernte Okahandja am Freitag, dem Tag vor dem Lockdown. Es ist Donnerstag morgen 07:00. Arbeitsbeginn. Doch mein Bauch sagt mir eindringlich, dass wir unbedingt heute in das Städtchen gehen sollten um Diesel, Gas und die restlichen Vorräte einzukaufen. Und natürlich Toilettenpapier – what else. In Okahandja angekommen, ist alles wie immer. Chaotisch, doch nicht wegen dem Virus. Normalität. Im Supermarkt drängen sich die Menschen aneinander, als wären sie verliebt und wollen dich gleich umarmen. Natürlich wollen sie nur vordrängen. Auch das ist eine völlig normale Eigenschaft hier. Als Europäer nerve ich mich jedes Mal, doch man muss sich wehren und die Leute klar darauf ansprechen. Gedacht, getan.

Der sauber gekleidete und scheinbar gut situierte Einheimische macht grosse Augen, als ich ihn anspreche. Ich bitte ihn und seine Familie, einen Meter Abstand zu halten. „Aha. European people. You always know it better. virus? Which virus? We do not have this thing here. Here is Nambia. God bless us. Hahah. You are so afraid. Yes, yes, virus, virus. The Lockdown starts tomorrow. Today everything is normal!“ Das ist genau die unbegreifliche Dummheit und Arroganz, der ich hier leider immer wieder begegne. Viele Einheimische haben null Verantwortungsgefühl und kein bisschen Sorge um ihre eigene Gesellschaft. Viele Afrikaner leben noch heute nur für ihren Stamm, die anderen sind ihnen einfach egal. Unglaublicher arroganter Egoismus, der sich noch viel besser in einer Notsituation zeigt. Leider sind meine Erfahrungen auch im Supermarkt, an der Tankstelle und im kleinen Städtchen genau die gleichen.

Nur eine von vielen weiteren Szenen: Treffen sich Bekannte:“ Hast du Corona, mein Freund?“ „Haha, ich doch nicht. Das gibt’s nicht. Lass uns umarmen“. Dann gibt’s Küsschen auf die Wangen, dem Knaben wird über das Haar gefahren und noch geknuddelt. Alles ganz normal. Die Markierungen vor dem Bankomat interessieren niemanden. Der Abstand zueinander beträgt 30 cm. Der Wachmann, der das Ganze überwachen sollte, hat schon lange aufgegeben. Er sitzt auf einem lila Plastikstuhl am Covid-19 Infostand und lacht mit den Damen um die Wette.

In solchen Momenten kotzt es mich echt an. Das hat nichts mit fehlender Bildung im Land zu tun. Es würde mir nicht im Traum einfallen, die Menschen hier als ungebildet zu bezeichnen. In Namibia sind wir nicht im tiefsten, unterentwickeltsten Teil Afrikas. Die Menschen sind auch nicht blöd, sondern viele sind einfach unverantwortliche Ignoranten. Gerade ein Grossteil von der viel beschworenen „neuen Generation“, die in die Schule gegangen sind und die in einem normalen Leben stehen, tragen gar nichts dazu bei. Sie essen dann einfach Knoblauchsuppe und glauben, alles wird wieder gut. AWA – Africa Wins Again!

 

Der Lockdown ist Tatsache
Wir haben riesiges Glück gehabt. Gerade konnten wir noch die letzten Sachen einkaufen, schon machen die ersten Läden dicht. Der Lockdown startet offiziell doch schon Freitags um 00:00 Uhr. Da haben wir echt Glück gehabt. Ab sofort sind nur noch Lebensmittel Läden und Apotheken offen. Ab sofort ist der Verkauf von Alkohol und Zigaretten im ganzen Land verboten. Mindestens für die nächsten vier Wochen. Die Bezirke rund um Windhoek werden gesperrt und vom Militär bewacht. Von Hochfeld würden wir nur noch mit einer Spezialbewilligung nach Okahandja kommen. Und für Diesel oder Gas würden wir diese kaum bekommen. Auch nicht zum Lebensmittel einkaufen.

