Die Prinzessin von Namibia & African Leadership


  • „Die Rache der Pangoline. Ich habe es ja gewusst. Irgendwann schlägt die Natur zurück. Die Chinesen klauen alle möglichen illegalen Tiere aus fremden Ländern und verarbeiten sie zu Fleischdelikatessen, die Schuppen sollen als Potenzmittel dienen. Die sind doch einfach krank. Fingernägel kauen hat genau die gleiche Wirkung. Und was haben sie nun davon? Jetzt schlägt die Stunde des Pangolins. Er vergiftet sie mit einem Virus.“ Oliver erzählt mir gerade die neuesten Nachrichten und seine Interpretation davon. In der Stadt Wuhan in China ist eine neue Form von einem Virus ausgebrochen. Eine Studie spricht davon, dass es aus einem Tiermarkt stammt. Die entschlüsselte DNA soll der des gefährdeten Schuppentiers zu 98% Prozent entsprechen. Die Stadt wurde abgeriegelt um einen Ausbruch zu vermeiden. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir noch keine Ahnung, welche Auswirkungen dieses Virus auf unsere Reisepläne, geschweige denn auf die ganze Welt haben wird. Wir begnügen uns mit dem Gedanken, dass dies die Pangoline vielleicht retten könnte, da die Chinesen nun keine mehr dieser wunderbaren Tiere illegal nach China schmuggeln würden. Oh, wie wir falsch liegen…

 

Wenn die Freundschaft wegen einem Auto leidet…
Wir sitzen Stefan gegenüber. Die Stimmung ist schlecht. Stefan kann sich die vielen Pannen beim geliehenen Fahrzeug nicht erklären. Er macht uns keine Vorwürfe, eher sich selber, dass Auto überhaupt für einen Freundschaftsdienst verliehen zu haben. Wir haben gleichzeitig aber auch nicht das Gefühl, für die vielen Pannen selber aufzukommen. Fast tausend US Dollar haben wir für Reparaturen und das Zusatzbenzin ausgegeben. Dazu der Ärger und die verschwendete Zeit in Kapstadt. Unser Ziel mit einer Fotosession im Richtersveld Nationalpark in Südafrika konnten wir ebenso nicht umsetzen. Wir sind bereit, unseren Beitrag zu leisten, doch wie es aussieht, müssen wir verhandeln. Doch Stefan macht klar Tisch und sagt: „Was braucht ihr. Wir übernehmen das. Ich will das einfach vom Tisch haben“. Wir fühlen uns noch schlechter, da wir ihm gegenüber ein schlechtes Gewissen haben. Er meinte es ja gut mit uns. Doch ihn plagen noch ganz andere Sorgen. Ein Familienmitglied ist erkrankt, gleich mehrere Touristen haben Autos geschrottet und einer seiner wichtigsten Mitarbeiter hatte einen Fussbruch. Da ist unser Thema nicht das Wichtigste, meint er. Dennoch fühlen wir, dass hier eine Freundschaft leidet. Doch wir akzeptieren. Wir sind einfach froh, dass wir wieder zurück sind in Windhoek. Die nächsten Schritte für die Fortsetzung unserer Reise mit unserem Motorrad stehen an.

 

Zurück im Bwanapolis – Carsten Möhle sei Dank!
Im Bwanapolis werden wir von Himba Uwe willkommen geheissen. Auch er war in der Zwischenzeit als Guide auf Tour. So ist es für uns alle eine Ruhephase. Manuela überlässt uns das Elefanten Zimmer (Jedes Zimmer hat hier einen Tiernamen). Mit Klimaanlage. Die ersten Tage ist es die Rettung in der Nacht. Es kühlt kaum mehr ab. Heisse Tage, genauso heisse Nächte. Es ist mal wieder der Zeitpunkt um Abenteuergeschichten aus Afrika zu schreiben, Bilder zu bearbeiten und den Malawi Film zu erstellen. Geplant sind fünf Tage, 12 Stunden voller Konzentration. In der Zwischenzeit kommt Christian, ein Anwaltspraktikant im Bwanapolis an. Er wird hier im fernen Afrika Eindrücke für sein Studium sammeln. Himba Uwe wechselt das Zimmer, reinigt alles und zieht vom grösseren Giraffen- ins kleinere Gepardenzimmer. Christian bekommt die zweckmässige und frisch gereinigte Wildkatzen Bleibe.

