Lass Dich umarmen, mein Freund!


Habe ich sie richtig verstanden, Officer? Ich bin im falschen Gebiet unterwegs. Meine Strassenzulassung sieht nicht vor, dass ich hier auf dieser Strasse von Solwezi nach Chingola fahren darf? Obwohl ich nun schon viermal die Kontrollstelle hin und zurück passiert habe? Und jedes Mal einen Stempel auf dieses vor ihnen liegende Papier bekommen habe? Sie können mich auf Deutsch gesagt AM ARSCH LECKEN.“

„ Was haben sie gerade gesagt, mein Herr? Was bedeutet dies auf Englisch? Ich verstehe kein Deutsch, wissen sie.“

„Es heisst, dass sie heute Geburtstag haben und ich ihnen herzlich dazu gratuliere!“

„Oh danke. Das ist aber erst in zwei Monaten, mein Herr.“

AWA. Africa Wins Again. So ein Trottel. Es ist, wie könnte es anders sein, Sonntag morgen. Genauer gesagt Neun Uhr. Kurz bevor der Trottel in die Kirche geht und sich als braver, hilfsbereiter Bürger ausgibt. Doch vorher muss er noch Kohle holen, um dann grosszügig eine Note in die Schale zu legen. Wohltäter und Polizist. Oder vielleicht kauft er dann Bier für sich und feiert alleine den Wochenausklang. Wie viele hier.

Wir sind auf dem Weg durch den Kupfergürtel Sambias. Und der sackfaule, dicke Polizist lässt uns von seinem Hilfspolizist, als einziges Fahrzeug weit und breit, anhalten. Er findet wir seien nicht berechtigt diese Strasse zu fahren. Was völliger Schwachsinn ist, wurden wir doch jeden Tag hier kontrolliert und alles war ok. Das ist einer der berüchtigten korrupten Polizisten in Sambia. Und er denkt, ich würde doch tatsächlich zu meinem Auto gehen und für ihn das Nummernschild abschreiben. Wahrscheinlich kommt er nicht mehr aus seinem tiefen Sitz des kümmerlichen Streifenwagens raus. Sein Helfer rennt hin und schreibt es auf einen Zettel. Mister Polizist spielt mit seinem Schreiber und wartet. Er will Geld, dann vergisst er die Geschichte. Sein fauliges Lächeln sagt alles. Nach unserem kleinen Streitgespräch und den Glückwünschen zum Geburtstag, schreibt er eine Busse in sein dickes Heft. Ich will darauf seinen Namen, Dienstgrad und Nummer haben. Er will es nicht darauf schreiben. Eindringlich versichere ich ihm, dass ich mich darum kümmern werde, halte mein Smartphone hoch und sage: „Bitte lächeln!“. Das macht ihn zwar wütend, doch er bewegt sich nicht aus seinem Fahrzeug. Zehn verbale Kampfminuten später habe ich seinen Namen und alles weitere. „Oh, sie sind Sergeant. Kein Offizier. Ach, das tut mir leid. Vielleicht sollten sie etwas aktiver werden, dann passt es mit der Beförderung, mein Freund.“ Das trifft ihn und er meint, ich müsse das bei der nächsten Polizeistelle innert sieben Tage bezahlen, sonst könne ich nicht ausreisen. „Das werde ich. Beim Polizeichef in Lusaka persönlich. Sie hören von ihm.“ Das ist ein Versprechen. Und ich halte meine Versprechen. Du kannst weiter unten davon lesen.

 

Gnade Gott, sollte Corinne Langeweile haben
Seit drei Tagen sind wir bei den Mutanda Falls in einem kleinen Resort am Camping machen. Aktuell ist sowieso gerade Nebensaison und die Besitzerin freut sich so über unseren Besuch, dass wir für wenig Geld stehen dürfen. Wir schreiben uns gleich für vier Tage ein, denn Corinne und ich haben nämlich ein wichtiges Thema zu besprechen. Wir sind mit unserer grossen Planung total im Verzug. Damit wir einigermassen vor der Regenzeit durch Zentralafrika kommen, um dann auch in der trockenen Zeit in Westafrika zu reisen, hätten wir spätestens Ende August im Norden Namibias oder ganz im Nordwesten Sambias starten sollen. Und aktuell ist es September. Das Motorrad ist in Livingstone, wir noch weit weg. Wir waren noch nicht einmal im langersehnten South Luangwa Nationalpark, geschweige denn im Lower Sambesi Park, oder in Simbabwe. Bereit für eine sofortige Stressfahrt nach Livingstone und dann durch Angola und die Kongos nach Kamerun, sind wir sowieso nicht. In der Regenzeit durch Zentralafrika mit einem Seitenwagen Motorrad reisen, ist schon ohne Zeitdruck eine grosse Herausforderung.

