Die perfekte Korruption in Simbabwe


Wir sind schuldig. Oder wenigstens mitschuldig. Keine Frage, es ist nicht legal und auch nicht mehr zu ändern. Es dient dem Zweck. Mit etwas Fingerspitzengefühl hätten die Beamten in Sambia und Simbabwe es problemlos geschafft uns zu unterstützen und das Ganze auf legalem Weg zu machen. Doch sobald es um Geld geht, riechen sie dies schon von weit her. Es wäre so einfach. Bumm, einen zweiten Ausreisestempel im anderen Pass. So könnten wir in Simbabwe einreisen und wir hätten keine Probleme mit den Visatagen in Botswana, Namibia und Südafrika. Eigentlich eine Kleinigkeit. Denkste.

„Die Zollchefin in Simbabwe hat gerade unsere Zollchefin hier in Chirundu angerufen. Sie würden die Stempel machen in Sambia. Doch nur für je 200 US Dollar. Dann könnt ihr problemlos weiterziehen. Das Angebot soll ich Euch machen. Wenn ok, gebt mir das Geld und ich bringe es den beiden Frauen.“ Der Agent lächelt und meint es ja nur gut mit uns. „Netter Versuch. Zuerst jagen sie uns nach einer normalen Anfrage aus ihren Büros mit dem Hinweis, dass man dies besser in Lusaka machen soll. Und dann wollen sie uns schröpfen. Dieses Theater machen wir nicht mit. Gerne kannst denen sagen, sie sollen froh sein, wenn wir sie nicht melden. Und überhaupt, hast du echt das Gefühl, ich drücke dir hunderte US Dollars in die Hand und dann tschüss. Sehen wir echt so doof aus?“ „Mister. Schauen sie meinen Ausweis um den Hals an. Ich bin offizieller Agent an der Grenze. Es ist keine grosse Sache. Es ist ein Deal. Du musst nicht nach Lusaka gehen und das Benzingeld bekommt dafür die Chefin. Es ist alles ok.“

Oli ist etwas genervt. Seit zwei Stunden sitzen wir hier in der brütenden Hitze am Zoll in Chirundu rum und versuchen einen zweiten Ausreise Stempel in unseren Notfall Pass zu bekommen. Auf den Tag haben wir seit vielen Jahren gewartet. Auf den Tag, an dem wir selber so verzweifelt sind, dass wir Auslöser der Korruption werden. Es ist kein gutes Gefühl.

 

Die perfekte Korruption
Mit einem gewissen Risiko erzähle ich gerne eine kleine Geschichte aus der afrikanischen Realität. Sollte dies jemand lesen und sich verpflichtet fühlen uns den Schweizer Behörden oder uns in einem der betroffenen Ländern anzuschwärzen, lasst es mich deutlich schreiben: Wir finden Dich! So, nachdem meine Warnung bestimmt grossen Eindruck hinterlassen wird, gebe ich einen herrlichen Einblick in unsere Grenzerfahrung zwischen Sambia und Simbabwe.

Lange haben wir damit gewartet. Unsere zweiten Pässe sind der Notnagel. Wir wollen sie nur einsetzen, wenn es nicht anders geht. Und dieser Moment ist gekommen. Damit wir in diesem Jahr überhaupt wieder nach Namibia und Südafrika können, brauchen wir nochmals ein neues Visum. Unsere 90 Tage haben wir für dieses Jahr aufgebraucht. Wir würden nur je nochmals sieben Tage erhalten. Um das Ghana Visum zu erhalten, müssen wir nach Windhoek und dann runter nach Kapstadt zu Duncan zum Verschiffen. Das wird alles zu knapp. Vor allem mit dem Seitenwagen Motorrad. Und zur Sicherheit wollen wir lieber mit unserem Notfall Pass einreisen. Doch das gestaltet sich als eine kleine Herausforderung. Vor ein paar Tagen hat uns der nette Grenzbeamte in Luangwa diesen Prozess für fünfzig US Dollar angeboten. Einmal mit dem Boot die 50 Meter an das Ufer Simbabwes und zurück. Alles kein Problem. Wir hatten da gelächelt und dankbar abgelehnt. Nun gibt es nur noch zwei Varianten. Entweder wir reisen nach Lusaka zur sambischen Immigration und lassen dies dort machen. Die sambische Zollchefin hat das abgeklärt und sie würden das für einen „offiziellen“ Betrag machen. Oder wir machen das hier für einen inoffiziellen Betrag. In jedem Fall kostet es etwas. Hier ist nichts gratis. Money talks.

