Füdliblutt Töff fahra?


„Wie bitte? Ich soll nackt im Seitenwagen sitzen und in Pretoria rumfahren. Und du auch? Nein, nein und nochmals nein. Das kommt nicht in Frage. Ich bin ja schon Tierliebhaberin, doch das geht zu weit für mich“, stellt sich Corinne bockig. „Komm schon, es ist für einen guten Zweck. Wir schützen damit die Pangoline.“ „Die Pangoline (Schuppentiere) werden von der Wilderei ja nicht geschützt, weil wir nackt in der Stadt Motorrad fahren. Ich bin gerne bereit, etwas zu spenden, ohne gleich die Hosen runter zu lassen.“ Eine endlose Diskussion. Ryno, der einzige Ural Händler in ganz Afrika, hört gespannt zu und lächelt. Er scheint unsere Diskussion in unserem Schweizer Dialekt zu verstehen. „Ruhig Blut, ihr Beiden. Wir fahren nicht nackt herum. Anti Poaching – Anti Pants ist das Thema. Also du Corinne musst die beste Reizwäsche anziehen, die du hast. Und Oli kann in engen Unterhosen ohne Löcher rumfahren“. Genau, als ob ich Reizwäsche unter meinen Langzeit Campingkleidern hätte. Wir einigen uns auf Pants mit Löchern und freuen uns auf eine aussergewöhnliche Stadtrundfahrt in Südafrikas Hauptstadt Pretoria. Mehr dazu weiter unten.

 

Limpopo Gewitter hautnah
Es ist ja nicht so, dass wir vor den berühmten, heftigen Gewittern im Limpopo Gebiet nicht gewarnt worden wären. Mächtige Wolken würden den Himmel nur wenige Meter oberhalb der Bäume bedecken, furchterregende Gebilde zeichnen sich ab, Blitze und Donner kündigen den Weltuntergang an. Und dann klatscht mehr Wasser als alle Ozeane zusammen auf den Boden. So die Aussagen der Einheimischen. Alles Angstmacherei. Hier ist noch immer Regenzeit und keine Wolke am Himmel zu sehen. Am ersten Tag des neuen Jahres sind wir Richtung Pretoria zu Ryno dem Ural Händler unterwegs. Durch die Berge von Haenertsberg kommend, tauchen dann vor Polokwane (eh. Pietersburg) tatsächlich die ersten Wolken am Himmel auf. Ein paar Kilometer später suchen wir Schutz auf eine Camping in Stadtnähe. Der Besitzer hat Mitleid, als er unser Zelt sieht und bietet uns zum gleichen Preis seinen Wohnwagen an. Wir freuen uns auf ein richtiges Bett. Kurz darauf bricht etwas los, was wir bisher nur selten erlebt haben. Tatsächlich könnte man meinen, die Welt würde unter gehen. Fürchterlich lautes Donnern und helles Blitzen und wenige Minuten später steht der ganze Campingplatz unter Wasser. Und wir schlafen wie Babys im temporären Heim. Erst am dritten Tag treffen Sonnenstrahlen wieder auf afrikanischen Boden und wir können weiterziehen. Wir wählen wunderschöne Gravelroads Richtung Süden. Doch Abends sieht es schon wieder dunkel aus am Horizont und so landen wir auf dem Camping der Andante Wildfarm. Für fast drei Wochen…

 