Es entsteht richtiger Lagerkoller. Mein Vorschlag, neun Monate im südlichen Afrika zu bleiben und dann dafür genug Zeit für die Reise durch die Länder zu haben, scheint von Corinne nicht gehört zu werden. Sie ärgert sich zuerst einmal, dass wir so langsam sind. Dann, dass es keinen Sinn macht, länger zu bleiben. Und drittens das wohl für sie Wichtigste: Dass wir dann bei der Ankunft zu Hause kein Geld mehr haben würden. Es bringt nichts, ihr vorzurechnen wie ich das zu finanzieren gedenke. Sie hört nicht zu. Tränen fliessen. Sie ist wütend. Auf wen auch immer. Im Moment natürlich auf mich. Meine Aussage, dass dies eben Abenteuer sei und sie sich doch nicht so anstellen soll, hilft natürlich auch nicht in dem Moment.

Mein Vater stellt uns alle Bankauszüge zusammen und sendet uns die Übersicht. „Hey Corinne. Das geht schon. Ich bezahle die zusätzlichen Ausgaben. Wenn wir es einigermassen clever anstellen, sieht das gar nicht so übel aus“, versuche ich sie zu beschwichtigen. Eigentlich weiss sie ganz genau, dass ich genau für diese Notfälle schon fast den ganzen Betrag auf einem anderen Konto zurückgelegt habe. Dazu kommt, dass wir weiterhin Mieteinahmen von unserer Wohnung haben und im 2020 einen neuen, besseren Hypothekarvertrag eingehen können. Mit viel Glück, gelingt uns der Import unseres Autos nach Botswana und so würden wir das Deposit vom Carnet de Passage zurückbekommen. Das sind auch wieder ein paar tausend Schweizer Franken. Und falls wir uns für längere Zeit an einem Ort bleiben würden, können wir Kosten für das Camping, Essen, Benzin auch noch senken. Im Grunde genommen reden wir von einem Betrag zwischen 8-10‘000 Schweizer Franken für 9 Monate. Das wird uns nicht umbringen. Doch in solchen Momenten ist die im Monat des Stiers geborene Corinne ein sturer Bock. Und gleichzeitig will sie ja unbedingt in den South Luangwa Park. Wir vertagen die Gespräche. In der Zwischenzeit rechne ich verschiedene Varianten.

Am dritten Tag starte ich einen weiteren Versuch. Wir besprechen meine Vorschläge. Sie hört wieder zu. Es stellt sich heraus, dass nicht die Finanzen das Problem sind, sondern sie sich ernsthafte Gedanken macht, es könnte ihr in den nächsten neun Monaten langweilig werden. Und als ich dann einwerfe, es wäre ja auch für mich die Chance, die Abenteuergeschichten aufzuarbeiten, Filme zu produzieren und so für später Vorarbeit zu leisten, findet sie, ich hätte die Verzögerung geplant und wolle sowieso nicht mehr nach Hause. Das klinge sehr egoistisch. „Und was soll ich dann tun?“ Es geht also nur noch um die mögliche Langeweile von Corinne. Tja, da muss sie sich schon auch selber was überlegen. Wir vereinbaren, uns nochmals Gedanken zu machen und später zu besprechen.

Fazit am Nachmittag: Ok. Wir bleiben etwas länger unter bestimmten Voraussetzungen: Besuch der Nationalparks im Südosten Sambias, einer Reise nach Simbabwe zu Mana Pools, entlang des Lake Kariba nach Hwange, dann nach Botswana zurück. Dort werden wir versuchen für unser Auto ein botsuanisches Kennzeichen zu erhalten, um das Deposit für das Carnet de Passage zurück zu bekommen und es in Kasane unter zu stellen. Dann geht Oli nach Livingstone zurück, holt das Motorrad, lädt Corinne auf und wir gehen direkt nach Namibia oder Südafrika, wo wir das Motorrad Ende Dezember nach Ghana verschiffen. Wir fliegen dorthin und Mitte Januar starten wir ab Ghana die Reise mit genug Zeit durch Westafrika bis nach Hause. Im Oktober 2020 sind wir in der Schweiz. Klingt nach einem Kompromiss.

