The Horseshoe


Jeder Mensch hat so seine Erinnerungs-Marker auf seiner Lebens-Landkarte. Ein Ereignis, das zuerst alles auf den Kopf stellt, dich vor eine gewaltige Prüfung stellt und wenn du genug an dich und deine Ideen glaubst, dein Leben in die ungewollte, doch genau richtige Bahnen lenkt. Ein Glücksmoment im Leben. Unvergessen und genau ein solcher Moment ist für uns das Nambwa Wildnis Camp im kleinen Susuwe Nationalpark im Caprivi. Vor fast zehn Jahren waren wir genau zum gleichen Tag auf dem genau gleichen Camp Nr. 2 auf unserer verrückt fantastischen Reise durch den Kontinent. Damals mit unserem Landcruiser „Shaghuri“. Wir waren schon vierzehn Monate und 42‘000 Kilometer von Westafrika kommend durch den schwarzen Kontinent gereist.

Und nun sind wir wieder hier. In bester Stimmung und Vorfreude auf eine Woche Safari Erlebnisse am Horseshoe. Beim letzten Mal haben wir über eine unglaublich teure Mobilverbindung (ein Telefongespräch in die Schweiz war da wirklich noch ein Ereignis) erfahren, dass wir ab sofort komplett pleite sind. Alle Ersparnisse wurden von unserer Vermögensbank eingefroren. Wir waren unverschuldet in einen Bankenskandal getrudelt und haben alles Geld für unsere Zukunft verloren. Und auch nach Jahren juristischer Aufarbeitung nicht einen Rappen mehr bekommen. Wir mussten nach Hause und von Null auf alles neu starten. Unser Leben hat von einem Tag auf den anderen eine völlig neue Richtung bekommen.

Kurzum: Wir wurden in ein richtiges Abenteuerleben gestossen. Seit dem letzten Besuch hier, ist nichts mehr wie es einmal geplant war. Seitdem leben wir so, wie wir es uns nicht in den kühnsten Träumen vorgestellt hätten. Und nach zehn Jahren würden es auch nie mehr hergeben. So sitzen wir heute wieder auf dem umgefallenen Baumstamm im Nambwa Camp Nr. 2, mit Blick auf den Kwando River. Und auch jetzt wieder baden die Flusspferde keine zehn Meter vor uns. Ob die das letzte Mal auch schon da waren? Ob sie sich an uns erinnern? „Ach ja, die Schweizer Pechvögel. Sie sind zurück. Kommt lasst uns für sie ein Willkommenslied anstimmen.“ Und so gähnen und singen sie uns in den ersten Abend. Für uns klingt das nach Fanfaren der Wildnis. „Yes, we are back in the bush. Stronger and wilder than ever before!“

TIA. This is Africa.

 

Auf Safari in den Caprivi
Der Farmbakki ist wieder gepackt, der Farmshop für die Arbeiter wieder aufgefüllt und die Motivation bei denen ist gross. Denn die Aufpasser gehen wieder einmal für ein paar Wochen auf Erlebnistour. Für uns fühlt es sich an, wie in die Ferien zu fahren. Zu wissen, dass wir eine Weile weg sind und gleichzeitig, dass wir wieder zurückkommen. Es fühlt sich an wie pure Erholung und weniger wie Reisen. Einfach relaxt unterwegs sein.

Ich weiss, das klingt jetzt in den meisten Ohren etwas verrückt. Gehen wir doch schon über drei Jahre keiner geregelten Arbeit mehr nach (Mama sagt immer Geschichten schreiben, fotografieren oder kleine Filmdokus erstellen ist doch keine richtige Arbeit – wahrscheinlich hat sie recht;-). Wir haben uns das Privileg herausgenommen, unsere Ersparnisse für Erlebnisse und Erfahrungen zu investieren. Und ja, wir müssen dann auch wieder zurück und Geld verdienen. Doch dafür ist es gerade ein ziemlich schlechter Zeitpunkt mit diesem Virus Zeugs. Wir bleiben noch ein bisschen. Und da kommen ja Safari Ferien genau richtig.

