It’s wintertime@okaperuperu


„Ach was, in Afrika ist es doch nicht kalt. Da scheint doch immer die Sonne. Ihr habt ja schon so lange Ferien und geniesst das Nichtstun. Oder? Doch wir sind nicht neidisch. Bei uns zu Hause in der Schweiz ist ebenso herrliches Sommerwetter. Wenn nur dieses Virus endlich weg wäre.“ Wenn unsere Freunde wüssten, wie kalt es hier im namibischen Winter sein kann. Unsere Farm liegt auf 1800 Meter über Meer und befindet sich nahe der Kalahari Gegend, wo Minusgrade in der Nacht keine Seltenheit sind. Mit 22-24 Grad Temperatur am Tag scheint die Sonne angenehm warm. Eigentlich herrliches Wetter ohne je eine Wolke am stahlblauen Himmel zu sehen. Sonnenbrand riskieren wir aktuell keinen. Doch die Landschaft macht oftmals einen etwas trostlosen Eindruck. Es ist sehr trocken, das Gras schimmert goldig, jedoch liegt oft ein diesiger Schleier in der Luft, was die Gegend gräulich wirken lässt. Es ist Ende Juni und wir sind mitten im Winter. Es ist die Zeit im Jahr, in der wir uns nur über die kalte Temperaturen am Abend und in der Nacht freuen, weil wir jetzt gut mit der Isolationstruhe statt Kühlschrank auskommen. Die Butter zerläuft nicht in der Truhe, das Fleisch bleibt über 5 Tage frisch, das Gemüse hält sich Ewigkeiten und die Milch für die Haferflocken ist ganz schön kalt am Morgen. Kaffeewasser ist eine Geduldssache bei eingefrorenen Leitungen. Doch es ist eine ideale Zeit für Tierbeobachtungen auf der Wildnis Farm. Denn wie uns Menschen, geht es auch den Tieren. Sie warten genauso sehnsüchtig am Morgen auf die ersten Sonnenstrahlen um sich zu wärmen, bevor sie sich dann im Busch verstecken. Die nächsten Geschichten drehen sich um kalte Nächte und heisse Momente am Lagerfeuer. Hier sind sie brühwarm erzählt.

 

Wintertime in Namibia
Wir sind zurück von der Himba Tour mit König Uwe. Wir bringen den Statthalter vom Bwanapolis zurück nach Windhoek. Die Kälte hat in den letzten Tagen auf der Tour Einzug gehalten und uns auf die kommenden Wochen im Zelt auf der Farm vorbereitet. Doch vorher wollen wir noch etwas in der Hauptstadt bleiben und ein paar Nächte in einem normalen Bett schlafen. Zudem wollen wir Pläne schmieden. Der Lockdown betrifft noch immer die Küstengegend Namibias. Vielleicht haben wir ja etwas Glück und die umliegenden Länder lassen Touristen rein. So haben wir in den nächsten Tagen einiges vor. Besuch der Botschaften Angolas, Sambias und der beiden Kongos. Und ich werde unseren Blog wieder etwas auf Vordermann bringen, die Bilder der Tour konsequent aussortieren und die Videos roh schneiden. Mit meinem Computer braucht das schon etwas Zeit. Dafür haben wir dann Ordnung. Ansonsten würden wir nach über drei Jahren auf Tour total den Überblick verlieren. Corinne wird etwas kribbelig in der Zeit, da es in Windhoek nicht wirklich viel zu unternehmen gibt. Besonders nicht während der Covid Krise.

Moringa Man ist ebenfalls im Bwanapolis zu Besuch. Wollte er doch nur für drei Tage halt machen, um sein Business zu organisieren und dann an der Küste sein Geschäft vergrössern. Doch nun hängt er schon seit Wochen hier rum. Und da die Putze auch auf Urlaub ist und niemand sonst für Ordnung sorgt, trifft uns bei der Ankunft fast der Schlag. Überall leere Bierdosen, Kippen, vollgestellte Tische, ungewaschenes Geschirr. Doch ihm ist das nicht aufgefallen. Es scheint ihn auch nicht wirklich zu stören. Es bestätigt unseren generellen Eindruck, den wir schon an mehreren Orten angetroffen haben. Es herrscht eine akute  Motivationskrise. Die Menschen schalten in den Überlebensmodus. Nur noch das lebensnotwendige wird gemacht. Hm, ist das nun die Winterzeit oder der Corona Virus? Oder Beides in Kombination? Eigentlich ist es auch nicht verwunderlich bei all den vielen Weltuntergangs-Schlagzeilen, den ständig widersprüchlichen Prognosen und einer Regierung hier, die an einem Tag dies beschliesst, am nächsten Tag wieder aufhebt und anderes als wichtig erachtet. Naja, lassen wir das. Es wird wohl noch lange nicht besser.

