Der Tod lauert im Paradies


„Und jetzt musst du diese Blätter zerkleinern und mit Essig mischen. Ja, Balsamico geht auch. Gereift im Eichenfass steht da drauf? Passt schon. Gut gemacht. Corinne, sag deinem Mann er soll den Kopf schräg halten. Genauso. Und jetzt tröpfelst du ihm diese Mischung ins Ohr. Ha. Dreimal am Tag beide Ohren. Du wirst sehen, bald geht es ihm besser.“

Keine Ahnung, was uns dazu veranlasst hat dieses Afrika Experiment einzugehen. Chizi-Nik, der Manager der Makuzi Beach Lodge hat uns angeleitet, sein Hausmittel gegen Oli´s Ohrenschmerzen selber herzustellen. Es sei ein Wundermittel, das ihm in seinen vielen Jahren auf einer fast einsamen Insel im Lake Malawi immer wieder geholfen hat. Nik war ein begeisterter Taucher, der vor vierundzwanzig Jahren auf der Insel Chizumulu hängengeblieben ist und sie in den über zwei Jahrzenten nicht einmal verlassen hat. Er hat ein einfaches Backpackers aufgebaut. Hin und wieder seien Touristen gekommen. Hauptsächlich hat er ein Robinson Crusoe Leben geführt und einfach irgendwie überlebt. Da er viel getaucht ist und selber empfindliche Ohren hat, musste er sich etwas einfallen lassen. Apotheken gab es zu seiner Zeit fast keine, sowieso haben auf der Insel nur er und ein paar Einheimische Fischer gelebt. Nun, dieses Wundermittel ist das Ergebnis jahrelanger Selbstversuche. Mal schauen, ob es hilft…

 

Der Tod lauert im Paradies
Diese Sonnenaufgänge sind unbeschreiblich. Wenn sich die Sonne als roter Feuerball aus dem Wasser erhebt und die Landschaft in ein weiches Rot-Orange taucht, sind wir schon aus dem Zelt und lassen uns vom Naturkino verzaubern. Vor uns gleiten die Fischer mit ihren einfachen Holzkanus über den spiegelglatten See. Der Schrei des Fischadlers hallt durch die Stille. Es ist der dritte Tag in Makuzi Beach. Echte Ferien vom Reisen. Tägliche Abkühlungen im See, Bücher lesen, gut essen. Paradiesisch. Und dann das. Kaum spreche ich Oli an, dass er das Geschirr abwaschen soll, hat er Ohrenschmerzen und tut so, als würde er mich nicht hören. Ich gehe vorerst davon aus, dass er einfach faulenzen will. Doch nachdem er auch mehrmals auf mein Angebot für Schokolade als Dessert nicht reagiert, muss da mehr sein. Sieht wohl nach einer Mittelohrenentzündung aus. Und da kommt eben Chizi-Nik ins Spiel. Er erzählt uns seine Geschichte vom der Insel und seinen Ohren und schickt mich auch noch zu Fuss und mit dem Minibus ins zehn Kilometer entfernte Städtchen Chinteche. Ich soll da Schmerzmittel und Antibiotika besorgen. Mittlerweile kenne ich die Strecke auswendig, ist es doch mein tägliches Training um Tomaten, Zwiebeln, frisches Brot und Fleisch vom Metzger zu kaufen. Auch warten schon die Kinder vom Nachbarsdorf vor der Lodge um mich händehaltend bis zur Hauptstrasse zu begleiten. Jeden Tag wollen sie meine blonden Haare berühren. Sie sind ganz fasziniert davon. Sie singen Lieder und freuen sich über Tante Corinne.

