Das Monster & falsche Freunde


„Corinne, Corinne, das ist sie. Sie ist so schön. Und locker hält sie mit ihren beiden Armen 300 Kilogramm. Ein echtes Monster“, strahlt Oli mich an. Dann erklärt er mir, dass der Verkäufer, ein stämmiger Bure, am letzten Wochenende mit zwei Ladies an einer Farmparty in einer solchen Hängematte gelegen habe. Für alle, die Südafrika schon selber erlebt haben, werden sich die Robustheit dieser Hängematte sicher bestens vorstellen können. Ein echter Bure und zwei echte Burenmädels in der gleichen Hängematte. Und sie hält. Das will was heissen. Gekauft!

Nachdem wir alle Grenzformalitäten erledigt hatten, sind wir direkt Richtung Nelspruit (heute: ….) gefahren. Auf der Fahrt haben wir die 33333 km auf dem Tacho mit einem Handshake gefeiert und sind dann direkt zum Outdoor Ware House in der ersten Mall, die wir gefunden haben, gefahren. Für uns das Paradies nach über einem Jahr wieder einmal ein Warenhaus. Und davor ein markierter Parkplatz ganz für uns allein. Und jemand, der dann auf den Habash aufpasst. Wow. Ein 360ti und wir erblicken Debonairs Pizza, Spar, MTN, Jeans Shop, PEP, McDonalds Cafe und viele weitere Stores. Im Augenblick gerade paradiesisch. Also gut, rein in den Outdoorladen. Und raus kommen wir wieder mit dem Ersatzmaterial. Alles gefunden. Die ultimative Hängematte, die Memory Foam Kopfkissen, Hosen für Corinne, UV-Schutzspray fürs Zelt, Reissverschlussöl, neue Stirnlampe, 15 Ampere Sicherungen fürs Motorrad und viele weitere kleine Gegenstände. 2000 Rand (ca. 150 CHF) sind auch weg. Natürlich schlendern danach durch die Mall und kaufen uns leckere Braai Sachen für unsere nächsten zwei Tage Camping. Braai bedeutet hier in der Afrikaans Sprache „Grillieren“.

 

Südafrika ist voller Geschichten
Wir stellen einmal mehr fest, dass unser Motorrad viel Aufmerksamkeit erregt. Draussen vor dem Outdoor Shop stehen sie davor und diskutieren in einer Sprache, die immer wieder mal wie Schweizer Deutsch klingt, dann wieder Englisch, Holländisch und vor allem etwas stark aus dem Rachen gesprochen wird. Es sind alte, weisse Männer, die enthusiastisch in Afrikaans miteinander sprechen und immer wieder auf verschiedene Teile des Motorrads zeigen. Waren wir es uns mittlerweile gewohnt, von Schwarzafrikanern umringt zu sein und das Moto zu erklären, ist es hier genau umgekehrt. Ja, die kennen sich damit aus. Nachdem ich erklärt habe, dass ich ihre Sprache nur sehr begrenzt verstehe, wechseln sie ins Englische und erklären mir die verschiedenen Teile des Motorrads. Ich sage dann nur noch ja oder nein. Sie sind ganz fasziniert davon und geben mir den Tipp, die Gegend um Sabie damit zu geniessen. „und passt auf euer Zeugs auf. Hier sind wir in Südafrika. Da wird geklaut. Die Schwarzen sind hier anders:“

Das machen wir, verspreche ich. Zuerst geht’s jedoch auf den Lake View Camping. Es ist eines der Camps, um mal wieder alles zu organisieren. Kein Lake View, kein Wahnsinnsplatz, doch alles was man braucht. Und am Stadtrand, das ist schon ganz ok. Begrüsst werden wir von André. Einer der Typen „auf den ersten Blick sympathisch“. Und wie er strahlt, als er auf, ach die so geliebte und wunderschöne Ural sitzen darf (seine ersten Worte zum Motorrad). Auch er läuft rundherum und begutachtet jedes Teil. Als wäre es ein Wunder der Technik. Was irgendwie ja auch stimmt. Was die Maschine bis jetzt alles erlebt hat. Er selber ist aber nur der Nacht Security, wie er uns mitteilt. Die Mama kommt dann kassieren. Die Mama ist eine herzliche, ältere weisse Südafrikanerin. Sie erfüllt jegliches Klischee einer Campingplatz Besitzerin. Zum Glück mag sie uns auf Anhieb und wir haben freie Platzwahl. Bei 60 leeren Plätzen ist das gar nicht so einfach. Dann, nach 15 Minuten hat auch Oli endlich DEN Platz gefunden. Genau in der Mitte. Mit Wasserhahn und zwei Bäumen, um seine Monster Hängematte auszuprobieren.

