Geschafft – Haghuri wird afrikanisch!


„Sie schon wieder? Was haben sie denn verbrochen, dass sie ständig bei uns aufkreuzen?“. Der Polizist mit dem dicken, goldenen Balken als Abzeichen auf der Schulter scherzt. Er bewacht den Haupteingang der Polizeibehörde von Kasane in Botswana. Und da laufe ich seit zwei Tagen ein und aus. Die Anfrage, ob unser Fahrzeug bei Interpol als gestohlen gemeldet wurde, steht noch aus. Aber keine Angst, uns wurde nichts gestohlen, sondern es sieht so aus, als würden wir es nach vielen Jahren endlich schaffen, unseren Landcruiser „Haghuri“ in Botswana importieren zu können. Auf völlig legale Weise. Mit Importpapieren und allem drum herum. Schon als wir unser Fahrzeug im Frühjahr 2017 hier abstellen wollten, haben wir es versucht. Es hatte nicht sein sollen. Für uns wäre dies eine Erleichterung.

Jedes Fahrzeug mit fremden Nummernschild, das hierher gefahren oder verschifft wurde, muss entweder ins Land importiert werden oder kann mit einem temporären Zollpapier für eine befristete Zeit gefahren werden. Dies hilft Reisenden, wenn sie unterwegs sind, damit sie nicht in jedem Land das Fahrzeug exportieren und importieren müssen. Dieses Zollpapier ist vom internationalen Fahrzeugverband herausgegeben und wird fast überall auf der Welt akzeptiert.

Es ist jedoch nur auf ein Jahr gültig, danach muss man ein neues beantragen um weiterreisen zu können. Diese jährliche Erneuerung des Carnet de Passage, dem Reisepass fürs Fahrzeug, ist immer so eine Sache. Man muss das auslaufende Carnet beim Verlassen eines Landes am Zoll abstempeln und das neue Carnet beim Eintritt in ein neues Land einstempeln. Danach sendet man das abgelaufene Dokument zurück an den Automobilclub. Hört sich einfach an. Ist in der Praxis je nachdem ziemlich aufwendig. Vor allem, wenn man das Fahrzeug im südlichen Afrika stehen lässt und nur ein bis zweimal im Jahr benutzt. So wie es viele tun.

Im südlichen Afrika gibt es eine grosse Zollunion zu der Südafrika, Botswana und Namibia gehören. Dies bedeutet, dass man aus der Zollunion rausfahren muss und in einem der umliegenden Länder das neue Carnet einstempeln muss.

Beispiel: Wir haben das Auto in Botswana untergestellt. Damit das Fahrzeug für ein weiteres Jahr gültige Zollpapiere hat, ist das Ausstempeln des alten Dokuments in der Zollunion an der Grenze nötig. Jedoch stempeln die das neue Dokument nicht einfach wieder ein. Sondern man muss mit dem Fahrzeug nach Sambia rein und bekommt den Stempel auf das neue Dokument. Wenn ich es nun aber wieder in Botswana zurückhaben will, um es unterzustellen, muss ich normalerweise einen Tag warten und den gleichen Prozess in umgekehrter Reihenfolge und mit dem neuen Dokument wiederholen. Dann hat das Fahrzeug für ein Jahr wieder gültige Papiere und ist im System als temporäres Vehikel registriert. Mit einem abgelaufenen Carnet de Passage rumzufahren, kann böse enden. Da verstehen sie in der Zollunion keinen Spass mehr. Beschlagnahmung und Verschrottung oder vollstreckte Verschiffung für horrendes Geld. Dazu kommt eine saftige Busse und eventuell sogar einen fünfjährigen Bann für die Länder der Zollunion.