Endlich ist der Malawi Film fertig erstellt. Dies feiern wir alle zusammen mit einem Braai (Grillabend) und Bier. Und wir bekommen kurzfristigen Besuch: Unser Freund Werner ist noch immer in Namibia. Vor einigen Jahren ist er hier im Bwanapolis ebenso ein- und ausgekehrt. Himba Uwe freut sich riesig, seinen alten Kumpel wieder einmal zu sehen. Beim Essen tauschen wir Erlebnisse aus und verabreden uns für einen weiteren Bogenschiess Wettbewerb bei Archer‘s Land auf der Monte Christo Farm bei Brakwater. Christian freut sich riesig endlich ein bisschen aus der Stadt rauszukommen.

 

Eine verrückte Geschichte wie sie nur in Afrika passiert, muss ich euch dazu noch erzählen.
Nennen wir sie „Christian und die Buschprinzessin“.

Also, der Christian kommt am Sonntag Nachmittag aus Deutschland an. Sein erstes Mal in Afrika. Lange Hose, geschlossene Schuhe, sauberes Polo Hemd, coole Sonnenbrille, Schweissperlen auf der Stirn. Der Prinz aus Deutschland, witzeln wir. Wir hängen bei der Chillout Ecke, direkt neben dem Pool am grossen runden Tisch. Er macht einen sympathischen Eindruck, stellt sich allen vor. Der Hitzeschock stillt er sofort mit einem kühlen Bier. Hungrig ist er auch noch. Christian macht sich sogleich ans Essen. Bei der Fluglinie würde gespart, das Essen war wenig und kaum warm. Nun soll es was Leckeres geben. Nudeln mit Tomatensauce, die er sich im Supermarkt um die Ecke eingekauft hat. Seine Büchse Tomatensaft entpuppt sich aber als „Bully Beef“, gestampfte Fleischware in einer roten Dose. Unglücklich gelaufen. Der kochende Anwalt nimmt das mit einem Lächeln hin. So gibt es halt Pasta mit Schweinsohren und Ringelschwänzchen. Der Abend startet, die Sonne verlässt den Tag. Christian bügelt noch schnell seine Kleider für den nächsten Tag. Seinen ersten Tag in der afrikanischen Anwaltskanzlei. Danach geht es umgehend ins Bett. Er will am nächsten Morgen fit sein und einen guten Eindruck bei seinen neuen Anwaltskollegen machen. „Muss ich das Zimmer abschliessen?“, fragt er uns. „Nein, da sind nur wir. Kein Problem. Gute Nacht. Und träum süss von Löwen, Giraffen, Elefanten und Buschprinzessinnen.“

02:00. Auch wir befinden uns in der Erholungsphase in unserem Elefantenzimmer. Plötzlich wird unser Zimmer hell erleuchtet. Musik aus Lautsprechern eines Fahrzeugs. Kichern und Lallen. Die einheimische Frau, nennen wir sie Tanja, die auch in Bwanapolis wohnt und in der Firma arbeitet kommt vom Ausgang zurück. Eine hübsche Namibierin, mit dem einzigen Makel, dass sie viel auf Party ist und wie leider fast alle Frauen hier, mehr trinken mag als manch ein europäischer Grizzly. Und sie ist oder war  (das weiss man nie so genau) die Freundin vom Himba Uwe. Die Scheinwerfer verschwinden, die Musik entfernt sich. Alles wieder ruhig. Plötzlich lautes Gebrüll, ein lautes Stöhnen. Eine Tür wird aufgerissen. Völlig irritiert torkelt Tanja aus dem Zimmer, Christian folgt. Zwei Menschen stehen völlig perplex im Gang. Christian und die Buschprinzessin.

„Wer bist denn du?“ fragt Christian, nur in Unterhosen bekleidet.

„Ich bin Tanja. Und du bist ja gar nicht Uwe.“

„Ach ja wirklich? Warum wirfst du dich in mein Bett und rufst die ganze Zeit I LOVE YOU. Ich kenne dich ja gar nicht.“ Christian ist einer Stimmung zwischen total Irritation und Ungläubigkeit.
Er hat die Frau noch nie gesehen.

