Himba Tour 2/2 – Katiti soll verheiratet werden


„He Katiti. Mach Foto. Ich und meine Lieblingsziege. SMILE.“
Katiti bedeutet in Ovahimba „Kleiner“. Ja, die meinen mich (Oliver). Da Maria, die Himba Mama, meinen Namen nicht merken konnte oder mich einfach nur mag, nennt sich mich seit Anfang an „Kleiner“. Natürlich wusste ich zu Beginn nicht, was das bedeutet. Uwe hat dabei nur geschmunzelt, die Kinder haben sich gekugelt vor Lachen. Seitdem rufen mich alle nur noch Katiti. Mir gefällt der Name. Es ist viel schöner als „Otjirumbuu“, was weisser Mann heisst.

Seit zwei Tagen sind wir in Uwes Refugium. Bei den Himbas ist immer der Mann der Chef, klärt uns Uwe auf. „Er ist der Besitzer des Landes und des Viehs. So gesehen sind die Tiere alle mein Eigentum“, erzählt er nicht ohne Stolz. Jedoch muss ich an dieser Stelle erwähnen, dass er zwar der König ist, doch Maria ist ganz klar die Chefin im Gral. Sie ist eine Powerfrau und organisiert das Leben hier oben. Zusammen mit ihrer ebenfalls hart arbeitenden Tochter Kwaidunbiru. Aber eigentlich ist das ja nichts Verwunderliches. Wer von uns Männern kennt das nicht genauso. Dabei spielt es wohl keine Rolle in welchem Erdteil man zu Hause ist, oder?

Ein Gral nennt man bei den Himbas die traditionelle Wohnsiedlung, in der die Familie mit ihrem Vieh lebt. Sie besteht aus mehreren Hütten, im Kreis angeordnet. Die Haupthütte ist die Bleibe für das Oberhaupt und dessen Frau. Es gibt weitere Hütten für die Kinder und andere Familienmitglieder, Vorratsräumen und Besucherhütten für umherziehende Hirten. Diese sind alle rund um das heilige Feuer und dem grossen, kreisrunden Viehplatz aufgestellt. Dieser ist mit einem hohen Zaun aus Mopane Ästen und Dornen gesichert. Jeden Abend wird das Vieh dort hineingeführt und ist so sicher vor Leoparden und anderen Raubtieren. Täglich werden die Kühe und Ziegen morgens und abends gemolken. Deren Milch ist eine wertvolle Ressource der Himbas. Die satt machende Dickmilch (gegärtes Joghurt), welches pur oder mit Millipapp (gekochtes Maismehl) gegessen wird, schmeckt richtig lecker. Und, ich habe kein Durchfall bekommen. Ebenso ist die zu Butterfett verarbeitete Milch ein wichtiger Bestandteil für die Schönheitspflege. Gemischt mit Kräutern und gemahlenem, roten Eisenerz entsteht, die für die Himba Frauen, typische Beautycreme. Am Besten eignet sich der rote Stein aus Angola. Damit schmieren sie ihren Körper fast täglich ein. Und abgewaschen wird das nie mehr. Himbafrauen duschen oder baden nie im Leben. Kein Witz. Die rote Creme überdeckt alles. Sie ist Schmuck, Sonnen- und Insektenschutz sowie wertvolle Körperlotion in einem. Alte Himbafrauen haben oft eine so glatte Haut, da werden gleichaltrige Frauen aus anderen Völkern geradezu neidisch. Willkommen im traditionellen Leben eines der letzten Naturvölker Afrikas.

 

LEVEL 1940

Die Luna Nacht an den Epupa Fällen
Nach vielen Tagen sind wir endlich bei Uwes Familie im Kaokoland angekommen. Maria begrüsst den König mit Küsschen und einer Umarmung. Und schon ist Uwes frisches Hemd rotgefärbt. Doch er lächelt dies weg. Er ist sich dies gewohnt. Wir erhalten von Maria und ihrer ältesten Tochter Kwaidunbiru ein herzliches Lächeln. Umarmen wollen sie uns noch nicht. Nicht so schlimm. Der Prinz, Uwes Sohn, freut sich und rennt aus einer Hütte auf seinen Papa zu. Dann scherzen Uwe und Maria, dass Kwaidunbiru (Marias älteste Tocher) zwar vier Kinder hat, jedoch noch nicht verheiratet sei. Ob sich Katiti das vielleicht überlegen will? Bei den Himbas sei es kein Problem zweimal verheiratet zu sein. Corinne muss lachen und meint, es sei ja schliesslich meine Entscheidung. Ok, mal schauen, was die Tage so bringen.