Gerade eben sind wir noch voller Zutrauen unter dem riesigen Schild „Say no to Corruption“ auf Simbabwe Seite durchgelaufen und haben dort beim sambischen Ausreiseschalter unser Anliegen erklärt. Bevor gestempelt wurde hat man uns zum Simbabwe Schalter geschickt. Dort werden wir nach Absprache einen Zettel mit einer Unterschrift bekommen. Dann würden sie dies von Sambia Seite aus akzeptieren. Im Gespräch teilt uns die Beamtin aus Simbabwe mit, dass sie uns im Notfall Pass einstempeln würden, falls wir auch so einen Zettel von der Sambia Seite bekommen. Das sollten Zahlen draufstehen. Zu dem Zeitpunkt hatten wir keine Ahnung, dass dies eine Geheimsprache ist. Auf einer Seite sollte ich wohl den Anfang machen und Geld in unsere Pässe legen. Doch darauf bin ich nicht gekommen. Ich war vorsichtig. Man kann sich nie sicher sein, ob dann nicht eine Geschichte daraus gemacht wird und es dann richtig unangenehm und teuer wird. Auf meine völlige Ahnungslosigkeit hin schickt mich die Frau am Schalter zur Chefin in den ersten Stock. Eine aufgestellte und sympathische Person begrüsst uns. Der Hut und ihr Veston sind voller goldener Abzeichen. Sie lächelt und erklärt uns freundlich, dass dies eben nur geht, wenn die sambische Zollchefin auf der anderen Seite der Brücke auch einverstanden ist. Auf die Bitte, diese Frau doch kurz anzurufen, winkt sie ab. „Nein, nein, das müsst ihr persönlich machen. Das sollte kein Problem sein“. Wir sind noch immer zu doof, zu merken was hier gespielt wird. Und so fahren wir wieder zurück auf die Sambia Seite. Und ärgern uns gerade, dass wir die Situation nicht gleich erfasst haben. Ein paar amerikanische Scheine und es wäre geregelt gewesen. Wie doof wir auch sind. Wahrscheinlich sieht man uns das ja auch gleich an. In dem Moment sind wir nicht die Slowriders, sondern wohl sie Langsam-Denker. Und wohl genau deshalb ist der Agent so voller Enthusiasmus.

Agent Bribe verschwindet wieder und kommt dreissig Minuten später mit einem Beamten raus. Ab hinter den nächsten Lastwagen. Der Beamte schwitzt, schaut sich sorgfältig um und zieht mich weiter hinter das Versteck. Seine Chefin trottet aus dem Gebäude, steigt in ihren Wagen und fährt wohl zum nächsten Hungry Lion Laden. „Hier mein Angebot. 80 US Dollar für mich und ich mache den Stempel am Schalter auf der anderen Seite. In einer Stunde ist Schichtwechsel. Dann komme ich raus und fahre rüber. Ihr folgt mir zwanzig Minuten später. Der Agent koordiniert. Er wird mit euch mitkommen. Verstanden? Ich will euch nur helfen. Alles legal. Das ist doch fair oder?“ flüstert der Beamte. „Das geht in Ordnung. Für einen oder zwei Pässe?“ „Für beide Pässe. Ihr bezahlt nur mich. Legt das Geld je 40/40 USD in die Pässe“, sagt er und ist wieder verschwunden.

Corinne und ich haben beide ein ungutes Gefühl im Magen. Wir haben uns bisher immer daran gehalten, kein Schmiergeld zu bezahlen. Noch nie haben wir das in den letzten fünfzehn Jahren gemacht. Es ging immer ohne. Agent Bribe taucht wieder auf, lächelt und meint: „Er und ich, wir teilen es uns. Es kommen keine weiteren Kosten mehr dazu.“ Lasst uns gehen.

Vor dem Gebäude auf der Simbabwe Seite geben wir dem Agent unsere Pässe und das Geld. Vor uns eine lange Schlange von Menschen, die aus Sambia ausreisen wollen. Der Beamte sieht uns, winkt uns heran. Die Scheine sind so gut sichtbar in den Pässen, das schreit gerade nach Korruption. Doch es scheint niemanden zu interessieren. Sieht so aus, als sei man sich dies hier gewöhnt. Das kleine Poster mit der Anti-Korruption Telefonnummer an der Schalterscheibe ist so verblichen, es ist bestimmt nicht mehr aktuell, reden wir uns ein. Auch die Schalterseite von Simbabwe hatte Schichtwechsel. Eine neugierige Beamtin beäugt uns. Sie scheint Lunte gerochen zu haben. Plötzlich steht sie neben uns und spricht zum sambischen Kollegen. Sogleich verschwinden wir (Oli, die beiden Beamten) in einem kleinen, fensterlosen Zimmer. „So geht das nicht. Das ist Korruption!“, schimpft die Frau mich an um gleich weiterzufahren: „Ich will meinen Anteil. 100 USD.“ Oha. Jetzt bin ich etwas verwirrt. „Wofür?“ „Damit ich sie mit dem Pass einreisen lasse. Ich bin nicht von gestern.“ Anscheinend nicht. Wenn es um Geld geht, sind die afrikanischen Beamten wie Raubtiere. Skrupellos. „Jeder von Euch erhält 50 USD. Nicht mehr. Da ihr die Korruption nun antreibt, könnte es ja auch sein, das ich euch gerade teste. Eure Anti Korruptionskampagne ist in vollem Gange. Ich kann ja auch ganz normal mit meinem anderen Pass einreisen. Da ist nichts illegal. Überlegt es Euch.“ Dann verlasse ich den Raum und warte draussen. Schlussendlich einigen wir uns auf je 80 USD. Bei Verlassen des Korruptionsraums erklärt mir die Beamtin aus Simbabwe wie aus dem Nichts: „Bestimmt haben Sie von unseren grossen Problemen im Land gehört. Einmal mehr hat unsere Regierung alles kaputtgemacht. Kein Geld ist mehr da. Wir werden seit 6 Wochen nicht mehr bezahlt. Darum ist es ok.“ Es klingt wie eine Entschuldigung oder ein Versuch sich das schlechte Gewissen gut zu reden. Danach geht alles schnell. Sie stempelt unsere Pässe und fügt mit einem herzlichen Lächeln an: „Willkommen in Simbabwe!“

 