Ist man um das Ablaufdatum des Zollpapiers selber vor Ort und auf Reise, ist das kein Problem. Jedoch haben tausende von Menschen aus der ganzen Welt ihre Fahrzeuge hier irgendwo untergestellt und kommen oft nur ein bis zweimal im Jahr. Passt dann das Datum nicht genau, dann wird die Erneuerung aufwendig. Und es kostet natürlich alles auch Geld. In der Zeit, in der wir nicht hier sein konnten, hatten wir das Glück, dass unser Freund DT aus Botswana den Carnet Service machte. Die Kosten für diesen Service mit den Strassenverkehrsgebühren, Versicherungen in beiden Ländern, Carnet Dokument Kosten und der Versand per DHL, kumulieren sich jährlich auf die 700 USD. Dazu kommt das Unterbringen oder Storen des Fahrzeugs mit ca. 600  USD pro Jahr. Sollten wir es dieses Mal schaffen, das Auto in Botswana importieren zu können, würden einige Kosten wegfallen und wir bekommen das hinterlegte Depot von ein paar tausend Schweizer Franken zurück. Dies wäre ein nächster Schritt für unseren Plan. Let´s do it.

 

Haghuri bekommt einen botsuanischen Pass
Nachdem wir beim Einreisen in Botswana problemlos wieder ein 90 Tage Visum erhalten haben, sind wir erleichtert. Das gibt uns eine kleine Verschnaufpause. Unser Lieblings Campingplatz Nr. 3 in der Chobe Safari Lodge ist auch frei, Glück gehabt. Die Security freut sich uns wieder zu sehen. Denn sie sind es, die das Platzmanagement im Griff haben. Es ist hier eine etwas komplizierte Angelegenheit. Meldet man sich an der Rezeption und möchte einen Campingplatz für mehrere Tage mieten, wird‘s kompliziert. Die leben hier das Motto first come, first serve. Ohne Witz, auch wenn du schon Gast bist und das Glück hast drei Tage einen Platz zu bekommen, kannst du den nicht einfach verlängern, sondern du musst einfach jeden Tag frühmorgens der Erste an der Rezeption sein. Das ist umständlich. Wenn du aber nett zu den Security Typen bist und sie dich schon etwas kennen, organisieren sie dir den Platz und melden es auf ihrer täglichen Besetzliste der Rezeption. Auf jeden Fall sind wir wieder hier, mit einem tollen Blick auf den Chobe River. Wir wollen unser Auto importieren. Unser Freund Werni hat uns vor einigen Wochen schon Emails geschickt, bei dem es einem Australier gelungen ist, genau dies zu tun. Ein Hindernis könnte eventuell sein, dass unser Fahrzeug linksgesteuert ist. In Südafrika und Namibia ist dies ein absolutes No Go für einen Import. Anscheinend soll es hier aber möglich sein, meint DT, der uns gerade besucht. Wir ziehen los.

Bei der Aussenstelle von BURS weist uns ein Inspektor darauf hin, dass wir verschiedenste Papiere benötigen um den Prozess überhaupt zu starten. Ein Schreiben der Strassenverkehrskontrolle der Schweiz, dass dort unser Fahrzeug nicht mehr mit einer Nummer registriert ist. Und ein Schreiben vom Automobilclub der Schweiz und der FIA, dass wir das Fahrzeug importieren dürfen. Beides ist nicht so einfach zu bekommen. Würden wir noch mit einer offiziellen Nummer aus der Schweiz rumfahren, müsste man diese zurückschicken und alles stornieren lassen, im Unwissen, ob es mit dem Import denn überhaupt klappt. Und das Schreiben vom Automobilclub ist nicht offiziell, sondern ein Service oder Goodwil, den sie mit der FIA organisieren müssen. Wir haben Glück. Die Frau vom Strassenverkehrsamt meint, dass unser Fahrzeug seit 2012 abgemeldet sei. Auf die Frage wieso wir dann jedes Jahr für das Depot der Nummer Geld bezahlen mussten, weiss sie keine Antwort. Dafür bekommen wir umgehend eine offizielle Abmeldebestätigung. Und das ging ruckzuck. Ebenso vom Automobilclub der Schweiz. Innerhalb von drei Stunden haben wir alle Dokumente mit Stempel und in Übersetzung bereit. So machen wir uns am nächsten Morgen auf zum Generalinspektor der BURS. Er guckt sich die Dokumente genau an, macht eine Telefongespräch und meint dann: „Wieso nicht? Sie lieben Botswana? Wir lieben sie. Geht zum Zoll und dort könnt ihr alles erledigen. Bei Problemen sollen sie mich anrufen.“ Wir schleichen uns aus seinem Büro und halten uns mit einem Freudenschrei zurück, bis wir im Auto sitzen und uns fünfhundert Meter entfernt haben.