Als erstes übergeben wir unsere mitgebrachten Geschenke an die Familie. Essensvorräte bestehend aus Maismehl, Zucker, Salz, Teigwaren, Gemüse, Vitamine in Form von Orangen und einiges an Haribo Säcken, die sie sich sehnlichst gewünscht haben. Sie freuen sich sehr darüber. Gerade die Vitamine sind Uwe sehr wichtig, da es mit der Ernährung ziemlich einseitig bestellt ist. Vitamine würden sie viel zu wenig zu sich nehmen. Mit Blick auf die Zusammensetzung der Haribo Säcke, entdecken wir, dass diese tatsächlich Vitamine enthalten. Der Prinz lächelt und schnappt sich gleich zwei Pack. Die wertvollen Orangen bringen wir jedoch erstmals in die Vorratshütte. Die kommen nach den Zuckerdingern dran. Überhaupt sind die Menschen in abgelegenen Gegenden aktuell froh um jede Unterstützung. Durch den Lockdown droht an vielen Orten in Namibia echter Hunger. Seit keine Touristen mehr im Land sind, haben unter anderem auch die Himbas keine Möglichkeiten mehr um Schmuck bei den Wasserfällen zu verkaufen oder hin und wieder eine Führung durch den Gral zu machen. Das wenige Geld, das sie dabei verdient haben, bleibt aus.

Doch bevor wir bei Maria und ihrer erwachsenen Tochter Kwaidunbiru im Gral einziehen, gönnen wir uns eine Nacht an den Wasserfällen. Denn heute steht der Luna Mond am Himmel. Es ist Vollmond und mit etwas Glück kann man an den Hauptfällen den Regenbogen mitten in der Nacht sehen. Davon erzählt uns Uwe schon seit Tagen. Das wollen wir uns natürlich nicht entgehen lassen. Dazu wollen wir uns direkt am Fluss einquartieren. Es gibt verschiedene Camps entlang des Flusses. Die Epupa Wasserfälle sind zweifelsohne eine der Touristen Hotspots in Namibia. Das Epupa Falls Camp und das Omarunga Camp sind die spektakulärsten Plätze am Wasser. Aufgrund der Corona Situation, sind bis auf eine namibische Familie keine Touristen hier. Die Epupa Falls ganz alleine für uns. Wir entscheiden uns für das zur Gondwana Gruppe gehörende Omarunga Camp. Dort werden wir freundlich empfangen. Ohne Nachzufragen bekommen wir einen „local is lekker“ Preis. Als wir dem Manager unser Missgeschick vom Reifen erzählen, organisiert er zwei Mitarbeiter, die uns die Reparatur gegen wenige Namibia Dollars sofort abnehmen. Wow, das ist Service pur. Und endlich können wir uns ein kühles Feierabendbier gönnen. Ohne Vorschriften. Die goldene Flüssigkeit, rinnt unsere Kehlen runter und erfrischt ungemein. Die Ruhe und der Blick auf den Fluss ist ein purer Genuss. Darauf haben wir lange gewartet.

Der Kunene Fluss bricht hier entlang von zwei Kilometer über Felsabbrüche und vereinigt sich danach wieder und schlängelt sich zwischen angolanischen Bergen und namibischen Dünen bis in den Atlantik. Die Wasserfälle sind faszinierend und von Auge kaum überblickbar. Zum Glück haben wir eine Drohne und bekommen von der Community die Bewilligung, diese fliegen zu lassen. Beim Anblick der mächtigen Szenerie wird mir etwas mulmig zu Mute. Denn wenn die Tarantal (der Name der Drohne – Perlhuhn auf Afrikaans)  hier wieder Macken macht, wird es unmöglich diese zu bergen. Besser noch etwas warten, wir sind ja noch eine Weile hier. Zuerst machen wir die obligatorischen Fotoaufnahmen an den Fällen. Auch für die Nachtsession gucke ich mir die besten Spots an. Es geht vor allem auch darum, dass ich mich in der Nacht bei Mondlicht und mit der Taschenlampe auf den glitschigen Steinen zurecht finden muss. Hier gibt es keine Absperrungen oder Geländer. Alles ist total natürlich. Das ist eine riesige Freude und gleichzeitig braucht es grösste Vorsicht. Vor allem in der Nacht. Einen Absturz wird man hier wohl kaum überleben. Und wenn, dann warten weiter unten die berühmten und aggressiven Krokodile des Kunene. Mit Steinen markiere ich den sichersten Weg zum Hauptfall. Dort säubere ich die für das Stativ vorgesehene Fläche von losem Gestein und Sand.

