As isch amol as Träumli gsi.


„Mir ist arschkalt“, flüstert sie mit brüchiger Stimme.
Dick verpackt sitzt mein Buschbaby versunken in ihrem Campingstuhl. Die Augen blicken starr durch den Sehschlitz unseres behelfsmässig hergerichteten Verstecks. Der heisse Kaffee in der Thermoskanne ist leider auch schon alle. Warm gibt uns nur die Hoffnung, dass doch bitte die zwei Geparden Brüder auftauchen. Seit Tagen verstecken wir uns am Morgen und am Abend. Irgendwann müssen sie doch zu sehen sein. Mittlerweile haben wir den Zebras schon Namen gegeben, die Warzenschweine sind so etwas wie gute Freunde geworden und der Uhu wundert sich bestimmt schon lange, was wir denn die ganze Zeit in unserem Versteck unter aufgestapelten Dornbüschen machen. Die Sonne geht langsam auf, der Tag beginnt. Wieder einmal kommen die Kudus zum Trinken ans Wasserloch. Die Gebrüder Geparden lassen sich nicht blicken. In bester Sichtdistanz ist ihr Spielbaum. Doch der bleibt heute Morgen mal wieder leer.

 

The far camp
Wir sind auf der Wildnis Farm der Naro San, der Buschleute aus der Zentral Kalahari. In der Nähe von Ghanzi, im Westen Botswanas. Hier ist das einzige Naturreservat dieses alten Kalahari Volkes. Ein über 7000 Hektaren grosses Wildnisgebiet. Darauf betreiben sie eine kleine, einfache Lodge mit einem Camping namens Diquae Qare.

Dies ist umso interessanter, weil das San Volk seit vielen Jahrhunderten unterdrückt und mehr und mehr aus ihren angestammten Wildnisgebieten verdrängt wurden. Ihre Herkunft ist Jäger und Sammler. Ihre Fähigkeiten den Busch zu lesen, Spuren zu finden und Nahrung in der Kalahari zu sammeln, sind legendär. Ihre Eigenschaften Konflikte zu meiden, keinen Besitz anzustreben und alles in der Gruppe zu teilen, macht ein Leben in der heutigen Gesellschaft nicht einfacher. Immer wieder mussten sie ihre Lebensräume in der Zentralkalahari aufgeben, staatliche und private Diamantminen wurden errichtet. Die Menschen weit aus ihrem Lebensraum gedrängt, sind nun im Westen ausserhalb des Parks gelandet. Teilweise sind für sie Dörfer hergerichtet worden, wie z.B. Dkhar oder sie hausen irgendwo in den letzten wilden Ecken um die Aha Hills. Es ist umso schöner zu erleben, mit welcher Freude sie ihr Wildnisgebiet, welches sie von einer Kirche als Trust geschenkt bekommen haben, hegen und pflegen. Und ihr eigenes Business mit Leidenschaft betreiben, wie Xgaiga Qhomatca mit stolzer Brust zu sagen pflegt.

Nur unweit davon entfernt ist ein Eingang in den weltberühmten Zentralkalahari Nationalpark. Ein über 52‘000 Quadratkilometer grosser Nationalpark. Man wäre jetzt versucht zu sagen, dass dies das eigentliche Ziel sein sollte. Doch in Diquae Qare ist es möglich, die Kultur der San hautnah zu erleben. Sie freuen sich jedes Mal, wenn sie Gäste in die Natur begleiten und ihnen die Geheimnisse der Kalahari zeigen dürfen. Bis vor kurzer Zeit haben hier jährliche Tanzfestivals stattgefunden, bei denen Buschleute aus allen Ecken des südlichen Afrikas hergekommen sind. Heute ist dies in ihre „Hauptstadt“ Dkhar verlegt worden. Dennoch zelebrieren sie immer wieder ihre nächtlichen Tänze am Feuer. Gäste dürfen gerne dabei sein. Es sind unvergessliche Momente. Seit vielen Jahren sind wir mit den Buschleuten in Botswana und Namibia verbunden. Für uns haben diese Menschen ein riesiges Herz und eine grosse Lebensfreude. Echte Freunde.