Jetzt sind wir so richtig in Quarantäne auf unserer Wildnis Farm. Mittlerweile ist der Ernst der Lage auch in Namibia erkannt worden. Es sind schon elf Fälle bekannt. Natürlich ist das nichts im Gegensatz zu anderen Ländern oder zum Nachbarland Südafrika. Dennoch ist man sich der Gefahr im Land bewusst. Naja, bis auf das Parlament, das mit einer Kuchenparty den Geburtstag des Präsidenten feiert. Ohne Mundschutz. Wie könnte man dann ja auch gemeinsam Kuchen essen. Doch das nur ein kleines Detail am Rande. Die Polizei und die Armee kontrollieren die Bezirksgrenzen genau. Die Schweizer Botschaft in Südafrika ruft zur Meldung für eine Repatriierung auf. Wir telefonieren mit dem Schweizer Konsul in Namibia. Der meint es gut mit uns: „Ganz ehrlich, wenn ihr nicht unbedingt nach Hause müsst, bleibt auf der Farm. Das ist wohl der sicherste Platz, den es gibt. Wir haben gerade viel Chaos mit den Rückführungen. Viele Leute aus dem südlichen Afrika wollen in die Schweiz zurück. Das ist eine riesige Organisationsherausforderung. Wenn es für Euch ok ist, bleibt besser auf der Farm. Die Visa Verlängerung und das Carnet de Passage fürs Motorrad bekommen wir auf jeden Fall hin. Macht euch keine Sorgen.“

Und so leben wir weiterhin in unserem Zelt, bereiten in unserer Outdoor Küche feinste Büchsen Menues zu und schätzen den Vorrat an Toilettenpapier. Dank dem aufgefüllten Gas gibt es täglich eine heisse Dusche. Unserem Freund am Strand in Angola wird es mittlerweile etwas langweilig. Er hat seine Jack Reacher Bücher bestimmt schon sieben Mal gelesen. Er kommt da nicht weg. Denn auch dort ist alles zu. Und dann wird er auch noch krank. Nicht Covid-19, sondern Malaria. Der arme Kerl. So schnell wird das Paradies zur Hölle.

Wir können uns echt nicht beklagen. Jeden Tag auf Nashorn Tour, Drohnenfliegen lernen, Wildtiere beobachten, Geschichten schreiben. In Hochfeld gehen wir alle paar Tage wieder im Agri Shop das Nötigste einkaufen. Corned Beef, Chips, Kaffee und Milch für uns, Fisch in der Dose, viele Kilogramm Zucker, Maismehl und Telefonkredite für die Arbeiter. Aktuell laufen die Arbeiten gut, die Stimmung ist ganz ok. Wir leben gut in der Wildnis. Keiner der Arbeiter will weg. Es ist besser hier zu bleiben, so ihr Tenor. Mal schauen, wie lange das so weitergeht…

 

Was für ein Zufall – Unsere Freunde sind gleich um die Ecke
Unser wichtigstes Kommunikationsmittel ist WhatsApp. Jeden zweiten Tag kommuniziere ich mit Johan und Danie. Sie sind unter Dauerstress mit ihrem Eier Business in Südafrika. Und sie sind unglaublich froh, dass wir hier alles managen. Sie beneiden uns und wünschten sich, hier zu sein. Während in Europa und jetzt auch in Amerika die Welt fest im Griff des Virus ist, ist es hier gerade zu paradiesisch. Aktuell sind hier vierzehn Infizierte, drei davon auf dem besten Weg zur Genesung. Das sind die offiziellen Angaben der Regierung. Es gibt noch immer keine Tests ausserhalb von Windhoek und die Dunkelziffer wird bestimmt um einiges höher sein, dennoch ist es beruhigend zu wissen, dass die Spitäler und Kliniken in Namibia nicht in Not sind. Und so bekommen unsere Arbeiter immer wieder mal ein Update und wir gleichen die Informationen ab. Denn die Facebook Nachrichten, die sie lesen, werden immer schlimmer und wirrer. Es scheint uns zu gelingen, dass das Virus sie nicht in allzu grosse Angst versetzt.

Der einzig mühsame Singsang ist das tägliche Klönen von zwei Arbeitern wegen viel Arbeit, zu wenig Geld für Telefonkredite und zu wenig Fleisch. Ich höre mittlerweile mit beiden Ohren weg, denn das stimmt nicht. Es ist einfach nie genug für sie. Sie merken einfach nicht, dass es eine spezielle Situation ist. Jede Woche organisieren Corinne und ich Fleisch und Süssgetränke für sie. In Hochfeld gibt es einen kleinen Laden von einem etwas seltsamen Südafrikaner. Ich habe gut Freundschaft mit ihm geschlossen und er erlaubt mir, auch während dem Lockdown, bei ihm Fleisch einzukaufen. Eigentlich müsste der Laden zu bleiben, da er zu normalen Zeiten Wein und Bier nicht abgetrennt verkauft. Doch wenn ich ihn anrufe und vorbei gehe, kann ich rein. Doch das verstehen die beiden Arbeiter natürlich nicht und ich habe auch keine Lust, es ihnen immer wieder zu erklären. Wenn es nicht das Fleisch ist, dann jammert man einfach wegen etwas anderem. Da hilft nur der Fokus auf die Arbeit, die gemacht werden muss.