„Zwischen drei und vier Uhr musst du bereit stehen. Dann verursacht das Mondlicht einen perfekten Regenbogen. Der Himmel ist klar, wie fast immer im namibischen Winter. Du wirst einer der wenigen sein, die dies erleben und fotografieren können. Ich kenne nur wenige Leute, die hier zum richtigen Zeitpunkt und am richtigen Ort gewesen sind“. Der König hat gesprochen. Geschlafen habe ich bis vier Uhr kaum. Zugegeben, ich war etwas nervös. Will ich doch diesen Luna Moment auf keinen Fall verpassen. Um vier Uhr morgens bin ich bereit. Sogar habe ich mir einen Kaffee gekocht um wach und aufmerksam zu bleiben. Entlang meiner Markierungen bewege ich mich vorsichtig zum Hauptfall. Das Mondlicht ist so hell, dass ich meine Taschenlampe nur für die Kamera Einstellungen benötige. Doch es ist kein Luna Regenbogen zu sehen. Die Enttäuschung ist riesig. Bin ich zu spät oder zu früh dran?

Eisern harre ich eine weitere Stunde am Platz aus. Nachdem der Mond etwas gewandert ist, kommt das Licht flacher rein und die ersten Streifen werden ersichtlich. Es ist wahr! Die Fotosession startet. Eine halbe Stunde später ist es perfekt. Der Vollmond projiziert einen Regenbogen in der tosenden Gischt der Epupafällen. Der Luna Regenbogen strahlt. Was für eine Nacht. In meinem Körper breitet sich ein unbeschreibliches Gefühl von Freude aus. Das ist so stark, dass ich weiteren Mut fange und bei Sonnenaufgang die Drohne steigen lassen. Und siehe da, sie macht keine Macken. Sie zieht ihre Kreise über den Fällen. OK, zweimal verliere ich das Fernsteuersignal, was mir kleine Schockmomente verursacht. Doch nach wenigen Sekunden ist wieder alles in Ordnung und Tarantal kehrt problemlos an ihren Ausgangsort zurück.
Was für ein Morgen.

 

LEVEL 1955

Das Leben bei den Himbas
Nach einer aufregenden Nacht, einem herrlichen Morgen und mit einem gut reparierten Reifen geht’s zurück in den Himba Gral zu Maria, Kwaidunbiru, dem Prinzen mit Namen Mamokunonjo und den vielen anderen Kindern. Die Kommunikation mit den Himbas ist für uns eine kleine Herausforderung. Ihre Sprache ist Ovahimba, welche dem Otjiherero des Herero Stammes in Namibia sehr ähnlich ist. Der Dialekt ist zwar unterschiedlich, dennoch verstehen sich die beiden Völker. Vor vielen hundert Jahren waren sie einmal ein geeintes Volk, das vom Norden her eingewandert ist. Der eine Teil hat sich entlang des Kunene Flusses niedergelassen und ihrem traditionelles Leben als Hirten und Nomaden in der Wildnis verschrieben. Ein Häuptling ist mit dem anderen Teil des Volkes weitergezogen und hat sich im Osten Namibias niedergelassen. Dies sind die Hereros, die heute nicht mehr in der alten Tradition leben; resp. sich dem Leben als Viehhirten und Farmer ständig der Zeit angepasst haben. Zum Glück hilft uns Uwe beim Übersetzen. Falls er gerade nicht Zeit hat, da neue Level zu schaffen sind, verständigen wir uns einigermassen mit Fingerzeichen und Sand Zeichnungen.