Obwohl wir vor ein paar Jahren schon einmal einige Zeit in Zentralafrika verbracht haben, scheint die Fahrt durch dieses Gebiet für Oli ein wichtiger Punkt zu sein. Er kann sich noch nicht so richtig mit dem Kompromiss anfreunden. Dennoch akzeptiert er den Plan. Der Bauch sage ihm, dass wir dies eventuell später bereuen könnten. Ich finde es ein guter Plan. Langweilig wird mir dabei nicht.  Am nächsten Morgen fahren wir mit einem neuen Ziel vor Augen los: South Luangwa Nationalpark.

 

Lass dich umarmen, mein Freund
Mit einem Plan und klaren Zielen vor Augen ziehen wir los. Um nach nur dreissig Minuten Fahrt von dem Polizei Held gestoppt zu werden. Nach unserem Disput geht es mit schlechte Laune weiter. Mit einem Knöllchen im Handschuhfach und dem Ziel, in Lusaka den Polizeichef zu sprechen. Die Fahrt durch den berüchtigten Copperbelt bietet keine bleibenden Eindrücke. Viele Minen, viele Lastwagen. Da wir entschieden haben direkt nach Lusaka zu fahren und auf die Schimpansen Station in Chimfunshi zu verzichten, findet sich entlang der Strasse nichts Spektakuläres.

Aber eine kleine Busch Story. Da wir die Strecke nicht in einem Tag fahren können, entschliessen wir uns ein in der iOverlander App toll beschriebenes Camp aufzusuchen: Nsobe Game Camp. Bietet viel Natur, ein kleiner See, Wildtiere, etc. Klingt gut. Wir geben den Ort ins GPS ein. Wenige Minuten später zeigt es uns einen Abstecher von der Hauptstrasse an. Zuerst passieren wir ein Dorf, dann nur noch Busch. Die Strasse wird zur Piste, danach Holperstrecke par excellence. Es sind ja nur noch 12 Kilometer. Das geht schon irgendwie. Garmin kann sich  nicht irren.

Mittlerweile befinden wir uns mit unserem Zweispur Gefährt auf einem Einspur Pfad. Nirgendwo Menschen. Erst fünf Kilometer vor dem Ziel tauchen kleine Siedlungen mit primitivsten Behausungen auf. Halbnackte Menschen hocken um das Feuer und gucken völlig verdutzt. Die Grenze zum Kongo ist nur noch 2 Kilometer entfernt. Nun ist es auch noch stockdunkel. Wenigstens können wir so unsere Zusatzscheinwerfer benutzen. Mit viel Kampfgeist und 4×4 gelangen wir durch den dichten Busch bis an einen hohen, doppelten Zaun. Geschafft. Denken wir. Da wo der Eingang ins Gebiet eingezeichnet ist, steht ein neues, schmiedeeisernes Tor mit einem riesigen Schloss. Abgeschlossen. Dichter Busch auf der anderen Seite. Der Versuch, dem Zaun entlang zu fahren, endet in einem genauso breiten Weg wie das Fahrzeug. Und mit Schlamm vor uns. Auf der einen Seite der Zaun, auf der anderen ein Graben von 70 Zentimeter Tiefe. Links und rechts von den Reifen hat es eine Handbreit Platz. Wir geben auf. Die 150 Meter im Rückwärtsgang im dichten Busch sind bei stockfinsterer Nacht und nur dem wenig Rückfahrlicht ein Balanceakt. Erschöpft campen wir wild mitten im Busch, an der Grenze zur DRC. Alle geht gut. Wir werden vom Pfeifen der Vögel wach. In Lusaka angekommen, erfahren wir,  dass dies eine nicht ganz ungefährliche Gegend ist. Viel Wilderer und Schmuggler sollen im Wald leben und ihr Unwesen treiben. Also, die Menschen, die wir am nächsten Morgen dort getroffen haben, waren sehr freundlich. Sie haben sich nur gewundert, warum da plötzlich ein weisser Landcruiser mitten im Busch steht.

