Die Hel – teuflisch heisser Ausflug


Einmal Hölle und zurück.
„Die Hel“ wie es auf Afrikaans heisst, ist eine der Empfehlungen, die wir immer wieder von Südafrikanern bekommen haben. Ein Seitental mit dem Gamskaskloof (Lionvalley) beginnt vor dem höchsten Punkt des Swartberg Passes (von Prinz Albert her kommend). Viele Geschichten ranken sich um diesen Ort, der 50 Km über eine Offroadstrecke zu erreichen ist. Bis in die 1962 Jahre war dieses Tal total isoliert, da es keinen Weg rein oder raus gab. Die Menschen wurden als Hinterwäldler beschrieben, Inzucht soll es gegeben haben. Dort lebten ein paar Farmerfamilie die sich selbst versorgten und auch ein ganzes Gemeindewesen mit Schulen aufgebaut haben. Ab und an hat sich jemand mit für den Handel ihres selbstangebauten Tabaks sowie Feuerwasser aus Honig mit einer mehrtätigen Wanderung in die Aussenwelt getraut. Kaum war jedoch die Strasse über die steilen Hänge fertiggestellt, war die Hölle leer. Alle Einwohner haben ihr Tal verlassen. Seit ein paar Jahren wohnt eine Familie wieder da unten. Die Grossmutter gilt als eine der letzten Personen, die über das Leben in der Hölle berichten kann. Liebevoll haben sie ihr ehemaliges Elternhaus renoviert und ein Buschcamp errichtet. Interessierte können sich in der Hölle an verschiedenen Orten die alten Gebäude mit Geschichtstafeln besuchen.

Die Fahrt runter ist noch das eine mit unserem Moped.
Doch kommen wir auch wieder aus der Hölle raus?

 

Karnmelkspruit – Zungenbrecher Afrikaans
Wir sind echte Glückskinder. Bis auf das mächtige Gewitter in den Bergen Lesothos, erleben wir nur strahlenden Sonnenschein. Die Berge werden etwas weniger, die blühenden Felder umso mehr. Im verschlafenen Lady Gray finden wir keinen idealen Übernachtungsplatz, weshalb wir wieder in die Berge Richtung Barkley East reisen. Nach ein paar Dutzend Kilometer taucht endlich das Schild mit der Aufschrift „Karnmelkspruit River Camping“. Dieses Afrikaans ist ein echter Zungenbrecher. Bei den Schildern konzentrieren wir uns mittlerweile mehr auf Camping, als den Namen. Denn sogar bei unserer Reisegeschwindigkeit von 40 km/h bergaufwärts bringen wir die Buchstagen kaum auf die Reihe. Und schon sind wir am Schild vorbei. Es geht wieder in ein kleines, schmales Tal hinunter, alles entlang an einem herrlichen Fluss. Das Camp ist umgeben von Bergen, wilde Tiere weiden in den Hängen. Herrlich. Wir richten uns ein und wundern uns gleichzeitig warum es keine Rezeption oder so gibt. Doch genau in diesem Moment kommt ein Farmer auf uns zu. Ein breites Lachen, ein ledernes Gesicht und wache Augen begrüssen uns. „Ich weiss, das mit dem Schild ist nicht ganz klar. Die Rezeption ist bei unserem Farmhaus, drei Kilometer die Strasse weiter. Aber alles gut. Seid herzlich Willkommen“, nimmt der Farmer unsere Entschuldigung vorweg. „Aber bitte bleibt zwei Nächte, denn morgen habe ich eine Überraschung für Euch. Kommt einfach zur Farm. Ihr werdet staunen“, lädt er uns gleich für den nächsten Tag ein.