„Lieber André, warum müssen eure Gärtner genau um uns herum Rasenmähen, wenn wir doch endlich ein wenig ausspannen wollen. Da hat es doch überall Gras zum Schneiden?“ Das verstehe ich beim Besten Willen nicht. Die haben es ja gut, sie tragen Kopfhörer. André zuckt mit den Schultern, es scheint als wolle er nichts dazu sagen. Als die Beiden anspreche, wollen sie mich nicht verstehen, sie sagen lediglich, Chef hat gesagt Rasen mähen. Echt, manchmal frage ich mich, was in deren Köpfen vorgeht…

Als es dann ruhiger wird, gesellt sich André wieder zu uns. Wir palavern und er erzählt uns seine Geschichte. Gespannt hören wir ihm zu. Er ist um 62 Jahre alt, gelernter Flugzeugmechaniker mit einem weiteren Studium in „Mechanical Engineering“. Bis vor ein paar Jahren hatte er einen guten Job, hat genug Geld verdient für einen guten Lebensstandard. Dann kam der Jobverlust. Das Unternehmen hat die vom Staat vorgegebene Rassenquote (anders kann man das ja gar nicht benennen) nicht erfüllt. Er und drei weitere Ingenieure wurden auf die Strasse gestellt, für sie drei schwarze Südafrikaner mit weit geringerer Qualifikation eingestellt. Als weisse haben sie kein Anrecht auf Arbeitslosengeld. Auch nicht auf die staatliche Versicherung. Das ist die bittere Realität hier. Seitdem hat er verzweifelt einen Job gesucht. Von der Westküste bis ganz in den Osten hier in Nelspruit. Keine Chance auf Einstellung. Alle Firmen kämpfen mit den gleichen Problemen. Wie es dann so kommt, geht die Familie auseinander. Kinder sind erwachsen und weggezogen aus dem Land ohne Perspektive, die Frau auch weg von einem Mann, der kein Geld nach Hause bringen kann. Gelandet ist er vor ein paar Jahren auf dem Campingplatz, wo es noch drei weitere Gescheiterte in einfachsten Wohnwagen und Zeltplanen wohnen. Sie alle haben hin und wieder einen Job. Gemeinsam machen sie die Nachtwache auf dem Camp. Ab 08:00 bis morgens um 08:00 patrouillieren sie ständig. Das klingt für europäische Verhältnisse vielleicht etwas merkwürdig, doch hier ist das die Regel. Nelspruit gilt nicht als ruhige Ecke. „1200 Rand bekommen wir pro Monat und wir dürfen gratis hier stehen“. Damit hat man eigentlich keine Chance zum Leben, doch besser als gar nichts, meint er trocken. Auf die Frage, was denn die Gärtner bekommen, stockt er zuerst und meint dann: „Das staatliche Minimum von 3000 Rand plus Pausenverpflegung und Mittagessen. Und sie arbeiten von 08:00 bis 17:00. Keine Minute länger. Würde der Campingbesitzer weniger bezahlen, hätte er echte Probleme. Die rennen gleich zu einer Gewerkschaft und die zum Staat. Das ist nicht lustig. Da wird einem sofort mit dem Entzug der Lizenz gedroht.“ André spricht ohne Groll, ohne Polemik. Wie ein Mensch, der längst akzeptiert hat, dass es sich nicht lohnt sich aufzulehnen, sondern irgendwie einen gemeinsamen Weg zu finden. Irgendwie. Hoffentlich bald.

 

Freunde, die man nicht haben will
„Komm lasst uns ein Bier in der angrenzenden Bar trinken gehen, das tut uns sicher gut. Ich geb einen aus. Heute ist mein Geburtstag“. Oli ist bester Laune. Die dreiundvierzig Lenzen sieht man ihm kaum an (haha).  Doch André winkt ab. Er muss die Nachtarbeit vorbereiten. Alkohol trinke er keinen. Die Leute in der Bar sind nicht sein Publikum. Nach einer Viertelstunde verstehen wir warum. Beim Eintreten werden wir zuerst beäugt, um dann herzlichst empfangen zu werden. Hier ein „Welcome Guys“, da ein Handshake und vom Barchef eine spontane Umarmung. Wir werden wie alte Freunde empfangen. Im ersten Moment fällt es uns gar nicht auf. Alle weisse Südafrikaner. Überall hängen Jägermeister Poster, an der Bar bestimmt 20 leere Flaschen. Nicht unsympathisch.

