Himba Tour 1/2 – Reisen in Zeiten von Covid19


„Nur noch ein paar Level und euer König ist bereit.“
Und es ist nicht einmal gelogen oder geblufft. Denn vor uns sitzt ein echter König. Seine Finger flitzen über den kleinen Bildschirm seines Smartphones. Dabei müssen virtuelle Süssigkeiten wie Lollipops oder Schokoladentorten zusammengereiht und gecrasht werden. Und das in kürzester Zeit. Der King sammelt so Punkt um Punkt. Candy Crash – ein richtiges Suchtspiel. Und nur wenige sind in Namibia soweit gekommen wie Uwe. Ein guter Tag ist nur ein Tag mit geschafften Levels. Seit über zwei Jahren hat er ein beachtliches Ergebnis erkämpft. Sein Score liegt aktuell bei Level 1750. Und da aktuell wegen der Corona Krise keine Touristen mehr im Land sind, bleibt für einen selbstständigen Guide in Namibia viel Zeit.

Uwe, der Himba König, sitzt auf der mit Canvas Stoff gepolsterten Bank im Bwanapolis Gästehaus und ist gerade in seinem (über)lebenswichtigen Zeitvertrieb versunken. Sieht man ihn so spielend, mit einer Kippe zwischen den Fingern, dem Kaffee am Morgen oder dem Gin Tonic am Abend, man mag sich kaum vorzustellen, dass da in Wahrheit ein echter König vor einem sitzt. Er hat wohl eine der speziellsten Lebensgeschichten aller hier in Namibia gestrandeten Deutschen. Himba Uwe wird er genannt. Er ist weitherum bekannt, als der Mensch, der mit einer traditionellen Himba Frau verheiratet ist und für einige Jahre in einem Gral im Kaokoveld gelebt hat. Als einziger Weisser überhaupt wurde er im Mai 2001 am heiligen Feuer vom grossen Häuptling Katchira adoptiert und in die Familie dieses Naturvolkes aufgenommen. Der höchste Status bei den Himbas ist der Häuptling. Doch dies ist nur einem als Himba geborenen Mann zugänglich. So wurde Uwe bei einem grossen Familienfest und mit der Schlachtung eines heiligen Rindes zum König ernannt. Das ist die höchste Ehre für jemanden, der von aussen kommt. Der König wird von allen geachtet. Auch von den verschiedenen Häuptlingen. Himba Uwe kennt die Kultur von einem der letzten echten Naturstämme wie kein anderer. Durch eine jahrelange Freundschaft mit ihm, finden wir in der aktuellen Situation endlich die Zeit und Möglichkeiten, auf eine gemeinsame Abenteuer Tour zu gehen. Wir freuen uns, seine persönliche Geschichte und das Leben der Himbas hautnah erleben zu dürfen.

Gemeinsam machen wir uns auf eine Reise durch den wilden Westen Namibias, bis hoch ins entfernte Kaokoland. Seine traditionelle Familie in Epupa freut sich auf unseren Besuch. Wir wollen das Leben der Himbas fernab der Touristenströme erleben. Zudem interessiert uns, wie die Menschen entlang unserer fast 3000 km langen Reise durch die Wildnis mit der aktuellen Situation um Corona umgehen. Auf uns wartet eine einzigartige Reise, mit einem echten König im Huckepack. Let´s go wild.

 

Auf der Farm läuft alles bestens   
Bevor wir uns auf den Weg machen, organisieren wir die Arbeit auf der Wildnis Farm. Seit zwei Wochen sind die Arbeiter nach dem Lockdown zurück. Die Stimmung und der Einsatz sind erfreulich. Gerade für Funa war es schon belastend, über zwei Monate zu Hause zu sein und keine Arbeit zu haben. Doch wir erfahren ebenso, dass es vor allem das fehlende Geld war, welches sie wieder zurückgetrieben hat. Denn ihr Lohn ist meistens nach wenigen Tagen weg. Sie haben schlicht nie gelernt mit Geld sorgfältig umzugehen. Kaum haben sie Geld, wird Party gemacht. Und wenn keine Party möglich ist, wie aktuell im Lockdown, dann will die Frau, Freundin oder Familienmitglieder auch etwas vom Geld haben. Oder die Nachbarn im Township kommen vorbei und betteln, weil sie genau wissen, wer einen Job und Einkommen im Quartier hat. Das erzählen sie uns mit einem Lächeln. Dass sie im Lockdown nur einen Bruchteil des Lohns ausbezahlt bekommen haben, machte die Situation nicht einfacher. Mit dem bisschen Geld, das nach ein paar Tagen noch geblieben ist, haben sie Nahrungsrationen für die Familie eingekauft. Und als alles weg war, wollten sie unbedingt wieder zurück auf die Farm. Da sei es eben schon viel einfacher. Im kleinen Farmladen können sie auf Kredit und mit Rabatt einkaufen. Wir sorgen dafür, dass immer genügend Maismehl, Zucker, Tabak, Tomatensauce und Recharge für das Mobiltelefon vorhanden ist. Die Freundin, Frau oder Familie leben nicht hier und fordernde Nachbarn gibt es auch keine. Dazu kommt, dass das Leben im Township in Hütten aus Metall, ohne fliessendem Wasser, ohne eigener Toilette und mit Nachbarn die ständig betteln, kein Zuckerschlecken ist. Das einfache Leben auf der Farm mit eigenem Zimmer im Farmhaus, fliessend Wasser, heisser Dusche und täglichen Mahlzeiten erscheinen wie ein Luxusleben. Man spürt es ihnen an, dass sie froh sind, zurück zu sein. Der Einsatz in den ersten Wochen nach ihrer Rückkehr ist vorbildlich. Der Kanal für das neue Camp ist fertig. Kein Murren, keine Reklamationen, einfach gute Arbeit. Jeremia, der Vorarbeiter hat die Leute im Griff. Gemeinsam legen wir die Arbeitsziele fest, erstellen eine Shop Einkaufsliste, berechnen den Bedarf an Diesel für den Traktor und die Menge an Kraftfutter für die Zuchtantilopen. Bevor wir auf unsere Tour gehen, füllen wir alles auf, damit sie dann die nächsten vier Wochen ohne Supervision gerüstet sind. Wir denken, sie freuen sich darauf. Endlich müssen sie dann nicht wieder auf die Minute mit der Arbeit beginnen. Das sei ihnen vergönnt, sofern sie die Arbeitsziele erreichen.