Also ab in die Sambesi Region wie der Caprivi offiziell heisst. Auf zum Horseshoe. Diese Flussbiegung gleicht von oben einem Hufeisen. Doch eigentlich ist es eher ein Schwemmgebiet, bei dem das Wasser in dieser Form aus dem Boden hochkommt. Es ist der Ort der grossen Herden von Elefanten, Flusspferde, Krokodile und mit etwas Glück der Löwen, die in der Gegend wieder angesiedelt wurden. Um das zu erleben, muss man vor dem ersten Regen (vor Oktober) dort sein, bleiben die Elefanten im Busch bei ihren Wasserlöchern. Und noch immer ist es ein Geheimort der Einheimischen und der Namibia Kenner. Wir freuen uns auf ein Erlebnis der besonderen Art. Dazu kommt, dass aufgrund der Covid Isolation keine Touristen unterwegs sein werden. Es ist unsere Chance, einen Teil Namibias wie vor dem grossen Rush zu erleben.

 

Scheren-Stein-Papier – Riverdance Lodge am Okavango River
„Was meinst du, Riverdance oder Mobola Lodge? Bei Riverdance sind neu Schweizer Besitzer und die Feedbacks sind alle sehr gut.“ Corinne konsultiert gerade die iOverlander Map während ich den Wagen auf der todlangweiligen Strasse von Rundu nach Divundu lenke. Scheren-Stein-Papier. Oli ist für den Stein. Corinne bringt das Papier und gewinnt.  „Komm, lass uns wieder einmal etwas Schweizerdeutsch sprechen. Das tut unseren Ohren bestimmt gut.“ Gut, dann gehen wir in die Riverdance Lodge. Ich weiss nicht, wie viel Mal ich am Schild der Riverdance Lodge vorbeigefahren bin. Jedes Mal hatte ich bisher so ein komisches Gefühl, weil man von den früheren Besitzern eben ziemlich Verschiedenes gehört hat. Wir sind bisher noch nie dorthin gegangen. Doch jetzt wir geben dem eine Chance.

Zum guten Glück sind wir dahin. Schon beim Betreten der Restaurants mit Terrasse fängt das Herz höher zu schlagen an. Man befindet sich hoch über dem Fluss, mitten in den Bäumen. Diese Aussicht ist gewaltig. Genauso wie die Begrüssung. In reinem Berndeutsch. Pasquale die Besitzerin und ihr Mann Chris heissen uns herzlichst willkommen. Als würde man bei Freunden reinschneien. „Es ist ja verrückt, was ihr für eine geniale Aussicht von der Lounge und vom Restaurant habt“ schwämt Oli. Doch das ist nicht alles. Chris zeigt uns die Chalets aus Holz. Wunderbares Design. Die Inneneinrichtungen sind einfach unglaublich. Jedes Chalet gleicht einer Honeymoon Suite. Wir haben noch selten eine so wunderschöne Lodge gesehen. Vor allem aus Holz. Man fühlt sich sofort wohl. Es ist eine kleine Lodge, doch ich glaube man nennt dies Boutique Lodge. Klein und fein. Völlig spontan bieten sie uns ein Zimmer für den Camping Preis an. „Im Moment leiden wir wie alle anderen an den fehlenden Touristen. Aber wir wollen nicht klagen, denn wir sind überzeugt, dass wird wieder. So gesehen, wir haben genug Platz. Ihr seid herzlich in einem Chalet willkommen.“ Das Angebot ist zu grosszügig. Irgendwie haben wir unsere Schweizer Prägung noch nicht abgelegt. Denn wir fühlen uns gleich etwas schlecht.