 

Social Experience ohne Distancing
Wir machen uns zuerst einmal daran, das Gästehaus wieder für andere Menschen bewohnbar zu machen. Dafür belohnen wir uns; resp. Uwe belohnt uns mit seinen Fleischrouladen à la DDR. Speck, Essiggurken, eine fantastische Senfsauce, gerollt in zartem, dünnem Rindfleisch. Dazu selbstgestampfter Kartoffelbrei. „Das habe ich meiner Mutter abgeschaut. Sie hat immer gemeint, ich könne gar nicht kochen. Doch als ich dies das erste Mal für sie gekocht habe, war sie einfach begeistert. Lasst es Euch schmecken!“ Uwes Augen leuchten. Und nach zehn Minuten die unseren auch. Wer hätte das gedacht, dass der König so gut kochen kann. Corinne macht einen Menuplan für die nächsten Tage. So wird das all abendliche Kochen zu einer festen Social Experience. Ohne Distancing. Gemeinsam halten wir das Gästehaus einigermassen in Schuss.

Wir halten mit Carsten Möhle (dem Besitzer des Bwanapolis und Bwana Tucke Tucke Reisebüro) immer wieder Kontakt nach Deutschland. Er würde gerne zurück nach Namibia kommen. Doch aktuell gibt es keine Möglichkeiten. Der Flughafen ist dicht. Gleichzeitig organisiert er seine Firma in Deutschland und versucht wie viele andere, die Firma irgendwie am Leben zu erhalten. Er schafft es, dass viele seiner Gäste ihre Reservierungen um ein Jahr verschieben, um nicht die bereits bezahlten Leistungen zurück zu erstatten. Denn das ist für fast alle Reiseunternehmen das grösste Risiko. Viele der bereits reservierten Lodges und Veranstalter von Aktivitäten, behalten Stornogebühren ein, die Fluggesellschaften zahlen das von Kunden und Partnern einbezahlte Geld einfach nicht zurück, obwohl sie die Flüge selber gecancelt haben. Die Versicherungen zahlen erst Leistungen aus, wenn ein Unternehmen in den Konkurs schlittert. So bleibt alles bei den Reisebüros hängen, die plötzlich vor einer gewaltigen Aufgabe stehen: Alle Reserven müssen aufgelöst werden und Geld, das nicht mehr vorhanden ist, muss in kurzer Frist an die Kunden zurückbezahlt werden. Der Staat „rettet“ nur die ganz grossen Reisegesellschaften und die Fluggesellschaften, die ja das Geld an ihre Kunden nicht einmal zurückzahlen. Es ist ein gewaltiger Balanceakt um überhaupt an einen Überbrückungskredit zu kommen. Carsten rechnet, dass wenn dies so weitergeht, wohl die Hälfte aller Reiseunternehmen dicht machen. Er kann zum aktuellen Zeitpunkt nicht sagen, was das für ihn heissen wird. Die Verhandlungen mit der Bank sind im Gange. Als siebtgrösster deutscher Anbieter für Namibia Reisen ist er positiv eingestellt, dass sie eine Lösung finden. Aber wer weiss das denn schon so genau?

 

Schlafstadt Windhoek
Schon wieder ist eine Woche vorbei. Und wir sind noch immer in Windhoek. Eigentlich kommen wir immer mit einem klaren Anliegen in die Hauptstadt. Visa, Informationen, Freunde besuchen. Doch ist mal erst mal hier, schaltet man in einen Relax Modus. Gerade in der aktuellen Situation ist Windhoek eine Schlafstadt. Obwohl der Verkehr nur signifikant weniger ist als vor der Krise, die Menschen wieder in der Stadt rumhängen und die neue Autobahn weiter unter Hochdruck  gebaut wird, scheint alles im Not Modus. Es fehlen einfach die vielen Touristen, die das Land beleben.