In unseren Ohren haben die Himbas wunderschöne, für uns jedoch kaum zu merkende Namen. Da hilft die sinnbildliche Erklärung von Uwe. Kwaidunbiru zum Beispiel bedeutet „Dreh Dich um“. Dies kommt davon, dass sie eine Steissgeburt war. Die zweitälteste Tochter von Maria ist 28 Jahre und heisst Humbradena, was „Hör zu“ bedeutet. Vielleicht deshalb, weil Maria schon bei der Geburt geahnt hat, dass die Tochter einen sturen Kopf hat? Sie ist die einzige, der Familie, die nicht traditionelle Kleidung trägt. „Sie ist genug alt und es ist ihre eigene Entscheidung“, meint Maria herzlich. Mamokunonjo, so heisst der Prinz, Uwes Sohn. Es bedeutet Treibsand. Aber die Übersetzung meint, dass man sich vor ihm nie sicher fühlen soll, er kann dich kaputt machen. Für einen Königsnachfolger soll es wohl Kraft und Entschlossenheit bedeuten. Natürlich wollen wir auch wissen, wie Uwe und Maria in der Himba Sprache genannt wird. Uwe =  Onjoka Munjembara. Maria = Mukajua Chindunda (Vor-/Nachname).

Und dann sind da noch weitere drei Kinder von Maria und vier von Kwaidunbiru. Wir schaffen es aber  nicht, all die traditionellen Namen zu speichern. Immer wieder müssen wir die Kleinen, welche zwischen zwei und zwölf Jahre alt sind, um ihre Namen fragen: „Owe une?“.

Mukajua oder einfacher gesagt Maria fordert mich dazu auf, überall zu fotografieren und zu filmen. Doch als erstes muss Katiti zwei Stunden neben ihr sitzen und zuschauen, wie ihre Tochter ihr die typische Himba Frisur flechtet und mit Butterfett einschmiert. Dank Uwe als Übersetzer bekomme ich in der Zeit spannende Einblicke in Marias Welt. Und Uwe gibt eine kleine Episode zum Besten: Als er zu Beginn ihrer Freundschaft vor vielen Jahren noch ganz fest verliebt war, hat er es gut gemeint und in Windhoek einen wunderschönen Blumenstrauss gekauft. Die Blumen hätten in allen Farben geleuchtet. Damit ist er so schnell wie möglich ins tausend Kilometer entfernte Kaokoland gefahren. Wie er sich auf das Treffen mit Maria gefreut hat. Spätabends dort angekommen wird er herzlich begrüsst. Voller Stolz überreicht er ihr den Blumenstrauss. Ein herzerwärmendes Lächeln folgt als Antwort. Das ist Liebe. Maria nimmt den Strauss, riecht daran und bringt ihn zu den Ziegen in den Gral. Noch selten hatten sie so wertvolles Futter geschenkt bekommen. Uwe muss selber lachen, während er die Geschichte erzählt. Maria ebenso. Sie ist überzeugt, dass die Ziegen danach gleich mehr Milch gegeben haben. Seitdem hat der König seiner Königin nie mehr Blumen mitgebracht.

In den nächsten drei Tagen führt uns Uwe immer wieder an interessante Stellen und erklärt uns das Leben der Himbas. Wir sitzen in der Haupthütte und sind erstaunt, wie gross und sauber diese ist. In der Mitte steht eine Matratze, überzogen mit der Decke. Es ist das Fell des heiligen Rindes, das sie vor fast sechzehn Jahren zur Hochzeit geschenkt bekommen haben. Links und rechts der Schlafgelegenheit hängen geordnet die traditionellen Kleider und Schmuckstücke. Vor dem Bett ist eine Feuerstelle, die vor allem im Winter benutzt wird. Die traditionelle Hütte besteht aus einer Konstruktion aus Holpfählen, abgedichtet mit einer Mischung aus Rinder Dung und Sand. Eine kleine Luftschicht besteht zwischen der Innen- und Aussenwand. Eine perfekte Isolierung. Im Sommer ist es kühler als draussen, im Winter wärmer. Maria ist gerade an der Renovation der Hütte. Bei einem Teil fehlt der „Verputz“ aussen. Sie erklärt, dass es aktuell sehr schwierig ist, an den Baustoff zu kommen. Damit meint sie nicht den Sand. In ihrem Gral haben sie seit zwei Jahren keine Rinder mehr, denn die letzten Jahre Trockenzeit hätten die Tiere hingerafft. Mit den Ziegen kommen sie besser zurecht. Doch dadurch fehlt eben ein wichtiger Bestandteil zur Renovation der Hütte. Für mich ist es faszinierend zu erleben, wie die Menschen mit ihnen Ressourcen umgehen. Nichts wird verschwendet.