Für uns ist es wieder an der Zeit, auf Entdeckungstour zu gehen. Der Lockdown hat eine neue Stufe erreicht, was bedeutet, dass wir uns im Land frei bewegen können. Das wollen wir nutzen. Und so starten wir unsere Königstour mit Himba Uwe.

 

LEVEL 1758

Auf zur Himba Tour – Das afrikanische Matterhorn wartet
Uwe hat sich telefonisch gemeldet. Er ist bereit für die Tour. Wir brauchen jedoch noch zwei Tage auf der Farm. Wir verwandeln den Farm Pickup von einem Zweisitzer in einen Dreisitzer. Jemand von uns wird das Vergnügen haben, die namibische Wildnis sitzend, liegend oder stehend und mit viel Fahrtwind zu erleben. Mit Hilfe von zwei Arbeitern verwandeln wir eine Plane in ein Canopy-Verdeck. Unsere Metallkiste mit den Essensvorräten, die Thermokiste für die verderblichen Sachen und zwei Benzinkanister befestigen wir mit Kabelbindern und Schnüren. In Windhoek kaufen wir beim Campingausrüster Antirutschmatten, damit die Kisten beim Offroad fahren nicht ständig hin und her rutschen. Dazu packen wir Zelte, Tische, Stühle, Gaskocher, Sitzmatten für den Erlebnissitz auf die Ladefläche sowie Essensrationen für Uwes Familie. Die Maismehlsäcke dienen dann gleich auch als komfortable Rückenlehne. Uwe sichert sich in der Zwischenzeit einen Level Vorsprung: 1758. „Das reicht für die nächsten zwei Tage“, meint er schmunzelnd. Wir ziehen los.

Unser erstes Ziel ist das afrikanische Matterhorn. Die Spitzkoppe. Es ist einer der touristischen Hotspots. Normalerweise ist dort viel los. Doch fast alle Touristen wurden schon mit Repatriierungsflügen in ihre Heimat gebracht. Nur noch wenige Touristen sind im Land verblieben. Zum Start unserer Tour sind es zwar erst 28 bestätigte Fälle, doch das Virus ist in aller Munde. Nun, für uns ist es die Chance, dieses wunderbare Gebiet ohne Touristen zu erleben. Natürlich darf ein Kaffeestop in Wilhelmstal bei Kwetu Leckereien nicht fehlen. Es ist der Ort, wo wir letztes Jahr auf der Wurst- und Käsefarm gearbeitet haben. Es nimmt uns Wunder, wie es dort nun aussieht. Zwei grosse Schilder und Fahnen an der Strasse heissen uns willkommen. Sieht gut aus. Das Bistro macht einen einladenden Eindruck. Der Laden ist gefüllt mit verschiedensten Leckereien. Inge ist leider nicht da, doch ihre neue Mitarbeiterin Brigitte ist sehr sympathisch und voller Energie. Als sie erfährt, dass wir für das Konzept, die Werbung und Website verantwortlich waren, strahlt sie doppelt. Sie hätte schon so viel von uns gehört. Sie haben vor dem Lockdown viel Kundschaft, gehabt. Wir wollen natürlich den Käsekuchen probieren. Göttlich. Ein bisschen stolz sind wir schon, dass es sich so gut entwickelt hat. Inge schreibt uns später eine Nachricht und meint, dass wir immer und jederzeit herzlich willkommen sind. Wir freuen uns darüber. Wieder einmal konnten wir etwas zum Guten entwickeln. Wahrscheinlich ist das so etwas wie unsere Art von Entwicklungshilfe in Afrika.

Nach Stunden sind wir endlich an unserem Tagesziel. Spitzkoppe. Wir erhalten einen Lockdown Rabatt. 150 namibische Dollar pro Person. Das ist ok. Wir sind die einzigen Camping Gäste. Im Stuhl sitzend und mit einem lauwarmen Eistee anstelle eines Feierabend Biers in der Hand (noch immer herrscht ein Verbot zum Verkauf von Alkohol im Land), trohnt vor uns die Spitzkoppe. Kaum den letzten Tropfen aus dem Becher gelechzt, gehen wir auf Erkundungstour und klettern in der Gegend rum. Die Drohne wird gestartet. Oli (also nicht er, die Drohne) fliegt in der Gegend rum und macht Videoaufnahmen. Die Sonne senkt sich langsam, die Berge schimmern in glänzendem Orange. Ein Traum. Genauso wie die Filetsteaks, von Uwe nach Himba Art mit viel Glut und genau der richtigen Prise Salz zubereitet. Corinne zaubert Kartoffeln und Gemüse auf den Teller. Uns geht es gerade prächtig. Auch die befürchteten kalten Temperaturen bleiben aus. Es ist angenehm kühl bei um die 15 Grad in der Nacht. Die heulenden Schakale wiegen uns in den Schlaf. Unsere „Wildwest Tour“ hat fantastisch gestartet.

Bevor wir weiterziehen, besuchen wir den Bushman’s Cave am Fusse der Spitzkoppe. Seit langer Zeit sind wir die einzigen Gäste. Die zwei lokalen Guides freuen sich und erklären uns die Buschmann Zeichnungen. Jedoch fast noch mehr interessiert uns, wie sie denn mit der aktuellen Situation umgehen. „Wovon lebt ihr denn zur Zeit?“ fragt Oli. „Wir bekommen 750 Rand (40 USD) vom Staat für diesen Monat. Und wir haben einen kleinen Garten beim Haus angelegt. Irgendwie schaffen wir das schon“, meint einer der Beiden. „Habt ihr keine Angst, wenn dann wieder Touristen kommen? Was, wenn die das Virus mitbringen?“ interessiert sich Corinne. „Ehrlicherweise haben wir schon Respekt davor. Wir müssen einfach Abstand halten. Aber was können wir dagegen tun? Ohne Touristen haben wir kein Einkommen. Das ist ebenso schlimm. Es wäre uns jedoch lieber, dass keine Chinesen mehr kommen. Von da kommt ja der ganze Virus.“ Wir plaudern noch ein paar Minuten, immer mit genug Abstand zueinander. Als Dankeschön erhalten sie von uns noch etwas Trinkgeld zu ihrem Lohn für die Führung. Sie freuen sich ehrlich darüber und machen es sich wieder im Schatten unter dem Kameldornbaum gemütlich. Die heutige Arbeit ist wohl getan.