I am not a Chinaman. I am from China man!
Endlich haben wir es hinter uns. Eine Zeitlang dachten wir, dass das mit dem Passwechsel nicht klappen wird. Wie bereits erwähnt, haben wir uns nicht wohl gefühlt dabei. Umso grösser ist die Erleichterung jetzt am Abend. Next step done. Gleich bei der Grenze am Lower Zambezi ist das Camp Tiger Safaris. Genau das Richtige für heute. Chilliges Camping am Fluss und eine Bar mit Bier uns Schnaps. Die Betreiber sind weisse Simbabwer, die früher Farmen mit Tabakanbau im Osten des Landes betrieben haben. Wie viele andere weisse Farmer wurden grosse Teile ihrer Familienfarmen enteignet und sie vertrieben. Doch sie sind im Land geblieben und haben Stück für Stück ein tolles Camp aufgebaut. Heute sei es ruhiger, leider nicht viel besser mit dem neuen Präsidenten. Doch wir versuchen das Land mit unserem kleinen Beitrag wieder auf die Beine zu bringen. Simbabwe und früher Rhodesien war und ist eine Perle in Afrika. Es geht langsam, jedoch immer etwas mehr voran, meint der Besitzer. Wir haben mittlerweile das dritte Bier intus, unser Nachbar wohl schon einiges mehr. „I am not a chinaman. I am from china man!“, hallt es die ganze Zeit von rechts. Der etwas zu dick geratene Chinese prostet nach jedem Spruch seinem Tabak Geschäftspartner aus Simbabwe zu. Und dieser wiederholt den Spruch. Nur dass der weisse, stämmige Simbabwer viel trinkfester ist. Plötzlich ist der Chinaman verschwunden. Wie in Luft aufgelöst. Ach nein, er liegt wie ein Käfer auf dem Rücken an der Stirnseite der Bar. Er schafft es nicht, sich umzudrehen. Und wieder sein Spruch vom Chinaman. Sein Geschäftspartner und dessen Frau helfen ihm dann doch noch hoch. Damit er dann gleich die Theke abräumt und nun bauchvoran hinklatscht. Nochmals helfen sie ihm hoch. „Hey, da sind Flusspferde“, lallt er. Ja, da sind tatsächlich sieben Stück, die neben der Bar friedlich grasen. Als der betrunkene Chinaman die Idee für ein Selfie, reitend auf einem Flusspferd Bullen hat, schleppen ihn seine Geschäftspartner von der Bar weg und sperren ihn in sein Bungalow. Schlafenszeit.

„Ach, das ist jedes Mal so mit denen“, meint der Lodge Besitzer. „Der Typ ist Einkäufer und sein Geschäftspartner ist mein Schwager. Die machen grosse Geschäfte mit Tabak. Und das Koma Saufen gehört irgendwie einfach dazu. Mein Schwager hat keine Probleme damit, doch den Chinesen fehlt wirklich ein Gen. Der hat nicht so viel getrunken. Das ist ein spezieller Schlag Menschen. Mittlerweile sind sie überall im Land aktiv. Sie kaufen die meiste Tabakernte,  das Gold, Diamanten, seltene Erden. Alles was sie finden können.“ Der Besitzer scheint sich damit gut arrangiert zu haben. Denn sonst würde ja niemand in das zerrüttete Land investieren, meint er. Dazu kommt, dass Simbabwe gerade eine der grössten Dürreperioden seit Menschengedenken durchmacht. Und wieder einmal ist eine massive Währungskrise in vollem Gange. Bezahlt werden darf nur noch mit der vom Staat herausgegebenen und ohne jegliche Sicherheiten verifizierten Simbabwe Bonds. Jeden Tag werden die Lebensmittel teurer. US Dollar sind ab sofort verboten, werden jedoch im Tourismus und von den Behördenstellen überall gerne genommen. Benzin und Diesel ist einmal mehr Mangelware und an den Tankstellen oft nicht zu bekommen. Ausserhalb der Städte ist das Nahrungsmittelangebot sehr eingeschränkt. Die Menschen leiden, gehen auf die Strasse und werden von der Polizei verprügelt. Es hat sich alles in den letzten Wochen extrem zugespitzt.

Wir sind zum Glück mit unserem Landcruiser mit Zusatztank unterwegs. In Chirundu haben wir mit zweihundert Liter Diesel vollgemacht. Wir gehen davon aus, dass dies für unsere Tour nach Mana Pools, entlang dem Lake Karibe und für den Besuch des Hwange Nationalparks ausreichen sollte. Eingekauft haben wir ebenso. Zuerst geht es in die berühmten Mana Pools. Dieser Nationalpark am Sambesi Fluss wird als einer der schönsten Parks weltweit gelobt. Wir reisen das erste Mal dorthin. Freude herrscht.

 