In Lusaka, der Hauptstadt von Sambia quartieren wir uns auf dem Campingplatz des Wanderers Backpacker ein. Ein super Ort, mitten in der Stadt und gleichzeitig ruhig, man campt auf Rasen, hat Internet und die lokalen Betreiber sind extrem hilfsbereit. Unsere Freunde „Die Harmattans“, Werni, Silvana und ihr Sohn Michi kommen auch in zwei Tagen. Sie sind mit ihrem Bus ebenso lange wie wir unterwegs. Immer wieder haben wir uns auf der Strecke getroffen. Wir freuen uns. Das sind echt coole Typen. In der Zwischenzeit sind wir in der mit Autos vollgestopften Stadt unterwegs. Auf dem Weg zu den Botschaften von Kongo DRC und Nigeria. Auf einer Reise durch Zentral- und Westafrika, sind es die Länder, bei denen das Visum oft Glücksache ist. Und so kommt es. Nigeria ist nicht ohne. Sofern die Schweizer Botschaft ein Schreiben macht, dass sie die Verantwortung für unsere Durchfahrt trägt, dann würden wir ein Visum bekommen. Wir suchen das Schweizer Konsulat auf. Es in einem Kawasaki Motorradgeschäft untergebracht. Der Besitzer ist ein Italiener und gleichzeitig der Schweizer Konsul. Wir sind erstaunt, doch der Mann ist voller Begeisterung über unsere Reise und verspricht, dass er dieses Schreiben von der Schweizer Botschafter in Dar es Salaam bekommen könnte. Aber die Kongo DRC Botschaft macht uns klar, dass wir von ihnen kein Visum bekommen würden, ausser es gebe jemanden im Kongo, der für uns bürgt. Auch finanziell. Doch das Thema hatten wir schon vor einem Jahr. So verlassen wir den Ort und sind uns sicher, dass Verschiffen nach Ghana wohl tatsächlich die beste Option ist.

Jetzt geht zum Polizeipräsidium. An der Rezeption melde ich (Oli) uns mit der Bitte an, den Polizeipräsidenten von Sambia zu sprechen. Grosse Augen. Ja, genau. Den Präsidenten der Polizei von Sambia. Wegen einem Vergehen einer seiner Leute. Ja, versuchte Korruption. Zwei Minuten später erscheint ein in sauberer Uniform gekleideter Polizist und bittet uns mitzukommen. Der Polizeipräsident sei leider nicht im Haus, doch sein Stellvertreter würde uns gerne empfangen. Er führt uns in ein einfaches Büro mit einem mächtigen Tisch und vielen Stühlen. Vor uns vier Polizisten mit Klemmbrettern. Sie machen gerade Notizen. Und hinter dem Tisch ein fitter Typ im mittleren Alters. An seiner Uniform hängen überall Goldabzeichen. „Kommt, kommt“, ruft er uns zu. Er steht auf, kommt auf mich zu und meint: „Hi my friend. Lass Dich umarmen!“ Dann schwingt er seine Arme um mich, drückt mich, schaut mir in die Augen und meint: „Ich liebe Touristen. Menschen, die uns besuchen. Sie sollen nur den besten Eindruck unseres Landes bekommen.“ Ok, das verwirrt mich gerade ein bisschen. Was ist wohl seine Taktik dahinter?

Doch alles läuft unglaublich freundlich und seriös ab. Er interessiert sich für unsere Reise, muss lachen als er das Motorrad auf Fotos sieht. Sie hätten genau die Gleichen im Betrieb. Dann fragt er mich nach meinen Erfahrungen damit. Reifen? Benzinverbrauch? Reparaturen?

Nachdem ich ihm meine Geschichte von der Busse erzählt habe, meint er, dass sie in diesem Gebiet weit weg von Lusaka immer wieder solche Probleme haben. Selbstverständlich müssen wir nichts bezahlen. Dann streicht er alles auf dem Papier durch, macht seine Signatur drauf, kopiert es und gibt mir das Original. Dazu ein handschriftliches Schreiben mit Stempel und Unterschrift. Wir können uns in Sambia überall frei bewegen. Daran heftet er seine Visitenkarte daran. Wir seien nun gute Freunde. Wann immer wir etwas brauchen, sollen wir uns direkt bei ihm melden.

Die Polizei, dein Freund und Helfer.

 

Old Petauke Road – Willkommen im Luangwa Busch
„Corinne, deine Haare sind so lang. Wann warst du das letzte Mal beim Coiffeur?“
Die Harmattans sind in Lusaka mit ihrem alten französischen Laster eingetroffen. Silvana blufft, sie hätte ein grosses Talent zum Haareschneiden. Schliesslich sei ihre Schwester eine berühmte Haarkünstlerin. Also, wenn man die Rastas ihres Mannes oder die langen Fäden ihres Sohnemannes Michi anguckt, würde man nicht sofort draufkommen.