Unser Versuchskaninchen futtert nun brav die pinken Antibiotika Pillen, die Schmerzmittel und wir leeren ihm täglich mehrmals den afrikanischen Zaubertrank in seine Ohren. Es scheint kein bisschen zu helfen. Der arme Kerl hängt mittlerweile wie ein halbtoter Fisch in seiner Hängematte. Natürlich ermuntere ich ihn, Früchte und anderes zu essen. Doch sein Appetit ist weg. Nun ist er aber richtig krank. Der Gang zur Toilette gleicht einem Betrunkenen. Alle 5 Meter muss er anhalten und sich an einem Baum abstützen. Dabei bemerkt er nicht einmal die gefährliche grüne Mamba, die drei Meter über ihm auf einem Ast hängt. Nik rennt zu ihm und führt in sofort vom Baum weg. Man weiss ja nie. Die Toilettengänge finden in immer kürzeren Abständen statt. Als Oli dann auch noch über unglaubliches Kopfweh klagt und erbricht, bin ich sicher, dass das afrikanische Wundermittel vielleicht gegen einen Kater wirkt, doch niemals gegen das was Oli widerfährt. Der Schnelltest bringt Klarheit. Nicht schon wieder. Malaria. Malaria Torpica. Plasmodium falciparum. Unbehandelt kann diese stärkste Form der Malaria in kurzer Zeit zum Tod führen. Obwohl die Menschen in Afrika fast in jedem Land gratis Malaria Medikamente und Moskitonetze bekommen, sterben noch heute jedes Jahr fast eine Million Menschen in Afrika daran. Die schmerzlichen Erinnerungen aus Mali vor vielen Jahren kommen hoch, wo Oli seine erste Malaria nur knapp überlebt hat. Und dabei handelte es sich um eine schwächere Form. Die Krankheit schreitet schnell voran. Mittlerweile ist er kaum ansprechbar, schwitzt Tag und Nacht und leidet sichtlich vor sich hin. Wir stoppen die Antibiotika und den Ohren-Zaubertrank und Oli bekommt die Malaria Notfall Tabletten. Nun schläft und schüttelt er sich seit drei Tagen im Zelt. Den heftigen Regen draussen bekommt er gar nicht mit. Am vierten Tag kriecht er aus dem Zelt und will den Sonnenaufgang sehen. Ein gutes Zeichen. Jeden Tag isst er etwas mehr und erholt sich relativ gut. Das Schlimmste ist überstanden. Nach acht ist er wieder einigermassen fit. Willkommen im Leben. Es ist Zeit für ein Festessen. Willkommen zurück im Paradies.

 

Bottlenose Pike und die Gefahr eines Herzinfarkts
Der Fischer bringt uns einen grossen Fisch, dessen Namen er nicht kennt, jedoch soll es ein Leckerbissen sein. Genau das Richtige um die Malaria Geschichte abzuschliessen. Auch nach verzweifelter Suche im Internet finden wir nichts über diesen lustig aussehen Fisch, deren eine lange, spitz zusammenlaufende Schnauze hat. „Bottlenose Pike“, meint ein Angestellter der Lodge. Würden wir nie essen, ist seine Ergänzung. Nun, der Fisch ist präpariert und liegt auf Bananenblätter auf dem Grill. Natürlich versuchen wir. Das Fleisch ist fest, rosa und schmeckt ganz gut. Doch dann entdecken wir die Würmer und uns dreht sich der Magen um. Nun kommt das Thema Billharziose auch noch auf. Die soll es im Lake Malawi geben.

Oli schreibt eine Whatsapp an Herr Doktor Trepp, seinem Tropenarzt in der Schweiz. Nachdem dieser schon mehrere Inputs aus der Ferne zu Typhus, Malaria und Mittelohrenentzündung geliefert hat, kommt schon wieder ein neues Thema. Jede dieser Krankheiten hat Oli in den letzten Monaten durchgemacht. Doktor Trepp schreibt lediglich zurück, dass er hoffe, Oli sei sich der Billharziose bewusst und er nicht an Küstennähe baden soll. Den Fisch würde er nicht essen, meint er trocken. Ehrlicherweise muss man aber sagen, dass die Billharziose Gefahr im Lake Malawi denn auch nur lokal und nicht überall vorhanden ist. Dennoch schriebt Oli nichts mehr zurück. Denn er getraut sich nicht, ihm mitzuteilen, dass er schon seit Tagen im Malawisee badet. Auf die Gefahr hin, dass Herr Trepp einen Herzinfarkt erleiden könnte, verschweigt er ihm auch, dass er zwei Wochen später nochmals schwer erkrankt, mit 41 Grad Fieber; resp. einer Meninghitis in einem rudimentären Krankenhaus in Cape MacClear behandelt werden muss und aufgrund der vielen Antibiotika ein hartnäckiger Hautpilz entsteht. Das Immunsystem von Slowrider Oli ist für viele Wochen total im Arsch. Und dann besteht da noch das Risiko, dass ihn der Tropenarzt aus seiner Whatsapp Adressliste streicht. Wohl aber erst nach seinem überlebten Herzinfarkt. Und Mama Corinne? Fit wie ein Turnschuh. Klar.