Die pulsierende Hauptstadt Namibias ist die Schlafstadt des südlichen Afrikas. Die Grenzen zum grossen Nachbar Südafrika sind zu, nur wirklich wichtige Güter kommen rein. Das sind vor allem Lebensmittel und Medikamente. Die Automechaniker verzweifeln fast daran, dass sie für die wenigen Aufträge die sie am Leben erhalten, keine Ersatzteile bekommen. Das geht aber leider fast allen Handwerkern so. Namibia hängt am Tropf Südafrikas.

Ein spannendes Beispiel sind die jetzt benötigten Heizdecken. Solche gibt es vor allem im südlichen Afrika. Da die Häuser nicht mit Heizungen ausgerüstet sind und der Winter für ein paar Wochen richtig kalte Nächte beschert, gibt es Heizdecken. Man legt diese über die Matratze und schaltet sie an die Steckdose an. So kann man mindestens warm schlafen. Doch solche Heizdecken gelten nicht als wirklich wichtige Güter. Mit der Folge, dass die Leute nun auch noch in kalten Betten schlafen müssen. Schlecht schlafen stärkt ja auch nicht gerade das Immunsystem.

Es braucht Disziplin. Auch für uns. Wir raffen uns auf. Die Arbeit am Computer ist nach zwei weiteren Tagen erledigt. Die Besuche bei den Botschaften sind total ernüchternd. Bis auf Sambia winken alle ab. Der Botschafter Sambias will sich um unser Anliegen kümmern und teilt uns nach drei Tagen mit, dass wir mit einem negativen Test als Touristen nach Sambia reisen dürften. Das ist insofern beruhigend, weil wir in drei Wochen unsere nächste Visaverlängerung beantragen müssen. Und das ist jeweils ein Spiessrutenlaufen. Mindestens haben wir mit Sambia eine Option zur Hand.

 

„Wow. Corinne guck mal, die haben sogar eine Geschirrspülmaschine“
Für die letzten Tage werden wir zu Freunden eingeladen. „Damit ihr mal etwas aus dem Bwanapolis rauskommt“, haben sie spasshalber gemeint. Wir sind das erste Mal auf Finkenstein Estate. Im alten Teil. Grosse Häuser inmitten von Hügeln. Rundherum laufen Antilopen umher. Es ist richtig schön hier. So stehen wir in einer wunderbar ausgerüsteten Küche. „Corinne, guck mal, die haben sogar eine Geschirrspülmaschine. Und schau mal hier: Ein Backofen“. „Na na, das seid ihr Euch halt nicht mehr gewohnt, oder? Wir können schon auch ein Feuer im Garten machen und ihr könnt dann mit dem Kessel Suppe kochen“, lacht Stefan, unser Gastgeber. Aber es stimmt, wir leben nun seit Monaten in einem Zelt auf der Farm. Kochen ist ein fester Bestandteil des Tages. Dazu gehört Feuer machen, hantieren mit den Töpfen, Abwaschen. Ach, im Moment geniessen wir den Moment im Paradies. Gar nicht zu sprechen von dem Bett mit einer guten Matratze. Von Stunde zu Stunde wird es kälter im Haus. Der Elektro Ofen reicht nicht aus. Plötzlich sitzen wir zu viert in Wintermäntel am Tisch und geniessen das Nachtessen. Es herrschen die berüchtigten Minusgrade.

Unsere Betten haben keine Heizdecken. Doch wir sind uns schon einiges gewohnt und schlafen prächtig. Nur Stefan nicht so. Am nächsten Morgen suchen wir die Möbelhäuser in Windhoek ab bis wir einen zusätzlichen Elektro Ofen finden. Während die Frauen mit den Hunden die Gegend unsicher machen, besprechen Stefan und ich uns wegen seiner Fujifilm Ausrüstung. Genauso wie ich, ist er Fan und Liebhaber dieser professionellen Fotokameras geworden. Den einen Tipp und Trick kann ich ihm noch mitgeben. Und er gibt mir dafür sein 200mm Objektiv für die nächsten paar Wochen mit. „Ich benötige es gerade nicht. Und da ich weiss, dass du nur 50mm als grösste Linse dabei hast, bekommst du hiermit noch etwas mehr Möglichkeiten. Denn ich finde es etwas gefährlich, so nahe an Löwen, Nashörner oder Schlangen heranzuschleichen, nur um gute Bilder zu machen. Da musst du schon vorsichtig sein. Nimm das Objektiv und mach ein paar coole Bilder. Ich bin völlig happy. Wir schmieden auch gleich Pläne, wo ich damit hin will: Nashörner auf unserer Farm und dann in den Caprivi an den Horseshoe. Danke Stefan!!