„Das letzte Mal wohl vor einem Jahr in Kenia, glaube ich.“ Corinne fasst Vertrauen, auch dann noch als Silvana die Schere in der grossen Werkzeug Kiste des Lasters sucht. Michi steht mit einer elektrischen Handfräse bereit. „Leg das bitte zurück. Die brauchen wir nicht. Die ist für Werni‘s Haare“, spottet die Mama. Und dann fliegen die Fetzen. Wenn Silvana so weitermacht, hat Corinne bald die gleiche Frisur wie ich, geht mir durch den Kopf. Doch bloss nichts dazu sagen und Silvana ablenken. Und dann ist Schluss, die Schere stumpf. Die Frisur erstaunlich gut. Silvana hat wohl tatsächlich Haarkünstler Gene wie ihre Schwester. Danke Silvana!

Wir verabreden uns beim Wildlife Camp am South Luangwa Nationalpark. Sie besuchen noch Freunde am Lower Sambesi, wir fahren vor. Über die alte Petauke Road. Wieder ursprüngliches Afrika. Mitten durch die Wildnis, bis an den Luangwa Fluss. Vor uns tauchen Elefanten auf. Wir scheinen sie nicht zu stören. Für ein Wild Camp am Fluss fahren wir einen alten Weg durch die Landschaft. Doch da steht ein Dorf. Es sieht so aus. Zusammen gebundene Strohmatten grenzen das Dorf ab. Leuten kommen gelaufen. Vielleicht dürfen wir hier campen? Die Männer begrüssen uns herzlich. Wir sind willkommen. Es ist ein staatliches Jagd Camp. Innerhalb der Strohabgrenzung haben sie drei grosse Zelte, ein paar Tische und zwei Feuerstellen. Es ist sehr gross mit viel Stellplatz, alles sieht jedoch etwas improvisiert aus. Doch diese Lage!

Direkt an der Abbruchkante des Luangwa Flusses. Unter uns liegen Krokodile auf Sandbänken, Nilpferde tummeln sich, viele bunte Vögel überall. Unsere Gastgeber sind für das Camp verantwortlich. „Wir müssen es nur im Schuss halten. Die nächsten Gäste kommen erst in Wochen. Ihr könnt bis dahin gerne bleiben.“ Drei Tage geniessen wir den Petauke Busch. Die Jagd Guides nehmen uns auf Safari mit. Zeit genug, um etwas zu plaudern. Bei einer Rast, erzählen sie ihre Geschichten. Beide kommen aus der Gegend. Sie waren früher Wilderer. Dann wurden sie geschnappt und ins Gefängnis gebracht. Die Regierung hat ihnen ein Angebot als Guides mit Ausbildung und allem drum herum gemacht. Seitdem sind sie hier und bereuen es keine Sekunde. Vom Saulus zum Paulus? Sie sehen ein, dass mit dem Schutz der Tiere mehr verdient werden kann, als mit der illegalen Jagd. Angesprochen darauf, dass sie die Tiere nun ja genauso jagen, haben sie keine Antwort darauf. Löwen und Elefanten sind beliebte Ziele für reiche Jäger aus Indien, Amerika und Russland, erzählen sie. Für diese oft faulen Säcke, müssten sie Fleisch an einen Baum hängen, damit dann die Löwen kommen. Und dann „peng“ schiessen die Jäger aus ihrem Versteck. Sie finden es eine schreckliche Methode. Besser man sollte zu Fuss unterwegs sein und das Verhalten der Tiere verstehen lernen. Aber das wollen die meisten nicht. Die reichen Inder sind die Schlimmsten.  Doch was sollen sie dagegen tun. Sie würden nur ihren Job machen und ihren bescheidenen Lebensunterhalt verdienen.

Als Reisender sind es genau diese Spannungsfelder, die einen zum Nachdenken bringen. Kann man es diesen Menschen verübeln, als Jagd Guide ein Einkommen zu erzielen und so auf die illegale Jagd zu verzichten?

