Ein Tiger & des Königs Rat von Sambia


„Und dann geht ihr seitlich auf eine Knie- und Hockstellung, klatscht ehrfürchtig in die Hände. Schaut dem Leader des königlichen Rats in die Augen und sprecht ihn mit eurer Excellenz an. Ihr schafft das.“ „Aber wir wollen doch nur in Museum“, murmelt Oli. Schwungvoll macht Mr. Francis die Doppelholztüre auf. Er geht vor, lässt sich schwungvoll in eine seitliche, unterwürfige Hockstellung gleiten und spricht in einer für uns unbekannten Sprache. In dem schlichten Raum ohne königliche Wandteppiche, Goldembleme oder erwartete Ritterausrüstungen, sitzen an alle vier Seiten Männer auf ihren Holzstühlen. Von schätzungsweise vierzig bis ergraute 70 Jahren. Schlichte Kleidung, jeder Ordner, Block und Schreibzeugs. In der Mitte, ein wuchtiger Tisch, links und rechts darauf stapeln sich Papiere, in der Mitte sitzt ein älterer, sympathisch wirkender Mann mit einem abgewetzten Blazer. Am rechten Ärmel der Anzugsjacke fehlen drei Manschettenknöpfe, der mittlere Knopf an der vorderen Seite hängt nur noch an einem Baumwollfaden.  Keine Krawatte. Ein beiges Hemd aus Baumwolle. Anhand seiner Sitzposition an der Stirnseite des Raumes und seiner schlichten, doch präsenten Wirkung an, ist dies der erste königliche Berater von Barotseland. Er beendet Mr. Francis unterwürfiges Verhalten, indem er mit dem Kopf nickt, seine rechte Hand mit der offenen Handfläche nach oben ausstreckt und sie hebt. Mr. Francis gleitet elegant von der Seitenstellung direkt auf die Beine, schaut dem Leader in die Augen und bewegt sich rückwärts zum Ausgang. Ohne den Augenkontakt zu verlieren. Dann schliesst er die Türe und wir sind an der Reihe für das Sitz-/Hock Kunststück.

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Von den Vic Falls bis zur Quelle des Zambezi
Aus den vermeintlichen zwei Wochen Botswana wurden schlussendlich fast zehn Wochen mit spannenden Erlebnissen und nachwirkenden Erfahrungen. Mit einem lachenden und einem tränenden Auge geht’s nach Kazungula, auf die Fähre über den Sambezi Fluss nach Sambia. Nur drei Stunden brauchen wir am berüchtigten Grenzübergang, an dem es keine wirklichen Regeln für den Verkehr gibt, ein wildes Durcheinander zwischen Kommen und Gehen herrscht, an dem es pro Quadratmeter geschätzte drei „Agenten“ gibt, die ihre Dienste proaktiv anbieten. 10 US Dollar, dann zeigen sie dir, wo du deinen Pass einstempeln musst. Weitere Zehn fürs Carnet de Passage. Dann weiter für die in Sambia geltende Abgaspapiere. Ach ja nicht zu vergessen, die 50 Dollar für die Versicherung, die aber fürs Motorrad nur 24 kostet.

Viele Touristen sind geradezu eingeschüchtert und hassen diesen Grenzübergang. Wir lieben ihn. Die Leute sind zwar unheimlich aufdringlich. Doch nie bösartig. Es braucht etwas Geduld, Fingerspitzengefühl und eine grosse Portion Lächeln. Und entschlossenes NEIN DANKE. Auf Agenten verzichten wir. Die braucht es nämlich nicht. Alle Stellen sind klar angeschrieben, die Beamten sehr zuverlässig und freundlich. Solange man klare Kante zeigt und sich nicht einfach wie ein typischer Tourist benimmt. Eine kleine Schwäche und plötzlich sind viele US Dollar weg. Das Touristenvisum bekommt man an der Grenze. Jedoch muss man in US Dollar zahlen. Wir haben Leute kennengelernt, die gejammert haben, dass sie schlussendlich 300 US Dollar bezahlt hätten. Ja, das ist so. Mit einem grossen Auto, zweimal Visa, Abgassteuer, Versicherung fürs Auto und Strassenbenützungsgebühr. Sambia ist nicht billig um reinzukommen. Und die Leute, die tausend und mehr bezahlt haben (die gibt es wirklich), da kann ich nur den Kopf schütteln. Sorry, selber schuld. Halt besser selber den Grenzprozess machen. Einmal drin, wird man das Land für seine Ursprünglichkeit, die faszinierende Tierwelt und die herzlichen Menschen lieben.