Wir werden nicht enttäuscht. Seine Farm hört nach Westen mit einem Zaun auf. Die Grenze bildet eine mächtige Schlucht. Mehrere hundert Meter tief. Die Nadelbäume da unten sin kaum zu erkennen, so tief ist sie. Es ist die Heimat über hundert Geier. Wir haben echtes Glück. Heute ist Flugtag. Die Thermik beschert den riesigen Vögeln viele Flugstunden. Manchmal kreisen sie knapp über unserem Kopf, dann wieder ein paar Meter unter uns. Und das für Stunden. Es ist ein wirklich wunderbarer Ort. Es gebe einen Weg in die Schlucht und dann durch die Schlucht bis zur Strasse. Doch allein für diese Tour würde er fast eine Woche benötigen. Da unten ist alles wild. Es gibt keine Wege. Man kann nicht mit einem Auto rein und wen das Wasser kommt, sieht es von oben sowieso herrlich aus. „Die zweite Attraktion ist seine Eisenbahnlinie. Vor dem 1. Weltkrieg, zu Zeiten seines Grossvaters, hätten die Engländer im Sinn gehabt eine Eisenbahnlinie durch sein Land zu bauen. Sie seien bis zu einem riesigen Felsen vor der Schlucht gekommen und haben einen Tunnel gebaut. Das gleiche auf der Nachbarsfarm. Es hätte eine der höchsten Brücken der damaligen Zeit in Südafrika geben sollen. Alles war fertig gebaut, auch die Brücke in England. In Einzelteilen wollten sie die Brücke hierher bringen. Doch sie ist niemals angekommen. Heute habe ich einen Stollen, einen kleinen Bahnhof und eine unbenutztes Gleis auf der Farm. Guckt es euch an“. Klar. Es ist total unwirklich, in jedem Fall eine Attraktion.

Leider hat Oli vergessen, das Gatter richtig zu schliessen. Zehn aufmüpfige Kühe sind dann ausgebüxt und den Geleisen entlang gelaufen. Es dauerte fast zwei Stunden bis wir sie wieder zurück getrieben haben. Und dann war es dunkel. Die Nacht ist herein gebrochen. Und wir schliessen bei Steaks und Bier wieder einen erlebnisreichen Tag ab.

 

Die 68er Jahre sind wohl endgültig durch
Was haben wir die Fahrt nach Hogsback genossen. Bei der Strecke über die Pässe um Barkley East kommen Easy Rider Gefühle auf. Sogar Uwe findet das cruisen mit dem Datsun hat Spass gemacht. Angekommen in Hogsback haben wir viele Erwartungen. Künstler Dorf, alt Hippies, Woodstock Typen, alternative Freigeister. Doch irgendwie ist diese Zeit wohl endgültig durch. Das Dorf hat ein bisschen Charakter, kleine Läden sind chick hergemacht, verschiedene Restaurants laden zu Pizza und Steak ein. Dazu einige exklusive Hotels. Man muss sagen, es ist wunderschön im Nadelwald gelegen, die erweiterte Landschaft könnte aus einem Winnetou Film stammen. Wir gucken uns verschiedene Skulpturen an, besuchen ein paar der kleinen Läden. Doch irgendwie springt der Funke nicht zu uns rüber. Der Abend mit Pizza mit Wein fordert fast zwei Tagesbudgets, der Wein ist enttäuschend für südafrikanische Verhältnisse. Für uns gleicht dies vor allem einem Ferienort für Bessergestellte. Obwohl wir die 68’er ja nicht selber erlebt haben, wir denken der Geist davon ist hier schon lange abgehauen. Aus Ideologen wurden hier vor allem kapitalistische Lebenskünstler.

Wieder einmal eine herrliche Erfahrung. Wir haben uns so gefreut auf das was andere für uns als toller Ort empfunden haben. Doch wirklich Eindruck gemacht hat uns ein Ort, den wir eigentlich gar nicht auf unserer Karte hatten. Und noch immer kaum aussprechen können: Karnmelkspruit.