Molly, die offizielle Agentin für Importe in Kazungula bereitet alles vor. Ein Inspektor betrachtet den Wagen und will den Fahrzeugwert hochsetzen. Auf 8´000 USD. „Werter Herr Inspektor, das ist nicht erlaubt. Der offizielle Wert im Carnet liegt bei 3000. Und bei der alten Kiste, wir müssen doch jedes Jahr Reparaturen machen.“ Oli gibt alles. Er versucht den Wert sogar bei 2000 anzusetzen. „Naja. Das Fahrzeug sieht schon gut aus. Also 2000 USD ist in jedem Fall zu tief. Meinetwegen, lassen wir es bei 3000 und niemand hat Ärger“, meint der gutmütige Herr.

Das ist der Startschuss. Alles in allem bezahlen wir 1200 USD für den Import am Zoll. Dass Molly dabei auf einem Formular einen Fehler bei der Chassis Nummer macht und wir so dreimal bei der Polizei und zweimal beim Strassenverkehrsamt in Kasane vorbeimüssen, darüber ärgern wir uns nicht.

Natürlich war es nicht toll, bei der Vergabe der Disk und dem Drucken der neuen Dokumente stundenlang rumzusitzen. Und der Schalter dann plötzlich zu ist. Neuer Tag, neues Glück. Es startet wie es am vorherigen Tag zu Ende ging. Mit Warten. Als ich dann endlich drankomme und das Internet lahmliegt und sie unser Fahrzeug nicht als importiert verifizieren können, bleibe ich ruhig. Ohm. Fast alles geschafft, doch die Fahrzeugprüfung steht noch an. Endlich findet der Fahrzeuginspektor zurück in sein Büro. Eine halbe Stunde vor Feierabend. Doch er kommt sofort mit auf Probefahrt. Die geht genau hundert Meter und einmal um den Kreisel der Chobe Safari Lodge. Konzentriertes Pokerface. Keine Bemerkung von wegen links gesteuert. Dann meint er trocken: „Dieses Fahrzeug ist ein Traum von mir. Und es ist so gut gewartet. Keine Beanstandungen.“ Dass da gerade etwas Öl runtergetropft hat, übersieht er grosszügig. Jetzt nur noch alles bezahlen und tatsächlich, kurz vor Feierabend sind alle Papiere perfekt. Wir wohnen offiziell bei unserer Freundin in Maun und haben so eine gültige Adresse. Fürs Nummernschild müssen wir jedoch zu einem Plakatmacher um die Ecke. Der druckt ebenso Nummernschilder. Einer der beim Choppies herumlungernden Jungs hilft uns und ruft ihn an. Er kommt für ein paar zusätzliche Pulas extra aus seinem Feierabend zurück. *B 704 BLI*

Wir haben es tatsächlich geschafft. Ein weiterer Schritt ist gemacht.

 