Soviel Grosszügigkeit – wie haben wir das verdient? Wir haben ja gar nichts beigetragen? Typisch Schweizer. Corinne nimmt das Heft in die Hand und teilt Chris mit, dass wir eben richtige Campingfans sind und es lieben, bei 6 Grad Aussentemperatur in unserem Plastikzelt zu bibbern. Wir könnten wohl gar nicht mehr in einem Bett schlafen. Bei diesen dicken, bequemen Matratzen. Naja, ich stehe daneben und sehe die Felle davon schwimmen. Oh Frau Corinne, genau diese Art finde ich nicht so toll. Da bietet dir jemand seine Freundschaft an und wir lehnen dankend ab, weil wir ein schlechtes Gewissen haben. Und wie geht es ihm wohl. Denkt sicher, das sind komische Leute. Doch Chris nimmt das lachend entgegen. „Herrliche Antwort. Das sind wir Schweizer eben. Ihr könnt euch jederzeit um entscheiden. Herzlich Willkommen auf Riverdance.“

Doch sieht man die vier exklusiven Campingplätze, wird es dann schon schwierig sich zu entscheiden. Alle mit direkter Sicht auf den Fluss. Umgeben von grossen Bäumen, ein aufgeräumter Grillplatz, Tisch und Bank, Rasen für das Zelt und eigenen Sanitäranlagen. Dazu kommt der Local is Lekker Preis. Es wäre verrückt, nur eine Nacht zu bleiben. Wir richten uns für zwei Nächte ein und versprechen nach unserer Caprivi Safari nochmals hierher zu kommen.

AM zweiten Tag organisieren wir unser Arrangement im Nambwe Camp. Mittlerweile gehört dieses Camp zu einer Lodge Gruppe, wird aber weiterhin von Einheimischen betreiben. Die Preise sind mit 250ND pro Person und Nacht schon im oberen Segment. Auf Anfrage und der Buchung von 5 Nächten erhalten wir einen anständigen Rabatt. Da wir dann auch noch den Einheimischen Tarif für 15 ND pro Person und Tag als Eintritt für den Nationalpark zahlen mussten, war dies alles in allem eine sehr faire Möglichkeit. Jetzt aber los, bevor der erste Regen fällt. Ab auf Safari.

Riverdance: www.riverdance.com.na

 

Horseshoe – eine echte Perle für Entdecker
Tiefsand und nochmals Tiefsand. Das ist die Beschreibung der Strecken im Susuve Nationalpark. Besser bekannt als Horseshoe. Doch dies ist kein Problem mit Allrad und niedrigem Reifendruck. Für die Big Rigs (Overland Lastwagen), ist das kein Durchkommen ohne das Fahrzeug zu verkratzen und die Landschaft durch Äste abschneiden zu verschandeln. Dazu hängen zu viele Äste der grossen Bäume in die Zwei-Spur-Fahrrinnen. In die Spur passen maximal normale Fahrzeuge. Wir gucken uns das gut an, denn Reisekollegen wollten uns mit ihrem grossen Fahrzeug hier besuchen. Doch für sie ist ein Besuch nicht möglich. Von den Ferientouristen kennen viele diesen kleinen, versteckten Ort gar nicht. Oder sie haben Schauergeschichten über der Tiefsand Passagen gehört und verzichten auf solche Abenteuerfahrten mit ihren Mietfahrzeugen. So gesehen findet eine natürliche Besucher Auslese statt. Uns ist dies ehrlich gesagt ganz recht. Es macht den Ort eben auch attraktiv.

Ein Grossteil des Gebietes ist Schwemmland vom Kwando River. Nach guten Regenzeiten steht an vielen Orten Wasser und hohes Gras. Für Antilopen Liebhaber ist dies hier ein Traum. Wasserböcke, Pukus, Red Letchwe, Sitatungas, Springböcke, Impalas, Kudus, Sable und viele mehr sind zu entdecken. Im Wasser gibt es viele Hippo Schulen. Ja, das gibt es tatsächlich. Orte, wo kleine Flusspferde bei den Erwachsenen in den Unterricht müssen. Hier gibt es einen speziellen Ort an diesem Nebenfluss des Kwando. Man nennt ihn Horseshoe, wegen seiner hufeisenförmigen Flussbiegung, die das ganze Jahr Wasser hat. Hier findet man grosse Krokodile, die auf unaufmerksame Antilopen warten. Mit Glück sieht man die mächtigen Wasserbüffel, die dich immer so anstarren, als wollten sie dich gleich über den Haufen rennen. Doch die grosse Attraktion sind die vielen Elefanten. Und erst das Licht, welches ab vier Uhr nachmittags das Wasser-Hufeisen und die Tiere wunderbar beleuchtet. Die Farben gehen bis ins violett und ermöglichen fast schon kitschige Bilder. Besonders wenn die letzten Sonnenstrahlen durch die Löcher des Blätterwerks Bäume durchdringen und die Elefanten im Busch wie Spotscheinwerfer beleuchtet. Die Szenerien erfreuen des Fotografen Herz.