Auf Anfrage darf man ins sogenannte Far Camp, tief in ihrer Wildnis. Seit zehn Tagen harren wir hier aus. Jeden Tag streifen wir durch den Busch bis zu unserem Versteck am Wasserloch. Wohl jeden zweiten Tag verlaufen wir uns auf dem Weg dorthin, alles sieht so ähnlich aus. Auch wenn wir nicht die gesuchten Geparden finden, ganz viele andere wilde Tiere sind dort zu Besuch. Und jedes Mal wird es mucksmäuschenstill in unserem Versteck. Es ist eine wunderbare Zeit. Die Nächte sind ziemlich kalt im Juli in der Kalahari. Dreimal ist es vorgekommen, dass wir gefrorenen Boden hatten. Umso mehr sind wir froh, unseren Landcruiser und das Moto dabei zu haben. Im Dachzelt auf einer echten Matratze zu schlafen, hat schon was. Nach zwei Wochen müssen wir aber weiter. Zurück auf dem offiziellen Camp, gucken die Buschis mit grossen Augen Oli an. „Was ist passiert mit Dir‘“. „Ein Faustkampf mit einem der Geparden. Ihr solltet den mal sehen“, blufft er in die Runde. Alle hören gespannt zu und merken dann, dass dies nicht stimmen kann. Doch Olis Gesicht sieht genauso aus. Der arme Kerl hat tiefe Schrammen im Gesicht. Ein ganzes Pack Steri Strips reichte nicht aus, um ihn zu verarzten. Der Buschheld hat einen Kampf mit stärkeren Dornbusch verloren. Gezeichnet vom Wildnis Leben verabschieden wir uns und versprechen wieder zu kommen.

Unser Plan, in zwei Wochen durch Botswana zu reisen und mehr Zeit in Sambia zu verbringen, geht schon nicht mehr auf. Es ist verrückt, doch in jedem Land gibt es so viel zu erleben, es ist nicht einfach zu priorisieren. Und die Uhren ticken hier einfach anders. Wir leben völlig im Moment. Und haben ja noch so viel Reisezeit vor uns. Gleichzeitig ist die Hälfte der Tour schon beste Erinnerung. Und es ist noch ein weiter Weg nach Hause. Diese Gedanken kommen immer mal wieder hoch. Oder wir passen unsere Reiseroute an und bleiben länger im südlichen Afrika?

Wir werden sehen. Jetzt wo schon mal hier sind.

 

Die wilde Beni
Immer mal wieder schreiben uns Freunde auf sozialen Medien. „Was ihr macht, ist das reine Abenteuer“, „Das würde ich gerne auch einmal machen, getraue mich nicht“ oder „Die Reise des Lebens – ihr seid echte Abenteurer“. Doch je länger wir unterwegs sind, desto mehr ist der Reise Alltag eben Alltag. Die Grenzprobleme sind auch nicht mehr so spektakulär wie früher, regnet es aus Kübeln, wartet man einfach ab oder nimmt die Asphaltstrasse. Die Einkaufserlebnisse auf dem Markt, beschränken sich im südlichen Afrika auf einen Besuch im Choppies Supermarkt. Da hat man noch am ehesten Afrika Feeling. Ach, die alten Zeiten waren wohl schon voller Entdeckungen, denken wir manchmal. Heute müssen wir uns tunlichst darum kümmern, dass wir auf keinen Fall länger als das Visum im Land sind. Zack, ein Bann für ein paar Jahre. Verlängerungen in Südafrika und Namibia sind kaum möglich. Früher ist man bei der Immigration angestanden, hat vorgeschwärmt wie toll es im Land ist und zack, Stempel drin. Und das Carnet de Passage (Reisepass fürs Moto), ein stetiges Ärgernis. Bei jeder jährlichen Verlängerung, kannst man Gift darauf nehmen, dass gerade im südlichen Afrika, die Behörden Beschwerde einlegen, um an die hinterlegte Kaution zu kommen. Hat man alles schön fotografiert, dokumentiert und an den Automobilclub zu Hause gesendet, kümmert dieser sich darum. Dann ist alles plötzlich ein grosses Missverständnis. Die letzten vier Jahre musste sich der ACS für uns mit den Behörden in Südafrika rumschlagen. Wir haben den Eindruck gewonnen, dass es sich überall nur noch um Geld und noch mehr Geld dreht. Ganz zu schweigen von den jährlichen Preiserhöhungen für Touristen in speziell Namibia und Botswana. Nur die dafür angebotenen Leistungen bleiben gleich. Die Camps werden weder verschönert und ein besserer Service wird auch nicht angeboten. „Der Rand ist halt so schwach“ oder „Die Leute kommen ja sowieso“, hören wir oftmals. Fakt ist, dass Einkaufen in Namibia und Botswana mittlerweile teurer ist als in Deutschland. Fast so teuer wie in der Schweiz. Keine Ahnung wie dies schlussendlich aufgehen soll.