 

KOVEA – Service par excellence
Es musste ja so kommen. Nun ist auch noch unser Kovea Kocher kaputt. Beim Reinigen hat Corinne die Messingschraube zu fest in die falsche Richtung gedreht; resp. abgemurkst. Das ist echte Kacke. Denn genau dieses Teil haben wir nicht als Ersatzteil dabei und improvisieren geht nicht. Löten oder ein Gebastel hält dem Druck kaum stand. Verzweifelt versuchen wir im Internet eine Adresse für Kovea zu finden. Südkorea. Corinne ruft dort an und die wollen uns sofort helfen. Als wir mitteilen, dass wir in Malawi sind, reagiert die koreanische Frau am Telefon sehr zurückhaltend. Besser wir sollen nach England anrufen, Mercato Gear sei für den Vertrieb in Europa verantwortlich.

Kurze Momente später senden wir unsere Email über den afrikanischen Kontinent nach England. In der Annahme, dass sich dort wohl sowieso keiner meldet. Ausgeschmückt mit den Eingangsworten, dass kalter Kaffee beim Sonnenaufgang am Malawisee scheusslich schmeckt und wir doch so gute Erfahrungen mit Kovea gemacht hätten, schliessen wir das Email ab. Zwei Stunden später schon eine Antwort. Und was für ein humorvoller Kerl. Steve von Mercato Gear schreibt uns, dass es ein Traum von ihm sei, nach Malawi zu reisen. Er würde in seinem grauen Büro ohne Fenster sitzen und er sei sich sicher, dass hier kalter Kaffee genauso schlimm sei. Er macht uns das Angebot, ein Ersatzteil in den Busch von Malawi zu senden. Es dauere wohl schon vier Tage mit DHL. Sie würden alle Kosten übernehmen. Ohne Witz, vier Tage später fährt Corinne mit einem Minibus über 100 Kilometer bis nach Mzuzu um bei DHL das Ersatzteil abzuholen. Überraschung, Überraschung. Steve hat uns gleich noch viele weitere Ersatzteile beigelegt. Man wisse ja nie. Und auf dass wir jeden Sonnenaufgang auf unserer Abenteuerreise geniessen können. Wir sind überwältigt. Dieser Typ aus dem grauen, regnerischen England hat uns einen sonnigen Tag mit herrlich schmeckendem Nescafe geschenkt. Danke Steve – Danke KOVEA!

P.S. Der Kocher funktioniert auch noch heute, nach über 26 Monaten und täglichen Gebrauch, einwandfrei. Guckt Euch das mal an: www.kovea.com

 