Für uns geht’s an dem Sambesi Fluss, nahe bei Livingstone. Wir dürfen unser Motorrad bei Karien unterstellen. Karien bietet mit Kayube eine wunderbare Tourismusanlage direkt am Fluss. Und man kann bei ihr sein Fahrzeug unterstellen. Wir haben dies seit Jahren bei ihr. Sie ist eine herzliche Person, auf die man sich hundertprozentig verlassen kann. Und mit ihrer WildSide Tours bietet sie spannende Touren für Sambia Touristen an. Karien bestätigt uns, dass die Reise entlang des Sambesi (viertgrösster Fluss Afrikas) bis zu Quelle an der Grenze zum Kongo, eine einzigartige Entdeckungsreise sein wird. „Das ist eine wunderbare Gegend. Touristen sind eher selten, weil die Ecke wenig erschlossen ist. Doch für Euch wird es ein Traum werden“, meint sie, als wir ihr von unserer Idee erzählen. Für die nächsten Monate werden wir nur mit dem Fahrzeug reisen, denn in unserer Zielgegend wären wir mit Tiefsand und den wilden Buschpisten doch recht arg eingeschränkt. Und in der Welt der Liuwa Plains Nationalpark sind Motorräder sowieso nicht erlaubt. Bevor es losgeht, besuchen wir unsere Freunde Ronel und Bill für ein paar Tage auf dem benachbarten Campingplatz. Von Bill dem ehemaligen Wildnis Guide, erhalten wir wichtige Tipps und Tricks. Vor allem die Empfehlung keine Krokodile zu jagen. „Ihr habt keine Chance gegen sie. Die lauern im ganzen Fluss und zack – bist du Futter. Bei Hochwasser warten sie an unserem Bootssteg auf Nahrung. Seid vorsichtig“, gibt er uns den väterlichen Rat. Alles klar – keine Krokodile jagen.

 

Unterwegs im Königreich der Lozi
Die Strecke führt uns auf einer schlaglochreichen Asphaltstrasse den Sambesi entlang. Auf der linken Seite ist zuerst Botswana, dann Namibia. Bis nach Katima Mulio auf Seite Namibias, Sesheke in Sambia. Der Fluss ist leider nicht sichtbar und die Strasse bietet nicht viel Spektakuläres. Ausser Fahr- und Mentaltraining. Schaffst du diese Strecke ohne zu fluchen und ohne sich zu ärgern, dann bist du auf dem besten Weg zum afrikanischen ZEN-Meister. „Abraka-CHINAbra“. Ein verrückter Gedanke, doch es gibt die Momente, in denen man sich doch tatsächlich die Chinesen herbei wünscht.