Andante – aus zwei Tagen werden drei Wochen
Es ist unser Glück, dass die Ferienzeit der Südafrikaner just an unserem Ankunftstag endet. Das Camp ist bis auf zwei weiter Feriengäste leer. Wir haben freie Platzwahl. Nah am Pool, nah an einem Lapa (Unterstand mit Tisch und Bank). Kudus, Strausse, Springböcke und weitere Antilopen spazieren umher. Es ist eine friedliche Stimmung. Geplant haben wir höchstens drei Tage Aufenthalt. Doch es kommt ja bekanntlich immer anders. Immer wenn wir loswollen, ist Regenwetter. Ok wir bleiben. Die sonnigen Abschnitte während des Tages nutzen wir, um mit dem Moto zu Johan von der Vleisfabrik (Metzgerei) und zur Grocery (Gemüse, Brot, Milch) zu fahren und uns wieder für zwei Tage einzudecken. Derweil Oli Bloggeschichten schreibt, geniesst Corinne die Zeit zum Lesen. Die Reisepause tut uns ganz gut. Wir merken, dass die vielen Monate unterwegs doch einiges abverlangt haben. All die Eindrücke, die vielen Erlebnisse, die Fahrerei. Oli ist oft müde und verbringt genauso viel Zeit mit seiner Hängematte wie mit seiner Foto- und Blogarbeit.

Für alle, die selber noch nicht so lange und dann auch noch in Afrika gereist sind: Es sind KEINE Ferien, wie meine Mutter immer verstehen möchte. Obwohl dies wohl nicht einfach ist, jemandem zu erzählen, der oder die jeden Tag arbeiten geht, sich stets gestresst fühlt und Ferien das höchste der Gefühle im Jahr sind. Doch wir müssen uns für unser Projekt weder entschuldigen, noch ein schlechtes Gewissen haben. Schlicht und einfach: wir haben es uns wortwörtlich verdient.

Für die dritte Woche hat sich Sacha und Katia angekündigt. Zwei unserer besten Freunde aus der Schweiz sind in Botswana auf ihrer jährlichen Safari Tour. „Also, wenn sie tatsächlich extra hierher kommen, dann bleiben wir selbstverständlich nochmals ein paar Tage. Das wird bestimmt ein herzliches Wiedersehen nach so langer Zeit“, freuen wir uns Beide. Und so wird es auch. Mit den Beiden ist es immer lustig und man kann gut miteinander blödeln, kochen und Geschichten austauschen. Und das Wetter ist für drei Tage traumhaft. Kaum machen sie sich auf den Weg nach Johannesburg zum Flughafen, wird das Wetter wieder wie vorher. Nein, viel schlimmer. Wir erleben mächtigen Hagel, zwischen blauem Himmel gleich auch wieder Regen. Unser Zeitfenster ist nochmals für drei Tage geschlossen.

Mittlerweile hält nur noch ein anderer Campingast die Stellung. Ein älteres Ehepaar. Nach fast drei Wochen grüssen sie uns das erste Mal und wollen mit uns ins Gespräch kommen. „Wir sind aus Urania hier in den Ferien. Das ist ein wunderbarer Ort. Kommt uns doch mal besuchen. Wir haben drei Brauereien, gute Bäckereien und es leben keine Schwarzen dort. Es ist ein Ort, an dem wir die echte Burenkultur leben und uns selber organisieren. Ich bin der Pastor dort und wir haben immer einen Platz frei für Reisende wie Euch.“ lädt er uns ein. Darauf angesprochen, dass wir absolut kein Problem mit Afrikanern hätten, seit fünfzehn Jahren auf dem Kontinent unterwegs sind und den Kontinent mit seinen Menschen lieben, meint er nur, dass es hier halt anders sei. Dann kommt seine Frau und erzählt mir lauthals von wegen Apartheit. Dass würden die Menschen einfach nicht verstehen. Sie würden in ihrer Gemeinde seit hunderten Jahren einfach auf sich schauen und könnten ja nichts dafür, dass die Schwarzen nicht mal eine anständige Grundschule organisieren können. Ich glaube mir wird gerade schwindlig. Hat die Frau dies wirklich gesagt? Ja. Sie bestätigt es nochmals. Ihr letzter echter weisser Präsident De Klerk hätte sie verraten, indem er Wahlen ermöglichte und nach seiner Niederlage die Macht friedlich an Mandela übergeben hätte. Und sowieso, Mandela sei ein Terrorist gewesen, seine Frau hätte Kindersoldaten unterhalten. Naja, so kann man sich seine Welt auch zurechtbiegen. Mandela wurde demokratisch gewählt, De Klerk hat eingesehen, dass die Apartheit Menschenverachtend war, das Land in der Form nicht mehr weiterentwickelt werden kann. Er hat die Machtübergabe konstruktiv organisiert und die Beiden haben gemeinsam dem Friedennobelpreis bekommen. Dafür wird er von vielen weissen Südafrikanern noch heute als Verräter angesehen. Also für uns ist Urania kein Besuch wert. Wir wollen da auch auf Einladung nicht hin. Wir wollen endlich nach Pretoria. Habash schreit förmlich nach einem Service.