GEROLD – Unerwarteter Besuch
„Seid ihr noch am Malawi See? Wisst ihr, ich bin gerade in der Nähe. In Tansania. Ist es schön bei Euch? Ach dann mach mal einen Abstecher zu Euch. Ich habe da meine neue Fujifilm Ausrüstung dabei. SO könnte Oli mir dann die Einführung geben? Ja?“ Ok, ich mache mich auf den Weg.“ Gerold ist zurück in Afrika. In Nairobi haben wir ihn und seine Partnerin kennengelernt. Vor allem sieht man daran, wie die Zeit vergeht. Es ist schon wieder Ferienzeit. „Oli, ist ihm bewusst, dass es über 800 Kilometer sind?“ fragt Corinne mich. „Ich habe ihm dies geschrieben und einen Google Maps Plan beigelegt.“ Also, bleiben wir noch etwas hier in Makuzi. Mir tut das gut. Obwohl nun zehn Tage nach dem Ausbruch der Malaria um sind, fühle ich mich zwar gut, aber noch nicht topfit. Tatsächlich trifft Gerold nach zwei Tagen ein. Kaputt. 800 Kilometer und ein anspruchsvoller Grenzübergang. Er dachte, es seien 800 Kilometer total. Hin und zurück. Und da er einen Interviewtermin für sein Buch in Tansania in zwei Tagen hat, ist er etwas gar vom Plan abgekommen. „Ich bleibe über Nacht und fahre dann morgen wieder zurück“. Da es schon dunkel ist, konnte er noch gar keinen Blick auf die wunderbare Szenerie werfen. Doch am nächsten Morgen steht dieser „Verrückte“ am Strand und fotografiert was das Zeugs hält. „Ich habe mich entschieden, alle Interviews zu verschieben. Ich hatte ja keine Ahnung wie schön das hier ist. Ich bin hin und weg.“ Nun, Gerold bleibt eine ganze Woche. Zeit, um ihn in die brandneue XT-3 Kamera einzuführen. Morgens um fünf Uhr zerre ich ihn aus dem Schlaf: „Morgenstund hat Gold im Mund.“ Die Kamera ist der Hammer. Da bin ich mit meine X-H1 gerade etwas neidisch. Und das obwohl ich das absolute Topmodel von Fujifilm benutze. Gerold bekommt Freude an seiner Ausrüstung und am Fotocoaching. Es macht ihm sichtlich Spass. Mir auch.

Und da Gerold gelernter Koch ist, können wir genauso viel von ihm lernen. Täglich zaubern wir Menüs mit frischem Fisch, den wir von den Fischern bekommen. Gerolds Fischcurry ist umwerfend. Und am Malawisee gibt es eine einzigartige Spezialität: Fliegen Hamburger. Wir haben zweimal starken Wind und Regen. Dann kann man die gigantischen, schwarzen Türme am Horizont sehen. Millionen von kleinen Fliegen. Dreht der Wind, werden sie an Land gedrückt und man sieht die Einheimischen mit Netzen rumrennen. Eimerweise werden sie gesammelt. Sie werden zusammengedrückt und zu Hamburgern geformt. Roh oder gegrillt, sind es wichtige Eiweiss Lieferanten. Soll ja gerade voll hip sein in Europa. Doch selbst der erfahrene Koch Gerold zieht eine Tilapia dem Fliegen Burger vor. Und wir hatten Glück, der Wind kam vom Südosten und hat die Fliegen nicht zu uns gebracht. Drei Wochen sind wir nun schon hier. Die Zeit vergeht hier wie im Flug, wir kreieren täglich neue Menüs, schlagen uns die Bäuche voll und geniessen das Leben. Doch nun ist es Zeit Weiterziehen. Für Gerold geht’s wieder zurück nach Tansania und wir wollen weiter südlich in Malawi.

Lieber Gerold, vielen Dank für die gemeinsame Zeit in Malawi!

 

Pink
„Pink. Ja es ist die pinke Farbe. Viel besser als Schwarz. Sogar 2 für 1? Na dann, Pink und Schwarz“. Corinne liebt es auf den Märkten zu feilschen. Unsere T-Shirts gehen langsam zur Neige. Einige haben mittlerweile mehr Löcher als ein Emmentaler Käse. So leisten wir uns wieder mal etwas. Am Strassenmarkt in der Nähe des alten Hafens in Senga Bay bieten Marktfrauen Kleider aus zweiter Hand an. Wohl aus der TEXAID Kleidersammlung. Für uns ist diese eine gute Möglichkeit. Denn so viel wir wissen, handelt es sich bei diesen Hilfssendungen um intakte Kleider. Und sie sind günstig. Dies schont auch noch unser Budget. Und ob Corinne nun ein pinkes oder schwarzes Shirt auf dem Motorrad trägt, spielt keine Rolle. Ok, das pinke Teil ist etwas gross. Fast so gross wie unser Zelt. Egal, es hat auf jedenfall weniger Löcher als die alten. Und wir können den Menschen hier ebenso eine Freude machen, indem wir bestimmt den doppelten Preis als die Einheimischen bezahlen. The „Pink Elephant“ ist wieder ready to go. Wir ziehen Richtung Cape MacClear. Auf dem Weg dahin besuchen wir die bekannte Mua Mission.