Obwohl ich Trophäenjagd auf die Big Five als absolut unnötig empfinde, findet sie statt. Soll man hier sofort weg, weil es mit meinen Prinzipien nicht übereinstimmt? Oder zuhören, was sie zu erzählen haben? Sollten wir uns als Gesellschaft nicht besser darüber Gedanken machen, warum reiche Menschen ihr gestörtes Ego nur mit dem Töten von grossen Tieren befriedigen können?

Das sind grosse Themen, die wir mit den Jagd Guides eher nicht am Lagerfeuer lösen können. Kaum zu Ende gedacht und mal wieder keine Lösung gefunden, kommt der Guide mit frisch gebrühtem Tee und drei Gläser angelaufen. In freundschaftlichem Ton spricht er: „Seht ihr diesen Elefanten Bullen hinter dem Baum. Ein herrliches Tier, oder?“

 

Wilde Hunde / South Luangwa
In den Nationalparks Sambias gibt es selten Campingplätze mittendrin. Nicht wie Botswana oder Namibia. Es gibt sehr wohl Lodges. Für gutes Geld kann mitten in der Wildnis übernachten und mit dem Lodgefahrzeug und Guide auf Pirschfahrten gehen. Für Besucher wie wir es sind, mit einem bescheidenen Budget und der Leidenschaft zum Campen, sind nur Tagesausflüge möglich. Auch sind die Parkeintritte im Verhältnis zu den umliegenden Ländern ebenfalls hoch. Jedoch findet man vor den Toren der Parks fast überall tolle Campingplätze zu einem annehmbaren Preis. Das Wildlife Camp am Luangwa Fluss ist dabei eines der beliebtesten des Landes. In der Hochsaison empfiehlt es sich zu reservieren, in der Nebensaison wie gerade jetzt, ist das Camp oft ausgebucht, doch bei genügend Flexibilität geht das gut. Wir wechseln jeden dritten Tag vom Camp mit einer super Aussicht zu einem dahinter und wieder zurück und wieder nach vorne. Jeden Tag queren Elefantengruppen den Fluss, Nilpferde und Krokodile kann man sehen, die Paviane und die Blue Balls Monkeys sind sowieso den ganzen Tag um einen rum. Aufgepasst, sonst ist dein Frühstück schneller weg als du gucken kannst. Von der Hängematte aus kann man so viel Wildlife sehen, dass wir in zwei Wochen nur einen Tag im Nationalpark verbringen. Und dabei noch ein riesiges Tierglück haben. Die wilden Hunde hängen in ihrer Gruppe rum. Und dann warten wir bis etwas passiert. Vielleicht haben wir die Chance auf ein spezielles Bild. Denkste. Die sind schlicht zu müde für grosse Action. Sie hatten wohl eine anstrengende Jagd in der Nacht. Ebenso faul liegen die zwei grossen Hyänen rum oder die Geier, die sich auf dem Ast über uns kaum bewegen. Und so fahren wir an eine Flussstelle, bei der wir unseren Lunch einnehmen und den riesigen Krokodilen zuschauen. Löwen sind uns leider nicht vergönnt. Gegen Abend geht’s wieder zurück zu den Wildhunden. Langsam erwachen sie aus ihrem Schönheitsschlaf und fangen an sich zu strecken, zu necken und rum zu jaulen. Die Jagd geht bald los. Die Impalas haben sich schon aus dem Staub gemacht. Sie kennen das tägliche Jagdtreiben. Sie sind Futter. Doch die Uhr zeigt fünf Uhr dreissig. Und normale Tagesgäste, wie wir es sind, müssen um sechs Uhr draussen sein. Schade.

Es vergehen weitere Tage. Die „Harmattans„ sind angekommen. Gemeinsam Kochen wir leckere Menus auf dem Grill, vertreiben die Zeit mit Fischen und tauschen gegenseitig erlebte Helden Geschichten aus. Immer wieder verschwindet Oli und schreibt seine Bloggeschichten. Mit Silvana, Werni und Michi ist es immer total relaxt. Ausser Michi will lieber fischen gehen statt Mathe Hausaufgaben lösen. Dann kann die Mama auch mal laut werden. Werni findet auch immer wieder Teile am alten Laster, die man reparieren sollte. Aber er nimmt das ziemlich locker und schraubt dann mal wieder einen Tag rum. Das ist ganz normaler Harmattan Alltag.