 

Das Motorrad Wellness Center, beinharte Typen und keine leichten Mädels
Nun haben wir es also doch noch geschafft. Wir sind bei Ryno in seinem Urall Wellness Center angekommen. Eine kleine Tafel mit der Aufschrift „African Sidecar“ und eine Abzweigung auf einen Waldweg führt uns in den Seitenwagen Himmel. Irgendwo im Nirgendwo, mitten in einer wunderbaren Landschaft steht ein Haus mit Garage und einem Präsentiershop. Russische Embleme und der Ural Schriftzug zieren die Fassade und den gepflasterten Vorplatz. Alles bestens gereinigt und aufgeräumt. Mehrere Maschinen werden zum Kauf angepriesen. Unser erster Ural Händler seit unserer Abfahrt. Nach über 35‘000 Kilometer. Das muss sein. Rynos Mechaniker Ismael freut sich ab unserer Maschine. Jedes Detail wird sogleich begutachtet. Unser selbstgebauter Tank findet er „stark“. AM meisten fasziniert ihn der Seitenwagenantrieb. „Hier in Südafrika gibt es so etwas nicht. Da wir den Seitenwagen auf der rechten Seite haben und das Motorrad das Gleiche ist, geht das nicht. Aber echt verrückt, was ihr das macht.“ Auch Ryno ist begeistert. Natürlich geht es sofort auf Inspektionsfahrt. „Ja, der Habash braucht eine gute Massage. Er läuft etwas unruhig, doch nicht weiter schlimm. Für einen Vergaser ist das eine tolle Maschine“, schwärmt der Seitenwagen Doktor. Beim genauen Hinsehen wird es dann doch etwas mehr als nur eine Massage. Alle Kreuzgelenke müssen gewechselt werden, zwei ganz Räder braucht es neu (die Verzahnungen sind total abgeschliffen), neue Fussrasten, neue Auspuffanlage – die selbst designte South African Proud muss rauf, die Antriebsscheibe ist locker muss ersetzt werden, 4 neue Reifen (inkl. Reserve) und noch einige weitere Kleinigkeiten. Puh. Das sprengt unseren Budgetrahmen vollends. Nachdem Ryno vorrechnet, was wie nach Standard Ural Preise bezahlen müssen, wird das kaum möglich sein. Ganz ehrlich: Die Preise für Ural Teile sind schon bei uns in Europa eine Frechheit. Doch da Ryno unter den Europa Vertrieb fällt, kommen die Preise plus Lieferung und zusätzliche Mehrwertsteuer dazu. Ein Beispiel: Bei einem Motorradhändler in Port Elizabeth bezahlt man für einen Reifen 1280 Rand inklusive Lieferung in Südafrika. Hier soll ich 2600 Rand vor Ort bezahlen. Für den gleichen Reifen. Auf meine Frage, warum er denn die Reifen nicht selber bei Bikegear SA bestelle, meint er nur, dass er mit dem Vertrag gebunden ist. In Kapstadt besitze jemand 10 Maschinen für Taxifahrten und der beziehe die Reifen auch bei Bikegear und nicht mehr bei ihm. Er müsse dies akzeptieren. Das ist so etwas typisch vom Ural Vertrieb Europa, das geht mir echt auf den Geist. Wir können uns auf einen für mich akzeptablen Preis für alle Reparaturen einigen. Ryno bietet uns einen mehr als fairen Preis an. Er fühlt sich mit uns als Langzeit Reisende verbunden. Und wir sind ihm extrem dankbar, dass wir mit 2200 CHF noch einigermassen gimpflich davonkommen.