 

Malawis Einfluss auf die afrikanische Masken- und Tanzkultur
Es ist der Inbegriff der Maskenkultur in Afrika. Der hier lebende Chewa Tribe ist im Laufe der letzten Jahrhunderte bis nach Südafrika, Simbabwe, Sambia und Tanzania gewandert. Und dabei ihre weltberühmten Masken und Tanzzeremonien verbreitet. Malawi ist das Zentrum ritueller Zeremonien. Doch in vielen Kulturen werden die Tradition mehr und mehr an der Rand ihrer eigenen Gesellschaft gedrängt. Dazu kommt die Missionierung der Kirchen, die bestehende Traditionen oftmals gar nicht akzeptierte oder untersagte. Umso interessanter ist es in Mua zu erleben, was Pater …. geschafft hat. Vor fünfzig Jahren ist er als Missionar nach Mua gekommen und hat mit den Menschen hier schier Unglaubliches aufgebaut. Es ist ihnen bis heute gelungen die kulturelle Geschichte des Chewa Tribes aufzuarbeiten und zu erhalten. Und dabei geht es nicht darum, Menschen zu bekehren und den christlichen Glauben überzustülpen, sondern die Menschen leben offen ihre Kultur in absoluter Symbiose zur Kirche. Die traditionelle Lebensweise und ihr Glaube steht im Mittelpunkt. Pater Claude Boucher hat die Menschen in Holzschnitztechnik aus- und weitergebildet. Holzschnitzereien aus Malawi sind heute weltberühmt. Die grössten, schönsten und detailreichsten Holzarbeiten aus Hartholz. Sie beinhalten weniger kirchliche Motive, sondern erzählen Geschichten in Verbindung mit dem Glauben in Afrika. Die Türen in der Mission sind einzigartige Kunstwerke. Die Häuser in der Mission sind ebenso reich mit Gemälden verziert. Sie geben einen Einblick in die Geschichte der kirchlichen Mission und dem traditionellem Glauben. Im Museum zeigen sie detailiert die verschiedenen Rollen und Masken, der traditionelle Glaube wurde geschichtlich aufgearbeitet und bietet spannende Einblicke in eine der ältesten Kulturen im Rift Valley. Der Pater hat ein weltweit bekanntes Werk über die Geschichte, die Masken und den Chewa Tribe geschrieben: „When Animals Sing and Spirits Dance“

Berühmt ist auch das jährliche stattfindende, traditionelle Tanzfest in der Mua Mission. Chewa Familien aus verschiedensten Ländern kommen und feiern gemeinsam ihre Masken und Spirits in verschiedensten Darbietungen. Jeder Spirit hat eine feste Bedeutung im Alltag der Menschen. Und davon gibt es über hundert verschiedene „Geister“. Pater Boucher ist dabei mittendrin in Trance, wie er selber sagt. Wüsste man es nicht, man würde nie auf die Idee kommen, dass er ein katholischer Priester ist.

Wir wurden vom Pater für eine Aufführung der traditionellen Tänze eingeladen. Drei Stunden lebendige Geschichte und faszinierende Maskenmenschen. Leider steht es um die Gesundheit des Paters nicht gerade rosig. „Ich weiss nicht wie lange ich das noch so machen kann. Mittlerweile bin ich 86 und habe ein intensives Leben hinter mir. Es kann sein, dass mich der Papst morgen abberuft und ich nach Kanada zurück muss. Was ich hier erleben und aufbauen durfte, ist ja nicht gerade klassische Missionsarbeit. Dennoch es hat den Menschen den Glauben in sich selber und ihre Geschichte zurückgegeben. Für mich ist entscheidend, dass wir eine harmonische Form des Zusammenlebens gefunden haben. Leider kann ich Euch nicht sagen, ob ich im kommenden August das grosse traditionelle Fest durchführen kann. Doch ich glaube fest daran, dass die Menschen hier ihr Leben auch ohne mich weiterführen können. Das liegt in Gottes Händen.“ Es ist bedrückend zu sehen, dass die Energie von jemandem der so enorm viel geschaffen hat, so stark zurückgeht. Einer seiner Assistenten erklärt uns später, dass es um die Gesundheit nicht optimal steht. Der hohe Tabakkonsum, die Liebe zu einem ausgesuchten irischen Whisky und seine intensives Engagement für die Menschen, würden starke Spuren hinterlassen. Wir wünschen ihm das Beste und hoffen ganz fest, dass sein Wirken von den Menschen auch weitergeführt wird. Für uns war es ein spannender Einblick ins tiefe Afrika. Vielen lieben Dank an Pater Bouchard!