Jeden Morgen fahren wir vor dem Sonnenaufgang um 05:15 los, um rechtzeitig zum Tagesanbruch an der Plattform des Horseshoe zu sein. Es ist so friedlich am Wasser. Bis um zehn Uhr morgens sind wir auf Pirschfahrt. Dann, wenn die Sonne schon hoch steht und dir auf die Glatze brennt, kehren wir ins Camp zurück. Es gibt Kaffee und Brunch. Hängematte und lesen folgt danach. Und ab halb vier nachmittags geht’s wieder los. Wir quälen den Farmbakki im 4×4 ohne Low Gear durch den Tiefsand. Dabei checken wir unsere Lieblingsspots. Wer weiss, vielleicht liegt da gerade eine Löwenfamilie oder ein Leopard auf der Lauer? Oder die seltene Sitatunga Sumpfantilope? Meistens sehen wir nur die Nilpferde im Wasser, die jedoch keine spektakulären Kunststücke aufführen. Mund auf, gähnen, Zähne zeigen und gut ist. Und das auch nicht die ganze Zeit. Dennoch ist es jedes Mal faszinierend, diese Giganten des Flusses zu beobachten. Wildlife ist oftmals einfach die Natur mit allem drum herum geniessen. Denn wir wissen, in einer halben Stunde startet die Elefanten Show am Horseshoe. Schon jetzt stehen überall Elefantengruppen im Wald. Sie wollen alle ans Wasser.

Eine Stunde vor Sonnenuntergang streiffen immer mehr Elefanten durch die Büsche. Es stehen schon grosse Gruppen in der letzten Buschreihe, bevor es in den Sand und zum hufeisenförmigen Fluss runtergeht. Für uns ist höchste Zeit, das Fahrzeug auf einer kleinen Anhöhe zu parken und davor auf einem Baumstrunk unser Plätzchen einzurichten. Um die zwanzig Meter sind zwischen uns und dem Wasser. Die Elefanten Party startet. Überall trotten Elefanten aus dem dichten Busch, der nur wenige Meter hinter uns aufhört. Kaum haben sie den ersten Sand unter den Füssen, beginnen sie zu rennen. Von allen Seiten stürmen Elefanten, klein und gross, ans Wasser. Die einen nehmen sofort ein kühlendes Bad, andere halten den Rüssel rein und saufen was möglich ist. Die Teenie Elis balgen sich im Wasser. Bei den Büschen stehen schon die nächsten grossen Gruppen, die geduldig warten, bis die anderen genug haben und sich wieder in den Busch verziehen. Erst dann dürfen sie sich ins kühle Nass stürzen. Und sie halten sich daran. Ok, manchmal wird etwas herumtrompetet und den Jungs am Wasser klargemacht, dass noch andere warten. Sie erhalten dann eine „nur noch eine Minute“ Trompete zurück. Kaum sind aber aus dem Wasser raus und drei Schritte Richtung Busch, stürzen sich die nächsten zum Fluss. Es ist einfach gewaltig, dieses Spektakel aus nächster Nähe und in freier Wildbahn zu erleben.

Und für alle LeserInnen, die selber mal diesen Zauber erleben wollen: DIe beste Zeit ist das Ende der Trockenzeit, zwischen September und Ende Oktober. Denn sobald der erste Regen im Gebiet fällt, verziehen sich die Elefanten wieder in den tiefen Busch mit den vielen, kleinen Wasserlöchern. Ihr werdet dann kaum einen Elefanten am Horseshoe antreffen.