In der Zwischenzeit wissen wir mehr über unseren grossen Plan. Corinne hat bestimmt zwanzig Logistikunternehmen angeschrieben, telefoniert und Preise verglichen. Fazit: Es gibt nur ganz wenige Schiffe, die aus Südafrika oder Namibia ein Motorrad laden und nach Ghana bringen. Diese Route wird wenig befahren. Eine Möglichkeit ist Walvis Bay in Namibia. Doch das Schiff geht zuerst nach Kapstadt, legt in Durban an und fährt dann direkt nach Accra in Ghana. Kosten 3‘500 US Dollar. Dauer 28 Tage. Hinzu kommen unsere Flüge und den Aufenthalt bis zum Eintreffen von Habash. Das wäre dann schon die Hälfte unseres Budgets um länger zu bleiben. Andere Logistikunternehmen bieten uns einen Teil des Containers an. Entweder aus Kapstadt oder Durban. Für 2800 US Dollar. Doch wir müssen dann wieder 3000 Kilometer dorthin fahren. Kommt dann aufs Gleiche raus. Unser Freund Uwe ist gerade in Kapstadt bei Duncan. Dies ist ein ehemaliger Reisender, der sich da unten mit einem Camp niedergelassen hat. Die Verschiffung ist einer seiner Dienstleistungen. Uwe teilt uns mit, Duncan kümmere sich darum. Wir tauschen die Kontakte aus. Kommt alles gut. Uns zieht es weiter.

Wir wollen noch mehr von Sambia und dem Lower Zambesi sehen. Das ist der Teil des Sambesi Flusses nach den Victoria Fällen. Von dort fliesst er als breiter Strom weiter durch Sambia, an der Grenze zu Simbabwe und quer durch Mosambik, wo er in einem grossen Delta ins Meer mündet.

 

Magischer Lower Zambezi Nationalpark
Der Versuch beim Dorf Luangwa nach Simbabwe zu kommen, scheitert. Im Dreiländer Eck zwischen Sambia, Simbabwe und Mosambik fliesst der Luangwa Fluss in den Sambesi. Doch es gibt keine Fähre mehr über den Fluss. „Sie befindet sich in Kazungula, an der Grenze zu Botswana. Dort wird sie mehr benötigt“, teilt uns der Zollbeamte mit. Doch wenn wir schon mal hier seien, würde es sich lohnen dem Lower Zambezi entlang bis nach Kavalamanja zu fahren. Der Ort ist an der Grenze zum Nationalpark. Man könne da gut campen, sein Freund hätte ein Camp eröffnet.

Naja, Camp ist schlichtweg übertrieben. Es sind ein paar bunt angemalte Häuser im lokalen Stil gebaut. Und auf dem bisschen Rasen darf man gerne mittendrin campieren. Deswegen hat sich die Fahrt hierher nicht gelohnt. Doch gleichzeitig sind wir mitten im tiefen Busch Sambias. In einer malerischen Gegend. Gegenüber grosse Berge auf der Simbabwe Seite. Wir beobachten Elefanten und Antilopen. Im Fluss fischen Einheimische. Die Frauen waschen am Fluss, die Kinder und Jugendlichen haben einen Riesen Gaudi an einer kleinen Ausbuchtung. Dort hat es keine Krokodile. Und wenn, würden die flüchten bei dem Lärm und dem ständigen Reinspringen ins Wasser. Wir geniessen es, hier zu sein. Die jungen Menschen sprechen passables Englisch, so dass wir uns mit verschiedenen Dorfbewohner über dies und jenes austauschen. Hin und wieder taucht ein Schnellboot auf dem breiten Fluss auf. Ein paar Gäste von einer exklusiven Fishing Lodge in der Nähe. Sie machen die Bootsafari im Lower Zambezi Nationalpark. Über Land gibt es hier keinen Weg in den Park. Der Busch ist zu dicht. Offiziell kann man nur von der Westseite in den Park. Auch da: Für Camper nur als Tagesausflug.

Dieser Nationalpark ist einer der jüngsten Parks in Sambia. Innerhalb des Parks gibt es ein paar sehr exklusive Lodges. Die Campings sind ausserhalb. Vom Westen her kommend, ist es in einem Tag fast unmöglich, in die exklusiven Gebiete zu kommen. Kaum ist man da, muss man schon umdrehen, um überhaupt rechtzeitig wieder zurück am Gate zu sein. Die meisten Gäste fliegen ein. Wir möchten da aber schon gerne rein.