 

LEVEL 1765

Wüste Fahrt zum Doros Krater
Der Staub dringt durch die Ritzen unseres Fahrzeugs. Im Seitenlicht tanzt er Tango. Wir reisen gerade in einer grau schimmernden Gegend im Gebiet des Ugab Trockenflusses in Richtung Doros Krater. Überall Steine, Sand und ein paar vertrocknete Büsche. Obwohl es ein gutes Regenjahr in Namibia war, haben nur ein paar Tropfen hierher gefunden. Es ist Ende Mai und die Tagestemperaturen in Namibia erreichen keine Rekordwerte. Und trotzdem fühlt es sich an, als würde die Sonne gleich ein Loch in das Dach unseres Toyota Hilux brennen. Die Hitze fordert unsere Körper mit ständigem Abkühlen durch Schwitzen. Wir haben uns entschieden, keine Klimaanlage zu nutzen. Da helfen nur die offenen Fenster. Doch bei einer durchschnittlichen Fahrgeschwindigkeit von 25 Kilometer pro Stunde, erfrischt das zu wenig. Nur noch ein paar Sandhügel hoch und wir kommen in das Gebiet des Goantagab Trockenflusses. Und selbstverständlich bleiben wir genau in den sandigen Passagen stecken und müssen raus. Der Reifendruck muss gesenkt werden. Auf 1.2 Bar. Das ist Oli’s Job. Der König kann gerade nicht. Denn der nächste Level ist fast geschafft. Keine Ablenkung, bitte. Im Schritttempo klettern wir die Sandhügel hoch und runter. Uwe findet die Gegend gar nicht toll. Vielmehr schwärmt er von seiner Heimat, dem Kaokoland. „Dort sind überall Mopane Bäume, viele Quellen und vor allem der Kunene Fluss. Das hier ist echt langweilig. Alles total trocken, staubig und wenig abwechslungsreich. Das ist nicht mein Gebiet“, sagt er und versucht beim ganzen Offroad Gerüttel die Tasten auf seinem Smartphone zu treffen um ein weiteres Level zu schaffen. Derweil steht Corinne auf der Ladefläche und bekommt den Fahrtwind rundherum zu spüren. Schiff ahoi.

Endlich überqueren wir den Goantagab Trockenfluss. Die Gegend wird abwechslungsreicher. Akazien Bäume, grüne Sträucher, immer wieder mal Gebiete mit etwas Gras, Sukkulenten und Kamifora Pflanzen. Wir sind im Twyfelfontein Gebiet. Im Königreich der Spitzmaul Nashörner. Die gerade stehenden und stacheligen Wolfsmilchgewächse stehen überall. Sie sind deren Lieblingsnahrung. Vielleicht werden wir ja mit Tierglück belohnt?

Die Sonne macht sich langsam aus dem Staub und lässt die Gegend in herrlicher roter Farbe erscheinen. Nach vielen Stunden Fahrt sind wir endlich beim Doros Krater. Den ganzen Tag sind wir keinem einzigen anderen Fahrzeug begegnet. Ohne Touristen- oder Safarifahrzeuge zu kreuzen, erscheint einem dies der verlassenste Platz der Welt zu sein. Ach, wie gerne hätten wir uns doch genau jetzt ein eiskaltes Feierabend Bier gewünscht. Naja. Doch in drei Tagen ist es soweit. Dann kann man offiziell wieder Bier kaufen. Nun denn, nach dem Zelt aufstellen, feiern wir den langen Tag mal mit etwas Eistee. Wobei man das Eis getrost weglassen kann, denn das ist nur verwirrend. Warme Zuckerbrühe. Unglaublich süss. Viva.

 

LEVEL 1791

Wellness Kur bei Warme Quelle
„Hey, guckt mal da vorne sind zwei Nashörner. Ich kann sie gut sehen auf meinem Telefon.“ Dabei zeige ich in die Richtung von Twyfelfontain. Eigentlich wollten wir eine coole Drohnenaufnahme machen, wie unser Auto durch die endlos scheinende Gegend aus Sand und Stein fährt. Und dann so etwas. Der Wind ist grenzwärtig für meine kleine Drohne. Dennoch versuche ich die herrlichen Tiere etwas näher aufzunehmen. Anfänglich irritiert sie der Summton, doch sie scheinen keine Gefahr zu erkennen und trotten ihres Weges. Der König und Corinne starren durch ihre Ferngläser und können das Tierglück kaum fassen. Und das zum Beginn des Tages.

Heute wollen wir es bis in das Ongongo Camp bei warme Quelle, nähe Sesfontein schaffen. Ein ganz schönes Stück Fahrt. Irgendwie haben wir alle eine Ahnung, wo es in dieser Wildnis durchgehen soll. Nur nicht die gleiche. Unser GPS Gerät haben wir auf der Farm gelassen. „Wird schon ohne gehen“, so Olis Worte. Nun sind wir jedoch soweit und fragen Herr Maps.me, da Herr Google ohne Netzverbindung nicht funktioniert. Doch das ist so grob eingezeichnet, dass wir einfach der Nase und der Himmelsrichtung entlang fahren. Zwei Stunden später stehen wir am nächsten Trockenfluss, dem Huab. Eigentlich wollten wir ja nicht hierhin. Wir sind viel zu weit westlich, doch wenn wir schon mal hier sind. Wir hoffen auf weiteres Tierglück und halten nach den seltenen Wüstenelefanten Ausschau. Und schon nach wenigen Minuten im Fluss, stehen sie im Schatten eines Baumes und futtern deren Blätter. Ist ja schon cool. Sozusagen Elephants to go.