„Ich bin Tanja. Was machst du eigentlich in dem Zimmer?“, fragt die Buschprinzessin voller Scham. Auf ihrem Gesicht ein roter Fleck. Eine Abwehrreaktion des schlafenden Prinzen. Betretendes Schweigen.

„Na was wohl? Schlafen, meine Liebe. Sorry, dass ich dich geschlagen habe. Doch ich dachte ein Räuber überfällt mich. Ich bin Anwalt. Ich weiss mich zu wehren. Wer bist du überhaupt?“

Nur das durch die Adern rauschende Adrenalin lässt die betrunkene Prinzessin auf den Beinen halten. „Ich bin die Freundin von Uwe.“

„Und jetzt?“ fragt das Objekt der Begierde. Christian will ja eigentlich nur fit werden für den morgigen Tag.

„Wo ist Uwe?“

Eine weitere Tür geht auf. Ein schlaftrunkener Uwe steht im Rahmen. „Was soll‘n das?“, seine einzigen Worte.

„Diese Frau ist auf mich gesprungen als ich geschlafen habe. Ich wäre fast durch das Bett gekracht. Dann hat sie mir die ganze Zeit I LOVE YOU zugerufen und wollte kuscheln. Ich bin völlig ausser mir, das ist mir noch nie passiert. Kennst du diese Prinzessin?“

„Klar, das ist Tanja. Meine naja, ehemalige Freundin. Aktueller Status.“

„Uwe. Uwe. Ich liebe Dich.“ säuselt sie ihr nächste Objekt der Begierde an.

„Geh schlafen. Du bist betrunken. Du kommst mir nicht in mein Zimmer. Morgen musst du arbeiten.“ Doch so leicht lässt sich die Buschprinzessin aber nicht unterkriegen. Die Beiden diskutieren um die Wette.

Ich lege mich auch wieder schlafen. Christian dreht sich im Türrahmen und schliesst seine Tür mit zwei Schlüsselumdrehungen doppelt ab.

Herzlich Willkommen in Afrika, mein Freund!      

 

Wir sind eigentlich bereit für den nächsten Schritt
Die Tage im Bwanapolis nehmen kein Ende. Der Regen hat Windhoek erreicht und es schüttet seit vier Tagen ununterbrochen. Ein Segen für das Land. Die Zeit vergeht hier wie im Flug, seit zwei Wochen sind wir hier. Mal kocht Uwe seine berühmten Rouladen oder wir Pasta mit echter Tomatensauce. Christian laden wir herzlich dazu ein. Wir alle können uns auch nach einer Woche noch kaum von seiner Begrüssungsszene erholen. Tanja hat sich am nächsten Tag herzlich entschuldigt. Es ist ihr peinlich. Doch mittlerweile können beide gut mitlachen. Unsere Planung ist im Grunde fertig. Mit unserem Reisefreund Edi habe ich mehrmals gesprochen. Er ist gerade in Brazzaville in der Republik Kongo bei unserem Freund Olivier im Hyppocampo. Aus dem alten Gästebuch kopiert er unsere Einträge vor neun Jahren und sendet sie uns. Hach, waren wir da noch jung und gutaussehend. Haha. Gerade ist er von einer Bootstour auf dem Kongo Fluss zurückgekommen. Dabei hat er mit verschiedenen Kapitänen Kontakte geknüpft, die uns und das Motorrad den Ubangi bis nach Bangui in die Zentralafrikanische Republik mitnehmen werden. An dieser Stelle vielen lieben Dank an Edi. Er ist ein echt toller Typ. Mit unseren Freunden Johan und Danie haben wir vereinbart, dass wir so schnell wie möglich auf die Wildnis Farm in Hochfeld kommen. Wir haben ein schlechtes Gewissen, da wir noch immer in Windhoek sind, obwohl wir Anfang Februar bei Ihnen sein wollten. Doch es regnet so viel, wir kommen mit dem Motorrad einfach nicht los. Sogar Manuela, die den Laden in Carstens Abwesenheit organisiert,  staunt dass wir noch immer im Geparden Zimmer hausen.  Doch sie hat grosses Verständnis. Allein die hundert Kilometer Piste von Okahandja zur Farm sind eine grosse Herausforderung bei Regen. Manchmal wird sie gesperrt. Glücklicherweise geht es Johan und Danie genauso. Sie kommen von Südafrika auch nicht los. Ihre Eier Farm liefert für eine Supermarktkette in ganz Südafrika. Und die Nachfrage übersteigt seit kurzem die Nachfrage. Doch wir verabreden uns zur dritten Woche Februar. Am einzigen Tag, an dem es nicht regnet. Die Fahrt mit dem Motorrad bedeutet für uns wieder so richtig frei zu sein. Abenteuerlust.