Es soll ein wunderbarer Park mit einer grossen Tiervielfalt sein. In unserem Camp in Kavalamanja teilt man uns mit, dass es eine Service Strasse vom Osten durch den Park führt. Diese sei ein kleines Abenteuer, nicht ganz legal, doch die Ranger würden kaum die Strecke benutzen. Wenn wir vor dem exklusiven Gebiet ein Camp machen und uns im Busch verstecken, dann hätten wir die Chance ganz früh am Morgen dort unterwegs zu sein. Die Lodge Besitzer und deren Guides seien freundliche Leute und die würden dies auch nicht merken. Denn wir könnten ja durchaus mit dem eigenen Auto zur Lodge und dort übernachten.

Gehört, gespeichert, durchgeführt.

Die Fahrt in den Park ist kein Problem. Etwas lang, immer wieder kleine Trockenflüsse mit entweder Sand oder steilen Auf- und Abfahrten, doch problemlos. Vor allem ist extreme Trockenzeit. Im Schlamm steckenbleiben kann hier nicht passieren. Um beim Campen unentdeckt zu bleiben, stellen wir uns genug weit weg vom Lodge Gebiet und dem Hauptweg. Um fünf Uhr morgens rollen wir langsam los. Neben uns im Gebüsch raschelt es. Ein wunderschöner Leopard kommt herausgezottelt. Wie wenn das so ganz normal wäre. Bis wir jedoch mit der Kamera bereit sind, hat er den Weg überquert und ist wieder im Busch verschwunden. Das nenn ich mal einen tollen Start in den Tag.

In der Gegend um das Flussufer stehen viele grosse Bäume. Kleine Tümpel und Seitenarme des Sambesi verwandeln das Gebiet in eine Mischung aus Sumpf- und klassischer Buschlandschaft. Der Park ist wohl deswegen in der Regenzeit nicht geöffnet. Da würde man kaum vorwärtskommen. Es wird sich in eine grosse Sumpflandschaft verwandeln. Doch im Moment ist es für uns eine grosse Chance in der Trockenzeit hier zu sein. Ein weiterer Leopard. Er schleicht sich durch den Busch. Wasserböcke, unendlich viele Kaffernbüffel, Krokodile, Elefanten, Zebras, Kudus und hunderte verschiedene Arten von Vögel. Diese Seite, östlich von Jeki, ist wunderschön und es fühlt sich unentdeckt an. Die Elefanten finden genug Wasser zum Trinken und Schlammbaden. Nach Jeki kommen wir in den Teil, der von den meisten Touristen mit eigenem Fahrzeug besucht wird. Klassische trockene Buschlandschaft beherrscht die Gegend. Es sind keine Seitenarme des Sambesi, die Wasser in das Gebiet tragen. Es ist ebenso eine schöne Gegend, doch kein Vergleich mit dem exklusiveren Teil. Beim Verlassen des Parks im Westen winken wir fröhlich den Rangern an der Schranke zu. Sie lassen uns passieren. Sie machen keine Anstalten unsere nicht vorhandenen Papiere zu kontrollieren. Uns wäre dann schon etwas eingefallen…

Nun sind wir fast am Ende unserer Sambia Reise. Nach vielen Wochen Entdeckungsfahrt, machen wir beim Munyemeshi Camp halt. Drei Tage dürfen wir am Fluss campieren, leisten uns eine Bootstour und besprechen unser weiteres Vorgehen. Von Duncan hören wir, dass die Verschiffung klappen wird. Zwar nichts Genaueres, aber es muss für den Moment genügen. Die Preise sind zwar noch immer gleich hoch, was Oli schon mal etwas zweifeln lässt. Als wir dann von unserem Freund Edy erfahren, dass er gerade die Visas für Angola, Kongo DRC und Rep. Kongo in Windhoek bekommen hat, flammt das Thema wieder auf. Diskussionen folgen. Wir bleiben aber bei unserem Plan. Vor allem wird uns sehr bewusst, dass wir für die Fahrt zu einem Hafen für dieses Jahr nur noch je sieben Tage Visa für Botswana, Namibia und Südafrika haben. Und es ist erst Oktober.

Und so kommt das erste Mal unser zweiter Pass ins Spiel. Den könnte man in Simbabwe einstempeln. Und wir hätten danach wieder je 90 Tage in jedem Land. Doch so einfach ist das nicht. Und so erleben wir die afrikanische Korruption in ihrer reinsten Form.

Die Geschichte dazu folgt im nächsten Beitrag.