Die nächsten 4 Tage sind wir täglich in der Werkstatt. Oli macht die kleinen Arbeiten, an denen er nichts kaputt machen kann, Ismael die anspruchsvollen Jobs. Schlussendlich steht da eine frisch revidierte Maschine. Der neue Auspuff glänzt in der Sonne, der Ton um einiges rauher und lauter. Ein Biest.

 

„Füdliblutt go Töffahra?“
Und dann die Einladung von Ryno zum Pangolin Drive. In Südafrika gibt es eine in der Motorradszene bekannte Frauengang. The Tank Girls. Skinny, die Leader ist weitherum bekannt als verrückt und ein Genie auf zwei Rädern. Wo sie auftritt, da staunen selbst die härtesten Rocker Typen. Sie und ihre Gang laden per Facebook zum „Anti Poaching – Anti Pants“ Ride ein. Der Start erfolgt beim Regierungsgebäude in Pretoria und führt durch die Stadt, sowie eine Fahrt ins Grüne nach Hartebeesport. Alle BikerInnen sind herzlich Willkommen. Die Spende am Schluss für das „Pangolin (Schuppentier) Schutzprogramm“ ist freiwillig. Ryno freut sich, dass wir uns entschliessen können mit Unterhosen unterwegs zu sein. Er, seine Frau und wir würden Ural gut vertreten. Doch zuerst werden wir von ihm und seiner Frau Alfa zum Nachtessen eingeladen, wo wir einen wunderbaren Abend mit herzlichen Gastgebern verbringen dürfen.

08:00 Uhr. Pretoria. Regierungsgebäude. Es ist frisch heute Morgen. Zum Glück hatten wir bei der Fahrt von unserem Campingplatz bei Hartebeesport bis hier die Hosen noch an. Doch nachdem wir sehen, dass wirklich alle in Unterhosen rumstehen und auf die Eröffnung warten, fällt es uns auch leichter die Hosen auszuziehen. Naja, es ist kein Wahnsinnsanblick. Beinharte Typen mit untrainierten Beine. Weiss wie Schnee. Die scheine schon lange keine Sonne mehr gesehen zu haben. Die Beine. Und aber auch attraktive Beine. Scheu vorbeigucken sei erlaubt.
Es ist eine total entspannt und lockere Atmosphäre. Einzig Skinny wirkt etwas nervös, als sie das Treffen eröffnet. „Ehrlicherweise dachte ich, dass höchstens zwanzig Leute so etwas mitmachen würden. Doch hier sind über hundert Biker. Das ist ja der Hammer!“ Ab geht’s auf die Strasse.
Ihr hättet die Gesichter der Menschen in der Stadt sehen sollen. Es donnert und röhrt. Alle bleiben stehen und drehen sich um. Dann kommt eine kleine Lawine von Feuerstühlen. Und die FahrerInnen sind halbnackt. Staunen. Winken. Lachen.

Zweimal machen wir Halt bei einem Café. Es ist die Chance um sich gegenseitig kennenzulernen und zu tratschen. Vom wilden Rocker über verrückte Hippies, den Gentlemen Drivers bis zur sportlichen Rennfahrerin sind so ziemlich alle Motorradgattungen vertreten. Viele Leute können kaum glauben, dass wir extra aus der Schweiz angereist sind. Klar. Wir erleben einen verrückten Tag, gewinnen viele Freunde und erhalten noch mehr Tipps für unsere Weiterreise. Clarens, Golden Gate Nationalpark, Natal, Sani Pass, Lesotho, die Hel, Swartbergpass und unbedingt bei Ronnies Sex Shop reinschauen. Klingt alles spannend. Uns zieht es zuerst nach Südosten nach Clarens und Golden Gate.

Vielen Dank an Skinny, die Tank Girls und genauso an Ryno.
Wir werden die verrückten Tage bei Euch niemals vergessen!