Es ist 15:00. Uwe hat vor einer Stunde das Steuer übernommen. „Da wir sonst wohl nie mehr ankommen würden“, hat er gemeint. Noch immer haben wir heute kein Fahrzeug gekreuzt. Wir sind auf der Schotterstrasse Richtung Palmwag. Die Sand und Buschlandschaft weicht roten Steinen und Mopane Bäumen. „Langsam wird´s interessant. Wir kommen meinem Königreich immer näher“, freut sich der Himba König. Vor dem Veterinärzaun werden wir von einem Beamten angehalten. Lässig schlendert dieser um unser Fahrzeug, zeigt mit dem Finger auf den hinteren Teil des Toyotas und meint: „Sie haben einen platten Reifen, haben sie das nicht gemerkt?“ Wir schmunzeln mit ihm und denken an einen coolen Spruch zum Aufwärmen unserer temporären, gegenseitigen Beziehung. Sein Lächeln friert ein. Verunsichert geht Oli raus und sieht besser mal nach. Tatsächlich. Fluchwörter fallen. Der König nimmt‘s gelassen: „Kann ja mal passieren“. „Ach, das ist kein Problem“, meint der Hüter des Veterinärtors: „Ihr müsst euch nur bei mir einschreiben und dann fahrt ihr zur Palmwag Tankstelle. Sie ist ja nur 100 Meter weiter vorne. Dort könnt ihr den Reifen reparieren.“

Alles gut, wir pumpen den Reifen für die hundert Meter nochmals richtig auf und rollen sachte zur Tanke. Leider entpuppt sich das Loch als nicht reparierbar, da es ein klassischer Seitenschlitz ist. Der Reifen ist dahin. Doch der Tankstellenchef hat schon etwas organisiert. In der Gondwana Lodge warten sie mit zwei Reifen auf uns. Wir können unser Glück kaum fassen. Einer der beiden Reifen passt in der Grösse und Art. Beim Check der anderen Reifen, müssen wir feststellen, dass der zweite Hinterreifen auch schon bessere Tage gesehen hat. Überall fängt er an einzureissen. Besser wir wechseln den auch noch. Doch es bleibt nur noch ein grober Stollenreifen übrig. Der passt gar nicht mit den anderen zusammen. Die Werkstattarbeiter sind sehr hilfsbereit und telefonieren bei ihren Kollegen und Nachbarn in der Nähe rum. Wir werden tatsächlich fündig. An der Abzweigung vor dem Veterinärzaun gibt es einen lokalen Händler. Doch aufgrund der Corona Krise ist sein „Workshop“ geschlossen. Dennoch fahren wir zur Blechhütte und wollen mal sehen, ob sich was machen lässt. Es sieht gut aus. Tatsächlich hat er passende Reifen von Bridgestone. Genau die gleichen, die wir schon fahren. Doch der Preis ist horrend. Fast das doppelte wie in einem normalen Reifenladen. Ohne Montage wohlverstanden. So sitze ich (Oli) mit einem Arbeiter und der Frau vom Laden in der immer noch brütenden Sonne, während die Frau versucht, ihren Mann zu einem guten oder mindestens für beide Seiten fairen Preis zu überreden. Keine Chance. Auch als ich mit ihm spreche ist er knallhart und meint, dass dies eben der Corona Preis sei. Wir werden nicht einig. Wenigstens haben wir den einen Reifen ersetzt. Mal schauen, wie lange es dauert bis wir den nächsten Reifen mit dem gebrauchten Ersatzreifen tauschen müssen. Mit nur einem gebrauchten Ersatzreifen durchs Kaokoveld zu fahren ist schon ein kleines Risiko. Doch der König meint nur, dass wir dann einen Plan machen würden. Oli fährt wieder. Denn die Zeit spielt keine Rolle mehr. Erst bei Dunkelheit erreichen wir unser Tagesziel, das Ongongo Camp.

Die zwei nächsten Tage geniessen wir die warmen Quellen. Baden und Faulenzen. Hier begegnen wir den ersten inländischen Touristen auf unserer Tour. Eine namibische Familie, die es geniesst, ihr Land mal ohne Touristen zu sehen, wie sie uns sagen.

„Local is lekker“ heisst es überall in den sozialen Medien. Die Camp Betreiber in Namibia möchten in der touristenfreien Zeit, einheimische Gäste anlocken. Doch das geht nicht zum normalen Preis, denn fast alle Namibier leiden genauso unter den ausbleibenden Einnahmen aus dem Tourismus während dem Lockdown. Immer wieder haben wir die Aussage aufgeschnappt, dass sie als Einheimischen nun plötzlich gut genug seien, um die Camps zu füllen. Vorher hätten sie kaum einen Platz für ihre Ferien bekommen, jetzt sollen sie die Betreiber unterstützen. Die Meinungen sind da durchaus sehr geteilt im Land. Wir fragen die Verantwortlichen, ob wir das  Angebot „local is lekker“ in Anspruch nehmen können. Denn der Preis pro Nacht von 750 Namibia Dollar für uns drei ist nicht ohne. Doch oha. Die Chefin erklärt uns am Telefon, dass sie da nicht mitmachen. Sie habe das Camp von der lokalen Community gepachtet und müssen für jede Übernachtung einen Anteil abgeben. Ihnen als Pächter und Betreiber würde sonst gar nichts mehr übrigbleiben. Und die Vertreter der lokalen Community seien in keinem Fall gewillt, Corona Rabatte zu geben. Da müssen ja Löhne gezahlt werden, sagt sich nicht ohne Ironie. Sie entschuldigt sich dafür. Ebenso ärgert sich der aufgeweckte Camp Verantwortliche vor Ort über diesen Umstand. Er studiere Tourismus und er finde schon wichtig, dass man gerade jetzt etwas für die Reputation und die einheimischen Gäste machen sollte. Doch dies würden die Angestellten und auch der Rat der Community nicht verstehen. Überhaupt seien dies ja die einzigen Leute, die aktuell ihren vollen Lohn beziehen. Corona Krise hin oder her. Er selber bekomme 50% von seinem Gehalt und er sei einverstanden, denn er sehe ja täglich, dass kaum Einnahmen da sind. Wir wollen gar nicht mehr darüber spekulieren, wieviel Gebühren fürs Campen nun fair sind, sondern sind bereit, den vollen Preis zu bezahlen. Uwe ruft die Frau nochmals an, um ihr dies mitzuteilen. Voller Überraschung legt er dann auf und meint: „Die Chefin gibt uns einen Rabatt, da wir gestern so spät angekommen sind. Sie finde „local is lekker“ eigentlich eine wirklich gute Idee.“ Das gesparte Geld investieren wir dann sogleich in drei Papayas, die wir einem anderen Camp Mitarbeiter abkaufen. Frisch gepflückt aus seinem Garten. Er freut sich riesig über den kleinen Verdienst. Und die Papayas schmecken so etwas von lecker!

 

LEVEL 1835

Der Hoanib Zauber
Die Sonne hat gerade den neuen Tag eingeläutet. Der König sitzt am Tisch mit Kaffee und Kippe zwischen den Fingern. Weitere Levels im Candy Crush sind geschafft. Er lächelt. Ohne aufzublicken kommt eine typische, trockene Uwe Ansage: „Endlich gibt’s wieder Bier. Heute ist es soweit. Der Lockdown geht auf Stufe 3“. „Hey Uwe, heute gehen wir nach Sesfontein, kaufen Bier und Wein für die Tage im Hoanib. Und wir lassen nix übrig. Juhui.“ Corinne freut sich schon riesig. King Uwe lächelt auf den Stockzähnen. Die Augen leuchten.