Timecheck – Zurück nach Namibia 
„Was heisst, der Zeitplan ist nicht klar? Du sagst es gibt ein Schiff für um die 2400 USD und mit unsere Flugkosten, sind wir dann bei 3000 USD. Ghana oder Togo? Beides für uns ok. Und die Abfahrt Mitte Dezember ist wohl ok, aber nicht sicher. Aha…es kommt auf die Beladung an. Eventuell 30 Tage auf See?“ Puh. Duncan versucht wirklich alles, doch der ganze Stress nach Kapstadt und wenn dann doch kein Schiff ausläuft, ist und bleibt ein Risiko. An alle Häfen der Welt reisen Frachter hin. Ausser nach Westafrika wie es scheint. Duncan erklärt uns, dass dies keine vielbefahrene Route sei. Mindestens nicht innerhalb von Afrika. Der Binnenhandel südliches zu westliches Afrika hält sich stark in Grenzen. Alle die Länder handeln mit Europa, Amerika oder China. Innerhalb Afrika scheint es gar nicht so viel zu geben, was sich zu handeln lohnt. Duncans Abklärungen, ob wir vielleicht auch von Angola aus verschiffen können, verlaufen im Sand. Keine Antworten, auch nicht bei direkten Kontakten am Hafen. Angola ist vor allem ein Importland. Und die Preise in Luanda sind so horrend, das lässt sich mit fast keinem anderen Hafen der Welt vergleichen. Es kommt so am Schluss genauso, wie es kommen muss. Noch treffen wir keinen anderen Entscheid, als nach Windhoek zu gehen und das Visum für Ghana zu beantragen. Es ist Anfang November.

 

Folge deinem Stern – Teile Freude mit Freunden
Gerade hat unser Freund Werner uns eine Nachricht gesendet. Er sei gerade am Okavango Fluss mit seiner Freundin Christine und sie würden ein paar Tage auspannen, gut essen und den Krokodilen zuschauen. Ob wir in der Nähe sind. Vermerkt mit einem lachenden Smiley.  Wohlverstanden, wir haben seit über einem Jahr versucht, miteinander abzumachen. Doch entweder ist Werner in seiner zweiten Heimat in Deutschland und arbeitet dort als Neandertaler. Kein Witz, er ist Europas einziger professioneller Steinzeit Pädagoge und lebt in einem lebenden Museum in Ditmarschen in Norddeutschland. Und das andere halbe Jahr ist er in seiner Heimat Namibia. Hier hat er die verschiedenen lebenden Museen gegründet und den Buschmännern, den Damaras oder den Mafues ihre alte Kultur zurückgebracht und die Menschen für die eigenen Museen ausgebildet. So haben es die verschiedenen Stämme geschafft, ihre Kultur zu erhalten, ein selbstständiges Tourismusprojekt zu gestalten und vom ganzen Reiseboom in Namibia mit zu profitieren. Werner und wir sind Freunde seit vielen Jahren. Immer wieder haben wir unterwegs über Facebook gesehen, was er gerade so unternimmt. Auftritte im Fernsehen, sogar war einmal Gast in einer Unterhaltungsshow und vieles mehr.

Bestens kann ich mich noch erinnern, als wir im 2013 zusammen auf einer Wildnis Tour in Namibia waren. Am Lagerfeuer in den Erongo Bergen haben wir philosophiert. Und wie. Auf den grossen Felsen sitzend, mit einem fantastischen Weitblick über das Damaraland. Der Himmel glasklar, die Sonne am Sinken und der Brandberg und die Spitzkoppe leuchten orange am Horizont. Jeder von uns hat einen grossen Becher Wein in der einen Hand, in der anderen einen Stock mit Fleischstücken daran, die wir über der Hitze des Feuers braten. Werner „the withe bushman“, wie er in Namibia genannt wird, hatte die Idee, ein lebendes Museum für Steinzeit Themen in Deutschland zu gestalten. Doch ob man davon leben kann und sich überhaupt jemand dafür interessiert, davon hatten wir beide nur eine vage Vorstellung. „Ich mag mich gut erinnern, als ich als Schüler in der vierten Klasse mit meinem Lehrer Herr Foppa auf eine Schulreise ging und Versteinerungen suchen musste. Er war so begeistert und hatte in meiner Heimatstadt ein kleines Museum für Steinzeit betrieben. Doch irgendwie hat das uns Jungs nicht so vom Hocker gerissen“, das meine Erinnerung an den Homo Erectus und die Steinzeit. Doch Werner will Bogenschiessen, Feuer machen, Angeltechniken, gerben von Fellen erlebnisorientiert anbieten. „Die Menschen müssen Spass bekommen an der Geschichte. Nur wenn sie lebendig ist, ist sie interessant“, so seine Überzeugung. „Und ich mache mich selbstständig als Berater für Change Management und Inspiration. Und ich reise weiter in Afrika. Vorträge und Touren, waren auch meine nur vagen Vorstellungen meiner Zukunft. Und in ein paar Jahren gehe ich dann wieder selber auf eine grosse Reise. Und beim nächsten Mal schaffen Corinne und ich es einmal rund um Afrika“, so meine sehr vagen Vorstellungen der Zukunft. Der Wein war alle und wir beide haben grossen Respekt vor dem Kopfweh am nächsten Morgen. Grosse Pläne und viel Wein. Wenn das nur gut kommt in der Zukunft. Über die Jahre haben wir uns immer wieder in Deutschland, der Schweiz oder in Afrika getroffen. Und jedes Mal haben wir uns gerne an der Abend im Erongo erinnert und besprochen, wie und ob wir unseren Zielen näher gekommen sind.