Nun, wir wollen lieber etwas von den alten Geschichten erfahren. Als man noch mit dem Lastwagen und in der selbstgebastelten Kiste aus Holz gewohnt hat. Als man noch 40 Liter Diesel pro 100 Kilometer gebraucht hat. Als man zwei bis drei Schaufeln mitgenommen hat, damit man einheimische Leute für den Bau eines Weges anheuern konnte. Die gute alte Zeit. Wir haben sie nicht erlebt. Doch unsere Freundin Bernadette in Maun. Vor über dreissig Jahren ist sie genauso in Botswana gelandet. Immer einen frechen Spruch auf Lager, hat sie sich hier niedergelassen und die erste Bar in Maun eröffnet. Damals gab es nur eine Kreuzung, einen Supermarkt und viele Baracken in dem heute florierenden Ort. „Duck Inn“, ist zwar Vergangenheit, doch jede/r Mensch, der in und um Maun lebt, kennt Beni. Die verrückte Beni. Sie war die einzige Person, die Männer und Frauen bei zuviel Bierkonsum noch im Griff hatte. Keine/r wollte Barverbot. Auch als Lodgemanagerin hat sie sich einen Namen gemacht. Beni kennt sie alle. Alle kennen Beni. Bei den einen tritt ein Schmunzel hervor, bei anderen Ehrfurcht und die jungen haben schon mal von ihr gehört. Noch heute mit über siebzig Jahren ist sie noch aktiv, bietet Privattouren mit ihrem Landcruiser an, geht in Löwengebieten wild campen und gibt den Arbeiter auf ihrem Wohnareal den Tarif durch. Und im nächsten Moment lächelt sie wieder völlig entwaffnend.

In unserem Wohnort Langenthal in der Schweiz, kennt sie ebenso unser ganzer Bekanntenkreis. Sie ist eine gute Freundin, einer Freundin aus Langenthal. Corinne war vor vielen Jahren schon einmal bei ihr auf Besuch. Wir wollen wieder einmal nach dem Rechten sehen und schreiben zuerst einmal eine WhatsApp Nachricht.

„Wo sind iar? Ha a Siitawaga gseh in dr Stadt. Das könnt nur iar si. Kömmend verbi.“ Sie hat uns gesehen und zurückgeschrieben. Wir sind baff. Also los gehts. Ab zur wilden Beni auf Besuch.

 

Die Kalahari Löwen
Der Empfang ist herzlich. „Wird jo öppa Ziit, dass wieder kusch. Bisch schu lang nümma do gsi. Und du bisch denk dr Ma vur Corinne. A huara Fetza. Kömmend ina“.
In die Schriftsprache übersetzt heisst dies: Wird endlich Zeit, dass du wieder einmal vorbei kommst. Warst schon lange nicht mehr hier. Und der da ist wohl dein Mann. Ein stattlicher Typ. Los, kommt rein.

Harte Schale – weicher Kern. Ein toller Mensch. Sie scheint sich richtig über unseren Besuch zu freuen. Die nächsten zwei Wochen vergehen wie im Flug. Beni lässt uns kostenlos in einem ihrer Bungalows wohnen. Mit einem echten Bett. Himmlisch. Wir sind mit ihr unterwegs, lernen Leute kennen, bekommen gute Tipps und Tricks. Vor allem lauschen wir den alten Geschichten unserer Abenteurer Freundin. Das waren noch Zeiten.

Das Okavango Delta hat wegen der anhaltenden Trockenheit kaum Wasser. Die Flüsse in Maun sind furztrocken. Man muss drei Stunden mit dem Geländefahrzeug bis ins Delta fahren, um Wasser zu sehen. So entscheiden wir uns gegen einen Mokoro Trip (Einbaum). Wir wollen lieber zurück in die Kalahari. Beni organisiert ein Treffen mit ihrem Freund Chris. Er hat eine Wildfarm angrenzend zur Zentralkalahari. Elefanten hätten die Zäune niedergemacht. Fünf Löwen seien „eingebrochen“. Seine Aufpasser sind Buschmänner. Sie finden jeden Morgen riesige Spuren um ihre kleine Siedlung und das Camp. Leider könne er gerade nicht weg aus Maun, meint Chris. Ob wir nach mal gucken könnten, ob alles „allright“ ist? Klar.