Mana Pools – Das wilde Aschenputtel
Die Fahrt in das Gebiet führt uns über eine breite, staubige Piste durch einen endlos scheinenden Mopane Wald. So knochentrocken wie es gerade ist, werden wir von den herankommenden Lastwagen immer wieder eingestaubt. Einmal mehr merken wir, dass unser alter Landcruiser eklatante Schwächen bei den Türdichtungen hat. Ebenso lassen sich die Fenster nur mühsam und leider zu langsam hochkurbeln. Und so enden wir als Staubfänger an einem Schlagbaum. Im grossen Buch einschreiben. Meine Frage, ob wir den Pool rund 3 Kilometer von hier entfernt anschauen dürfen, in der Hoffnung Löwen zu sehen, kommt nicht gut an. Der Klugscheisser und Besserwisser von einem jungen Ranger faucht mich an: „Nicht ohne Bezahlung. Ab sofort kostet es 20 USD pro Person. Ihr könnt zum Hauptcamp in 30 Kilometer, dort den Eintritt und das Camp bezahlen. Dann wieder hierher kommen. Doch es kostet euch dann immer noch 20 USD. Ihr Weissen habt genug Geld, während wir hier nichts mehr haben. Geht!“ Auf meine Argumentation hin, dass ja nicht wir das Land kaputt gemacht haben und vor allem nicht wir Reisende, hat er kein Gehör. Er spielt mit seiner AK47 und sagt wir sollen jetzt gehen. Mit einem komischen Bauchgefühl reisen wir zum Hauptcamp. Dort werden wir jedoch sehr freundlich empfangen und bekommen alle Papiere für drei Tage im Park zu bleiben. Verglichen mit anderen Parks ist es hier, ich kann es nicht anders sagen, schweineteuer. Den einzigen Platz im Camp Nyamepi welchen wir uns leisten können, kostet knappe 50 USD pro Nacht. Dieser ist umgeben von vierzig anderen Plätzen. Nur wenige davon haben Schatten. Es sind höchsten fünf andere Besucher hier. Auf die Frage, ob wir uns nicht an den Fluss stellen können, meint die Rangerin völlig emotionslos: „Könnt ihr. Kostet Euch 120 USD pro Nacht.“ Keine weitere Diskussion. Das Camp selber erinnert mehr an einen grossen Parkplatz mit heruntergekommenen Toiletten, denn einem Wildnis Camp. Die tollen Plätze etwas weiter weg am Fluss kosten alle um die 150 USD pro Nacht. So kostet uns ein Tag mit Übernachtung in den Mana Pools locker 100 USD.

Wir wussten ja, dass es teuer wird. Dafür haben wir ein Sight Seeing Budget. So gesehen gehen wir es locker an und wollen nun die Schönheiten des Parks kennenlernen. Generell ist Simbabwe bekannt dafür, dass die Nationalparks wohl das Einizige im Land ist, das gut gemanagt ist und in  internationalen Vergleichen mithalten kann. Ok, die Korruption kann das auch. Aber nur mit der internationalen Blacklist. Mana Pools liegt genau gegenüber vom Lower Zambezi Nationalpark auf sambischer Seite. Der mächtige Sambesi Fluss trennt die Gebiete. Bekannt ist Mana Pools wegen den verschiedenen Pools und einem unglaublichen Tierreichtum. Es gilt als ein „must see“ im südlichen Afrika. Vor allem Löwen und Wildhunde sind hier in einer ausserordentlichen Dichte vertreten. Unsere ersten Fahrten sind etwas zwischen Himmel und Hölle. Die Landschaft mit ihren vielen grossen Bäumen und dem Gebiete am Fluss haben etwas Majestätisches an sich. Doch aufgrund der enormen Trockenheit, sind in den Pools kaum Wasser. Allerhöchstens Schlammreste. Nur der Long Pool hat noch ein bisschen Wasser. Flusspferde liegen Seite an Seite im kühlen Schlamm. Hunderte Krokodile liegen ebenso im verschlammten Wasser. Sie jagen die letzten Fische im Pool. Ebenso sind Marabu Vögel in einer grossen Vielzahl vorhanden. Es sind die Profiteure, die sich die übriggebliebenen Resten schnappen. Die Elefanten und anderen Wildtiere werden von den Rangern gefüttert, weil sie sonst verrecken würden. Es ist ein himmeltrauriger Anblick in einem wunderschönen Gebiet.

Als Verfechter von naturbelassenen Gebieten, bin ich selber hin- und hergerissen. Meiner Meinung nach gehört es sich nicht, Wildtiere zu füttern. Der Sambesi Fluss bietet Wasser, die andere Seite noch immer genug Gras. Dann gehen sie halt rüber. Es ist eine natürliche Auslese. So brutal das klingt. Der Mensch sollte aus meiner Sicht nicht eingreifen. Doch eben. Sieht man hier das Elend, geht es einem schon ans Herz. „Wissen sie, die Tiere sollen ja hierbleiben. Wir managen hier einen alten Genpool von Elefanten. Dieser ist so selten, wir müssen den erhalten. Wir sprechen von Elefanten mit gewaltigen Stosszähnen. Diese wurden fast überall in Afrika von ausländischen Jägern und einheimischen Einwohnern weggeschossen. Allein deshalb müssen wir dies so machen“, erklärt mir der Chef Ranger in einem Gespräch. „Generell der Tourismus und eben Mana Pools ist etwas vom wenigen, was hier in Simbabwe noch funktioniert. Wir müssen Sorge tragen“, schliesst er seine Worte. Und mal wieder ergibt sich ein grosses Spannungsfeld. Weiter gedacht, würde es nämlich bedeuten, dass wenn der Tourismus auch noch brach liegt, gäbe es keinen Anlass mehr, Mana Pools oder die anderen Nationalparks zu unterhalten. Dass Land hätte gar kein Geld mehr, nicht einmal mehr um die Ranger zu bezahlen, das Land würde noch tiefer in die Armut sinken (geht kaum mehr schlimmer). Und dann würde wieder gewildert werden. Um zu überleben oder um etwas Geld mit illegaler Jagd zu verdienen. Die gleichen ausländischen Jäger, die es sich heute schon leisten können, würden für noch weniger Geld die Jagd auf die letzten Elefanten mit den riesigen Stosszähnen machen. Insofern gibt es realistischer Weise auch gute Gründe die Tiere hier mit zusätzlicher Fütterung zu unterstützen. Einfach krass, wie weit die Menschen sich die Umwelt zum Untertan gemacht hat. Irgendwann bezahlen wir den Preis dafür. Dessen bin ich mir sicher. Irgendwann rächt sich die Natur. Ein Virus oder so wird kommen.