Sieben Jahre sind vergangen. Corinne und ich sind wieder auf Reise und Werner macht gerade Erholungsurlaub von seinem stressigen Neandertaler Leben. Und wie das Leben so spielt, lediglich ein paar hundert Kilometer entfernt, sitzen unsere Freunde in der Wildnis. Bestimmt hat Werner das Lagerfeuer mit seinen Stöckchen schon angezündet, das Kudu Fell als Picnic Decke ausgebreitet und ein herrliches Stew schmort im Potjie. Werner und Christine, wir kommen. Über zwei Jahre haben wir uns nicht mehr gesehen. Und jetzt kommen wir mal ganz spontan im Busch auf Besuch. Gleich um die Ecke. Herrlich.

Es wird ein herzliches Wiedersehen. Wir alle haben uns viel zu erzählen. Wieder sitzen wir am Feuer, mit einem Blick auf den Fluss, auf der anderen Seite weiden Antilopen und ein Krokodil wartet halb versteckt im Wasser auf Beute. Und der Rückblick mit Wein. Alle Ziele erreicht. Werner‘s Museumsteil in Deutschland strahlt ins ganze deutschsprechende Europa, er ist ebenso gefragter Gast und Lehrer in Frankreich, Norwegen, Schweden. Und wir haben einen Teil mit Business, Vorträgen und Ausstellungen hinter uns und sind mitten in unserer Reise durch Afrika. Es klingt unglaublich philosophisch, doch wenn man seine Pläne mit einem eindrücklichen Erlebnis verankert (wie im 2013) und sich immer wieder daran erinnert, fällt das Verfolgen der gemachten Ziele einfach. Keiner von uns hat die letzten Jahre als stressvoll oder unglaublich hart empfunden. Wir sind einfach unserem Stern gefolgt. Immer im Flow. Denn das Beste im Leben ist immer der Moment. Und der Rückblick am Lagerfeuer. Mit einem Glas Wein in der Hand. Kopfweh morgen früh – egal!

 

City Golf Safari
„Oli, kannst du nicht bitte mit dem Stuhl etwas nach vorne rutschen. Meine Beine haben keinen Platz.“ „Aha, das sind deine Knie in meinem Rücken. Wenig geht noch, aber dann habe ich meine Knie am Armaturenbrett“. Geschafft. Alle drin. Wir gehen auf Safari im Bwata Nationalpark.
Da es auf dem Motorrad zu viert noch enger geworden wäre, haben wir auf Werners City Golf 1.4i gesetzt. Diese Volkswagen Fahrzeuge sehen aus wie die ersten Golf Dinger bei uns. Eckig, untermotorisiert und kaum totzukriegen. Sie sind in Namibia noch immer der Renner und wurden im südlichen Afrika bis vor wenige Jahre noch gebaut. Es ist im Busch noch immer  ein Statussymbol. „Wer braucht denn schon 4×4, wenn er einen City Golf hat“, sagen die Einheimischen nicht ohne Stolz. Wir machen mit unserem profilierten Safari Guide Werner eine Tagestour. Die offenen Fenster vermögen die produzierte Nestwärme im Auto nicht zu kühlen. Es ist drückend heiss, Pausen sind überlebensnotwendig. Die Tiere stehen neben uns auf der Weide und es scheint, als würden sich sie sich schlapp lachen über die Sardinen in ihrer Blechbüchse. Und erst die Giraffen. Die kommen näher, anstatt dass sie wegrennen. Es wird ein lustiger Tag voller Unterhaltung für die Tierwelt. Und etwas haben wir festgestellt: Willst du Tiere nicht erschrecken, musst du dich im City Golf verstecken.