 

Unsere nächste Station: Wildnisfarm Okaperu peru
Kaum angekommen, folgt auf die herzliche Begrüssung der Regen. Unsere Gastgeber überlassen uns ein grosses regenfestes Zelt. Das wird für die nächste Zeit unsere Kleinzimmerwohnung. Wir revanchieren uns und packen unser grosses, noch nie gebrauchten Tarp aus. Über die Outdoorküche und den Esstisch gespannt, haben wir wenigstens trockene Plätze. Johan kommt gar nicht mehr aus dem Staunen und ist total fasziniert von diesem Ding. Überhaupt sind die beiden grosse Campingfans und wollen auf ihrer eigenen Farm gar kein festes Haus für sich. Das haben sie ihren Arbeitern überlassen. Für sie ist es das höchste der Gefühle, in ihrer eigenen Wildnis auch wild zu leben. Das Camp ist ihre Bleibe wenn sie auf der Farm sind. Sie haben es mit allem ausgerüstet was es für eine längere Zeit braucht. Zweiflammen Gaskocher, Isolierkisten, Abwaschbecken, ein gestylter Baderaum mit Toilette und heisser Dusche. Und die  zwei grossen Zelte. Uns steht ein Farmauto zur Verfügung. Auf dem Dach der Gerätegarage trohnt ein Solarpanel. Oli kann seine Hausaufgaben (Abenteuer Geschichten) schreiben und den Computer aufladen. Ein paar Autominuten durch den Busch, steht ein Wasserreservoir. Es kann als Schwimmbad benutzt werden. Besser geht es nicht. Wir fühlen uns hier ebenso sofort wohl.

Das Wildnisfarm Gebiet Okaperu peru ist mehrere tausend Hektaren gross. Auf fast einem Drittel der Fläche befinden sich drei Camps für die Sable Antilopen Zucht. Die übrige Fläche ist total wild und bis auf ein paar Kontrollpisten der Natur überlassen. Neben den Nashörnern, leben hier Giraffen, Oryx Antilopen, Weissschwanz Gnus, normale Gnus, Zebras, Kuhantilopen, Schakale, Hyänen, Schildkröten, Erdferkel, Stachelschweine, Pangoline, Dutzende von Vogelarten und viele weitere kleinere Tierarten. Geparden und Leoparden streifen auch immer durch das Gebiet. Bei unseren ersten beiden Besuchen war die Landschaft vor allem durch viel roten Sand, Akazien und trockenen Busch geprägt. Doch mit dem vielen Regen hat sich das Gebiet von einer Sand-Buschlandschaft zu einer saftig, grünen Landschaft mit hohen Gräsern und vielen Blumen verwandelt. Es ist kaum zu glauben, das Gebiet sieht total anders aus. So etwas findet man nur in Afrika nach dem grossen Regen. Und das mittlerweile nur noch alle zehn Jahre. Unser Glück.

Schon am zweiten Tag finden wir die leckeren Omajova Pilze, die beim ersten grossen Regen über Nacht aus den Termitenhügeln schiessen. Sie sind fantastische Leckereien. Vergleichbar mit den Schirmling Pilzen, die man zu Hause in Europa findet. Doch die Omajova sind viel grösser. Frisch gepflückt und gebraten sind sie die meist gesuchte Delikatesse in der Regenzeit. Auch die Arbeiter lieben sie. Wir teilen sie uns auf. Das Fleisch-, Gemüse-, Pilzgericht begeistert sogar Johan, der zuerst skeptisch war. Das ist ja ein toller Start. Dass es um uns herum regnet haben wir ganz vergessen.