Obwohl wir die Himbas sprachlich mehr schlecht als recht verstehen, verbringen wir tolle Abende mit ihnen am Lagerfeuer. Kwaidinbiru kocht Papp für alle Kinder. Gierig wird von Hand aus dem gleichen Topf gegessen. Auch Katiti bekommt seinen Anteil. In dem Moment ist Corona weit, weit weg. Ein junger Hirte ist auf Besuch. Mit Enthusiasmus erzählt er eine Geschichte. Ich verstehe kein Wort. Aber alle lachen. Ich lache mit.

Im Gral leben keine Männer. „Es ist auch gar nicht so einfach hier zu leben“, erklärt Uwe. Denn der Mann darf keine Arbeit verrichten. Vor allem nicht der König. „Wenn ich zum Beispiel beim Melken der Ziegen oder Hütten bauen geholfen habe, hat mir Maria böse Blicke zugesandt. Denn in den Augen anderer Himbas sieht das nämlich so aus, als würde sie nicht zurechtkommen. Und dieser Eindruck führt zu einem schlechten Ruf. Die Frau eines Königs ist genauso stark wie er“, erklärt er uns. „Das ist auch für mich dann nicht immer ganz einfach gewesen. So wird man zum Faulenzen erzogen. Mit der Zeit bin ich nur noch rumgehangen. Meine Stimmung wurde immer schlechter. Ich habe dann für eine Zeit bei den Epupa Fällen in der ersten Lodge als Manager gearbeitet. Aber da war das noch alles anders hier oben. Nach fünf Jahren habe ich mich mit Maria nicht mehr so gut verstanden. Ständig hatte ich schlechte Laune. Maria hat mich dann regelrecht aus dem Gral rausgeworfen. Ich habe dann an verschiedenen Orten gearbeitet. Vor allem als Tourguide von Windhoek aus. Mit dem Abstand ging es dann uns Beiden etwas besser. Und so haben wir heute eine sehr freundschaftliche Beziehung. Das passt.“ Woher kommen denn alle diese Kinder, so meine direkte Frage an Uwe. „Das weiss nur die Himba Frau. Nicht einmal der Vater der Kinder. Das ist einfach so bei den Himbas. Grundsätzlich sind alles meine Kinder hier. Wir sind ja noch immer verheiratet. Doch ehrlich gesagt, weiss ich nicht einmal alle Namen. Ich bin jedoch immer für sie da. Das ist meine Aufgabe als König.“

 

LEVEL 1976

Das Ziegen Festmahl
Für wichtige Gäste und Feiern wird eine Ziege geschlachtet. Wir dürfen uns eine aussuchen. Es gilt ernst. Oli geht in den Gral und muss eines der Lebewesen aussuchen, das in ein paar Stunden sein Leben verliert. Obwohl wir schon viele Besuche bei indigenen Gruppen in Afrika gemacht haben und zusammen auf Jagd waren, ist das hier sehr speziell. Diese Tiere können sich ja gar nicht wehren. Maria merkt unser Zögern und entscheidet sich für die braungefleckte Ziege. Uwe übersetzt: „Es ist ein Eunuch. Die Muttertiere werden natürlich nicht geschlachtet. Doch dieser kastrierte Bock hat eine gute Grösse, ist nicht zu alt. Den nehmen wir. Heute Abend gibt es eine Himba Ziege.“