Freunde von uns zu Hause senden uns eine Nachricht. „Kennt ihr Silke und Kobus? Es sind eure Nachbarn in Hochfeld.“ Wir sind ganz erstaunt. Woher sollen die jetzt zwei Farmer im Niemandsland in Namibia kennen. Wo das Gebiet hier nur wenig Tourismus anzieht? Das Leben schreibt die besten Geschichten. Als unsere Freunde vor Jahren durch Afrika gereist sind, haben sie die Farmer per Zufall in Okahandja im Supermarkt kennengelernt. Sie haben dann hundert Kilometer entfernt ein paar Tage auf ihrer Farm verbracht und sind seitdem gut befreundet. So ein Zufall. Sie verknüpfen uns miteinander und wir besuchen Silke und Kobus auf ihrer grossen Farm. Sie ist wirklich gleich um die Ecke. Als sie hören, dass wir in einem Zelt leben, haben sie Mitleid und bieten uns spontan ein Gästezimmer auf ihrer Farm an. Wir versuchen zu erklären, dass uns dies gefällt und wir Camping lieben. Es braucht schon ein paar Anläufe, damit sie uns das abnehmen. Wir bekommen Früchte, Sirup, Fleisch und Gemüse mit. Wir sollten wenigstens gut essen, meinen sie in ihrer herzlichen Art. Seitdem pflegen wir einen guten Kontakt zu ihnen. Es ist toll, Freunde um die Ecke zu haben. Und genauso danken wir unseren Freunden Chrigi und Stefan, die an uns gedacht und den Kontakt vermittelt haben!

Silke und Kobus sind es, die uns immer wieder unterstützen. So auch mit einem Warzenschwein, als Kobus und ich auf Jagd gehen. „Das ist für eure Mitarbeiter. Damit sie zufrieden sind. Wir machen das so, dass unsere Arbeiter etwas vom Lohn daran geben müssen. So wissen sie, dass Wildtiere nicht einfach gratis sind und abgeschossen werden dürfen, sondern einen Wert haben.“ Als ich das Schwein auf unserer Farm ablade, leuchten die Augen der Arbeiter. Nachdem sie auch mit dem persönlichen Beitrag einverstanden sind, wird das Tier noch in der Nacht geschlachtet. Sie machen Biltong (Trockenfleisch) daraus. Alles wird verwertet. Die Buschmänner kochen die Innereien, den Kopf, ja sie essen sogar die Haut. Man könnte sagen, die essen das Tier mit Haut und Haaren. Für zwei Tage findet keine Diskussion um Fleisch mehr statt. Jetzt geht es um anderes…

 

Erlebnisse im Buschkrankenhaus
Heute Morgen habe ich von Johan die Meldung bekommen, dass illegale Jäger in der Gegend unterwegs sind. Die Nachbarschaftshilfe der Farmer hat ihm das mitgeteilt. Bei jedem von uns schrillen die Alarmglocken. Japau und Corinne sind besonders vorsichtig auf ihrer Nashorn Suche. Wir kontrollieren sofort alle Zäune mit dem Fahrzeug. Ein Helikopter kreist über dem Gebiet des Nachbarn. Wir finden keine Löcher oder durchgeschnittenen Zäune. Die Nashörner haben sich heute gut im Busch versteckt. Sie sind wohlauf. Auch die Sable Antilopen und die fünfundzwanzig Kälber sind noch da. Auch finden wir keine Kadaver oder so. Trotzdem sind wir die nächsten zwei Tage angespannt und patrouillieren auch in der Nacht. Alles scheint ruhig.

„Mister, Mister. Ich kann nicht mehr arbeiten. Ich habe Schmerzen. Es ist so etwas Komisches am Gesäss. Und vorne habe ich so grosse, harte Dinger in der Leiste, die rauskommen.“ Linus will mal wieder nicht richtig arbeiten, denke ich. Es wäre nichts Neues, immer wieder ist irgendetwas mit ihm. Wenn nicht ein Schnitt im Finger, dann kein Geld mehr oder er will unbedingt nach Hochfeld zum Agri Shop um ein Süssgetränk zu kaufen. Wohlverstanden, der Agri Shop ist 20 Kilometer entfernt.