Das erste Wochenende ist um. Es regnet noch immer fast den ganzen Tag. In der Gegend wo normalerweise 250mm Regen pro Jahr fällt, sind allein in den letzten Tagen fast schon 450mm lebenswichtiger Regen gefallen. Wir wollen uns nicht beschweren, es hat so viele Jahre nicht mehr richtig geregnet. Dennoch werden unsere Kleider nicht mehr trocken. Auch das geht vorüber. Denn immer wieder vermag die Sonne ein Loch in die dichte Wolkenschicht zu reissen und erhält uns so guter Laune. Johan und Danie sind zurück nach Südafrika und wollen in drei Wochen wiederkommen. Sie müssen sich dringend um ihre grosse Hühnerfarm in der Nähe von Pretoria kümmern. Wir haben verschiedene Aufgaben auf der Farm übernommen: Supervision der Arbeiten wie Entbuschen, Ausmessen und Positionierung eines neuen grösseren Camps, Graben von Wasserleitungen, die Sable Antilopen Zucht am Laufen halten, tägliches Tracking und Anti Poaching für die Nashörner und die Betreuung der Arbeiter. Dazu soll Oli genügend Zeit haben für die Aufarbeitung seiner Abenteuer Geschichten.

Corinne wird es auch nicht langweilig haben. Sie ist schon vom zweiten Tag an die Partnerin der Buschmänner für die tägliche Kontrolle der Nashörner. Dieses sogenannte Tracking besteht aus stundenlangen Märsche in der Wildnis. Alles scheint bestens aufzugehen.

Unser Plan ist es, bis Mitte April hier zu sein und danach wollen wir in Windhoek die Visas für  Angola und Kongo organisieren. Ende April soll es dann weiter gehen.

 

Die ersten Tage als Farmverwalter
Mit Johan und Danie’s Abreise sind auch gleich drei der fünf Arbeiter ins Wochenende gefahren. Nach Okahandja. Für die An- und Abreise von der Farm sind die Arbeiter selber verantwortlich. Dazu stehen sie einfach an die breite Piste zwischen Okahandja und Hochfeld. Immer wieder halten Autos und gegen ein Entgelt können sie mitfahren. Das Wochenende dauert von Freitag Nachmittag bis Sonntag Abend. Spätestens aber bis Montag morgen vor Arbeitsbeginn. Dann  müssen alle wieder auf der Farm sein.

Es ist Montag. Mein erster „offizieller Arbeitstag“ als Supervisor.
„Linus, wo sind deine Kollegen?“ frage ich den Ovambu. „Die sind bestimmt noch in Okahandja.“
„Wann kommen sie zurück“. „Keine Ahnung.“ Es scheint ihn nicht gross zu kümmern. Am Mittag ist noch immer keiner der drei Arbeiter aufgetaucht. Linus versucht einen der Verschwundenen zu kontaktieren. Keine Antwort.

Die fünf Arbeiter kommen alle aus verschiedenen Stämmen. Ein Ovambu, der eigentlich ein Shona aus Angola ist, wie er stolz betont. Ein Damara, zwei Buschmänner und der Vorarbeiter ist vom Herero Stamm. Wer sich mit den Stämmen in Namibia auskennt, weiss, dass dies eine kunterbunte Mischung verschiedener Arbeitseinstellungen und Lebensphilosophien bedeutet. Die Buschleute sind über fünfzig Jahre alt und für die Sicherheit und das tägliche Tracking der Nashörner verantwortlich. Die anderen sind unter Dreissig und vor allem für das Entbuschen, die Antilopen Zucht und allgemeine Arbeiten im Wildnis Gebiet zuständig. Die Arbeiter wohnen in einem eigens für sie erstellten Haus. Jeder hat sein eigenes Zimmer und sein eigener Eingang. Sie teilen sich die grosse Toilette mit Dusche und die Küche. Jeder von ihnen hat seinen eigenen, kleinen Garten. Gepflanzt wird Kohl, Mais, Bohnen, Tomaten und jeder noch Pflanzen seiner Stammeskultur aus denen sie Gemüse machen. Die Buschmänner haben viele der Ochsenfrösche gefangen, die sie nun trocknen und dann mit Papp essen werden. Sie bekommen alle den gleichen, im Verhältnis zu anderen Farmarbeitern, sehr guten Lohn. Im kleinen Farmshop können sie Lebensmittel zu tiefen Preisen kaufen. „Die Arbeiter bekommen kein Essen von uns, sie können die Lebensmittel zu tiefen Preisen in unserem kleinen Shop kaufen. Sie sollen lernen mit ihrem Geld zu haushalten. Selbstverantwortung ist unser Ziel“, hat mir Johan bei der Instruktion gesagt.