Entlang des Tages müssen wir noch Wasservorrat holen gehen. Uwe hat mir etwas von einem Brunnen in der Nähe erzählt. Doch Maria klärt ihn auf, dass dieser seit zwei Jahren kaputt ist. Die Pumpe streikt. Wir sollen zur Quelle gehen. „Klar. Da bin ich dabei.“ Kwaidunbiru freut sich, dass ich mitkomme. Sie bringt zwei Esel, befestigt vier Kanister mit je 25 Liter Fassungsvermögen. Mir tut der eine Esel schon jetzt leid. Und der soll mich auch noch tragen? Sie, auch nicht gerade ein Leichtgewicht (bestimmt fast meine Gewichtsklasse) und zwei Kinder springen auf die Tiere. Ich darf laufen. Das finden die drei lustig. Katiti muss zu Fuss mitkommen. Doch wohin? Es stellt sich heraus, dass uns der Weg über einen Bergrücken in ein anderes Tal führt. Dort marschieren wir  (resp. ich) einem Trockenfluss entlang, bis wir zu einem kleinen Steinbruch kommen. Die Esel sind nach zwei Stunden noch immer fit, ich brauche die Pause. Die Quelle entpuppt sich als kleines, aber wirklich kleines Wasserloch. Mit dem 500g Joghurtbecher müssen wir Wasser schöpfen. Nach viermal schöpfen, muss man fünf Minuten warten, bis das Wasser nachläuft und sich der aufgewirbelte Sand wieder setzt. Und wir müssen so 100 Liter Wasser füllen. Ja, es geht eine Ewigkeit. Doch was bedeutet hier schon Zeit? Davon ist genug da. Wir wechseln uns ab. Kwaidunbiru hat in der Zwischenzeit ein Spiel angefangen: Steine auf Vögel werfen. Die Kleinen finden das lustig, schiessen jedoch jedes Mal weit daneben. Dann nimmt die kräftige Himba Frau einen Stein in die Hand, zielt und feuert ihn mit einer unheimlichen Wucht Richtung Vogel. Volltreffer. Der achtjährige Pekaru holt den getroffenen Vogel. Das wird sein Snack am Feuer. Ich bin baff. Diese Frau hat echt Power. Da bekomme ich gleich etwas Angst, als sie auf dem Felsen näher zu mir rutscht. Aber sie nimmt nur meine Hand und zeigt, dass ich mit dem Wasser schöpfen dran bin. Puh, das mach ich doch mit Vergnügen.

Bei unserer Rückkehr ist Uwe schon mit der Ziege am Schlachtplatz. Die Kinder schauen gespannt zu. Er bekommt Hilfe von einem Hirten. Gekonnt, schnell und sauber schlachten sie diese. Wir bekommen die Vorderbeine für das Grillfest, den Rest teilt Maria für die Familie ein. Es ist erstaunlich wie gekonnt sie das Hackbeil schwingt und mit dem Messer zügig das Fleisch in Portionen zerteilt. Diese Frau hat echt einen drauf. Sieht man die Himba Frauen in ihrer Tracht, kann man sich gar nicht vorstellen, wie man damit die tägliche Arbeit verrichten kann. Diese Frauen arbeiten wirklich von morgens bis abends in voller Montur. Uwe erklärt uns, dass eine Himba Frau in ihrer vollen Tracht mit Arm- und Beinreifen, dem Halsschmuck und den Lederkleidern gut zwanzig bis dreissig Kilogramm mit sich rumtragen. Kein Wunder sind die so kräftig. Bei dem täglichen Training. Bei uns würde man dem wohl Crossfit Circuit sagen.

Der Ziegen Eintopf wird eine Wucht. Dabei verwenden wir mitgebrachte Kartoffeln, Karotten und Zwiebeln. Gekocht im Gusseisentopf wird das Fleisch nach 2 Stunden zart. Dazu schmeckt der Drostyhof Wein aus dem Tetra Pack herrlich. Wir geniessen einen tollen Abend, bei dem Uwe uns weitere Geschichten aus dem Leben eines Himba Königs erzählt. Bis spät in die Nacht hören wir die Kinder singen und reden, sie sitzen um ihr eigenes, kleines Feuer. Darauf angesprochen erklärt Maria via Uwe, dass die Kinder selber entscheiden müssen, wann sie schlafen gehen. Sie müssen einfach am nächsten Morgen wieder früh auf sein und die Ziegen melken. Selbstverantwortung pur. Ach, wie hätte ich mir das als kleiner Junge auch gewünscht, geht es mir durch den Kopf.

Unsere Tage als Himbas gehen langsam dem Ende zu. Die Speicherkarte meiner Kamera und der Drohne sind fast voll. Die Erlebnisse im Kopf sind noch nicht verarbeitet. Wir sind im Jetzt und Hier. Das braucht wohl etwas Zeit. Wohl deshalb wird mein Bericht so lange. Ich könnte noch sooo viel erzählen und beschreiben.

Doch mit einem Mythus muss ich noch aufräumen: Das heilige Feuer der Himbas.
Entgegen vieler Aussagen in Fremdenführern und Erzählungen unter Touristen ist es nicht korrekt, dass dieses Feuer immer brennen muss. Uwe kann das gar nicht mehr hören.