Die Zahl der Covid-Infizierten ist nach offiziellen Angaben noch immer sehr tief, mit um die vierzig Fälle. Derweil im Nachbarland Südafrika die Panik ausbricht. Doch wahrscheinlich hat es vor allem mit den durchgeführten Tests zu tun. Die Tests aus Namibia werden noch immer nach Südafrika gesandt, wo sie dann ausgewertet werden. Doch das dauert Tage. Hartnäckig macht das Gerücht die Runde, dass Namibia mehrere tausend Testkits aus China „geschenkt“ bekommen haben soll. Diese seien jedoch ohne die teure Testflüssigkeit angekommen. Völlig nutzlos. Eigentlich weiss niemand so recht wie es wirklich um die Corona Krise im Land steht. Man will daran glauben, dass Namibia eine Ausnahme ist. Alle sind froh, dass der Lockdown eine neue Stufe Richtung Normalität erreicht hat. Der Präsident und seine Regierung mahnen die Menschen, Masken zu tragen und gleichzeitig ist er stolz, eines der Länder Afrikas zu sein, die fast keine Fälle haben. Jedoch kann man seinem Speech im Radio kaum folgen, so undeutlich spricht er Englisch. Egal, Corona ist wenig, die Bars wieder offen und der Verkauf von Alkohol endlich wieder erlaubt. Wir befürchten einen gewaltigen Nachholbedarf an Sauferei und Party im Land und sind froh etwas weiter weg in einer abgelegenen Region des Landes zu sein. Abstand halten in der Wildnis ist nicht schwer. Nur noch schnell etwas Bier und Wein einkaufen und weiter geht die Reise entlang des Hoanib Trockenflusses.

Kaum das Ongongo Camp verlassen und in Sesfontein angekommen, laufen Corinne und Uwe in verschiedene Richtungen. Uwe zur Bar, Corinne zum Liquer Store. Uwe schlendert lässig über die staubige Strasse zurück zum Auto. „Keine Chance. Alles ist weg. Keine einzige Flasche ist übrig. Die haben alles während des Lockdowns illegal verkauft.“ Corinne macht die gleiche Erfahrung. „Und nun haben sie gar kein Geld mehr, um etwas in Windhoek zu bestellen, da sie das eingenommene Geld für ihren Lebensunterhalt während des Lockdowns gebraucht haben. Parties finden heute nur mit selbstgebrautem Maisbier statt.“ Wir sitzen wieder einmal auf dem Trockenen. Naja, fast. Noch immer haben wir ein paar Beutel Eistee bei uns.

Mit vollem Tank und leerem Biervorrat holpern wir auf der schlechten Schotterstrasse Richtung des berühmten Hoanib Tals. Es ist der Inbegriff des wilden Afrikas im Westen Namibias. Ein trockener Fluss, der seine Bahnen kilometerlang durch die Wüste zieht, bis er in den Atlantik mündet. Das Wasser ist da, jedoch fliesst es tief unter der Erde. Doch es gibt genügend Feuchtigkeit, dass riesige Ana Bäume und der umgangssprachliche Löwenbusch entlang des Flusses wachsen. Es ist die Gegend, in der viele bekannte Tierfilme gedreht wurden. Imposante Landschaften und ein gewaltiger Tierreichtum. Unter anderem findet man hier Wüstenelefanten und –giraffen, Löwen und vieles mehr. Und alles in einer wüstenähnlichen Gegend, in der man dies auf den ersten Blick nicht vermuten würde. Zweifelsohne gilt das Hoanib Tal als der schönste Teil des Damaralandes. „Doch offiziell fängt genau hier das Kaokoland an“, erklärt uns Uwe. Mittlerweile cruisen wir auf einem sandigen, zweispurigen Weg zwischen meterhohen Felsen Richtung Fluss. „Doch die Damaras behaupten hartnäckig, es sei ihr Gebiet. Sie haben die Himbas zurück nach Norden vertrieben. Unser Land wird sowieso immer kleiner. Von allen Seiten beanspruchen andere Volksgruppen das Land. Die Damaras im Süden, die Ovambos im Norden und die Hereros vom Osten her. Dazu ist einiges heute Nationalpark. Die Regierung will Gebiete mittendrin an die Chinesen für eine Lithium Mine verkaufen und dafür einen weiteren Stausee im Kunene Fluss bauen.

„Es wird immer schwieriger für die Himbas, hier oben traditionell zu leben. Viele passen sich immer mehr dem modernen Leben an. Oder leben irgendwo zwischen zwei Welten. Und für die restlichen Himbas wird es auch aufgrund der vielen Touristenbesuche immer schwieriger so zu leben, wie sie es eigentlich möchten.“ Gespannt lauschen wir Uwes Worte. Sie klingen zwischen nüchterner Realität und geplatzten Hoffnungen vergangener Tage. Wir spüren jedoch deutlich den Stolz auf sein eigenes Volk. Und die Sehnsucht, bald wieder einmal zu Hause zu sein.

Es ist so schön hier im Hoanib, dass wir uns keine Gedanken mehr an die angeschlagenen Reifen oder das fehlende Feierabend Bier machen. Wir beobachten Wüstenelefanten nur wenige Meter neben uns im herrlichen Abendlicht. FF – friedliche Freiheit geht uns durch den Kopf. Oli möchte unbedingt Aufnahmen aus der Luft mit seiner neuen Drohne machen. Doch der Wind macht ihm einen Strich durch die Rechnung. Kaum ist die kleine Drohne in 10 Meter Höhe, piepst es unaufhörlich. Sofort landen, zu viel Wind, Rotor hinten rechts überhitzt. Es ist verflixt, doch es gelingt kaum, Videoaufnahmen und Fotos aus der Luft zu machen. Bis tief in die Nacht hinein, versucht der Pilot die Firmware des Fluggeräts zu überspielen. Währenddessen geniessen wir das Lagerfeuer und die Stille der Nacht.