 

Kurze Tage auf Okaperuperu
Endlich wieder zurück in der Wildnis auf Okaperuperu. Bei der Fahrt zum Camp schauen wir bei den Sable Antilopen vorbei. Irgendwie haben sie uns gefehlt. Wir zählen und stellen fest, dass alle noch das sind. Auch die Kleinsten kommen mit den Temperaturen gut zurecht. Das freut uns sehr. Die Arbeiter haben während unserer Abwesenheit gut zu den Tieren geschaut. Von weitem sehen wir das grosse, neue Wasserloch. Auch hier haben sie alles gegeben und viele Kubikmeter geschaufelt. Auch sehen wir die vielen Oryx Antilopen, die mit ihren Kleinen unterwegs sind. Und natürlich die vielen Weissschwanz Gnus, die wie wild umherspringen. Die scheinen sich zu freuen, dass wir wieder da sind. Das Ankommen im Camp ist so etwas wie ein nach Hause kommen. Unsere zwei Zelte, die Feuerstelle und die Outdoor Küche. We are back into the wild. Die Freude wird nur dadurch getrübt, dass die Tage kurz werden. Um sechs Uhr abends ist es dunkel. Und dann wird es kalt. Bei 7 Grad kochen und essen. Und danach noch die Outdoor Dusche mit ihrem wenigen heissen Wasser. Wenn uns da nur nicht auch noch das Gas ausgeht. Da müssen wir etwas umstellen. Ab sofort sind wir um sieben Uhr im Zelt im warmen Schlafsack. Es ist die Zeit zum Krimis lesen. Doch beim Krimi Eiskalt muss Corinnen nach ein paar Seiten aufhören. Sie hat den Eindruck es sei gerade nochmals kälter geworden im Zelt. Es ist meistens so um die 3 Grad. Hin und wieder sind es auch Minusgrade. Wir wenden einen Trick an: Ab jetzt lesen wir nur noch Geschichten, die irgendwo in der Karibik oder unter der Sonne Afrikas spielen. Es nützt.

Doch der „Running Gag“ ist die tägliche Frage nach dem Abendessen: „Corinne, willst du nicht noch einen heissen Tee?“ Jeden Tag die gleiche Antwort: „Besser nicht.“ Denn wehe dem, der in der Nacht auf Toilette muss. Wahrscheinlich haben wir noch nie so viel geschlafen wie in der aktuellen Situation. Von acht Uhr abends bis sieben Uhr morgens. Das Aufstehen ist derweil etwas hart. Corinne schläft wunderbar auf der Luftmatratze. Meine vermag das Gewicht nicht zu tragen und jeden Morgen wache ich auf der platten Luftmatratze und nur noch auf der dünnen Isomatte auf dem kalten Boden auf. Und dann kommt mein tägliches Training: Aufstehen, anziehen und aufwärmen in der Kälte. Naja, wüsste man es nicht besser, könnte man meinen ich sei ein alter Mann. Bis ich aus dem Zelt rauskomme, brauche ich mehrere Minuten. Erst muss ich meine Beine kräftig durchschütteln, um sie zu durchbluten um dann aufstehen zu können. Danach mal kräftig den Rücken durchstrecken und zitternd meine Kleider anziehen. Ach ja, Mütze nicht vergessen. Dann geht´s raus in den Winter. Zum Glück hat Corinne da weniger Probleme und schon mal einen heissen Kaffee gekocht. Danke Liebste – das bringt die Lebensgeister zurück.

Den Arbeitsbeginn haben wir während des Winters auf 08:00 verschoben. Dick eingepackt in Jacken, mit Mützen und Handschuhen schleichen die Arbeiter bei 8 Grad zum Traktor. „Viel zu kalt. Man kann nicht gut arbeiten“, jammern sie gerne am Morgen. Doch sobald sie auf dem Traktor sitzen, die ersten Sonnenstrahlen auf ihr Gesicht treffen, dann kommt das afrikanische Lächeln zurück.