Von den berühmten Löwen haben wir nur vom Camp Betreuer gehört. Tatzen im Sand haben wir gesehen. Doch leider war uns eine Sichtung nicht vergönnt. Jeden Morgen um fünf und abends um acht Uhr röhrt es auf dem Camp. Nein, kein Tier. Sondern ein tierisches Fahrzeug. Ganz allein in einer Ecke direkt am Fluss hat sich jemand sein eigenes Camp aufgebaut. Anscheinend besitzt dieser Mensch eine Spezialbewilligung um frühmorgens und spätabends rumzufahren. Sein Monster Landcruiser macht dieses tiefe, brummende Geräusch. Wir treffen den vermögenden Sohn eines Fotoausrüster Unternehmers im Busch. Er ist so quasi der Hausfotograf hier. Viele Wochen jährlich verbringt er hier. Seine Bilder sind wirklich gut. Mit seinen vielen Bewilligungen, rennt er mit den Wildhunden und ist oft zu Fuss im Park unterwegs, sagt er sichtlich stolz. Er betrachtet das Gebiet als seine Heimat. Als ich am dritten Morgen von einem Ranger gefragt wurde, ob ich den Ausflug zu Fuss genossen hätte, war ich baff. Denn er meint, dazu müsse ich ein Permit kaufen. Woher er dies wisse, meine Frage. Denn ich war einmal höchstens 50 Meter vom Fahrzeug weg. Um Bozo, den bekannten Elefanten zu fotografieren. Und da waren nur wir und der sympathische Fotograf unterwegs. „Tja, wozu hat man Freunde“, meint der Ranger lächelnd. Oha, blöd gelaufen.

Nach zwei Tagen im Park haben wir genug gesehen. Die meisten Gebiete um die Core Area sind mittlerweile als Konzessionen an Private vergeben. Durchfahren nur mit Spezial Bewilligung. Und die kosten natürlich wieder Geld. Jeden Tag suchen wir zweimal den Chef des Parks auf, mit der Bitte um eine Erlaubnis entlang des Sambesi wieder rauszufahren. Was früher normal war, ist heute Chefsache. Denn man kreuzt verschiedene Konzessionen. Für seine Unterschrift will der Chef etwas USD. Doch wir stürmen so lange, bis es ihm zu blöd wird, er einen Zettel unterschreibt und wohl froh ist, uns los zu sein. Die Fahrt dem Sambesi entlang nach Chirundu ist wunderschön. Immer wieder machen wir Pausen und geniessen die Natur. Irgendwann kehren wir zurück. Wenn die Landschaft wieder blüht. Dann wird das Aschenputtel Mana Pools wieder zur wunderschönen Prinzessin werden. Auf den Tag freuen wir uns schon heute.

 

Das Jahr der Geier
Sie werden „Cleaner“ genannt. Wenn sie in einer Gruppe hoch über der Landschaft ihre Runden ziehen, dann liegt irgendwo im Busch eine Mahlzeit bereit. Aasgeier werden sie generell genannt. Obwohl es viele verschiedene Arten davon gibt. Sie sind es, die das Gleichgewicht in der Natur herstellen. Sind sie da und haben ihren Kadaver für sich, geht es nicht lange bis ein ganzer Elefant bis auf die Knochen gesäubert ist. Ebenso sind die Geier für die Ranger eine gute Hilfe bei ihren engagierten Bemühungen, illegale Jagd zu stoppen. Doch seit einigen Jahren gehen illegale Jäger noch skrupelloser vor. Wenn sie eines der für den illegalen Weltmarkt wertvollen Tiere wie z.B. ein Nashorn betäubt haben, trennen sie das Horn gewaltvoll mit einer Kettensäge bei lebendigem Leib vom Tier. Das Tier blutet heftig, leidet Todesqualen. Das lockt die Cleaner an. Von den illegalen Jägern wird Gift gestreut, damit die Geier dann auch kurzum sterben. Keine Geier am Himmel, keine Zeugen, keine Zeichen. Und die illegalen Jäger verschwinden in die Weite des Buschs. Das Horn taucht als Pulver für Potenzförderung irgendwo in Asien auf. Es ist so weit gekommen, dass bestimmte Geierarten auf der Liste bedrohter Tierarten gelandet sind. Nun, dieses Jahr ist aber anders. Es ist das Jahr der Geier.

So brutal das klingen mag, die Trockenheit bringt für gewisse Tiere auch Vorteile. Die Natur hat eine unglaubliche Heilungskraft. In Simbabwe sterben jeden Tag viele Elefanten wegen der Trockenheit. Entweder ist der Weg zum Wasserloch zu weit oder die mittelgrossen Elefanten fressen vor lauter Verzweiflung bestimmte Blätter eines Baumes, die Krämpfe verursachen. Diese kann ihr Körper nicht aushalten. Immer wieder sterben diese dann an den Krämpfen. Zusätzlich tauchen immer wieder auch Elefanten auf, die an Milzbrand, auch bekannt unter Anthrax, sterben. Dies ist ein Giftstoff, der in der Erde gespeichert ist und über gewisse Pflanzen abgegeben wird. Doch bei dieser Todesursache ist es doppelt schlimm, denn wenn Tiere diese Kadaver fressen, werden auch sie infiziert. Nun, dieses Jahr haben die Raubtiere und die Geier mehr als genug zu fressen. Und so können sie sich fortpflanzen und ihre Art sich erholen. Wir wollen mehr von der Natur Simbabwes sehen und beschliessen in den Hwange Nationalpark im Nordwesten des Landes, an der Grenze zu Botswana zu fahren.