Das Moto lassen wir bei Beni, unseren Landcruiser füllen wir mit Essensrationen für die Buschmann Familien. Dieser Ort ist schon etwas weit weg von allem. Pure Natur. Wir werden herzlich empfangen und sofort zu den Spuren geführt. Sie erklären uns, dass sie von heute Nacht sind. Mächtige Pranken. Was wir denn zu machen gedenken, falls wir sie sehen, fragen sie uns. „Fotografieren“, so Olis spontane Antwort. „Aha“, ist alles was denn Buschleuten über die Lippen kommt.

Wir erkunden die Landschaft mit dem Fahrzeug und zu Fuss. Einmal mehr ist es faszinierend, was die Buschleute alles im Sand lesen können. „Buschmann Newspaper“, nennen sie die Orte mit vielen verschiedenen Spuren. Wir finden keine Löwen. Auch keine Elefanten. Die sind wohl wieder zurück. Dafür reparieren wir Wasserleitungen, den Benzingenerator und nehmen ein Wasserloch wieder in Betrieb. Es ist so trocken, die Tiere freuen sich bestimmt. Corinne und ich richten uns wieder einmal in einem Versteck mit Beobachtungsposten ein. Fünf Tage sind wir dort. Mit ein paar Vögeln und einem Kudu, das nun jeden Morgen zum Trinken kommt. Nach etwas über einer Woche verlassen wir das Gebiet und machen einen Abstecher in die grosse Zentralkalahari. Doch die Camps sind alle ausgebucht. Auch nach Diskussionen, keine Chance. Als wir zum Ausgang der Ranger Station gehen, kommen uns zwei verstrubelte Touristen entgegen. Draussen steht ihr riesiges, geländegängiges Wohnmobil. „Das ist der Horror. Dieses Camp ist nichts für uns. Wir mussten den ganzen Weg die Zweige abschneiden, damit wir mit unserem Ding durchkommen. Es ist ganz verkratzt. Wir gehen früher. Und Geld bekommen wir wohl auch nicht zurück, oder?“. Die Dame am Schalter guckt ganz verdutzt und verneint. Dann treffen sich unsere Augenpaare und sie lächelt. Wir auch. Es werden vier spannende Tage mit Löwen Sichtungen. Wieder mal richtig gut Glück gehabt.

 

Bleiben wir jetzt hier?
„Kannst du dir vorstellen für immer hier zu sein?“
„Ja.“
„Das habe ich mir schon gedacht.“
„Wenn das mit unserem Camp klappen würde…ja, ich glaube wir sollten es wagen.“
„Aber nur unter der Bedingung, dass ich der Chef bin, Oliver“
„Naja, hier müsste der Chef wohl am meisten arbeiten. Ok.“

Wir stehen an der Flussbiegung des Chobe River in der Nähe von Muchenje. Hier könnte sie stehen. Eine Öko Lodge mit Luxus Zelten auf Plattformen, die über die Abbrüche des Flussufers ragen. Die wilden Tiere laufen mitten durch das Camp. Der Wildnis Korridor links neben dem Camp wird nicht tangiert. Schon jetzt die Vorstellung wie unsere Gäste auf ihrer Veranda sitzen, den Sonnenuntergang geniessen und sich die unter ihnen die Elefanten im Fluss vergnügen. Träume sind der Motor eines jeden Abenteurers.

Nachdem wir uns von Beni in Maun verbschiedet haben (Danke für alles Beni!), sind wir weitergereist nach Nata und dann hoch nach Kasane. Unser Freund DT freute sich uns wieder zu sehen. Schon am ersten Abend bringt er seinen Cousin mit zum Nachtessen. Wir müssen etwas besprechen, meint er. Nun ja, heute wissen wir, dass seine Familie Land am Chobe Fluss geerbt hat. Sie möchten unbedingt ein Business eröffnen. Und wie immer haben sie kein Geld. Ob wir mit ihnen was machen könnten? Wir kennen DT schon viele Jahre und pflegen einen offenen, vertrauensvollen Austausch. Er schaut seit Jahren auf unser Fahrzeug, wenn wir nicht in Afrika sind. Immer war alles perfekt. Dennoch sind wir weder auf der Suche nach einer festen Bleibe, noch können wir uns vorstellen in Botswana ein Business zu betreiben. „Mit Masisi unserem neuen Präsidenten wird alles besser. Die Prozesse sind schon heute einfacher, das kleine Volk bekommt mehr Möglichkeiten. Kommt schon, lasst uns das Land anschauen gehen. Dann sehen wir weiter.“ DT hat Recht. Es schadet ja nichts. Und wenn wir ihnen mit Ideen helfen können – warum nicht?