Bis vor ein paar Jahren war die Strecke von Sesheke bis nach Mongu, dem Hauptort Westsambias eine holprige Abenteuerreise. Der Westen Sambias galt als abgeschottet und total ursprünglich. Auch politisch war und ist es eine spezielle Situation. Denn der grösste Teil Westsambias gehört zum stark autonomen Königreich Barotseland. Das Land ist fast dreimal so gross wie die Schweiz, flach wie eine Flunder und hat etwas mehr als fünf Millionen Einwohner. Dieses Königreich wurde nach der Unabhängigkeit mit dem einen Teil Rhodesiens und anderen Königreichern im Osten zum Staat Sambia zusammengeführt wurde. Der grösste Stamm sind die Lozi. Obwohl weitere kleinere Stämme zum Königreich zählen und den König als Oberhaupt akzeptieren, kommt der König immer aus dem Stamm der Lozi. Man nennt ihn Mbumu wa Litunga. Der aktuelle König heisst Lubosi Imwiko und kommt aus der Aluyana Dynastie, die seit 1876 den König stellt. Vergleichsweise mit anderen Königen Afrikas, ist König der Litunga ein armer Tropf. Ein einfacher Palast, ein paar einfache Häuser, eine Farm mit Kühen und ein Auto soll er nach Aussagen seiner Untertanen besitzen. Dennoch ist die Hingabe zu ihrem König unbeschreiblich. Die Menschen aller Stämme in seinem Gebiet sind voller Hingabe. Sollt er noch so falsche Entscheidungen treffen, die Menschen vertrauen ihm blind. Der Stamm der Lozi dehnt sich bis nach Namibia und Botswana aus. Die Menschen sprechen denn auch alle Lozi, eine eigene Bantu Sprache. Die Bewohner entlang des Sambesi Flusses und des Deltas, das sich bei Regenzeit im Westen Sambias bildet, leben hauptsächlich von der Landwirtschaft und dem Fischfang. Sie leben in sehr armen Verhältnissen, ohne Strom oder fliessend Wasser. Der Sambesi Fluss ist ihre Reservoir. Generell sucht man grosse Industrie im Westen Sambias vergeblich. Die Gegend ist wirtschaftlich und in Sachen Infrastruktur ziemlich unterentwickelt.

Dazu kommt, dass die Menschen im Westen bis vor einigen Jahren aufgrund der schlechten Pisten und des vielen Wassers von Dezember bis April lange Zeit im Jahr abgeschottet waren. Doch hier wurden die chinesischen Zaubersprüche erhört und es steht eine perfekte Strasse. Man will den Westen und vor allem das Barotseland besser an den Rest Sambias anbinden. Dennoch sind viele ländliche Gebiete bis heute schlecht erschlossen. Reisen in der Gegend bei Regenzeit kann noch immer ein abenteuerliches Unterfangen werden.

 

Die Rache des Tigers
Die Fahrt auf der wenig befahrenen Strasse nach Mongu fühlt sich sehr speziell an. Langsam tuckern wir vorbei an ursprünglichen Siedlungen. Die Menschen winken, freuen sich über die Besucher. Auto gibt es hier fast keine. Wer soll sich dies auch leisten können? Die Menschen leben von der Landwirtschaft, Wasser ist genug da. Hier campt man wild oder sucht einen der seltenen Campingplätze auf. Oli will unbedingt einen Tiger fangen. In Afrika. Genau. Im Sambesi sind sie neben den Krokodilen die grosse Attraktion. Diese Fische sind ebenso Jäger wie Gejagte im Fluss. Mit ihren spitzen Zähnen sehen sie richtig gefährlich aus. Anscheinend ist es die Krönung des Fluss Fischens in Afrika. Einen Tiger zu fangen. Dazu reicht unsere Forellen Angelrute wohl nicht aus. So steuern wir das Fishing Camp Kabula Tiger Lodge an. Kein Mensch hier, die Ferienzeit der Südafrikaner vorbei. So bekommen wir einen Angeltrip mit Guide zu einem erschwinglichen Preis von nur 50 US Dollar. Alles inklusive. „Sogar ein garantierter Fang“, prahlt Mr. Enifuke, unser Guide. Corinne muss jedoch auch mitangeln. „Normalerweis ist dies Catch & Release. Doch da dies euer erster Tiger sein wird, den ihr in Afrika fängt und ihr etwas zum grillieren braucht, könnt ihr den Fisch behalten. Also gebt euch Mühe.“, meint unser Guide.