 

Ein paar Eindrücke und Gedanken von unterwegs
Durch eine hügelige Buschlandschaft fahren wir über Siabuwa, am Rande des Matusadona Gebietes in einer ursprünglichen Gegend. Es ist unglaublich spannend zu sehen, wie sich die einfachsten Dörfer von anderen Ländern unterscheiden. Viel ist hier mit Backsteinen gebaut, ebenso gedeckte Sitzplätze und es gibt separate Küchen mit gemauerten Öfen. Auch sehen wir immer wieder Vorratskammern, in welchen sie ihr Korn speichern. Für ursprüngliche Dörfer ist es sehr fortschrittlich. Nicht umsonst gelten die Simbabwer weit herum als sehr gute und fleissige Handwerker und vertrauensvolle Arbeiter. Eine Nacht verbringen wir in einem Wildcamp auf einem Hügel. Mit einer guten Sicht auf die Goldgräber im Fluss. Hunderte Menschen buddeln im trockenen Fluss, in der Hoffnung kleinste Nuggets zu finden. „Kommt helft mit, vielleicht werdet ihr reich“, rufen sie uns zu, als wir auf einer Brücke über den Fluss stehen und ihnen zugucken. Trotz ihrer unglaublichen Armut, sind die Menschen sehr freundlich, offen und warmherzig.

In Binga suchen wir verzweifelt nach einem Camp am berühmten Kariba See. Dieser Ort galt lange als Tourismusmagnet am Lake Kariba, dem grössten von Menschenhand geschaffenen Stausees Afrika. Doch nach der grossen Vertreibung fast aller weisser Farmer und Unternehmer, angeordnet vom ehemaligen Präsidenten Mugabe und gewaltvoll durchgeführt durch den aktuellen Präsidenten, erscheinen viele Orte noch so, wie vor zwanzig Jahre. Als die Vertriebenen ihr Grundstück, Hotel, Geschäft oder Camp etc. fluchtartig und über Nacht verlassen haben. Seit einigen Jahren sind weisse Simbabwer und Südafrikaner als Investoren zurück und kaufen die besten Plätze zum Spottpreis. Auch ranghohe Politiker haben sich Tourismus Anlagen und schöne Häuser unter den Nagel gerissen. Die Hotels und Camps mit einem normalen, guten Standard können wir uns schlicht nicht leisten, so hoch sind die Preise. Ein Camp am See wäre der Hammer, wenn man sich nur ein bisschen darum kümmern würde. Doch selbst die Menschen, die die Besitzer vertrieben  und sich deren Habe angenommen haben, machen nichts daraus. Man lässt es einfach vor sich hin verrotten. Wir quartieren uns bei den heissen Quellen ein. Die jungen, weissen Besitzer versuchen ein Camping aufzubauen. Die heissen Quellen selber, sprudeln noch heute. Früher war die Anlage eine Attraktion. Hier war einst ein Kurhotel mit Spa. Ein Thermalbad mit verschiedenen Becken. Die wenigen schwarzen Gäste in der dazugehörenden Bar erzählen uns vom einstigen Glanz des Ortes. Der Polizeichef stösst zu uns und schwärmt von früher. Wir sollten doch investieren, heute sei alles wieder gut. Er würde dafür sorgen, dass wir ein Arbeitsvisum bekommen. Sie bräuchten die Weissen zurück. Sie brauchen die Investitionen. Immer wieder haben wir von Südafrikanern gehört, die nun wieder nach Simbabwe zurück wollen. Auch die Chinesen kommen mittlerweile durch die Vordertür hinein.

Für uns kommt das nicht in Frage. Obwohl wir hier Potential sehen. Gerade weil oftmals noch einiges steht und man es vor allem flott machen könnte. Doch nach Botswana ist für uns das Thema durch. Vor lauter Chancen, sieht man dann gerade als Reisender die Risiken nicht gerne. Es wäre doch so schön hier. Genau. Es ist aber auch alles teuer und vor allem ist es nicht so, dass Touristen einfach mal nach Simbabwe kommen. Zu gross ist der Respekt vor der Vergangenheit. Und die paar Reisenden, die mit dem eigenen Auto kommen, sind kein lohnendes Geschäft. Wollen immer günstig bis gratis stehen, haben ihr Essen selber dabei und achten auf jeden Rappen. Davon zu leben ist anspruchsvoll.

Nun ist ein Moment gekommen, bei dem ich mit Schreiben immer wieder in Versuchung gerate, das Geschriebene einfach wieder zu löschen. Ich frage mich wirklich, ob meine Sicht der Dinge relevant oder überhaupt fundiert genug ist. Doch irgendetwas beschäftigt mich, dass ich trotzdem das Gefühl habe, nachfolgende Gedanken zu teilen. Sollte sich jemand dabei echauffieren oder sich berufen fühlen, Ergänzungen zu machen oder einen anderen Standpunkt vermitteln zu wollen, bitte gerne als Kommentar.