Mittlerweile können wir es uns gut vorstellen, hier unternehmerisch tätig zu werden. Das Land seines Cousins hat uns nicht so zugesagt, doch die älteste Schwester hat ein Stück bekommen, welches uns träumen lässt. DT und sein Cousin haben uns zu ihr geführt. Auf der Treppenstufe vor ihrem kleinen Haus diskutieren wir. Bereits haben wir mögliche Landmiete besprochen und ihr Wunsch für ein Mokoro Business natürlich gerne aufgenommen. Ihr Bruder, der „Big Man“ der Familie rufen zwei Tage später auch an. Er hat schon von uns gehört und sich in der Familie besprochen. Grundsätzlich ist er sehr dafür, dass wir das Land mieten können. Seine Vorstellung von einem gestaffelten Preis und 5-10 Jahre mit einseitiger Option für länger, erscheint für uns fair. Natürlich, das sind Gespräche. Dafür  braucht es wasserdichte Verträge. Jedoch ein Schritt nach dem anderen. Die Lage ist genial. Nur 8 Kilometer vom Eingang zur Chobe Waterfront, auf dem Transitweg nach Linyanti und Savuti im Chobe Nationalpark. Und hier geht ein eigener Wildniskorridor durch. Gerade sehen wir über fünfzig Zebras vor uns, die gemütlich auf der anderen Flussseite weiden. Und dazu brauchen wir kein Fernglas. Wie verrückt ist das denn?

Die nächsten Tagen verbringen wir mit Ideen sammeln, Zeichnen, Budgetieren und Telefonieren. Wir zapfen unser Netzwerk zu Hause und hier in Afrika an. Wer könnte mit investieren? Wer könnte mithelfen auzubauen? Woher bekommen wir das Material? Welche Lodge könnte uns zum Start ihre alten Zelte für einen guten Preis verkaufen?  Dann besuchen wir die vermittelten Empfehlungen in Kasane. Lodge Besitzer, Safariunternehmer und Bekannte unserer Freunde. Wir wollen erstmal ein Gefühl für ein hiesiges Business bekommen. Doch das ist ernüchternd. Selbstverständlich werden wir jedes Mal ausgefragt: Wo genau, von wem, wieviel?
Wir halten uns bedeckt mit konkreten Namen, dem genauen Ort und dem Preis. Denn wir merken, dass wir nicht sehr willkommen sind. Wir haben den Eindruck, man nimmt uns als Konkurrenz wahr. „Vergesst es einfach. Ihr braucht mindestens zwei bis drei Jahre bis ihr eine Genehmigung bekommt. Und dann kennt ihr nichts hier. Die nehmen Euch aus wie Weihnachtsgänse. Besser ihr reist weiter, da habt ihr etwas davon. Und sorry, ich habe jetzt keine Zeit mehr für Euch“, sagt der Tourismusunternehmer und geht. Naja, vielleicht meint er es ja wirklich nur gut mit uns.

Die Pläne werden konkreter. Mit dem Big Man haben wir jeden dritten Tag ein Telefongespräch. Er organisiert von seiner Seite die Behörden, damit sie das Land für das Business freigeben. Mittlerweile sind wir schon acht Tage auf dem Camping der Chobe Safari Lodge und jeden Tag von früh bis spät fleissig. Wir wissen, dass wir unsere Idee finanzieren können. Die Ersparnisse reichen nicht alleine aus. Doch wir haben sehr gute Freunde, die einsteigen würden. Nun sprechen wir bei den Behörden wie Gemeinde-, Land-, Tourismusverwaltung vor. Ebenso bei Steuerberatern, Geschäftsprüfern und Treuhändern. Ein echtes Spiessrutenlaufen. Irgendwie widersprechen sich alle. Die einen sind sicher, das Gesetz wie bis anhin ist richtig, andere verweisen auf Änderungen durch Präsident Masisi. Die Treuhänder meinen, dass sie dies auf jeden Fall hinbekommen. Irgendwie.