So tuckern wir mit diesem kleinen Dreiplätzer Boot den Fluss hoch und runter. Wir sehen kleine Krokodile, die grossen sehen wir nur untertauchen. Die Menschen waschen ihre Wäsche in Plastikeimern am Fluss oder holen Wasser für die Küche. Immer mit der gesunden Vorsicht und Abstand zum Wasser. Dier Himmel ist mit Wolken durchzogen, die Sonne wirft die Strahlen hindurch und lässt uns ein Naturschauspiel erleben. Fast vergessen wir, dass wir eigentlich fischen sollten. Immer wieder korrigiert Mr. Enifuke die Haltung unserer Angelruten. Plötzlich reisst es Corinne die Rute fast aus der Hand. Reflexartig zieht sie in einem Ruck, um sie nicht zu verlieren. Grosse Augen beim Guide. Die Schnur wird eingezogen. Köder abgebissen. Fast geklappt.

Sichtlich enttäuscht will Corinne nicht mehr weitermachen. „Ich hatte ihn. Ich bin Erster“, triumphiert sie. „Und was sollen wir denn jetzt grillieren. Flussgras?“ kontert Oli. Noch ist er nicht in seinem Stolz verletzt, denn natürlich gilt es erst wenn der Fisch im Boot ist. Weiter 10 Minuten vergehen. Es ist wichtig, immer in Bewegung zu bleiben, denn die Tigerfische sind sehr aktiv. Bei einem Köder der nur bewegungslos im Wasser liegt, wird selten angebissen. Man muss den Jagdtrieb wecken. Zehn Minuten später. Ein Ziehen. An Olivers Angel. Die Spitze beugt sich fast bis ins Wasser runter. Oli lässt die Leine gehen. „Du musst ihn müde machen. Gib ihm das Gefühl er hätte gewonnen. Zieh die Bremse etwas an. Und jetzt roll die Schnur langsam auf. Das wird gut!“ Und dann zappelt es an der Oberfläche. Der Guide hält den Kescher rein und zieht ihn mit dem Fisch drin wieder raus. Ein prächtiger Tiger. „Erster!“

Was für ein Erfolgserlebnis. Der Guide hatte wohl wenig Vertrauen in mich, als dass ich den Haken aus dem Mund des Tigers entferne. Die Zähne sind aber auch wirklich spitz und scharf. Es ist nicht gerade der allergrösste der im Sambesi bis heute gefangen wurde, doch ein guter Fang, meint unser Guide wohlwollend. Also ich finde den riesig, verglichen zu meinen bisherigen, spärlichen Angelerfolgen. Und geschmeckt hat er auch.

Doch Vorsicht, dieser Fisch hat unglaublich viele Geräte. Dass Oli fast daran erstickt und sich erst nach einem zehnminütigen Hustenanfall erholt, ist die Rache des Tigers.

 

Ngonye Falls – die kaum bekannte Perle am Sambesi
Die Victoria Falls kennt jeder Tourist im südlichen Afrika. Ein kilometerlanger Grabenbruch, die mächtigsten Wasserfälle der Welt zwischen Sambia und Simbabwe. Die unvorstellbare Dimension ist wohl nur aus einem Flugzeug zu erkennen. Millionen von Menschen, die jedes Jahr dieses Naturwunder betrachten wollen. Und Ngonye Falls? Die zweitgrössten Fälle des mächtigen Sambesi Flusses? „Die was?“ ist die Standartantwort der allermeisten Reisenden im südlichen Afrika. Gut so, finden wir. Nach einem Fussmarsch durch Gestrüpp, kleine Buschsavanne sowie kleine, flache Bäche, die über grosse Steinplatten fliessen, schieben wir die Büsche auseinander. Schon von weitem hört man das Grollen und die Musik der Gischt. Muss riesig sein. Wir fühlen uns als Entdecker, weil wir zu Fuss unterwegs sind. Es gibt keine Strasse direkt hierher. Es gibt keine Touristenläden oder Eisstände. Wir sind im Ngonye Reserve unterwegs. Wild Camping auf Anfrage erlaubt. Pure Natur. Und nun, die Sicht auf die zweitgrössten Wasserfälle des Sambesi. Es verschlägt einem fast die Sprache. Was für ein Schauspiel. Gemessen am Erlebnisgrad und dem Gefühl, der erste Entdecker zu sein, stellt dies die Vic Falls völlig in den Schatten.