Gedankengang auf:

Nach unseren Erfahrungen aus Botswana, wo wir ein Investment geprüft haben und gescheitert sind, versuchen wir wohl instinktiv etwas mehr über den Tellerrand zu schauen. So verlockend ein Investement in Simbabwe klingen mag, so schön das Land ist und so herzlich einem die Menschen begegnen, als Reisende ist man geneigt, die schönen Dinge in einem Land zu sehen. Gegenargumente werden schnell selber abgeschwächt, vor allem wenn man ein positiv denkender Mensch ist. Aus meiner Sicht darf man nie vergessen, dass es gerade in dieser Region nicht nur ruhig zu und her geht. Es war zwar Mugabe und seine Schergen (wohlverstanden oftmals sind noch die gleichen Menschen an den Hebeln), die zu Morden und Vertreibung der Weissen aufgerufen haben. Die Schlägertrupps im ganzen Land waren rekrutiert aus treu ergebenen Stämmen, die sich dazu berufen fühlten, Jagd auf Weisse zu machen, diese abzuschlachten, den Besitz anzueignen und alles zu verteufeln, was dem ganzen Land Reichtum gebracht hat. Diese Leute sind nicht einfach verschwunden oder geläutert. Das ist ein ernsthaft schlummerndes Problem. Immer wieder mal flammt es auf. Nicht in der gleichen Form wie im Jahr 2000, als 90% der 4500 weissen Farmer ohne Entschädigung enteignet wurden. Es zeigt sich viel mehr in für uns nicht zu verstehende Ehrbietung für den verstorbenen Mugabe oder dem jetzigen Präsidenten. Viele Menschen hatten Mugabe über Jahrzehnte die Treue geschworen. ihn als Retter verehrt. Und jetzt tun sie dies für den ehemals oberster Schlächter in Mugabes Regime. Er führt nun das Land. Wohl macht er einen gemässigteren Eindruck, doch er handelt genauso skrupellos. Eines seiner wichtigsten Anliegen sind grosse Strassen, die in allen Städten nach seinem Namen umbenennt werden sollen. Die Weissen werden heute wieder eingeladen zurück zu kommen. Sie erhalten vom neuen Präsidenten das Versprechen um nachträgliche Entschädigung. Doch was gilt ein Versprechen von einem ehemaligen Schlächter eines Staates, wenn der Staat komplett verschuldet und chronisch pleite ist.

Vor lauter Chancen, sieht man da gerne weg und hofft einfach, dass es besser wird. Die Schönheit und das Potential des Landes ist gewaltig, das Risiko genauso gross. Man ist versucht, das Geschehene zu vergessen. Das fällt vielen Menschen nicht einfach. Vor allem, weil die meisten Begegnungen mit den Menschen herzlichster Natur sind. Sie machen keine Unterschiede in den Farben wie z.B. in Südafrika. Es war ein politisches Problem, sagen sie heute. Wir wollten eigentlich gar nicht, dass die Weissen gehen. Denn seitdem ist das Land einfach nur den Bach runter und komm nicht mehr hoch. Man weiss nie, wer hier Freund und Feind ist, sagt uns ein weisser Simbabwer, der nach Binga zurückgekehrt ist. Das Wichtigste ist noch immer zu wissen, wen man schmieren muss. Dabei lächelt er und muss schnell weiter.

Reisen und Leben in Simbabwe sind Zweierlei. Den Menschen in Simbabwe wäre ein echter Systemwechsel mit Chancen für alle und vor allem eine Beruhigung der Situation von Herzen zu gönnen. Denn sie sind es, die täglich ums Überleben kämpfen.

Gedankengang zu.

 

Die traurige Wahrheit: Löwen haben kein Mitleid
Bevor wir zum Hauptcamp vom Hwange NP kommen, wollen wir versuchen in Ort Hwange etwas Diesel zu bekommen. Leider ausgegangen. Vor ein paar Tagen. Vielleicht kommt ein Lastwagen in den nächsten Tagen. Im Shop war bestimmt auch schon mehr auf den Gestellen zum Verkauf angepriesen. Wir versuchen eine gute Tat und wollen Abnehmer für trockene Biskuits, Waschpulver und zwei Liter Milch werden. Für die meisten Einheimischen sind die Preise nun zu hoch. Natürlich haben wir keine Bonds, nur amerikanische Dollars. Keine Chance. Wir können nicht mal etwas kaufen. Eine elegant gekleidete Dame kommt hinein und bietet sofort ihre Dienste an. Sie bezahlt mit dem Smartphone unseren Einkauf, wir geben ihr die Dollars. Zu einem unverschämten Wechselkurs. Sie lächelt und weg ist sie mit ihrem brandneuen Toyota Hilux 2.8L. Und so ist es eben schon viele Jahre in diesem Land. Die Reichen profitieren, das einfache Volk zahlt die Zeche. Wir haben es mindestens mit der guten Tat versucht…

Der Empfang durch die Parkmitarbeiter ist sehr freundlich. Auf einer Papierkarte zeichnet uns der junge Typ verschiedene Stellen ein. „Vor zwei Wochen haben wir unsere Wildzählung abgeschlossen. Hier, hier und hier haben die Leute täglich Löwen gesehen. Kreuze markieren die Stellen auf der Karte. Die runden Symbole bedeuten, dass es tolle Beobachtungsposten gibt. Da könnt ihr reinsitzen und stundenlang den Tieren am Wasserloch zugucken.“ Der sympathische Typ macht das super. Auf die Frage betreffend Diesel für den Notfall, meint er nur: „Heute Abend 19:00 bringe ich euch 60 Liter für 1.60 USD/Liter zum Camp. Passt das?“ Perfekt.