 

Der Yoga Affe – relaaaax , kleiner Elefant, relax!
Das geht über zwei Stunden so. In dieser Zeit sind wir in einer anderen Welt. Kein Tierfilm der Welt vermag so etwas authentisch wiederzugeben. Die Geräusche, der Geruch, die Elefanten die am Ufer entlang laufen und dir die ganze Zeit in die Augen schauen. Mittlerweile sind auch die Paviane am Wasser. Der eine Affe hat einen wunderbaren Platz auf einem Baumstrunk gefunden. Nur wenige Meter vor dem Wasser. Die Sonne ist am unter gehen und er sitzt da, völlig relaxt in seiner Yoga Stellung und guckt ins rotgefärbte Wasser. Doch das ärgert einen jungen Elefanten, der aus dem Wasser kommt. Er trompetet den Yoga Affen an, schüttelt seinen Kopf, wackelt mit den Ohren. „Hau ab, das ist mein Strand“, scheint er zu kommunizieren. Doch der Pavian bleibt total cool und macht keine Bewegung. Auch nicht, als der Elefant bis auf einen Meter auf ihn zu rennt. Er scheint in Trance zu sein. Sein grosser Widersacher saugt Wasser in den Rüssel und spritzt dies in die Richtung des Meditierenden. Der scheint das nicht zu merken, sondern guckt weiter auf den Fluss. Er sitzt einfach da und ignoriert den völlig verunsicherten Elefanten. Dieser ist so etwas von fertig mit seinen Nerven. Ganz nervös rennt er nach links und rechts und trompetet wild herum. Dabei schwingt er seinen Rüssel energisch hoch und runter. Den Blick immer auf den ZEN-Affen gerichtet. Der Elefant weiss nicht mehr was er machen soll um den Yogi zu vertreiben. Er tramp völlig genervt davon und findet zwanzig Meter weiter entfernt ein anderes Plätzchen. Der Yoga Affe schüttelt sich trocken, steigt vom Baumstumpf, schlendert zum Wasser und fängt an zu trinken. Danach geht er wieder zu seinem Lieblingsplatz und meditiert weiter. Als wir die Szenerie im letzten Rot-Grau des Abends verlassen, sitzt er immer noch dort. Der wahre König des Horseshoe.

Das ist eine Szene von ganz vielen, die an diesem wunderbaren Ort zu beobachten sind. Es fällt mir schwer, solche Erlebnisse in Worte zu fassen. Dazu musst du deine Fantasie walten lassen. Denn, wenn es eine Fernsehdoku nur in zwei Dimensionen schafft, solche Erlebnisse authentisch zu vermitteln, wie soll ich dies als bescheidener Geschichtenschreiber mit Worten erst hinbringen? Um deinen Eindruck zu verstärken, lade ich Dich gerne zu ein paar Bildern und Videoausschnitten am Ende des Blogs ein.

Dazu möchte ich unserem Freund Stefan aus Windhoek zuerst noch Danke sagen. Für diese Tour haben wir von ihm ein 200mm Zoom Objektiv ausgeliehen bekommen. Und diese Grösse reicht vollkommen aus, denn wir sind hier mittendrin im Geschehen. Vielen Dank Stefan!

 