Nachdem wir zuerst auf dem Community Camp gewesen sind, haben wir von unserem Local die Empfehlung bekommen, hierher zu kommen. Wir würden die Fälle noch näher erleben. Schon auf deren Camp war es gewaltig. Da der Sambesi im Vergleich zu anderen Jahren einiges weniger an Wasser führt, sind die wunderbaren Strände freigelegt. Und das sieht dann wie in der Karibik aus. Weisse Strände. Keine Menschen. Der einzige Unterschied: Das Laufen auf dem etwas gröberen Sand verursacht immer ein Quietschen. Es ist unmöglich, dass Geräusch nicht zu verursachen. Wir haben es probiert. Vom Community Camp aus, erstreckt sich er Strand bis zu 200 Meter zum Wasser. Links und rechts sind Stromschnellen. Gut gegen die Krokodile, sagen die Einheimischen. Diese mögen unruhiges Wasser nicht. Es gibt eine einladende Stelle zum Baden. Und die Temperatur fühlt sich so heiss an, wie in einem Skianzug beim Dünenskifahren. Verdammt heiss. Zwei Otter schwimmen in der kleinen Bucht. Oli’s Theorie: Also wenn Otter da zwischen den Stromschnellen schwimmen, wird es ja keine Krokodile haben. Komische Theorie. Vielleicht gerade deswegen. Bestimmt eine Stunde beobachtet er die Stelle, geht mit den Füssen rein. Und wieder raus. Da war eine Bewegung, denke ich. Otter oder Krokodil ist die grosse Frage. Wieder rein. Und raus. Dies geht bestimmt zehnmal so. Dann ist der unerschrockene Krokodilversteher bis zum Bauch drin. Und? Schnell wieder raus. Der Otter hat sich wieder bewegt. Aber wenigstens war er drin. Das ist baden am Sambesi. Keine einfache Sache.

Zurück zu den Ngonye Falls. Die nächsten zwei Stunden werden die besten Plätze zum fotografieren gesucht. Model Corinne hat einen harten Job. „Psst, still sitzen“, ermahnt der Fotograf zum tausendsten Mal. Am zweiten Tag besuchen uns die Kids vom Dorf. Sie gehen Fische fangen. Ob sie denn keine Angst vor den Krokodilen haben. Riesige Angst, meinen sie und traben lächelnd davon. Ein anderes Langzeitreise Paar trifft ein. „Cologne to Capetown“ lesen wir auf dem Fahrzeug. Sie hätten dies als Empfehlung bekommen. Auch sie sind hell begeistert. Wir verbringen einen weiteren Tag bei den Fällen. Aufgrund des wenigen Wassers haben die Seitenarme wenig Wasser und bieten wunderbare Pools laden zum Baden ein. Ebenso interessant sind die verschiedenen Fischfallen der Einheimischen, die jetzt leer bleiben. Einer der Fischer an den Fällen erklärt mir dann sein Abendessen. „Das ist alles was ich im Moment gefangen habe. Nur vier Stück. Wegen der Hitze und dem wenigen Wasser beissen die Fische nicht. Es ist unglaublich hart. Wir versuchen zu überleben. Die Leute in meinem Dorf, die nicht fischen, sondern von der Landwirtschaft leben, haben gar nichts. Sie essen Gras um zu überleben. Es ist furchtbar.“ So schön wir die Fälle finden, in das Gefühl haben, die Menschen würden doch an einem wunderbaren Ort leben, so furchtbar fühlt man in solchen Momenten. Peinlich berührt. Wir sehen die wunderbare Welt. Doch wie so oft nicht dahinter.
Wir unterhalten uns eine Weile (sehr viele Menschen auch im Busch sprechen die Landessprache Englisch), dann muss er das Essen nach Hause bringen. Wir geben ihm noch zwei Packungen Salticrax (Crackers) mit auf den Weg.