 

Cape MacClear – Das grösste Aquarium der Welt
Bunte Fische in allen Grössen. Längsstreifen, Querstreifen, gelb leuchtend, rot schimmernd, neugierig oder scheu. Der Lake Malawi ist das zu Hause der Aquarium Fische. Über tausend verschiedene Arten von Fischen leben in einem der weltgrössten Seen.

Im Fat Monkey im Cape MacClear treffen wir auf zwei gut trainierte Dänen, die gerade von einem Tauchgang zurück sind und von einer neu entdeckten Spezies schwärmen. „In 50 Meter haben wir heute neue Fische für unsere Zucht gesammelt. Dabei haben wir eine neue Spezies entdeckt. Es ist verrückt. Ich tauche hier nun über 25 Jahre professionell und erst heute habe ihn gesehen und fotografiert. Der fehlt in meinem Buch“, meint der ältere der beiden Taucher. Auch klärt der Jüngere Oli auf, dass Tauchgänge in 50 Meter schon ziemlich anspruchsvoll sind. Man muss topfit sein, um zweimal am Tag einen solchen Tauchgang zu machen. Naja, die beiden sehen auch echt so aus. Dann bleibt Oli ja nichts anderes übrig, als maximal 2 Meter unter Wasser zu schnorcheln…

Es ist spannend, den sympathischen Dänen zuzuhören. Sie würden hier drei Wochen verbringen und die gefangenen Fische jeden Tag ein paar Meter nach oben bringen. Ansonsten würden sie das Auftauchen nicht überleben. Wie beim Menschen. Aha. Auf die Frage, ob man dann überhaupt etwas mit Fischzucht verdienen könne, schmunzelt der ältere Herr. Anscheinend schon, denken wir uns. Dabei handelt es sich um den bei der Tauchgemeinde weltberühmten Carsten Gissel, Unterwasser-Fotograf und Autor des Standartwerkes: Lake Malawi Chiclids. In der Aquarium Szene gelten die Fische aus dem Lake Malawi als besonders wertvoll und teuer. Und Carsten ist einer der wenigen Taucher, die Fische aus dem Land ausführen und züchten dürfen. Er erklärt uns, dass seine Kunden aus der ganzen Welt in sein Fischhaus nach Dänemark kommen. Es gebe eine grosse Fanszene. Wir sind völlig überrascht. Das hätten wir nie gedacht. So gehen wir am zweiten Tag raus und wollen das selber sehen. Und es ist echt verrückt. Wir schnorcheln für Stunden im grössten Aquarium der Welt. Eine bunte Welt.

Uns gefällt es am CapeMcClear. Die Menschen hier leben vom Fischfang. Manchmal verspeisen die Einheimischen auch  bunte Fische. Carsten erzählt uns lachend davon, dass sie dann riesige Augen machen, wenn er ihnen erzähle, dass sie gerade einen hundert Dollar Fisch verspeist hätten. Für die Menschen hier haben die Tiere einen ganz anderen Wert. Eigentlich sehen sie Carsten denn auch eher als Konkurrenten, der die Fische aus dem See holt. Was natürlich überhaupt nicht stimmt. Die Fischer ziehen hier täglich hunderte Säcke voller kleiner Fische raus. Usipa, nennen sie diese. Sie werden am Strand auf grossen Bahnen ausgelegt, getrocknet und dann kübelweise verpackt. Diese gehen alle in die Hauptstadt Lilongwe und Sambia, Simbabwe, Südafrika. Auf die Frage, ob sie denn nicht Angst davor hätten, dass bald keine Fische mehr im See sind, sagen uns mehrere Fischer das Gleiche: „Gott hat den See und die Fische geschaffen. Er sorgt auch dafür, dass wir immer genügend Fische fangen können.“ Da könnten sie sich aber gewaltig täuschen…