Eine herzliche Begegnung – willst du Seitenwagen Fahrlehrer werden?
Zurück im Camp, stellen wir fest, dass alle 4 Plätze trotz Corona Krise besetzt sind. Es scheint so, als brauchen die Einheimischen etwas Abstand vom täglichen Krisenmodus. Raus in die Natur und durchschnaufen. Vom ersten Camp her klingt lautes Gelächter. Eine markante Stimme erzählt Geschichten am Lagerfeuer. Dann ein englischer Dialekt den wir nicht überhören können. Eine Frauenstimme. Wir schmunzeln. So klingen wir also. Es wird ruhig. Plötzlich strahlen uns zwei Lichter an. Vom Strahl der Lampe geblendet, begrüssen wir zwei Leute mit einem Hello. Der grosse, etwas fesche Mann senkt die Lampe und grüsst mit einem „Are you the Swiss?“. Yep. Dann stellt sich die andere Person vor. „Barbara, au vu dä Schwiiz“. Ihr Begleiter ist Franswa in Afrikaans, was wohl Francois in Französisch bedeutet. Er habe unsere Eintragung im Campingbuch gesehen und wollte unbedingt seine Kollegin Barbara mit uns bekannt machen. Seit Jahren ist sie mit ihrem Hilfsprojekt Mudiro in der Kavango Region tätig. Seit diesem Jahr ist sie fix nach Namibia gezogen, um ihr Ärzteprojekt noch effektiver in der Region voranzutreiben. Auch sie brauchen gerade eine kleine Auszeit und als Naturfans lieben sie diesen Platz genauso wie wir. Barbara erzählt uns von ihren Projekten und Ideen. Sie habe ein Seitenwagen Motorrad als Buschambulanz, welches wieder in Schuss kommen sollte. Und irgendjemand müsste lokale Fahrer ausbilden. Was für ein Zufall.  Wir versprechen, uns bei ihr zu melden, da wir nach unserem Horseshoe Trip noch ein paar Tage zurück in der Riverdance Lodge & Camp sein werden.

Franswa teilt uns mit, dass die Corona Situation nun auch Windhoek in grösserem Masse erfasst hat. Morgen wäre der Beginn der Schulferien. Viele Campingplätze und Lodges sind gut gebucht von den Einheimischen, die von den Vergünstigungen im ganzen Land profitieren möchten. Doch der Präsident hat ihnen allen einen Strick durch die Rechnung gemacht. Die Regionen Windhoek, Rehoboth und Erongo, resp. bis an die Küste nach Swakopmund sind ab sofort gesperrt. Keine Ein- und Ausreise, harter Lockdown, Ausgangssperren. Ebenso sind Bewegungen zwischen den anderen Regionen nicht mehr möglich. Tja, das würde für uns bedeuten, dass wir nicht mal mehr bis in die Riverdance Lodge kommen, da diese im Kavango Gebiet ist. Geschweige denn zurück auf unsere Wildnisfarm. Das wäre nicht gut für uns. Ein bisschen verzweifelt versuchen wir dies mit dem bisschen Mobilnetz das wir hier noch bekommen, zu verifizieren. Whatsapp Nachrichten gehen raus. Chris, der Besitzer der River Lodge schreibt uns zurück, dass tatsächlich alles zu ist. Wir sollen den Horseshoe noch ein paar Wochen geniessen. Barbara hat in der Nacht ebenfalls verzweifelt versucht an Informationen zu kommen. Auch sie muss in den Kavango zurück. Doch anscheinend war alles nur eine Überreaktion. Rund um die Kernregionen Windhoek, Rehoboth und Erongo (inkl. Swakopmund), kann man von Region zu Region reisen.

Wir lassen es darauf ankommen und wollen am nächsten Morgen aus der Wildnis am Kwando im Caprivi (off. Zambezi Region) wieder zurück Richtung Divundu in die Riverdance Lodge reisen.

 

Ein bisschen Verrücktsein ist doch normal, oder?
„Hey Oli, es lauft hüt huara guat.“ Corinne geniesst die Sandfahrt zurück aus dem Susuve Nationalpark. Wir sind erstaunt, wie gut sich unser Farmfahrzeug in der tiefsandigen Piste schlägt. Es macht richtig Spass, mit etwas Drift um die Bäume Slalom zu fahren. An zwei Stellen mit wunderbarem Überblick über einen Nebenarm des Kwando Rivers halten wir. Sitatunga Antilopen. Wir sind ganz happy, diese scheuen und seltenen Antilopen zu sehen. Es läuft wirklich „huara guat“. Doch wenn es zu gut läuft, dann entsteht bei mir (Oli) oft ein Gefühl, dass da noch etwas im Busch steckt. Hmm, es läuft zu gut. Kennst Du dieses Gefühl auch?