Die Kinder sind noch immer am Fischen. Ihre Angelruten sind aus einfachen Zweigen mit einer normalen Schnur und einem Haken gemacht. Diese lassen sie tief in die Fälle herunter. Und tatsächlich, die Fische beissen. Die Freude ist riesig. Aber verkaufen wollen sie uns den Fisch nicht. Gut so. Dafür schlagen sie uns einen Deal vor. Für ein paar Kwacha bringen sie uns in ihrem Mokoro über einen Seitenarm des Flusses. Zu Fuss wäre man schneller, doch wir wollen den Deal. Unsere Kids-Guides machen das super. Zuerst erklären sie uns den Einbaum, dann die Sitzposition, den Fluss und haben selber den grössten Spass daran uns überzusetzen. Die umgerechnet 30 Rappen haben sie sich mehr als verdient. Und Deal ist Deal. Keiner bettelt oder fragt nach mehr. Sie freuen sich über das verdiente Geld. Ungewohnt in Afrika. Glücksmomente!

 

Königliche Erlebnisse im Barotseland.
Nachdem wir in Mongu unseren Vorrat im neuen Supermarkt Shoprite aufgefüllt, etwas Geld aus dem Bankomat bekommen und über das geschäftige Treiben in den kleinen Läden entlang Hauptstrasse gestaunt haben, sind wir auf dem Parkplatz der Green View Lodge. Wir dürfen hier campen. Der Manager freut sich über unseren Besuch. Überhaupt sind die Menschen hier unglaublich herzlich und freundlich. Er meint, dass wir morgen unbedingt zum Museum über das Königreich Barotseland gehen sollten. Da wir uns eh entschlossen nach Ikithe in ein Camp zu gehen, liegt das Königsdorf Limulunga auf dem Weg.

Nachdem wir die Strasse, die einen solchen Namen nicht verdient, geschafft haben, sehen wir ein riesiges Plakat am Eingang des Dorfes. Was ist das für ein König, dem die Regierung nicht einmal eine einigermassen normale Strasse hingebaut hat. Bis nach Mongu ja, aber die paar Kilometer zum Palast – nein. Wir stehen vor einem verblichenen Schild. Wir glauben mehrere Holzboote, Menschen in Tracht und einen König zu erkennen. Kambucha – das alljährliche Festival des Königs. Aber wir sind nicht sicher. Unser GPS weist uns den falschen Weg. Wir stehen am Ende eine Strasse. Menschen eilen herbei. Sie lächeln. Wohl ahnen sie, dass wir ganz woanders hin wollen. Sie erklären uns den Weg zum Palast.

Nun steht vor uns ein grosses Schild. Ein fröhlich wirkender, pinker Elefant auf einem schwarz weissen Hintergrund. Königreich Barotseland. Eine Gruppe Menschen winkt uns heran und zeigt uns den grössten Mangobaum. „Shadow, Shadow“, meint ein Alter mit nur noch wenig Zähnen, das sein herzliches Lächeln offenbart. Aha, der Parkplatz. Ein anderer gut gekleideter Herr eilt zu uns und will wissen, wo wir denn hinmöchten. „Museum“. Aha. Er nimmt Oliver wie einen altbekannten Freund an der Hand und führt uns zu einem kleinen Mangobaum, um den herum drei Bänke stehen. Verschiedene Leute sitzen dort und unterhalten sich. In Lozi. Kaum sind wir da, verneigen sie sich vor uns und sprechen in Englisch. Sie fragen uns alles Mögliche, erzählen von ihrem Leben. Der König ist fast ein Heiliger für sie.

„Wir suchen das Museum“, teilen wir ihnen mit. Ein herzliches Lächeln. Keine Antwort. Und es wird weiter getratscht. Immer wieder kommt ein gut gekleideter Herr und fragt die Menschen um etwas, schreibt dies auf seine Liste. Uns lächelt er immer wieder zu und meint wir müssten noch etwas Geduld haben. Ich glaube die Mangos an den Bäumen sind mittlerweile reif, solange haben wir gewartet. Genauer gesagt: Drei Stunden Geduld. Und dann sind wir an der Reihe. Etwas nervös kommt dieser Herr wieder und meint, dass wir nun an der Reihe sind. Er führt uns zu diesem Gebäude vor diese zweiflüglige Holztüre.