Nach vier Tagen sind wir für die Weiterreise bereit. Fahrer Oli fühlt sich aber von einer Sekunde auf die andere miserabel. Er torkelt zum Mangobaum und muss sich an den herunterhängenden Ästen festhalten. Die anderen Camper auf dem Platz gucken schon ganz schräg. Ein Camp Mitarbeiter beobachtet dies und gesellt sich zu ihm. Glänzende Augen. Puh. Corinne kramt den Fiebermesser aus der kleinen Reiseapotheke. Mehr als zehn Grad mehr als die Aussentemperatur. Stolze 41 Grad Körpertemperatur. Sofort geht es zur kleinen NGO-Klinik der Iren. Zu Fuss brauchen wir für den einen Kilometer fast vierzig Minuten. Denn mit dem Motorrad können wir ja nicht hin. Oli findet in seinem Zustand nicht mal den Gashebel und falls Corinne fährt, kommen vielleicht zwei Patienten in der Klinik an. Einer mit Fieber und die andere mit einem Verkehrsunfall. Dort angekommen, legen sogleich mal 120 US Dollar auf den Tisch und werden zu einer Ärztin gebracht. Untersuchungen folgen. Keine Malaria. Gut. Weit fortgeschrittene Streptokokken Entzündung. Meninghitis ist auch möglich. Nicht so gut. Obwohl wir dagegen geimpft sind. Anscheinend nur gegen eine Form und dann auch nur mit 60% Schutz. Wieder einmal Antibiotika in Hülle und Fülle. Unser Aufenthalt verlängert sich nochmals um zehn Tage. Sogar die Souvenirverkäufer haben Mitleid mit Oli und schenken ihm ein rot-grünes Malawi Bändeli. Das soll gegen das Fieber helfen. Auch die Köche im Fat Monkeys kümmern sich um uns. Es ist gerade Mango Zeit. Von den riesigen Mangobäumen fallen alle paar Minuten Früchte runter. Immer wieder bringen sie uns welche. Damit der Mann dann auch wieder gesund wird.

 

Einladung zu Weihnachten
Wieder sind fast zwei Monate rum. Kurz vor der Weiterfahrt in den Süden Malawis erhalten wir von unseren südafrikanischen Freunden eine Einladung fürs Weihnachtsfest in Limpopo Südafrika. Mit Trent, Istene und Mike haben wir uns in Äthiopien und Kenia getroffen. Mittlerweile sind ihre Motorräder in der Garage zu Hause in Südafrika. Wir sagen zu und rechnen die Strecke dorthin. Variante A wäre die einfachste. Über Tete in Mozambik nach Simbabwe und dann runter nach Limpopo. Doch aktuell gibt es in Simbabwe kein Benzin zu kaufen. Und mit unserem Tank kommen nur in die Hälfte. Plan B bedeutet direkt in den tiefsten Süden Malawis, dann nach Mozambik, über die längste Eisenbahnbrücke Afrikas nach Caia und dann durch den Süden Mosambiks. Es hat zwei Tage gedauert, bis wir verlässliche Informationen gefunden haben, die besagen, dass man nicht mehr über die Eisenbahnbrücke fahren kann und dass das Floss im Sumpfgebiet kaputt ist. Es bleibt uns nur noch die ungeliebte Variante C. Über Zomba, Blantyre in die Bergwelt ganz im Südosten Malawis nach Mulanje. Muss schön sein dort. Doch von Cape MacClear bis Mulanje und dann durch Mosambik bis nach Limpopo sind es viele Kilometer.

2700 Kilometer bis Weihnachten. Drei Wochen Zeit.
Schlaglöcher die man aus dem All sehen kann.
Regen. Und die Ferienzeit der Südafrikaner.

Es bleibt spannend.
Wir starten den Motor und treiben unser Stahlross Richtung Mosambik.