Bevor wir nach zwei Tagen zum Hoarusib River Richtung Puros im Kaokoland losziehen, will Oli endlich ein paar Szenen aus dem Hoanib filmen. Frühmorgens, wir sind noch friedlich in unseren Kojen, zieht er mit seiner Drohne los. Drei Stunden später ist er zurück. Völlig kaputt, verschwitzt und bleich im Gesicht. Uwe wundert sich: „Was ist denn mit dem los?“

Kurz erklärt: Der Spot war gewaltig. Hohe Bäume, Berge und ein schlängelnder Flusslauf. Kein Wind. Die Drohne hebt ab, steigt hoch auf fast 100 Meter. Puh, ein gewaltiges Panorama. Der Sichtkontakt zur Drohne geht verloren. Nicht so schlimm. Man sieht es ja auf dem Bildschirm des Telefons. Sie fliegt den Bergen entlang. Und: Es fängt wieder an…rote Balken auf dem Bildschirm. Funkkontakt zur Steuerung verloren. Die Videoübertragung läuft jedoch noch. Panik. Die Drohne verliert Höhe und fliegt geradewegs auf einen grossen Felsen zu. Auf dem kleinen Bildschirm am Telefon sieht man die Felsen näherkommen. Wumm. Der Kontakt zum Fluggerät ist abgebrochen. Der Bildschirm ist dunkel. Der pure Schock. Schweiss rinnt Oli über das Gesicht. Mal wieder fallen Fluchwörter. Echte Kacke ist noch das harmloseste von allen. Er rennt sofort den Berg hoch. Doch in seinem Stress vergisst er, dass seine Kondition vergleichbar ist mit der eines Sumo Ringers bei seinem Versuch, einen Marathon unter zwei Stunden zu laufen. Die ersten Meter rennt er wie von Wespen gestochen, dann wird jeder Schritt zur Tortur. Nach 50 Höhenmeter hechelt er wie ein alter, dicker Hund und versucht so viel Sauerstoff wie möglich in seine Lungen zu bringen. Der Herzinfarkt ist nah. Doch es muss weiter gehen. Schritt um Schritt. Meter um Meter. Das lose Gestein erfordert doppelte Anstrengung. Steine kullern den Hang hinunter. Auf dem Sand werden aus zwei Schritten einer. Wie soll man denn hier eine kleine Drohne finden und er nicht mal weiss, wo sie abgestürzt ist. Zum heissen Schweiss der Anstrengung mischt sich kalter Schweiss des Schocks. Das kann ja nicht wahr sein. Die neue Drohne ist einfach weg…

In der ganzen Aufregung, erscheint ihm plötzlich ein Geistesblitz: „Meine Drohne finden“ auf der DJI App wird aktiviert. Die gerade Linie auf dem Bildschirm führt ihn über den 100 Meter hohen Kamm. Doch da geht es wieder gerade runter. Kann ja wohl nicht sein….

Oli schwitzt Blut. Seine Atmung ist völlig ausser Kontrolle. Schnappatmung. Doch plötzlich ertönt ein leises Piepsen irgendwo aus der Felswand. Irgendwie gelingt es unserem Drohnen Anfänger, das Piepsen zu lokalisieren. Ein Loch in der Wand. Nur drei Meter unterhalb der Kante. Über die groben Steine klettert er runter. Das Piepsen ist inzwischen laut und das Blinklicht der Drohne wird ersichtlich. Puh. Das Loch ist gerade mal vierzig auf vierzig Zentimeter und eine Armlänge lang. Und genau da ist die Drohne blindlings reingeflogen. Bis auf drei gebrochene Rotoren ist auf den ersten Blick alles heil geblieben. Mit völlig weichen Knien, weiss im Gesicht, kehrt der Drohnen Pilot samt seiner Mavic Mini zurück. Nochmals ist alles gut gegangen. Doch dieser Stress hat Oli so mitgenommen, dass er es knapp auf die Ladefläche des Pickups schafft und liegend mitfährt. Er muss sich ausruhen. Seine Nerven.

Die Drohnen Aufnahmen waren des ganzen Abenteuers nicht wert…wohl aber das Fitnesstraining…

 

LEVEL 1860

Opuwo, die Hauptstadt der Himbas
Die Fahrt vom Hoanib zum Hoarusib Fluss führt uns über eine stundenlange Steinebene. Bis auf ein paar vertrocknete, kniehohe Büschel steht hier kaum Gras. Die Sonne brennt rote Flecken auf unsere Haut, der Himmel ist perfekt blau. Der Horizont tanzt. Wir wirbeln viel Staub auf. Endlich, nach Stunden erreichen wir den Hoarusib Fluss. Im Gegensatz zum Hoanib fliesst hier Wasser. Unsere erste Überprüfung der Wassertiefe und des nassen Sands, lässt uns für eine Fahrt bis auf Puros hoffen. Mit unserem untermotorisierten und schlecht bereiften Fahrzeug wagen wir uns vor. Mittlerweile hat sich Oli erholt und steuert den Wagen. Der König sitzt bequem im Sessel daneben. „Das Fahrzeug kenne ich nicht genau. Besser ist es, wenn Oli fährt“, hat er gemeint. Nach zwei Kilometer beschleicht den Fahrer jedoch ein mulmiges Bauchgefühl. „Die nächste Querung sieht zwar locker aus, doch man weiss ja nie. Mein Bauch sagt mir, ich muss das überprüfen“. Corinne steht auf der Ladefläche und schwitzt Ängste. Denn trotz ihrer vielen Erfahrungen im Busch, ist sie bei Wasser und Schlammfahrten immer ziemlich nervös. Und als Fahrer spürt man dies. „Ach Oli, das ist doch kein Problem. Ich würde das schon fahren.“ Uwe hat jahrelange Erfahrung als Tourguide und kennt die Gegend gut. Wir sind mittlerweile ja auch schon in seiner Heimat unterwegs. „Doch das will ich als Fahrer selber zuerst testen“. Meine ersten Schritte auf dem nassen Sand sind kein Problem. Plötzlich sinke ich bis zu den Knien ein. Beim nächsten Schritt nochmals. Zwei Schritte nach rechts genauso. Nach links ebenso. Und ich bin noch nicht mal in der Mitte des Flusses. „No. No. No.“ Uwe: „Komm, lass uns umkehren und zurückfahren. In ein paar Kilometer gibt es eine direkte Strecke nach Puros. Ist besser so. Wenn wir hier steckenbleiben, kommt niemand. Und da keine Touristen mehr im Land sind, findet sowieso niemand hierher.“ Corinne atmet nach sieben Minuten wieder erleichtert aus. Wir erreichen nach einer Stunde Puros und freuen uns auf ein Feierabend Bier. Das haben wir uns heute verdient. Denkste. Auch in der Bar hier: Ausverkauft. Nachschub ungewiss.