 

Die Hölle – es gibt fast kein Zurück.
Wir haben uns getrennt. Uwe fährt nach Mpumalanga zu Freunden. Die nächsten drei Wochen will er bei Freunden auf einer Kaffeeplantage verbringen. Uns führt es nach Port Elizabeth. Unsere Reifen sind schon fast wieder durch. Von Bikegear SA haben wir die Nachricht bekommen, dass sie neue Heidenau K37 bekommen hätten. Das sind reine Gespannreifen. Die Lieferung kommt einmal im Jahr und falls wir einen Vorrat bäuchten, sollten wir unbedingt zugreifen. Fünf Stück seien noch frei. Nachdem in Afrika schmerzlich erfahren mussten, dass passende Reifen ein echtes Problem ist, haben wir zugegriffen. So sind wir hin, haben alles bezahlt und die Reifen nach Namibia zu einem Freund senden lassen. Bis dorthin sollte es noch gehen. Schon einmal in der Gegend, wollten wir eine weitere Biker Empfehlung in Angriff nehmen: Baviaanskloof. Es ist einer der wenigen, wirklich wilden Routen in Südafrika. Mit viel Glück, hat der Fluss wenig Wasser und wir kommen durch. Die steilen Anstiege mit losem Geröll trauen wir uns zu. Nach zwei Tagen müssen wir aber leider einsehen, dass es wohl wenig Sinn macht durch den ein Meter tiefen Fluss zu fahren (wohlverstanden die am wenigsten tiefe Stelle), wenn die Luftansaugung bei 0.6 Meter liegt. Der Regen der letzte drei Tage bringt einfach zu viel Wasser. Ehrlicherweise, hätten wir den darauffolgenden Aufstieg mit unserem vollbepackten Gefährt auch nicht geschafft. Alles zurück und ab in die Hölle.

Und nun stehen wir da bei fast 40 Grad Hitze, strahlendem Sonnenschein und schwitzend vor Angst nicht mehr aus der Hölle zu kommen. Die letzte beiden Tage hier unten waren vor allem eines: Heiss. Die Gegend ist echtes Buschland. Anders wie fast überall in Südafrika, gibt es hier keine Zäune. Man fühlt sich frei. Sofern man vergisst, dass es hier nur einen Ein- und Ausgang gibt. Anscheinend haben sich die Bewohner nicht ganz so frei wie wir gefühlt. Sonst wären nicht alle in den ersten Tagen der Eröffnung abgehauen. Wir stehen vor einem weiteren Anstieg. Corinne keucht sich die Lunge raus. Da sie sich nicht getraut, das Motorrad zu lenken, bleibt gar kein andere Job übrig, als Schieben. Wieder einmal. Der Motor läuft viel zu heiss. Wie soll es denn auch anders sein. Bei einem luftgekühlten Motor. Wo die Umgebungstemperatur schon 40 Grad ist, mit fünf Stundenkilometern kein Fahrtwind entsteht. „Ich hab es dir ja gleich gesagt. Du musst mehr schieben. So wird das nichts. Wir brauchen mindestens zehn Kilometer pro Stunde. Gib dir bitte etwas mehr Mühe, Corinne“, bafft sie der Fahrer an. Zum Glück muss sie verschnaufen. Ansonsten hätte es wohl ein Donnerwetter als Antwort gegeben.

Ein doppeltes Hupen ertönt. Mann, dieser Typ sieht ja, dass wir gerade etwas Kämpfen sind. Und überholen geht ja nicht. Doch er meint es gut, rennt zu uns, fragt ob er helfen kann. „Schieben“, meine knappe Antwort. Ein entwaffnendes Lächeln. Alles Gepäck weg, auf seinen Bakki, Corinne dazu. Und siehe da, die Maschine macht es locker wieder hoch. Die Welt hat uns wieder.

Nach unserem teuflischen Ausflug wird es etwas ruhiger. Entlang der Route 68 besuchen wir die Straussenstadt Oudtshoorn, machen den obligatorischen Bikerstopp bei Ronnies Sex Shop und cruisen über Montagu bis ans Kap der guten Hoffnungen.

Die Hälfte der Tour haben wir nach 36‘000 Kilometer und 21 Monaten Abenteuerritt geschafft!