„Zeig mal her“, sage ich. Er geniert sich. „Es ist da hinten. Meine Mama hat gesagt, dass dies sehr gefährlich ist und wenn es aufplatzt, kann ich sterben.“ Er kann mir zwar nicht sagen, was es ist und will auch nichts zeigen. Er drückt seine Trainingshosen an seine Leisten und legt den Finger auf die Höhe der Lymphdrüsen. Ok. Ich erkläre ihm, dass seine Drüsen geschwollen sind und dass dies kein gutes Zeichen ist. Ich sehe mich jedoch nicht kompetent genug, irgendeine Diagnose zu stellen. Leider kann er mir weder sagen, ob er auf irgendetwas allergisch ist, oder ein neues Duschmittel benutzt, auch nicht ob es schon lange so ist. Es ist jetzt einfach so. Im Notfallkoffer der Farm, sind natürlich schon lange keine Medikamente mehr drin. Die haben sie alle schon rausgenommen und nie etwas gesagt.

Es scheint aber so, dass Linus wirklich Schmerzen hat. Unser Medikamenten Koffer vom Motorrad ist klein und hat nur die nötigsten Sachen für uns drin. Dennoch ist es aktuell eine spezielle Situation, wir bekommen nirgendwo was her. So rücken wir unsere letzten Medikamente raus. Meine letzten Ponstan Schmerztabletten wechseln den Besitzer. Ebenso sechs Anti Allergikum Tabletten und eine Betadin Salbe gegen Infektionen. Er muss die nächsten drei Tage nicht arbeiten. Doch kurz darauf der nächste Patient. Marian, einer der Buschmänner hat ein geschwollenes Knie. Er kann unmöglich weiterhin auf dem Feld mithelfen. Bis gestern war das kein Problem, doch jetzt sieht er, dass Linus nicht arbeiten muss. Ich schaue mir sein Knie an. Eine Schwellung ist sichtbar. Er humpelt umher und sagt, dass er sofort ins Spital muss. Doch das ist nicht so einfach. Denn es gibt kein Spital im Umkreis von 100 Kilometer, nur eine kleine Notfall Klinik. Doch die nehmen aktuell keine Patienten, ausser mit Verdacht auf Covid-19. So trenne ich mich auch noch von meinen restlichen Panadol Tabletten, meiner Voltaren Salbe und von unserem Abendessen: dem Kohlkopf. Denn die Blätter, eingelegt in Wasser und dann um das Knie gebunden, sollen die Schwellung mindern. Ohne Witz! Der Buschmann arbeitet jetzt auch nicht mehr für die nächsten drei Tage. Aber er kann Holz sammeln, Wäsche waschen und den ganzen Tag rumlaufen. Am Besten: Augen zu und durch.

Doch der Vorarbeiter Jeremia stört das Ganze. Er ist nicht der Typ, der sich mitteilt, sondern man sieht es ihm einfach an, dass ihm etwas nicht passt. Alles muss man ihm aus der Nase ziehen. „Funa sitzt zu Hause rum und bekommt den Lohn. Ich muss den ganzen Tag arbeiten und darf nicht zur Familie. Die beiden anderen arbeiten nicht und bekommen Lohn. Es sind genau die zwei, die immer rumjammern. Das finde ich nicht gerecht.“ Doch was soll ich denn machen, frage ich ihn. „Weiss ich auch nicht“, seine Antwort.

Nach drei Tagen bessern sich die Zustände nicht. Sie wollen unbedingt in eine Klinik. Silke, unsere Nachbarin hilft mir und ich kann im 50 Kilometer entfernten Otjisundu in die Buschklinik. Vor der Abfahrt erkläre ich den beiden Patienten, dass sie ihren Ausweis und 14 Namib Dollar (90 Rappen) mitnehmen müssen, damit sie behandelt werden. Beide nicken. Dort angekommen, hat natürlich keiner seinen Ausweis dabei und nur der Buschmann die 14 N$ zur Hand. Der Wächter lässt Linus nicht durch. Erst bezahlen. „Mein Herr (ich bin gemeint), davon wusste ich nichts. Ich habe kein Geld mehr. Sie müssen bezahlen. Bitte.“ Es ist das erste Mal, dass ich so richtig zornig werde. Nicht wegen dem Geld. Wegen dem Idioten, der immer jammert, sein ganzes Geld für Telefonkredite und was weiss ich für was verprasst und nix, aber absolut nix in der Birne hat. Beide haben sich bisher auch nicht einmal für die von mir erhaltenen Medikamente bedankt. Ich gebe ihm die zwanzig Namib Dollar und jage ihn zum Arzt.