Auf dem Community Camp fühlen wir uns wohl. Trotz ausbleibender Touristen sind die Plätze aufgeräumt und perfekt geharkt. Die Stimmung ist gut, wir geniessen wieder einmal warmen Eistee und kochen uns einen wunderbaren Eintopf. Uwe bereitet uns mit alten Himba Geschichten auf unsere nächste Etappe vor: Morgen geht’s zum wohl zum entlegensten Supermarkt in Afrika: Orupembe. Dann weiter Richtung Hauptstadt der Himbas nach Opuwo.

Die Fahrt nach Orupembe wird von Kilometer zu Kilometer spannender. Gestartet in einem Wüstental, umgeben uns nun Mopane Bäume mit ihren grünen Blättern und eine endlose Steinlandschaft. Jetzt blüht der König auf. Er ist in seiner Heimat, dem Kaokoland. Dabei vergisst er sogar beim Mitfahren seine Levels zu spielen. Und das heisst etwas. Angekommen beim Orupembe Shop, sind wir irgendwo im nirgendwo. Wir treffen auf die ersten traditionell gekleideten Himbas. Im Schatten vor dem Shop sitzend, warten sie auf Kunden. Damit man sich keine falschen Vorstellungen macht: Wir sind weit, weit weg von der Zivilisation. Es ist das Tor zum Hartmanns- und Marienflusstal. Viele Kilometer vorher, nachher, seitwärts gibt es nur Natur und ein paar traditionelle Dörfer. Die kleine Polizeistation und der Shop sind die Highlights. Nach Osten sind es über hundert Kilometer durch die Wildnis bis zur Stadt Opuwo, nach Süden ebenso viel bis nach Puros und nach Westen und Norden gibt es keine Dörfer oder Städte. Es ist die pure Wildnis hier.

Was uns aber geradezu begeistert, sind die hygienischen Vorkehrungen, die beim kleinen Shop getroffen wurden. Sogar hier draussen haben sie eine selbstgebastelte Anlage aus Holz erstellt, bei der wir mit dem Fuss auf einen Zweig treten und sich dabei die Flasche mit Reinigungsmittel neigt und wir unsere Hände waschen können. Wir werden von der Verkäuferin pflichtbewusst darauf hingewiesen, dies zu nutzen. Damit kommen wir einem kalten Bier immer näher. Ne. Eine Flasche tiefgefrorene Fanta Grape ist das höchste der Gefühle. Doch dieses kühle Zuckerwasser ist bei uns in der Hitze genauso begehrt. Und damit kaufen wir den Laden halb leer. Das Fiese dabei: Wir lechzen nach der violetten Flüssigkeit, doch es dauert fast zehn Minuten, bis sich das Eis langsam auflöst und wir unsere trockenen Kehlen erfrischen können. Die weitere Fahrt geht noch knappe hundert Kilometer zu einem verlassenen Camp am Hoarusib Fluss. Nur noch zweimal schlafen und wir sind beim König zu Hause.

Angekommen in Opuwo fahren wir erst einmal hoch auf den Hügel zur Country Lodge. Wir schlagen dort unser Zelt auf. Im Gespräch mit der Rezeption erfahren wir, dass seit der Ankündigung des Lockdowns höchstens zwei bis drei Gäste pro Woche hierher kommen. Seit vielen Wochen läuft hier (wie in fast allen Lodges in Namibia) nichts mehr. Die Mitarbeitenden bekommen weniger Lohn, sind jedoch jeden Tag hier. Sie machen ein bisschen Unterhaltsarbeiten, jedoch ist die meiste Zeit des Tages tote Hose. Man teilt uns mit, dass niemand weiss, wie lange das noch möglich sein wird. Die Besitzer würden von einer Schliessung sprechen. Angesprochen auf die Covid Situation meinen die beiden Damen an der Rezeption, dass sie lieber keine Gäste hätten, als dass sie womöglich mit dem Virus angesteckt würden. Im Radio hätten die Regierungsvertreter davor gewarnt, dass sie sonst daran sterben könnten. Deshalb seien sie froh, wenn aktuell keine Gäste aus Europa und Amerika kommen. Besser keinen Job mehr haben, als krank werden. Sie würden schon irgendwie überleben. Auf die Frage, ob wir denn bleiben dürfen, zieht die eine Dame ihre Maske schnell hoch und sagt: „Ihren Ausweis, bitte!“

Und endlich bekommen wir auch ein Feierabendbier. Alkoholfrei. Da Lodges in der aktuellen  Lockdown Stufe nur mit einer Sondergenehmigung betrieben werden dürfen, ist der Alkoholverkauf an der Bar untersagt. Sie dürfen richtiges Bier nur bei einem bestellten Nachtessen verkaufen. Das soll einer verstehen. Naja, wenigstens ein Clausthaler. Prost!

Opuwo ist keine schöne Stadt. Auch ist sie nicht ausserordentlich sauber. Sie ist chaotisch. Sie ist die Hauptstadt des Kaokolandes und der Himba Volksgruppe. Es ist ein spannender Ort, um den Clash verschiedener traditioneller Volksgruppen in der modernen Welt zu begegnen. Es gibt hier keinen belebteren Ort als die berühmt-berüchtigte Puma Tankstelle mitten in der Stadt. Sie ist ein verlässlicher Ort, um die Stimmung in der Stadt zu spüren. Aufdringliche, halbnackte Verkäuferinnen versuchen ihre geschnitzten Armreifen aus Kanalisationsrohr zu verkaufen. In hitzigen Infights wird um jeden Kunden gekämpft. Eingeschüchterte Touristen kaufen hier Halsketten, Kopfschmuck und geschnitzte Makalani Nüsse zu natürlich überteuerten Preisen. Hauptsache sie werden danach in Ruhe gelassen. Was aber meistens nicht funktioniert. Es ist die pure Action. Aufgrund der Corona Krise erwarten wir eine halbwegs verlassene Tankstelle. Doch weit gefehlt. Als gäbe es diese Krise nicht, wuseln überall Menschen rum. Die meisten mit Maske, jedoch bei weitem nicht alle. Das Angebot an Armreifen, Halsketten und anderem Schmuck ist zwar reduziert, ebenso kommen die traditionell gekleideten Frauen aus den Tribes der Himbas, Thembas, Hereros oder Ovambus nicht aktiv auf uns zu.