Er klärt uns auf:
Das heilige Feuer liegt immer in der Mitte zwischen der Haupthütte und dem Vieh-Gral. Es wird dann entfacht, wenn man in der Familie wichtige Themen besprechen muss, Konflikte gelöst werden sollen oder jemand wird in die Familie aufgenommen. Der Häuptling oder König ist der einzige, der das Feuer entfacht und bewacht. Sobald es brennt, ruft der Hüter des Feuers die Ahnen an und fragt sie um Rat. Die Gespräche mit dem Jenseits und in der Gruppe können bis lange in die Nacht gehen. Solange das Feuer brennt, ist es verboten zwischen dem Feuer und dem Vieh-Gral durchzulaufen. Das Feuer wird dann gelöscht, sobald Antworten gefunden sind.

Es gibt aber auch noch einen einfachen, praktischen Grund, weshalb das Feuer nicht immer brennt. Himbas sind Hirten und Nomaden. Das heisst, sie ziehen mit ihrem Vieh umher. Da die Frau das Feuer tragen würde, muss man sich dies in Gedanken mal vorstellen: Vollgepackt mit über dreissig Kilogramm Kleidung und Schmuck, einem Kleinen auf im Arm, die Decken zum Schlafen im anderen Arm, den Milchkübel in der einen Hand und irgendwo dazwischen ein Stück brennendes Holz, das nie erlöschen darf. Und damit laufen sie mehrere Kilometer im bergigen Kaokoland entlang. Uwe schildert dies so gut, dass wir zusammen mit Maria nur noch lachen müssen. Nein, das heilige Feuer brennt nicht immer.

Uwe führt uns vor der Weiterfahrt am letzten Morgen, zu einem ganz speziellen Ort. Es handelt sich um eine versteckte, heilige Quelle. „Nicht einmal die Touristenführer wissen davon. Hier fliesst das ganze Jahr Wasser. Ausser euch, wissen nur die Himbas, das es diese gibt. Denn sobald hier Touristen aufkreuzen, geht alles kaputt. Dann wollen sie picknicken, Baden und verlassen den Ort als Sauhaufen.“ Wir fühlen uns geehrt, diese Quelle besuchen zu dürfen. Es ist weit mehr als eine Quelle. Das klare Wasser läuft über Treppenstufen in ein breites Wasserloch, danach weiter als kleiner Fluss, bis er dann einen grossen Bergrücken umrundet und in den Kunene fliesst. Die grünen Pflanzen und Bäume entlang des Wassers sind eine reine Wohltat in dieser trockenen Gegend.

Es ist Zeit, um weiterzuziehen. Entlang des Kunene Flusses Richtung Ruacana. Corinne fährt. Die Erinnerungen der letzten Tage gehen mir durch den Kopf. Maria habe ich mitgeteilt, dass es einfach fantastisch gewesen ist, ich jedoch keine Rinder besitze um Kwaidunbiru als meine zweite Frau auszulösen. Sie hat es mit einem Schmunzeln entgegengenommen. Man will ja keinen armen Mann „Otjirumbuu“ in die Familie aufnehmen. Qualität hat seinen Preis.

Am meisten beeindruckt mich, wie sie mit der globalen Virus Hysterie umgehen. Die Himbas sind auf keinen Fall auf dem Kopf gefallen. Nein, sie haben sogar Handys und informieren sich was ausserhalb ihres Grals passiert. Während sich viele Menschen und Regierungen rund um den Globus gerade in einen Endzeitwahn wähnen, der Tourismus in Namibia auf Null gefallen ist, sind viele traditionell lebende Himbas froh um eine Verschnaufpause. Sie kümmern sich um ihr Vieh und um ihr Leben in der Abgeschiedenheit. Sie brauchen keine Touristen zum Überleben. Sie kümmern sich in der hektischen Zeit wieder voll und ganz um ihr Leben in der Wildnis. Ohne ständig begafft zu werden. Wenn es echte Überlebenskünstler gibt, dann hier.