Derweil ist der Buschmann schon wieder fertig. „Und?“. „Cream and Tablets“ „Aha.“ Wir sind genau gleich weit wie vorher. „Mister, we have to come again tomorrow. Because they do not have change. I gave them 20 Rand. But she said she will give me the change tomorrow. Can you bring me again here tomorrow?“ fragt der Buschman, Also, für 40 Rappen soll ich ihn nochmals hundert Kilometer fahren. Ich erkläre ihm, dass dies 8 Liter Diesel benötigt und dies somit um die hundert Namib Dollar kosten wird. Ob dies wohl sinnvoll sei. Er meint nur: „But it‘s my money“. Ich zeige ihm den Staubplatz auf der Ladefläche des Pickups und ermahne ihn dort zu sitzen und zu warten bis wir auf der Farm sind. Im Stillen zähle ich auf Zehn. Aber ich bin erst bei acht angekommen, als Linus herausgeschlendert kommt. Völlig cool läuft er am Wachmann am Zaun vorbei und lächelt.

„Und?“ meine obligatorische Frage an ihn. „Oh nothing, nothing“. Dazu wedelt er mit Pillen und Zäpchen. Hm. „Oh, the nurse said you have to bring me to Okahandja to a doctor. And I have to give this paper to my girlfriend. She has to go to the doctor too.“ Mir schwant Übles. „Was hast du jetzt genau?“ mein zweiter Versuch. „I don‘t no Sir. I don’t no“. Lächeln. Wieder einmal typisch. Er hat nicht einmal zugehört. Der Wachmann kommt zu uns. Er entpuppt sich als Krankenpfleger, der aktuell den Eingang sichern muss wegen der Corona Krise. „Ok. Mein Freund“, seine ersten Worte. Er nimmt Linus den Zettel weg und liest was darauf steht. „Du hast eine voll ausgebrochene Geschlechtskrankheit. Deine Freundin ebenso, da dies hochansteckend ist. Und es wird schlimmer, weil du deine Hygiene nicht beachtest. Woher hast du das? Benutzt du Kondome, wenn du andere Frauen vögelst?“ Linus schaut ihn mit grossen Augen an und ist völlig baff. „Ähh, ja, ähh, nein, manchmal“. Der Krankenpfleger schaut mir in die Augen und sagt es direkt hinaus: „Natürlich nicht. Das ist leider immer das Gleiche. Er oder sie vögeln rum. Schützen sich nicht und sind dann völlig erstaunt, wenn sie krank werden. Da ist reinste Dummheit. Aber das bringt nichts, wenn ich ihm das sage. Er hat ja nicht mal verstanden, dass er krank ist und andere ansteckt. Leider ist dies die Regel.“ Der Krankenpfleger drückt Linus den Zettel wieder in die Hand, schüttelt den Kopf und geht. „Was ist mit dem Wachmann los?“ fragt mich Linus.

Keine Antwort. Einsteigen und zurück auf die Farm.

 

Und da waren es nur noch Zwei…
Am nächsten Tag will Linus nach Hause. Er sei ja wirklich krank und müsse zum Doktor. Mir ist das nur recht. Eigentlich wollen wir hier keine Kranken, die sich am Arsch kratzen und dann noch die gleichen Töpfe benutzen wie die anderen Arbeiter. Natürlich, eine Geschlechtskrankheit überträgt sich so nicht, doch wir mussten den anderen reinen Wein einschenken. Und die wollen ihn nicht unbedingt hier haben. Doch Linus will auch wegen einem anderen Grund nach Hause nach Okahandja. Er hat mit Funa, der schon drei Wochen zu Hause ist, telefoniert. Dabei hat er erfahren, dass die Arbeiter die zu Hause in Isolation sind, bezahlt werden müssen. Nun ist er plötzlich schwerkrank. Ich erkläre ihm, dass er nicht mehr auf die Farm darf bis wir es ihm mitteilen. Ganz ok, meint er. Er hole nur schnell seine Sachen und dann kann ich ihn an die Strasse bringen. Man glaubt es kaum, doch der Typ rennt zum Haus und zwei Minuten später ist er im Gangsta Style mit einem Cap tief im Gesicht und einer Goldkette um den Hals umgezogen. Zwei Taschen sind gepackt, das Smartphone in der Hand und bereit um nach Hause gehen. Ich bin so baff, dass ich mir keine Gedanken mache, sondern ihn absetze und froh bin, endlich etwas Ruhe zu haben.