 

Daily Farmlife
Voller Stolz präsentieren die Jungs das von Hand gegrabene Wasserloch. Es soll eine Attraktion für das geplante Camp sein. Etwas mehr als 8 Meter im Durchmesser und ein Meter Tiefe so die Vorgaben der Besitzer. So können dann ihre Gäste, gemütlich von der Terrasse ihres Zelts den Blick auf das Treiben am Wasser haben. Die Entfernung beträgt um die 150 Meter, was genug weit weg ist, damit sich die Tiere nicht gestört fühlen und mit dem Fernglas ist es genug nah, um den Tieren zuzuschauen. „Wir haben die letzten vier Wochen zu viert jeden Tag geschaufelt. Das war schon hart, aber es sieht doch einfach toll aus“, so der Vorarbeiter Jeremia. „Seid ihr sicher, dass ihr einen Meter tief gegraben habt?“ „Ja. Wenn du die Schaufel nimmst, dann ist die Tiefe bis zur Markierung hier. Das ist ein Meter“, seine Antwort. Als ich dann das Messband, welches immer gut sichtbar im Lagerraum hängt, hervornehme, schwant ihm Übles. Knappe 70 Zentimeter ist das Wasserloch tief. Ich wundere mich überhaupt nicht, auch nicht, obwohl wir dies mehrmals besprochen haben. Mittlerweile bin ich da tatsächlich ruhig. Beim Blick in die Runde sehe ich über allen Köpfen Fragezeichen schweben. „neun?“ fragt Funa, der Damara. „Ich mache das selber. Die restlichen 15 Kubikmeter schaufle ich in 2 Wochen. Alleine. Und das nur in zwei Stunden am Tag. Das ist ein gutes Training für mich. Und am Morgen bekomme ich somit auch noch warm.“ Grosse Klappe von mir. Die Jungs sind eher enttäuscht, dass sie nicht mithelfen dürfen. Jeden Tag fragen sie danach. Doch für sie habe ich einen anderen Job. Entbuschen. Nicht ihre Lieblingsbeschäftigung. Doch notwendig. Natürlich würden sie lieber wieder ein bisschen schaufeln und Pause machen. So mache ich mich jeden Morgen in korrekter Arbeitskleidung, mit Schaufel und Handschuhen zu Fuss auf den Weg zum Wasserloch. Mein Training besteht nun aus einem Kilometer schnell gehen, zwei Stunden hart schaufeln und relaxt den Kilometer wieder zu Fuss zurück. Und es geht vorwärts. Pro Tag schaffe ich gut eineinhalb Kubikmeter. Zwei Weissschwanz Gnus, ich nenne sie Mark und Lydia,  sind jeden Tag um mich herum und spornen mich an, endlich ihren Pool fertig zu erstellen. Auch kommen immer wieder mal die Arbeiter vorbei und sind ganz interessiert, ob ich mein Versprechen einhalten kann. „Du machst das gut. Weiter so“, pflegt Funa mit einem Lächeln zu sagen. Die ersten Tage sind natürlich hart, überall schmerzt es, Muskelkater ist mein ständiger Begleiter. Doch nach den ersten vier Tagen fühle ich mich schon viel besser. Endlich. Corinne und Japau kommen auch immer wieder mal vorbei, wenn sie den Spuren der Nashörner folgen.

So sieht es aus, wenn der Macho Man Oliver am Arbeiten ist:

 

Und das ist Corinnes daily business:

 

 

Die Buschmann Art
Der Bauch schwindet ein bisschen, die Muskeln wachsen. Jeden zweiten Tag kontrolliere ich nachmittags die Arbeit der Jungs beim Entbuschen. Scheint wieder einmal Pause zu sein. Die Buschmänner sitzen im Gras, rauchen ihre Zigaretten bestehend aus Black & White Tabak und Zeitungspapier. Linus, der Angolaner sitzt auf dem Traktor und telefoniert, die beiden anderen hacken die Wurzeln der Dornbüsche weg. „Pause?“, so meine Frage. „No“, die knappe Antwort des Vorarbeiters. Zehn Sekunden später fängt der eine Buschmann lauthals in seiner Sprache zu lamentieren. Die Arbeitenden rollen die Augen und hacken weiter. Aber es hört nicht auf. Ich bitte ihn, in Englisch oder Afrikaans zu sprechen. Dann erklärt mir Jeremia, dass er sich wieder und wieder beschwert, dass sie eigentlich Tracker sind und für die Mithilfe beim Entbuschen extra bezahlt werden müssen. Schon wieder die gleiche Leier. Alle haben einen Arbeitsvertrag mit festgelegten Stunden und ihrer Arbeit. Und bei den Buschmännern ist es einen halbe Tag Tracking und Zaunkontrolle pro Tag und einen halben Tag Mithilfe bei allen anderen Farmarbeiten. Für Japau ist das ganz in Ordnung. Doch der kleine Merrion beeinflusst ihn ständig und macht schlechte Stimmung. Und das seit Monaten. Sie verstehen gar nicht, dass sie auch aufgrund der Corona Krise noch immer 100% Lohn bekommen. Und der ist um einiges höher als der normale Farmarbeiterlohn. Doch das merkt er sowieso nicht, er hat nie Geld. Kaum ist das Geld auf dem Konto seiner Liebhaberin (er hat kein Bankkonto, auf das Konto der Familie soll es nicht gehen), ist es auch gleich wieder weg. Ich habe diese Frau schon mehrmals in Okahandja getroffen. Sie managt sein Geld, beim Bankomat kann nur sie Geld abheben. Dann und wann sendet sie etwas vom Lohn zu seiner Familie. Den Rest versaufen sie. Sorry, aber da habe ich kein Verständnis dafür. Umso weniger auch für das ständige Lamentieren. Trotz aller Umstände sind diese Menschen erwachsen. Mich ärgert dies, obwohl ich wohl cool bleiben sollte. Doch ich bin Gerechtigkeitsmensch. Es geht einfach nicht, dass die anderen hart arbeiten und der eine Typ schlechte Stimmung reinbringt, dass die Motivation wieder im Arsch ist.