Eine weitere Woche später ist klar: Campingplätze dürfen nur 100% Einwohner von Botswana besitzen. Am liebsten Locals (Schwarze). Genauso Bed & Breakfast – 100% Einwohner Botswaner. Das gleiche für Hostels. Hotels und Lodges können Ausländer durchaus besitzen, jedoch besser für den Prozess und die Integration ist, wenn 51% der Anteile in Händen von Botswanern sind. Es gibt die Möglichkeit für ein „Photographers Camp“, welches in 100% Besitz von Ausländern sein kann. Jedoch muss es sich in einer „Botswana Wildlife Zone“ befinden. Sprich: In einem von der Regierung gemanagten Nationalpark oder National Reserve. Wo dann horrende Lizenzen zu zahlen sind. Es sieht düster aus. Sofort wollen alle aus der Erbfamilie Mitbesitzer sein. Aber der Big Man verbietet dies sofort. Er sagt, er wolle das Geschäft und die Freundschaft trennen. Dafür kommen dann deren Freunde. Keiner hat einen einzigen Rappen zum Investieren, alle haben aber gute Vorschläge fürs Nichtstun und Kassieren. 10 Prozent vom Umsatz ist die gängige Vorstellung. Es folgt eine zweite Runde Gespräche mit den Tourismusbehörden. Mittlerweile könnte es ev. möglich sein, unsere Idee von einem Tented Camp als Hotel zu bezeichnen. Der dazu benötigte Kongress Saal könnte man schon irgendwie in einem Zelt unterbringen. Aha. Nun, das mit den Campingplätzen am gleichen Platz ist aber ein klares Nein. Auch nicht mit einem 51% Partner. Wir müssten das Land jemandem vermieten und dieser an uns bezahlen. Die Besitzerfamilie berät sich und ist bereit, eine eigene Firma zu gründen für die Campingplätze, um uns diese dann vermieten. Aber dann bräuchten sie ja noch etwas vom Campingumsatz für die Steuern. Puh.

Es gibt einen Weg. Der ist einfach sehr steinig. Der Chef der Tourismusbehörde dazu: „Das mit dem Arbeits- und Aufenthaltsvisa ist auch noch zu beachten. Falls ihr ein Investorenpermit bekommt, der Tourismus steht aber hinter Minen-, Finanz und Handelsgeschäften, also falls das geht, bekommt ihr ein Arbeitsvisum für zwei Jahre. Dann muss eure Lodge stehen. Wir machen dann eine Kontrolle und geben es dann frei wenn es unserem Sinn entspricht.“ „Und wenn nicht?“ Oli stellt eine einfache Frage. „Hm, dann könnt ihr nicht eröffnen. Ihr dürft auch nicht mit drei Zelten oder dem Camping starten. Ihr könnt erst mit dem Business starten, wenn alles fertig gestellt ist.“ Yeah, Botswana Rock n‘ Roll.

Mit jedem Gespräch erhöht sich das unternehmerische Risiko. „Und betreffend dem offiziellen Arbeitsvisa. Sobald wir das Ok geben und ihr mit der Lodge starten könnt, dürft ihr Euch darum bewerben. Aber das macht ja dann eine andere Behörde.“ Die Arme des stark übergewichtigen Tourismus Bezirkschefs, der kleine Bürostuhl tut uns seit einer Stunde leid, sinken auf die Tischplatte. Seine Hände formen ein „Ohmmm“ oder ein „Bribe“. Dazu ein Lächeln. Wir wollen das nicht mehr so genau deuten.

Stopp. Übung abbrechen. Wir sollen investieren und Geld nach Botswana bringen. Dann mal starten mit Bauen. Ohne Sicherheiten. Wenn es hoch kommt, haben wir da gar keine Aufenthalts- oder Arbeitsbewilligung. Könnte ein grosses Risiko sein. Einnahmen generieren können wir erst mit einer Lizenz, die uns die Tourismusbehörde ausstellt. Sofern sie findet, unsere Lodge genüge ihren Ansprüchen, nachdem wir in zwei Jahren alles fertiggestellt haben. Ein unkalkulierbares Risiko. Das wir danach eine offizielle Arbeitsbewilligung bekommen ist wahrscheinlich, doch nicht gesichert. Dazu kommt, dass eine andere Behörde vorab auf dem Land einen „Environment Check“ macht und dann die Bedingungen für die Nutzung festlegt. Und diese Experten bewegen sich nur zum Ort des Geschehens nach einer im Voraus geleisteten Zahlung von 10‘000 US Dollars.

Es isch amol a chlises Träumli gsi. Träumli gönd so schnell verbi…

Es ist einmal ein kleiner Traum gewesen, Träume gehen aber so schnell vorbei…