Auf dem Camp angekommen staunen wir. Es ist eigentlich Hauptreisezeit. Und es stehen gerade mal zwei Fahrzeuge mit Dachzelt da. Bestimmt sind noch Leute in der Lodge. Dennoch ist es verrückt, wie wenig Touristen unterwegs sind. Schon am ersten Morgen haben wir riesiges Tierglück. Bei der Nyamandhlovu Pan kommt der erste Löwe zu Besuch. Die Elefanten machen dem König der Tiere Platz, nicht aus Angst gefressen zu werden. Die grossen Elefanten sind eine zu grosse Beute für sie. Sondern aus Respekt, so unsere Beobachtung. Die Löwin hat getrunken und ist wieder im Busch verschwunden. Das Elefantenspektakel geht weiter. Da die Elefanten den ganzen Tag ans Wasserloch kommen, ist hier reger Betrieb. Alle halbe Stunden taucht eine neue Gruppe aus dem Busch auf. Sie warten bis sie dran sind. Es ist erstaunlich, was für ein respektvolles Verhalten diese Tiere an den Tag legen. Sie wissen genau, dass es nur hier Wasser gibt. Sie stellen sich als Gruppe an und warten ein paar hundert Meter entfernt auf ihren Auftritt. Und wenn mal eine Gruppe zu früh ans Wasser will, gibt es ein Trompeten und ein paar Machtworte und wildes Stampfen der Martriarchin. Die Gruppe geht wieder auf den Platz zurück. Stundenlang schauen wir zu. Dazwischen kommen Kudus, Giraffen, Warzenschweine und weitere Antilopen zum Wasser. Im Wasserloch leben auch drei Krokodile. Man sieht sie kaum mit ihrer Schlammtarnung. Hin und wieder bewegen sie sich an das Ufer, besonders wenn kleine Warzenschweine trinken. Doch es bleibt alles ruhig. Keine Kämpfe. In den nächsten Tagen besuchen wir verschiedene Stellen. Wir erleben vor allem Elefanten. Bestimmt tausende in drei Tagen. Doch ein Schicksal hat uns extrem berührt.

Am zweiten Nachmittag steht eine kleine Gruppe Elefanten nahe am Strassenrand. In deren Mitte ein kleiner Elefant. Er ist schätzungsweise in der letzten Regenperiode geboren worden und nun noch kein ganzes Jahr alt. Er bemüht sich mit allen Kräften um hochzukommen und mit der Gruppe mitzugehen. Doch er ist zu schwach. Die Gruppe hält, die Mutter kommt zurück, versucht ihn mit dem Rüssel auf die Beine zu bringen. Vergeblich. Dann kommen die Brüder und Schwestern. Sie machen das gleiche. Keine Chance. Der Kleine schafft es nicht. Die Mama stösst Laute aus, die einem Weinen nahe kommen. Der Kleine trompetet mit letzter Kraft. Ein Hilfeschrei. Dann erschlafft er wieder. Die Mama stampft mit den Füssen, bewegt ihren massigen Körper hin und her. Helft uns doch, deuten wir die verzweifelte Körpersprache. Über zwei Stunden geht das so. Immer entfernt sich die kleine Gruppe. Kaum schnauft die kleine, erschöpfte Gestalt laut oder es ertönt ein heiseres Krächzen, die Mutter sprintet hunderte Meter zurück zu ihrem Baby. Aber es schafft es einfach nicht. Es wird Abend. Die Sonne verzaubert den Himmel in ein farbenfrohes Spektakel wie es nur in Afrika zu erleben ist. Das Kleine ist noch am Leben, ihre Familie noch immer in der Nähe. Eine grosse Gruppe Elefanten taucht aus dem Busch auf und passiert das Kleine. Sie nehmen keine Notiz, sondern gehen direkt zum Wasserloch auf der anderen Seite. Die Familie hat sich abgefunden, dass das Kleine sterben wird. Sie kommen wieder zurück und trauern um ihr zum Tode geweihten Familien Mitglied. Mehrmals laufen sie um das Kleine herum, stupsen es an. Keine Bewegung. Dann entscheidet sich die Mutter zum Wasserloch zu gehen. Die anderen folgen ihr. Es ist herzzerreissend. Wir würden am liebsten rausrennen und das Kleine wachrütteln. „Komm schon, du schaffst es!“ Unzählige Male haben wir dies dem Kleinen zugerufen.

Doch die Natur regelt leben und überleben selber. Am nächsten Morgen um 06:00 fahren wir sofort zu der gleichen Stelle hin. Ein mächtiger Löwe hat sich an den Kleinen herangemacht. Kaum sieht er uns, wertet er uns als Konkurrenten. Er zieht seine Beute hinter die Büsche, macht sich an das Fleisch. Die Geier kreisen. Es ist brutal, doch der „Circle of Life“ schliesst sich gerade. Auf der einen Seite freuen wir uns, Bilder von einem Löwen in Aktion zu machen, andererseits haben wir Skrupel (ja, ja…ich weiss, das ist halt Natur), denn irgendwie haben wir ja den Kleinen in seinen letzten Stunden begleitet. Irgendwann entscheidet sich King Lion seine Beute in einem Dickbusch zu verstecken, so dass wir sie nicht sehen können. Wir haben seine Nachricht verstanden und es ist für uns ganz in Ordnung. Wir ziehen ab und lassen ihn mit seiner Mahlzeit allein.

Auf der Fahrt durch den Park Richtung Botswana entdecken wir an verschiedenen Wasserstellen Geier. Und fast jedes Mal auch tote Elefanten und Löwen, die sich die Beute nicht mit den Geiern teilen wollen. Einmal verteidigt ein junges Männchen seine Beute gegen über zwanzig Geier. Und noch mehr sind im Anflug. Der Löwe wird richtig gehend in die Flucht geschlagen. Völlig konsterniert sitzt er in einem Busch, keine zwanzig Meter entfernt und schaut den „Cleanern“ bei der Arbeit zu. In kürzester Zeit sieht man von dem Elefanten nur noch Knochen.

Es ist das Jahr der Geier.