Irgendetwas wird dann wohl noch schieflaufen. „Hey, sei nicht so negativ. Vielleicht ist es einfach gut. Ist doch schön“, sagt mir eine andere Stimme. Ha, das ist wohl Optimus. Der naive Engel, der auf meiner linken Schulter sitzt. Pessimus ist da schon etwas realistischer. Er sitzt auf meiner rechten Schulter, lächelt und flüstert mir ins Ohr: „Glaub dem Narren kein Wort. Der ist so etwas von naiv, der arme Kerl. Natürlich wird noch etwas passieren. So ist es immer.“ Dabei lächelt er streckt seine Faust in die Höhe und ruft Halleluja. Wer jetzt denkt, ich sei etwas verrückt, liegt wahrscheinlich richtig. Sonst wären wir ja nicht hier auf einer jahrelangen Abenteuerfahrt durch Afrika. Aber sind wir nicht alle etwas verrückt?

Naja, fragt mich nicht wieso, doch es läuft ja nie einfach alles rund. Bevor wir beim Slalom fahren noch einen Baum rammen, lasse ich doch besser Corinne ans Steuer. Wir sind sowieso gleich raus aus dem Park und dann kommt die zweihundert Kilometer schnurgerade Strasse nach Divundu. Vor uns rollt sich ein neuer, grober Asphaltteppich aus. Mit hundert Kilometer pro Stunde gleiten wir im sechsten Gang entlang. Kilometer 32. Das erste Fahrzeug am heutigen Tag, das uns entgegenkommt. Ein roter Golf. Seine Tachoanzeige steht bestimmt bei 140 Km/h. Flitz. Und vorbei. Eine Zehntelsekunde später. Ein krachender Knall. Corinne steht auf die Bremse und bringt den Wagen sicher am Strassenrand zum Stehen. Sie ist kreidebleich. Hinter uns bröckelt die Scheibe auseinander. Im ihrem Fussraum finde ich den Fingerkuppen grossen Stein. Mit gewaltiger Wucht ist dieser durch die Hinterscheibe unserer Pickups geflogen und hat Corinnes Ohr mit einem lauten Zischen um Millimeter verpasst. Pessimus schreit jubelnd und in voller Lautstärke: „Hab ich’s doch gesagt. Mir glaubt ja keiner“. Wir beide sind noch immer sprachlos. Das wäre es nun gewesen mit „es lauft hüt huara guat.“ Natürlich ärgern wir uns. Vor allem wegen der Scheibe. Mit einem Schraubenzieher kratzen wir die restlichen Glassplitter aus der Gummidichtung und säubern das Auto so gut es geht vom kaputten Glas. Zum Glück besteht eine Glasversicherung für das Fahrzeug. Mit einer natürlichen Klimaanlage, immer etwas Durchzug und einem ständigen Rauschen von hinten, reisen wir weiter. Die beiden Engelsstimmen auf meinen Schultern sind verschwunden. Wir sind wieder in der Realität. Es läuft solange super, bis es eben nicht mehr gut läuft. Und dann läuft es wieder. Alles ganz normal. Keine Angst, wir sind nicht verrückt. Wir sind einfach mitten im Abenteuerleben.

 