Da die Besitzer nur alle drei bis vier Wochen hier sind, haben sie Jeremia, den Herero, als Vorarbeiter für die Arbeitseinteilung, Fortschrittskontrolle und für die Führung des kleinen Farmshops übertragen. Ein zuverlässiger Typ und gutes Vorbild, hat mir Danie versichert. Doch auch er ist noch immer nicht auf der Farm erschienen. Erst am Dienstag Abend taucht er auf. Der Postbote hätte ihn mitgenommen. Die beiden anderen Vermissten tauchen am Mittwoch Abend auf. Total nonchalant erzählen sie mir, dass es halt mal vorkommen kann. Am Donnerstag morgen folgt eine Teambesprechung. „Und ich sage Euch, um 07:00 sitzt ihr auf diesem Traktor und startet zur Arbeit. Linus, nicht erst um 7:20, wie die letzten Tage, verstanden?“

„Ääh hää. Jaja“, die Antwort aller. Die Augen rollen im Kreis, den Blick nach oben. Sie denken wohl, was der jetzt hier will. Die drei anderen auf ihre Rückkehr angesprochen, behaupten sie, dass sie drei Tage in Okahandja gestanden und kein Auto sie mitgenommen hätte. Fürs Erste lasse ich das gelten. Aber ich spüre schon, dass sie die Aufsicht nicht mögen. Konnten sie doch bis anhin machen, wie sie wollten. So mein Eindruck. Motivierende Arbeitsziele, Struktur, Organisation und auch Belohnungen nach guten Leistungen als Leitlinie. In unseren Gesprächen setzen sie ihre eigenen Ziele, wie weit sie mit den Arbeiten kommen wollen. Die Stimmung ist nicht berauschend, aber durchaus gut. Die zielorientierte Arbeitsweise scheint anzukommen, denke ich.

Die Arbeit mit Entbuschen ist hart. So seien ihnen die vielen Rauchpausen gegönnt. Man sieht schon jetzt Unterschiede in der Arbeitseinstellung. Doch das Ergebnis am Schluss soll zählen. Wenn es regnet, hört man den Traktor schon von weitem kommen. Dann wird nämlich nicht gearbeitet. Das hätten sie noch nie gemacht. Man wird dann krank, erzählen sie mir. Dennoch ist an ihrem Einsatzwillen an trockenen Tagen nichts auszusetzen.

Hochfeld ist der nächste Ort in der Gegend. Gute 15 Kilometer entfernt, besteht er aus einer Kreuzung, einem Farmladen, einem Gästehaus, einem kleinen Laden für die lokalen Arbeiter und zwei Tierauktionsanlagen. Es ist der Treffpunkt der Farmer aus der Gegend. Am Freitag fahren wir dorthin, um den Arbeitern eine Zugabe bestehend aus leckeren Würsten und Süssgetränken zu kaufen. Wir denken, dass es durchaus eine gute Belohnung ist für die harte Arbeit. Es wird dankend entgegengenommen.

 

Oli, they are playing games with you. This is Africa
Mit Johan habe ich jeden zweiten Tag kurz Kontakt. Angesprochen auf die Aussagen wegen ihrer zu späten Rückkehr, dem Regen und der laschen Arbeitseinstellung meint er mit einem Lächeln: „Oli, they are playing games with you. This is Africa. You have to learn to manage them.“

Und so werden die ersten zwei Wochen spannende Lernerfahrungen. Hier ein paar eindrückliche Beispiele:

Einmal kann einer der Arbeiter nicht mehr weiterarbeiten, weil er sich den Finger an einem Dornbusch verletzt hat. „Mister, Mister. Ich kann nicht mehr arbeiten. Bringen sie mich bitte zum Haus. Ich muss den Daume verbinden“ Das wenige Blut ist schon geronnen. Ein Kratzer. Ich muss mir echt den Bauch halten, um nicht loszulachen. „Du kannst gerne ein Pflaster holen gehen. Zu Fuss.“ „Oh. Das ist weit. Bestimmt 10 Minuten. Geht schon wieder“. Um dann die dreissig Meter zu den anderen zu laufen und eine Rauchpause zu gönnen.