Nach drei Tagen reisen wir alle weiter. Werner im Seitenwagen. Ein paar Kilometer driften wir auf den Sandstrassen bis nach Divundu, wo sich unsere Wege bis zum nächsten Lagerfeuer Gespräch trennen. Wir reisen entlang dem Caprivi über Rundu nach Grootfontein. Ein Besuch beim kurrligen Mäuser steht an.

 

Knotenbleche für die russische Rakete
„Das einzige was wirklich hält, sind Knotenbleche. Als gelernter Flugzeugmechaniker weiss ich das ganz genau. Das wird auch eure russische Rakete zum Fliegen bringen. Oder mindestens hält dann eure Konstruktion wieder. Da hinten ist die Werkstatt. Und mach es genau. Ich muss mich jetzt wieder um mein Gemüse kümmern. Corinne, kommst du mit?“, sagt der Mäuser in seinem charmant-pragmatischen Ton und trottet davon.

Dieser Typ ist eine echte Nummer in Namibia. Ein rauher, untersetzter Typ mit weissen Haaren, Schnurrbart und etwas zuviel Steaks auf den Rippen. Aber mit einer weichen Schale. Ein echtes Unikum. Vor über dreissig Jahre hat er afrikanischen Boden betreten. Er ist einer, der anpackt. Hier im trockenen Land hat er bei Grootfontein eine riesige Gemüsefarm aufgebaut. Spargel ist sein Ding. Im ganzen Land kennt man die Produkte der Farm Tigerquelle. Viele hochstehende Lodges kaufen das Gemüse direkt bei ihm ein und lassen es sich per Kurier liefern.

Der Name der Farm passt irgendwie perfekt zum Ort. Natürlich gibt es keine Tiger in Afrika. Doch Tiger wird in der Afrikaans Sprache für Leopard verwendet. Als die deutschen Schutztruppen hier ihren Offiziersstandort an einem Ort mit einer ergiebigen Wasserquelle gebaut haben, wurden sie von den Einheimischen vor den Tigern gewarnt. Die Deutschen hatten zu dem Zeitpunkt keine Ahnung, dass es in Afrika keine davon gibt, doch der Name Tigerquelle war geboren. Mäuser, so nennen ihn alle, hat das ehemalige Offiziersgebäude der deutschen Schutztruppen aus dem frühen 19. Jahrhundert renoviert und ein wunderschönes Gästehaus mit Camping Möglichkeiten daraus gemacht. Vor allem der Garten mit dem grössten und ältesten Pool Namibias hat es in sich. Die Anlage mit Sprungturm versprüht noch heute den Charme vergangener Zeiten. Und noch immer läuft das Wasser direkt aus dem Boden in das Becken und der Überlauf wird zur Bewässerung seiner Gemüsefarm genutzt. Wie vor über hundert Jahren. Und bei aktuellen Temperaturen von um die vierzig Grad ist das kühle Nass die Rettung.