Aber nur für eine Stunde. Ich sehe Marian mit Brennholz herumschleichen. Er muss natürlich nicht arbeiten. Er ist verletzt. Kaum sieht er mich, hinkt er und das Holz in seinen Armen scheint plötzlich tonnenschwer zu wiegen. Er müsse zum X-Ray (Röntgen) nach Okahandja. Er muss unbedingt zum Arzt. Die Tasche ist schon gepackt. Klar. Auch ihm erkläre ich, dass er erst in ein paar Wochen wiederkommen kann. Ist schon ok. Japau, der fleissige Buschmann kommt gerade zur Mittagspause und spricht mit Marian. Dieser geht dann telefonieren und bleibt zwei Stunden weg. Jeremia gesellt sich zu Japau, Corinne und mir. Marian kommt hinkend zurück und redet in Afrikaans mit seinen Kameraden. Blöd nur, dass ich fast alles verstehe. Jeremia versucht es mir schonend zu erklären, doch ich habe verstanden. Er kann nicht nach Okahandja, weil seine Geliebte nun einen anderen hat und er da nicht bleiben kann. Und seine Familie ist weit weg im Norden. Er will plötzlich wieder hier bleiben und einfach die nächsten zwei Wochen nicht arbeiten. Das Knie wird dann schon wieder. Unglaublich. Ich gebe ihm den guten Rat, alles mit seiner Geliebten zu klären, denn er muss morgen die Farm verlassen. Diese Spiele machen wir nicht mit. Als er mich dann noch für die 50 Namib Dollar (ca. 4 CHF) für das Taxi fragt, da er doch verletzt sei, wünsche ich ihm eine tolle Zeit zu Hause. Am nächsten Morgen steht er am Strassenrand und geht zu wem auch immer. Jetzt sind nur noch zwei Arbeiter hier.

Es wird um einiges ruhiger. Die Arbeit mit dem Wasserkanal bauen geht einigermassen gut voran. Wir helfen umso mehr in der Betreuung der Sable Antilopen mit. Wir bringen den Beiden immer wieder mal Coca Cola, Fanta und kleine Überraschungen aus Hochfeld. Sie machen einen guten Job. Das Glück ist uns ebenso hold und eines Morgens reisst ein Leopard keine fünfzig Meter hinter unserem Zelt ein Zebra. Wir merken es, da plötzlich über fünfzig Geier tief über uns kreisen. Japau und Jeremia holen den Traktor und kehren nach zehn Minuten mit dem halb übriggebliebenen Zebra zurück. Die Beiden schneiden das vom Leopard und den Schakalen angefressene Fleisch weg und machen mit dem Rest Biltong. Es ist genug Fleisch für die nächsten zwei Wochen. Alles ist nun wieder Bestens hier.

 

Und was ist mit Covid-19?
Der Virus wütet überall. Tausende Tote auf der ganzen Welt. Apokalyptische Szenen in Amerika. Verschwörungstheoretiker fechten mit den Wissenschaftlern und Politikern um Prognosen einer neuen Welt. Jeden Tag neue Studien. Gestrandete Reisende haben ihre wahre Berufung gefunden, indem sie Verschwörungstheorien verbreiten, täglich Todeslisten mit Kommentaren ins Netz stellen oder einfach gegen die Chinesen hetzen. Auch dass die Welt sich endlich heilt, bekomme ich immer wieder zu lesen. Sorry, aber ich kann den Kack nicht mehr hören. Ich gehe jetzt wieder in den Busch und gucke, ob alle Wasserleitungen immer noch intakt sind und ob die Salzlecken für die Wildtiere noch genug sind.

Was immer in Europa entschieden wird, egal ob gerechtfertigt und der Situation angepasst, die Auswirkungen sind hier enorm. Auch wenn Covid-19 hier einigermassen glimpflich abläuft und nun offiziell 18 Menschen infiziert sind, die Auswirkungen aller Entscheide in der westlichen Welt sind vernichtend für Afrika. Namibias Tourismus Industrie blutet aus. Kein Mensch wird in den nächsten Monaten hierher kommen. Es sind düstere Aussichten. Auch für uns. Wir haben keine Ahnung, ob, wann und wie unser Abenteuer weitergehen kann.

Und so leben wir einfach nur im Jetzt. Es gibt aktuell wohl keinen besseren Ort für uns als hier in der Wildnis. Alles andere wird sich weisen.