Vielleicht auch, weil wir ein einheimisches Nummernschild haben und man den Einheimischen eh kaum was verkaufen kann. Da wir wegen den Schutzmasken oft nur die Augen sehen, wissen wir nicht, ob den Verkäuferinnen die Mundwinkel nach unten hängen. In jedem Fall ist es schon ziemlich speziell, rot angemalte Himba Frauen mit nackten Brüsten und einer Operationsmaske zu sehen. Das gibt einem einen Stich ins Herz. Hoffentlich geht dieses Corona Zeugs bald vorbei und die Menschen können ihr traditionelles Leben wieder haben. Beim Einkauf im Supermarkt werden wir seriös nach Vorschrift kontrolliert: Einschreiben in die Liste, Fiebermessen, sitzt die Maske korrekt? Da es alle machen müssen, ist es aber nur halb so schlimm. Doch immer wieder muss ich mein „Gesichtslumpen“ abnehmen, da ich das Gefühl habe, langsam an einer CO2 Vergiftung zu Grunde zu gehen. Dreimal durchatmen, Tuch wieder auf und weiter geht’s. Mann, wie ich mich freue, um möglichst schnell wie möglich aus der Stadt zu kommen. So freut man sich doppelt auf die weiteren Tage in der Wildnis.

Nur noch 150 Kilometer sind vor uns. Epupa – Wir kommen.

 

LEVEL 1882

Zu Hause in Epupa
Der Morgenkaffee weckt unsere aller Lebensgeister. Seit fast zwei Wochen war es die erste Nacht, in der es wieder richtig stark abgekühlt hat. Hatten wir doch gerade in der Wüste kalte Temperaturen in der Nacht erwartet und haben dann doch meistens ohne Decke oder Schlafsack geruht. Uwes Finger sind noch nicht wach. Er ist seit einer Stunde aktiv, doch den aktuellen Level im Candy Crash schafft er einfach nicht. Noch ein Kaffee. Na, geht doch. Uwe sieht heute besonders gut aus. Das blaukarierte, saubere Hemd, die Hosen ohne Flecken, frisch geduscht. „Heute sehe ich meine Familie wieder. Und meinen Sohn, der Prinz von Epupa. Seit zwei Jahren war ich nicht mehr zu Hause. Ich freue mich“. Seine Aussage ist bemerkenswert. Uwe ist kein Vielredner, schon gar kein Schwätzer. Wenn man etwas über seine Vergangenheit oder Himba Zeit erfahren will, muss man es schon aus ihm herauskitzeln. Naja, das funktioniert nicht immer. Manchmal ist er genervt über die Fragen und kann schon mal schroff antworten. Doch wir kennen ihn und wissen, dass er sich herzlich freut. Und wir uns mit ihm.

„Meine Lieben“, fängt Uwe während dem Fahren an zu erzählen. „Es gibt da so eine Regel. In Okangwati muss ich einfach anhalten und in der Bar ein Bier trinken. Das ist Pflicht. Das mache ich seit vielen Jahren. Wenn ich das nicht mache, haben wir bestimmt einen Plattfuss. Als nämlich mein Sohn auf die Welt gekommen ist, war ich in Windhoek beschäftigt. Sofort bin ich losgefahren. Ohne Pause. Es war schon dunkel und ich bin an Okangwati einfach weiter und wollte so schnell wie möglich durch die vielen Schlammlöcher fahren. Da bin ich steckengeblieben und hatte prompt einen Plattfuss. Meine Leute kamen um mir zu helfen. Ersatzrad hatte ich keines. Es verging viel Zeit mit der hektischen Reparatur. Ich wollte doch nur zu meiner Frau und meinem Sohn. Natürlich bin ich zu spät gekommen. Seitdem halte ich immer in Okangwati, nehme ein Bier und reise relaxt weiter. Seitdem ist auch nie mehr etwas passiert. Ok, meine Frau Maria hat dann ja auch kein weiteres Kind mehr von mir bekommen…“

Keine zehn Minuten nach der kleinen Geschichte, zieht es den Wagen nach rechts in die Mitte der Fahrbahn. Oli schwant Übles. Er hält sofort an und geht raus. „Was für eine wahre Geschichte“, hören wir ihn fluchen. „Dabei sind wir ja noch nicht mal in Okangwati. Ausgerechnet der andere Hinterreifen.“ Uwe wirft Corinne einen verschmitzten Blick zu. „Das Kaokoland hat seine eigenen Gesetze“, sagt er und gesellt sich auch nach draussen. Wir murksen eine klebrige, braune Vulkanisierstange ins Loch und pumpen den Reifen auf. In der Hoffnung, dass dieses Provisorium halten wird. Eine korrekte Reparatur machen wir dann in Epupa. Kaum bei der Bar in Okangwati angekommen, hüpfen wir alle raus und bestellen ein Windhoek Draft. Eiskalt. Hier scheint die Welt in Ordnung zu sein. Wir sitzen am Boden vor der Bar. Was für eine Wohltat. Natürlich kennen alle Uwe. Die Männer und die traditionellen Frauen ebenso. Sie freuen sich, den König nach langer Zeit wieder einmal zu sehen. Er unterhält sich akzentfrei in Ovahimba mit ihnen. Man wünscht uns alles Gute und bestellt seiner Familie beste Grüsse. Die weitere Fahrt auf der guten Schotterpiste bis nach Epupa verläuft problemlos. Mopane Bäume fliegen am Fenster vorbei, trockene Reviere durchziehen die Landschaft. Immer wieder sehen wir traditionelle Hirten mit ihren Ziegen auf der sandigen Ebene wandern. Mächtige Berge im Hintergrund zieren ein faszinierendes Panorama. Die Sonne neigt sich langsam dem Horizont zu, die Landschaft verfällt in ein leuchtendes Orange. Wir sind nur noch ein paar Kilometer von den mächtigen und berühmten Epupa Wasserfällen entfernt. Ein kleiner Weg zweigt von der Strasse ab, vorbei an traditionellen Häusern der Himbas bis zu einem grossen Gral. Zwei traditionell gekleidete Himba Frauen, eingeschmiert mit roter Farbe und nackten Brüsten erwarten uns. Uwe lächelt.

„Habe ich euch es nicht versprochen? Kein Plattfuss mehr seit dem Barbesuch.
Herzlich Willkommen in meinem Königreich in Okapara.“