Wir machen es auf Buschmann Art. Am Abend sitzen wir ums Lagerfeuer und besprechen dies in der Gruppe. Ich glaube sie haben nun verstanden, dass es kein nächstes Mal gibt. Wem es hier nicht gefällt, ist frei seine Dienste auf einer anderen Farm anzubieten. Wahrscheinlich für weniger Lohn, weniger persönliche Infrastruktur wie eigenes Zimmer im Haus, fliessend Wasser, einer ausgestatteten Gemeinschaftsküche und Rabatte im Farmshop. Merrion, der Buschmann murmelt vor sich hin und verspricht, sich in der Gruppe einzubringen. Ich versichere ihm, dass ich ihn beim nächsten Mal persönlich zum Tor fahre und rauswerfe. Dann steht er auf und verzichtet auf jegliches Social Distancing und streckt mir seine Hand entgegen. Er verspricht, sich zu bessern. Das Gleiche zum Vorarbeiter. Endlich gibt es Buschmann Kaffee, den Japau für alle gekocht hat. Stark. Mit vieeeel Zucker. Lekker.

 

Schlanga fanga
Die Tage vergehen wie im Flug. Der Pool ist bald fertig geschaufelt. Neben den Nashörnern hat Corinne auch die Sable Antilopen lieb gewonnen. Wir gönnen den Arbeitern am Sonntag die Pause und füttern die Antilopen selber. Corinne als Feedmaster hat da ihren Spass daran. Das sieht man auch ganz gut am kleinen Video, dass ihr hier findet:

Zur täglichen Farmarbeit gehört natürlich auch die Kontrolle der bestehenden Wasserlöcher. Und da habe ich meinen echten Schreckmoment. Um über das Reservoir zu sehen, muss man auf den Betonrand stehen. Alles klar, Wasser ist voll. Als ich jedoch runtersteige, erklingt das erschreckende Zischen. Viel zu laut. Mein Körper erstarrt zur Salzsäule. Ganz vorsichtig drehe ich meinen Kopf und blicke zur Seite. Keine dreissig Zentimeter hinter mir liegt eine fette Puffotter. Ausgestreckt. Die Mutter aller Puffottern. Ihr Mund ist offen. Jetzt nur nicht bewegen. Ein Biss dieser Schlange kann dich problemlos in den siebten Himmel befördern. Schweiss rinnt mir in die Augen. Wenn ich den Text kennen würde, ich würde das Vater unser beten. Sekunden werden zu Stunden. Ich vernehme ein Rascheln auf Sand und beim Blick über die Schulter sehe ich sie zum Wasserloch kriechen. Tief ausatmen. Und rennen. Einmal um die andere Seite des Reservoirs. Die GoPro Kamera liegt griffbereit im Auto. Das will ich natürlich festhalten. Hier mein Schreckmoment auf Video gebannt:

 