Zurück in der Riverdance – Dies und Das.
Campingplatz Nr. 2. Mit einer freien Sicht auf den Okavango River. Herrlich. An Corinnes Lächeln erkennt Chris sofort die charmante Antwort auf sein Angebot für ein Chalet. Diese Frau ist einfach Camping süchtig. Zugegeben, die Camps sind auch wirklich wunderschön mit eigenem Unterstand zum Kochen und einem Badezimmer. Chris nimmt dies mit Humor. „Jederzeit könnt ihr umziehen. Doch lasst uns zuerst ein kaltes Bier auf euren Ausflug trinken.“ Im Austausch merken wir, dass Pascale einen bedrückten Eindruck auf uns macht. Darauf angesprochen, erzählt sie uns, dass sie sich unheimlich gefreut hat, dass in den nächsten zwei Wochen der Schulferien alles ausgebucht war. In der aktuell schwierigen Zeit wäre dies ein unheimlich positives Zeichen. Doch eben, der Lockdown hat alles zunichte gemacht. Restlos alle Buchungen wurden storniert. Das zehrt an den Nerven. Wir können mitfühlen. Es ist unglaublich hart. Dabei gibt es keine Unterstützung vom Staat, sondern die Verpflichtung, die eigenen Mitarbeiter zu behalten und zu bezahlen. Das würden sie so oder so tun, die Menschen können ja auch nichts dafür. Auch sie würden nichts vom Staat bekommen. Man werde zusammenhalten und das Ganze durchstehen. Wir bewundern ihr Durchhaltewillen und ihre Verbundenheit zu ihren Mitarbeitern. Chris erzählt uns, dass es den anderen Lodges genauso geht. Und dass es für die Leute im eingesperrten Windhoek noch viel schlimmer ist, da sich diese Menschen ja auch auf ihre Ferien gefreut haben. Allzu viel wollen wir nicht über die Situation spekulieren, denn es führt immer wieder zum gleichen Schluss. Es ist einfach Kack. Wir hoffen alle auf eine baldige, positive Entwicklung. Es ist Anfang September 2020. Oh, wie wir uns alle täuschen…

Aus zwei bis drei Tagen in der Riverdance wird eine Woche. Uns wird es hier nicht langweilig. Blog schreiben, die vielen Bilder vom Horseshoe sortieren sowie nur die besten behalten, Vögel beobachten, Gespräche mit den Angestellten und den Besitzern. Im Gespräch mit Chris finde ich heraus, dass mein leider zu früh verstorbener Onkel Bruno, für einige Jahre sein Mitarbeiter im Aussendienst war. Es ist schon verrückt, wie klein die Welt ist. Überhaupt sind die beiden Besitzer spannende Menschen. Selbst sind sie viel in Afrika gereist. Der Traum eine eigene Lodge zu führen war immer präsent. Doch lange Zeit war der Zeitpunkt nicht der richtige. Alles loszulassen und sich auf das Abenteuer Afrika voll und ganz einzulassen, kam erst vor drei Jahren. Und dann ging alles ganz schnell. Es hat sich die Chance geboten, die Riverdance zu übernehmen. Zack, Bumm. Den Job an den Nagel gehängt. Zu Hause das Haus verkauft. Und da stehen sie im namibischen Busch und bringen die Lodge und das Camp auf Vordermann. Und sie haben noch keine Minute bereut. Die aktuelle Krise ist natürlich hart, doch so schnell geben die Beiden nicht auf. Es ist bewundernswert, mit wieviel positiver Energie die Beiden ihren (Alb)Traum leben. Wir sind auf jeden Fall begeistert und so vergisst man plötzlich, dass da draussen ein Virus wütet.

Am Ende der Woche kommt Barbara auf Besuch. Auch sie ist voller Energie und bei einem Glas Apéro Wein, fragt sie uns um Mithilfe beim Bau eines Kindergartens im Busch von Shaditata. Eine Person aus ihrem Netzwerk hat einen Betrag gespendet, mit der Bedingung für den Bau eines Kindergartens. Dort wo es wirklich nötig ist, Bildung für die Kleinsten zu ermöglichen. Barbara kennt die Gegend und weiss dies umzusetzen.  Es ist ein kleines Dorf, tief im Busch an der Grenze zu Botswana. Ein Ort, an dem man sich immer wieder wundert, wie die Menschen wohl darauf kommen, ein Leben aufzubauen. Trockenheit, wenig Wasser und Abgeschiedenheit. Zugang zu Bildung ist wenig vorhanden, ausser kilometerlange Märsche für einfachste Schulbildung. Das Projekt Mudiro von Barbara will in solchen Situationen Verbesserungen beitragen. Wir sagen zu.

Auf geht’s. Zurück in den Busch.