Kochen ist Mäusers grosse Leidenschaft. Oryx Antilopensteak, frische Spargeln, selbst gemachte Saucen, herrlich erfrischendes Tzatziki, Tomatenrezepte und vieles, vieles mehr deckt die Tafel. Gegessen wir im ehemaligen Speisesaal der Schutztruppen. Allein deswegen lohnt sich der Besuch hier. Gespannt lauschen wir seinen Geschichten und Erlebnissen. Im ersten Moment könnte man wohl denken, er fühle sich nicht so wohl in Afrika. Es sind nicht nur Lobeshymnen an Afrika, die er vorträgt. Doch wer ihn und seine Geschichte kennt, weiss es besser. Er kümmert sich seit vielen Jahren um die Menschen in der Gegend. Viele Menschen aus ärmsten Verhältnissen haben bei ihm einen Beruf gelernt und arbeiten auf der Farm. Seine ArbeiterInnen haben ein ausgeprägt herzliches Verhältnis untereinander und zu ihrem Chef. Seine manchmal ruppige Art macht ihn sehr sympathisch. Der schrullige Mäuser ist halt eben Mäuser. Und das ist gut so.

„Hast du es geschafft? Nichts kaputt gemacht oder ausgeleert?“ fragt er mich mit einem schelmischen Lächeln. Nur zu gut mag er sich an unsere letzte Begegnung vor drei Jahren erinnern, als ich den Tank unseres Autos reparieren wollte und er mich instruiert hat. Mit dem Ergebnis, dass sich 160 Liter Diesel vor seinem Eingang zum Haus und dem Abholtheke für das Gemüse entleert haben und sich seine Kunden über den eigenartigen Geruch gewundert haben.   Die Kontrolle meiner Werkstattarbeit folgt. „Kann man gelten lassen. Nicht perfekt, doch für eine solche Kiste wie ihr sie fährt, reicht das aus.“ Das ist der typische Mäuser Charme. Ach, wir lieben diesen Kerl. Nach einer weiteren Stunde ist Habash wieder bereit für neue Holperpisten. Erinnerungsfoto mit Mäuser? „Sicher nicht. Ich will nicht berühmt werden. Es reicht, dass ihr mich immer wieder mal besucht.“ Sagt er und läuft schnurstracks in die Küche. Es muss noch Mayonnaise für das Abendessen gemacht werden.

 

Die nächste Eiszeit ist da
In den drei Tagen auf der Tigerquelle haben wir uns schlau gemacht. Das Ghana Visum ist kein Problem in Windhoek. Man erwartet uns. In einem Tag ist es fertig. Oli hat sich auch informiert. Die beiden Kongo Visas und Angola würden wir auch problemlos bekommen. Einfach so, als Alternative, wie er zu sagen pflegt. Doch irgendetwas sagt mir, dass da bei Oli mehr dahinter ist. Vor der Abfahrt rückt er damit raus.

„Corinne, mein Bauch sagt mir, dass wir einen falschen Entscheid getroffen haben. Unser grosser Plan war es, einmal rund um Afrika zu reisen. Das haben wir vor fast zehn Jahren schon einmal versucht und mussten abbrechen. Und jetzt rennen wir wieder davon. Ich weiss, es ist alles logisch und nachvollziehbar mit Regenzeit, Verschiffung und so. Und dass wir ein Schiff finden, steht in den Sternen. Ich finde es einfach wahnsinnig, dreitausend Kilometer von hier nach Kapstadt zu fahren und dann kein Schiff zu haben. Das Geld können wir uns sparen. Und sowieso, am Geld liegt es ja nicht. Wir haben das Budget mehrmals gerechnet. Das würde aufgehen. Eher liegt es an deiner möglichen Langeweile. Dann gehen wir halt über die Regenzeit arbeiten. Als Volunteers. Du schuftest und ich schreibe Geschichten aus Afrika. Wir sollten besser ein Plan machen, wie wir bis Ende April in Namibia oder Botswana bleiben können.“

„Als Volunteers sind wir doch zu alt. Das ist etwas für junge Leute. Und überhaupt, wir haben doch einen Plan gemacht. Warum jetzt wieder alles auf den Kopf stellen?“ Corinne ist sichtlich genervt.

Es folgt die Eiszeit. Das einzige Geräusch auf den vielen hundert Kilometer über Nebenstrassen nach Hochfeld, ist der monotone Klang des Motors. Keine Pausen. Alles scheint wieder auf 0 zu stehen. Plan oder kein Plan? Ach, wer weiss das schon so genau…