Was macht eigentlich die Corona Krise in Namibia?
Das Leben hier draussen auf der Farm ist wirklich „weg vom Schuss“. Wir haben nur sehr beschränkten Internetzugang mit Edge. Für unsere Büroarbeiten und Korrespondenz fahren wir 15 Kilometer zur Kreuzung, die als Hochfeld bekannt ist. Dort gibt es einen Farmshop, ein kleines Guesthaus, das Haus des Farmervereins und einen Viehauktionsplatz. Im Farmshop „Kaap Agri“ hat man gutes 3G Netz und kann mit etwas Geduld all seine Computersachen erledigen. Desmond freut sich auch jedes Mal, wenn wir uns sehen. Natürlich wird dann der neueste Klatsch ausgetauscht. Corona ist immer ein Thema. Doch hier draussen, denken alle Farmer dass sie eh in einer Quarantänezone sind. Auf den obligatorischen Mundschutz wird verzichtet. Ich erfahre, dass sich das Virus noch immer stark in der Küstenregion wütet. Die armen Kerle in Swakopmund und Walvis Bay sind seit fast fünf Monaten im Lockdown. Viele der kleinen Geschäfte in Swakop, die den Charme der Küstenstadt ausmachen, sind dauerhaft geschlossen. Die Menschen total verzweifelt. Der eine Farmer meint, dass dies halt eben dort so stark ist, weil dort die Schiffe ankommen und die Schwertransporte hingehen. Andere widersprechen ihm und sind überzeugt, dass es in Windhoek noch viel schlimmer sei, nur wird dort nicht getestet. Wieder andere berichten aus dritter Hand über die katastrophalen Verhältnisse in den staatlichen Quarantänestationen und dass deshalb die positiv getesteten südafrikanischen Lastwagenfahrer abhauen. Einer sei die 400 Kilometer durch die Wüste bis nach Windhoek gelaufen und wurde doch noch erwischt. Ok, wir sprechen im Moment vom etwas über 3000 positiv getesteten Personen, 5 Toten und nur wenig hospitalisierten Patienten. Dennoch die rasante Entwicklung in den letzten drei Wochen ist für die meisten sehr besorgniserregend. Nicht zu sprechen von der wirtschaftlichen Katastrophe. Hier gibt es keine Notkredite. Auf keinen Fall für Firmen mit weissen Besitzern. Das ist einfach mal die ungeschminkte Realität. Den Farmern geht es noch immer entsprechend gut. Sie sind Selbstversorger. Die Rinder haben noch immer gut Gras, die Preise für die Tiere sind auf Auktionen weit über dem Durchschnitt. Und der Agri Shop läuft mit seinem Futtermittel auf Hochtouren. Seit dem Beginn der Krise leben wir bis heute in einer anderen Welt.
Ehrlich gesagt, wir können uns die ganzen Sorgen um Corona nur bedingt vorstellen. Was aber nicht heissen soll, dass wir dies verleugnen oder klein reden wollen. Wir sind nur einfach weit weg. Nach dem Motto: Wenn es Virus Krieg gibt, sind wir in der (Halb)Wüste.

 

Mal wieder nach Windhoek für eine Visa Verlängerung
Würde jetzt noch Schnee auf den Feldern liegen, wir würden uns nicht wundern. Wieder einmal sind die Leitungen zugefroren. Der Kaffee muss warten. In der Zwischenzeit packen wir unsere Taschen und hängen die Batterie wieder am Habash an. Unser Motorrad muss ausgefahren werden. Und da wir sowieso wieder nach Windhoek müssen, passt das bestens. Wir befinden uns am Anfang der dritten Woche Juli. Unser Visa läuft in zwei Wochen aus. Noch immer gibt es keine Möglichkeit auf dem Landweg rein und raus aus Namibia. Pro Woche gibt es einen privat organisierten Repatriierungsflug für unverschämt teures Geld. Doch wir wollen nicht raus, nur weiter. Wir treten unsere Reise nach Methusalem an. Hoffentlich ist uns die Dame am Schalter der Immigration gut gesinnt und gewährt uns wieder Asyl. Um neun Uhr starten wir den Motor. Er springt sofort an. OH, wie wir dieses Geräusch in den letzten Wochen vermisst haben. Wir cruisen auf der Farm Richtung Ausgang. Links und rechts rennen die Antilopen weg. Nur meine Gnu Kollegen Mark und Lydia bleiben stehen und verstehen die Welt nicht mehr. „Wo geht er denn hin. Es ist ja noch gar kein Wasser im neuen Pool“, scheinen sie sich zu fragen. Keine Angst meine Freunde, wir kommen wieder. Hoffentlich.