Doch dann kommen die guten Ratschläge für weisse Reisende: „Schwarzen könnt ihr hier nicht trauen. Ihr werdet genauso gehasst wie wir. Passt gut auf euer Zeugs auf. Die sind halt einfach anders als wir. Sie haben keine Kultur. Sie haben kein Gewissen. Untereinander sind sie noch schlimmer als gegen Weisse. Und ich sage Euch, wenn meine Tochter es je wagen würde mit einem Kaffer hier aufzukreuzen. Ich würde ihn so was von verprügeln.“  Die Männer kommen richtig schlimme, rassistische Stimmung, ihre Frauen unterstützen die Aussagen. Der Typ neben mir ist lange ruhig, er macht den besten Eindruck von allen. Plötzlich spricht er mit leiser Stimme. Alle im Raum sind sofort still.

„Wisst ihr, das klingt alles rassistisch. Leider ist es das auch. Ob aus gutem Grund und aufgrund persönlicher Erfahrungen basieren alle diese Aussagen. Lasst euch nicht einschüchtern. Ich habe viele Jahre als Ausbilder von Rangern im Kruger Nationalpark gearbeitet. Wir haben jeden Tag gegen Nashornwilderer gekämpft. Natürlich waren immer die Schwarzen, Einheimischen die Jäger und Handlager der Chinesen. Davon sin wir ausgegangen. Bis wir entdeckt haben, dass weisse Ranger Kollegen die ganzen illegalen Jagden organisiert haben. Und oft auch dabei gewesen sind. Am nächsten Tag bin ich denen gegenüber gesessen und wir haben neue Strategien gegen die Wilderei entwickelt. Bis es dann aufgeflogen ist. Es sind nicht DIE Schwarzen oder DIE Weissen. Es sind Menschen, ohne Ehre, Pflichtgefühl und ohne jeglichen gegenseitigen Respekt. Das hat mich so enttäuscht, ich habe alles hinter mir gelassen und züchte nun Schweine. Das essen Menschen aller Farben hier. Macht euch euer eigenes Bild und lasst euch nicht auf Stimmungsmache ein“ Auch nach seiner Schilderung bleibt es noch für einige Zeit ruhig. So lange bis wir unser Bier ausgetrunken und die Bar verlassen haben.

Der Abend und lässt uns keine Ruhe. Irgendwie scheint es niemanden interessiert zu haben, dass wir seit vielen Jahren in Afrika unterwegs sind, das wir mit vielen „Schwarzen“ wie sie verächtlich genannt wurden, herzliche Freundschaften pflegen und sowieso die Hautfarbe für uns gar kein Thema ist. Ebenso denke ich, dass es auch nicht einmal um die Hautfarbe geht, sondern dies ein willkommenes Merkmal für die Unterscheidung oder Abhebung ist. Diese Menschen würden sich genauso verhalten, auch wenn die anderen eine helle Hautfarbe hätten. Was die Komplexität des Themas nicht einfacher macht. Am nächsten Morgen sprechen wir André darauf an, der nach seinen Patrouillengängen gerade mal zwei Stunden geschlafen hat. Sein Geist scheint jedoch hellwach zu sein. Er hört uns zu und meint fast schon väterlich: „Lasst euch von dem Geschwätz nicht beeinflussen. Südafrika hat unglaublich tolle Menschen aller Farben. Fast alle wollen eigentlich nur eines: in Friede miteinander leben und hier glücklich sein. Leider sind die Mittel, das zu erreichen unterschiedlich. Und natürlich hat jeder das Gefühl er liege richtig. Bitte seid offen, hört allen Menschen zu und schenkt mit gesundem Menschenverstand Vertrauen. Auch wenn Südafrika voller Probleme ist, es ist noch immer unser aller zu Hause. Ein wunderbares Land mit herzlichen Menschen. Ihr seid unser aller Gäste!“

Mit Andrés Segen ziehen wir nordwärts Richtung Sabie, Blyde River Canyon bis nach Karspersus im Limpopo. Dort werden wir in drei Tagen zur Weihnachtsfeier erwartet.