Nun, da knien wir da vor einer Gruppe Männer, die rund um uns herum sitzen. Ihre Augen auf uns gerichtet. Wir wiederum halten den Augenkontakt mit dem ersten königlichen Berater vor uns. Ein Mann rechts von uns eröffnet das Gespräch: „Herzlich Willkommen in der Kutha, dem königlichen Rat des Königreichs Barotseland. Der werte Herr vor ihnen ist der Vorsitzende, genannt Ngambela. Er ist der Premierminister und der oberste königliche Berater unseres Landes. Ihr dürft euch erheben.“ Sofort werden uns zwei Stühle hingestellt. Wir nehmen sichtlich verwundert Platz. Wir wollten doch ins Museum…

„Liebe Mrs. Corinne und lieber Mr. Oliver (die Namen hat er wohl von Francis bekommen), es ist uns allen eine Ehre sie bei uns zu haben. Und es freut uns ausserordentlich, dass sie als bekannter Fotograf und Geschichtenschreiber in unserem Land sind. Hier sind sie völlig frei und dürfen sich überall bewegen. Lernen sie unser Land und die Leute bitte kennen. Wir freuen uns. Der König ist heute nicht da, jedoch können wir uns dann gerne noch mit ihm persönlich unterhalten“, sagt der Ngambela in einer herzlichen Eröffnung des Gesprächs. Dabei strahlt seine nicht ganz vollzählige Zahnreihe.

Bekannter Fotograf? Gespräch mit dem König? Was hat Francis denen wohl sonst noch alles übertrieben zugeflüstert? Dann kommt die Frage, welches Anliegen wir denn hätten. Das mit dem Museum können wir denen nun kaum auftischen, das wäre wohl fast eine Majestätsbeleidigung. Endlich bricht Oli das Schweigen und erzählt irgendetwas, dass er von vielen Menschen die Empfehlung bekommen hätte, die Kutha aufzusuchen, um die Informationen über das Königreich aus erster Hand zu bekommen. Die Menschen wären so ehrfürchtig und jedes Mal wenn das Wort König gefallen sei, seien die Menschen in diese seitliche Beugestellung gegangen und hätten dreimal in die Hände geklatscht. Die Mitglieder des Rates schmunzeln. Ebenso der Ngambela. Dies sei seit Jahrhunderten Tradition. Die Menschen verehren den König und die Mitglieder des Rates. Egal wo man hinkommt, egal welche Stellung die Menschen in der Gesellschaft haben, sobald man ihnen begegnet oder von ihnen spricht, sei dies das Ritual der grösstmöglichen Respekts. Der Ngambela übernimmt das Wort und fragt uns in einem Mix zwischen Englisch und Deutsch, ob wir ein bestimmtes Restaurant in Belp kennen. Oder das Kunstmuseum in Bern. Und ob wir lieber im Migros oder Coop einkaufen. Wir sind gerade völlig baff. Besser gesagt, wir verstehen nur Bahnhof. Was fragt uns der Premierminister von einem Königreich, das mitten im sambischen Niemandsland liegt? Ob wir lieber im Migros oder Coop einkaufen? Echt jetzt?

Coop, meine Antwort. Fast gleichzeitig Corinne: Migros. Ja, das Problem kenne er. Er findet Migros besser. Komischer könnte es nicht sein. Die Stimmung ist plötzlich völlig locker, als er dann erzählt, dass er Geschichte in der Schweiz studiert hat und das Land liebe. Leider sei er die letzten 25 Jahre nicht mehr dort gewesen.