Die hundertdreissig Kilometer zur Hauptstrasse nach Seeis an der Hauptstrasse Gobabis – Windhoek wird zur Härteprüfung. Das Wetter mit blauem Himmel sieht perfekt aus, doch kaum zwanzig Kilometer gefahren, friere ich am ganzen Körper. Der Nierengurt wärmt ein bisschen, doch die Finger. Auch mit Goretex Handschuhe habe ich den Eindruck, sie wurden bald blau anlaufen. Immer wieder mal machen wir Pause um die Finger aufzuwärmen. Anfangs dachte ich, ich wäre ein Weichei. Doch das Kribbeln ist echt. Dazu kommen viele, viele Kilometer auf der  korregierten Piste. Wir nennen es Wellblech. „Afrika ist nicht für Sissies“ geht mir durch den Kopf. Genau. Da müssen wir durch. Zwischenzeitlich liefern wir uns ein Wettrennen mit den grossen Red Hartebeest Antilopen, die auf fast 70 Kilometer pro Stunde kommen. Ob die auch an die Hufen frieren?

Wieder einmal im Bwanapolis bei Uwe. Rouladen zur Begrüssung. Klar, was sonst.
In der Stadt finden wir mit Müh und Not einen Parkplatz. Als wäre das Virus nie dagewesen. Das stimmt natürlich nicht. Alle laufen mit Masken rum. Fehlt diese, gibt es saftige Bussen. Bei der Immigration stellen wir uns in die Schlange. Name einschreiben, Telefonnummer, Temperatur. Oha, Corinnes zeigt 42 Grad an. Tja, meine auch. Der nächste ebenso. „Und was soll ich jetzt einschreiben?“ „Machen sie 36 Grad“, so der Wachmann. „Ich glaube ihr Gerät ist defekt“, meine Antwort. „Naja, kann schon sein“. Und der nächste bitte. Ach was, auch 42 Grad.

Zuerst bezahlen, dann fragen. Die Devise am Schalter.

„Warum wollen sie nochmals drei Monate bleiben?“

„Weil wir nirgendwo hingehen können? Und weil es uns so gut gefällt?“

„Was jetzt?“

„Das Zweite.“

„Gehen sie doch nach Sambia. Dort ist es auch schön.“

„Hä? Aber wir wollen hier bleiben. Ist es bitte, bitte möglich für eine Verlängerung?“

„Haben sie alles bezahlt?“

„Ja, für drei Monate. Wie sie gesagt haben.“

„Wir werden sehen. Kommen sie in drei Tagen wieder.“

„Aber wir können ja nirgendwo anders hin…“

„Dafür kann ich ja auch nichts. Wir alle leiden unter diesem Virus.“

„Da haben sie recht. Niemand hat sich das gewünscht.“
(Meine Gedanken: „Sie als unfreundlich Regierungsangestellte auf keinen Fall.)

„Wir werden sehen. Wie gesagt, sie können auch nach Sambia gehen!“

Ich gebe auf. Die Frau schaut einem weder in die Augen, noch hört sie zu. Sie macht einfach einen Job. Nicht mal ihren. Es ist unbegreiflich. Der nächste Kunde (Kunde – hey wir sind in Afrika – der nächste Plagegeist, der mich zum Arbeiten zwingt), wird runtergeputzt. Der Frau treten Tränen in die Augen. Völlig aufgelöst und mit einem Stapel Papier verlässt sie den Schalter. Wir kommen nach drei Tagen wieder. Wortlos erhalten wir unsere Pässe. Ein Blick hinein und ja, geschafft. Wir haben zwei Monate Verlängerung bekommen. „Bekomme ich da etwas Geld zurück, denn bezahlt habe ich für drei Monate.“ Das Funkeln in den Augen der Frau hinter der dicken Glasscheibe verrät mir, jetzt sofort den Mund zu halten. „Der Präsident hat das so entschieden“, sagt sie, holt Schwung und dreht ihren Bürostuhl elegant um 180 Grad. Aus den Augen. Wow, der Präsident hat unsere Pässe gesehen…warum denn nur zwei Monate? Egal, wir haben etwas Luft bekommen. Alles in allem sind wir einfach froh, wieder mit einem gestempelten Pass auf der Strasse zu stehen. Maske auf und durch.

What‘s next?
Zurück in den Farm Bubble und dann auf grosse Tour in den Caprivi.
Das wird bestimmt ein Spass.