Etwas muss man den Afrikanern lassen. Sie haben ein riesiges Talent zum Telefonieren. Nicht zum im Internet zu Surfen. Das ist zu teuer. Doch jeden Abend bis tief in die Nacht hinein telefonieren sie mit den verschiedensten Personen. „Chatting“ nennen sie es. Die Prepaid Minuten zerrinnen förmlich durch das Telefon. „Mister, Mister. Herr Johan hat uns immer wieder Gratis Minuten, sogenannte „Recharge“ gekauft. Können sie mir solche auch von Hochfeld mitbringen.“ „Nein.“ „Ok.“ Und erledigt ist die Sache. Denn Johan hat nie Recharge für sie gekauft. Die mussten sie bis anhin in ihrem kleinen Shop selber kaufen.

Einer der Beiden Buschmänner ist immer morgens mit Corinne auf Rhino Tracking. Der andere hilft beim Entbuschen. Jeden zweiten Tag das Gejammer des immer gleichen Buschmanns, dass er ja eigentlich zwei verschiedene Jobs mache. Folglich sollte er mehr verdienen müssen. Bei seinen Kosten für zwei Frauen mit Familie und einer Freundin ist das nachvollziehbar. „Können sie das bitte mit Herr Johan und Herr Danie für mich regeln?“ Es ist ja nicht so, dass er bei beiden Jobs ausserordentliche Leistung zeigen würde. Es wird halt einfach versucht, noch etwas mehr herauszuholen.

Die Leute sind in Schichten eingeteilt. Alle zwei Wochenenden können sie nach Hause gehen um am Montag wieder hier zu sein. Einmal zu Hause, haben alle bis auf den Herero kein Geld mehr. Und dann geht das Gejammer wieder los. Bei jeder Konversation kommt es zur Sprache. Doch es ist so durchschaubar. Mir kommt es vor, als müsse ich einen Kindergarten managen.

 

„African Leadership“
Der viele Regen hat eine Tierart besonders aufblühen lassen. Die umgangssprachlich genannten „Abraham Puppens“. Kannibalisch veranlagte Grillen ohne Flügeln. Die Grösse zweier hintereinander gelegten Walnüsse. Zu Tausenden kriechen sie rum. Sie fressen alles kahl: Blätter, Gräser, Löcher in unser grosses Zelt und unseren einzigen Abwaschschwamm. Mit ihren Panzern sehen sie aus wie Krieger. Und das ist nicht einmal so weit hergeholt. Denn der Garten Krieg beginnt. Wenn man fest auf sie tritt, zerplatzen sie und eine gelbe schleimige Flüssigkeit tritt aus. Also besser nicht machen, Und sie scheinen ewig zu leben. Die Gärten der Arbeiter leiden. Verständliches Wehklagen und die Bitte um Hilfe. Wir organisieren neue Samen und Schattennetze, welche die Arbeiter als Schutz spannen können. Etwas vorweg: Bis heute steht kein einziges Netz und nur der Herero hat Samen gepflanzt. Es sei doch so viel Aufwand. Und am Sonntag wollen sie nicht auch noch arbeiten…This is Africa.

Immer und immer wieder geht mir ein Spruch durch den Kopf, der mich auf meinen Reisen leitet:

Der Sinn meiner Reisen besteht für mich darin, die Wirklichkeit zu erleben und dabei zu lernen. Und nicht darin, die Dinge in dem Licht zu betrachten, um die eigenen Vorurteile zu beweisen.  

African Leadership ist gefragt. Selbstverantwortung, Selbstmotivation und Sinnhaftigkeit sind die Themen, die wir täglich auf positive Weise einzubringen versuchen. Manchmal klappt‘s, jedoch geht dies bei unseren Arbeitern meistens im Schweiss der Arbeit unter. Es scheint ein weiter Weg zu sein. Am Ende des Tages sind einfach alle froh, einen weiteren Tag bis zum nächsten Zahltag hinter sich gebracht zu haben. Doch wir bleiben dran. Schritt für Schritt. Es wird eine spannendes und lehreiche Zeit werden. Für alle.

Und dann passiert das, was alles verändert. Ein Virus verbreitet sich über die ganze Welt: Aus der Rache des Pangolin (oder der Fledermaus) wird rasende Wut.

Die Welt versinkt im Chaos wird vom Chaos bedroht. Was passiert in Afrika?