Doch eine kleine Anektode bleibt noch. Habe ich eigentlich schon beschrieben, dass die Menschen Sambia niemals betteln. Nirgendwo. Der Ngambela erzählt sein Erlebnis, als er zur Eröffnung eines Museums in Genf eingeladen war. Im Foyer seien zwei grosse Skulpturen von afrikanischen Menschen gestanden, die ihre Hände empfangsbereit unter einer Schale zusammen gehalten hätten. Das hätte ihn schon etwas gestört, aber hat nichts weiter gedacht. Bei der Eröffnung hat einer der Gönner scherzhaft gemeint hat, man arbeite mit afrikanischen Künstler und wer möchte, der dürfe gerne Geld spenden und dieses in die Schale legen. Inmitten aller, der königliche Berater eines afrikanischen Landes. Als einziger Afrikaner. Er habe sich so schlecht gefühlt, dass er es zu Hause verboten hat, dass Menschen betteln. „Wir Afrikaner sind keine Hunde oder Haustiere. Wir versuchen jeden Tag das Beste, um unseren Menschen mit den bescheidenen Mitteln Rahmenbedingungen zu schaffen und ein würdiges Leben zu ermöglichen. Überall hört man, alle afrikanischen Politiker seien korrupt und würden im Geld schwimmen. Das trifft auf viele zu. Doch sobald man in der Provinz arbeitet, stimmt das nicht. Wir bekommen nichts von all den Töpfen in Lusaka. Vor allem auch nicht, weil wir sehr autonom sind. Aber wir wollen auch nicht betteln. Wir haben eine einzigartige Natur, den Fluss, Menschen mit einer einzigartigen Willkommenskultur und ganz viele Krokodile“, schmunzelt er.

Und dann erzählt er weiter von seinen Erfahrung. Die Weltbank kommt zur Sprache. Es ist allen Staaten der Welt erlaubt um dort Kredite zu beantragen. Egal, ob hochverschuldet wie Amerika, Russland, Frankreich oder Italien. Alle bekommen Geld für Zinsen. Afrikanische Länder, die ernsthaft ihre Infrastruktur aufbauen wollen nicht. Das passiert über Hilfsgelder, die noch viele weitere politische Abhängigkeiten schaffen. Das sei die Realität, mit denen sie fertig werden müssen. Ihr Königreich sei weder reich an Geld oder Bodenschätzen, doch an Geschichten, Kultur und an den herzlichsten Menschen in Sambia. Dass Industrieländer Afrika arm halten wollten, um selber reich zu bleiben, sei eine Realität. Mit der sie täglich umgehen müssen. Ob das fair sei, fragt er und beantwortet es gleich selber: „Was ist schon fair auf dieser Welt. Es sind verschiedene Perspektiven. Wir arbeiten an den kleinen, täglichen Dingen, damit unsere Kinder in die Schule gehen können, damit die Alten ohne Bezahlung im Spital behandelt werden oder dass wir unserer Bevölkerung bei extremer Trockenheit und Ernteausfälle wie gerade jetzt, Maismehl zur Verfügung stellen können. Wir kämpfen, aber wir fallen nicht um“, schliesst er das Gespräch.

Unser Gespräch mit dem königlichen Rat dauert fast vierzig Minuten. Demokratie, Reisen, unser Beruf, sogar Coaching kommt vor. Um uns sitzen intelligente und weltoffene Menschen. Wir bekommen die Ermächtigung überall im Barotseland hinzugehen. Und wenn wir eine Filmdokumentation machen möchten, bekommen wir jegliche Vollmachten. Sie würden sich freuen. Und dann tauschen wir unsere WhatsApp Kontakte aus.

Die Mitglieder des königlichen Rates haben das Gespräch extrem geschätzt. Gerne würden sie für uns gerne Treffen mit dem König arrangieren. Stopp. Das wäre dann wohl zu viel des Guten für den Moment.

Umso herzlicher werden wir für das alljährliche im April stattfindende Kuomboka Festival eingeladen. Dabei kehrt der König aus seinem jährlichen Aufenthaltsort im Flussdelta zurück. Mit dutzenden von Holzschiffen, Musik und Tanz. Ein riesiges Spektakel, das als eines der wichtigsten, traditionellen Anlässe in Afrika gilt. Wir bedanken uns, können jedoch noch nicht zusagen. Wir werden uns dazu gerne noch bei Mr. Francis melden.

Wo wir doch eigentlich nur ins Museum wollten…

Da waren wir dann auch noch.
Doch es war nur halb so spannend wie der Besuch beim königlichen Rat.