 

LEVEL 1988

Entlang dem Kunene bis nach Ruacana
Nach eindrücklichen Tagen bei Uwes Familie sind wir mittlerweile an einem der Lieblingsorte von Uwe angekommen: Die Kunene River Lodge. Ein wunderbarer Platz am Fluss. Die Flussfahrt mit Krokodilsichtung und einem magischen Sonnenuntergang mit Gin Tonic in der Hand, gefällt uns sehr gut. Der einzige Wehrmutstropfen ist, dass wir ein riesiges, verendetes Krokodil am Flussufer entdecken. „Diese Bastarde. Schon wieder. Verdammte Ignoranten.“ Der Bootsführer und Guide ist auf Puls zweihundert. „Schon letzte Woche haben wir ein 4,5 Meter langes Krokodile gefunden. Die Einheimischen auf der Angola Seite legen seit Wochen vergiftete Köder aus. Sie wollen die Krokodile töten. In Namibia sind diese geschützt, aber auf der anderen Seite des Flusses interessiert das niemand. Wisst ihr eigentlich, dass ein solch grosses Krokodil fast 100 Jahre alt ist. Es ist unfassbar. Die gehören in den Knast.“ Die andere Seite ist nur spärlich besiedelt. Es leben Himbas und zwei andere Stämme entlang des Flusses. Für indigene Völker sind Krokodile die grosse Gefahr am Wasser. Für die Menschen und ihr Vieh. Jedes Jahr würde es zwei bis drei tödliche Unfälle geben. Doch das würde die Tötungen der Krokodile nicht rechtfertigen. Die Regierung Angolas interessiert das nicht. Die Gegend ist zu abgelegen und für sie nur Buschland. Wir sind tief betroffen, denn es zeigt einmal mehr, das viele indigene Gruppen nicht, wie ihnen oft zugeschrieben wird, mit der Natur leben. Vor allem nicht, wenn sie vom Vieh leben. Doch das ist eine andere Geschichte.

Kaum zurück, kommt die Besitzerin der Lodge angelaufen und informiert uns, dass das Virus nun richtig ausbricht. Walvis Bay und Swakopmund an der Küste, sowie die Gegend bis nach Okahandja im Inneren des Landes, sind wieder im Lockdown aus Stufe 2. Es gibt kein Rein und Raus in die Gegend. „Es sind Gerüchte im Umlauf, dass das Kaokoland ebenfalls zugemacht wird.“ Puh, das wäre der Hammer. So könnten wir dann gleich wieder zurück zu Uwes Familie. Kwaidunbiru würde sich sicher über ihren Wasserträger freuen. Natürlich ist dies Thema an unserem Lagerfeuer. Unser restliches Ziegengulasch schmeckt uns nicht mehr wie am Tag zuvor. Was wäre wenn?

 

 

LEVEL 0

Zurück in Windhoek
Es stellt sich heraus, dass wir problemlos zurück bis nach Windhoek reisen können. Nur die Gegend von Okahandja bis zum Meer steht unter Lockdown. Anscheinend sind dort südafrikanische Lastwagenfahrer aus der Quarantänestation abgehauen und verbreiten gerade das Virus. Nun wird erstmals richtig getestet in Namibia. Die Zahlen steigen hoch. Wir nehmen dies zur Kenntnis und machen nochmals einen Übernachtungsstop in Kamanjab. Bei Uwes Freund Vital im Oppikoppi Camp feiern wir unseren Abschluss der Himba Tour. Während wir freudig wieder etwas Zivilisation geniessen, ist Uwe mittendrin in der Knobelrunde und vermag zu trinken wie ein echter Seebär. Wir können da gar nicht mitmachen, denn nach drei Runden würden wir wohl betrunken und im Tiefschlaf unter der Theke liegen.

Zurück in Windhoek im Bwanapolis sortieren wir erstmals das von Carsten geliehene Campingzeugs aus. Uwe ist da viel schneller und sitzt mit einem Gin Tonic wieder auf seiner Bank vor dem Eingang. „Ha, fast bei Level 2000. Es läuft super.“ Mittlerweile sind wir uns das ja gewöhnt und reagieren nicht darauf. „Scheisse. Scheisse. Das gibt es ja gar nicht. Nein, nein, nein. Die wollen mich verarschen!“ Der Gin Tonic ist in einem Zug geleert. Sein Gesicht spricht Bände. Pure Verzweiflung. „Alles weg. Alle Levels sind gelöscht. Unglaublich. Wie kann das passieren?“ Uwe steht auf Level 0. Und wir haben fertig. Tschüss!