Ticket to Kasanga – MV Liemba


  • Tanganjika vibes. Lautes Dröhnen aus dem Schiffshorn lässt uns bis ins Knochenmark erschüttern. Wir sind wieder hellwach. Nach vielen Stunden warten, legt die Liemba endlich ab. Mittlerweile ist es dunkle Nacht in Kigoma. Der Bordscheinwerfer der MV Liemba bestrahlt das Deck. Alles schimmert goldgelb. „Alle Mann zurücktreten. Leinen los!“ ruft der im weissen Hemd gekleidete Herr mit einem goldenen Streifen an der Schulter. Menschen winken, die kleine Brücke wir abgehängt, die hüfthohe Ladetüre geschlossen. Das ehemalige deutsche Kriegsschiff startet ihre zwei Diesel Motoren. Das Wasser fängt an zu vibrieren, als würden tausend Krokodile gleichzeitig ihre Brunftstösse zelebrieren. Eine der abenteuerlichsten Bootsfahrten beginnt. Lake Tanganjika. Entlang des längsten See und sechstgrössten Sees der Welt, der sich zwischen Tanzania, Kongo und Sambia befindet, tritt das Handels- und Transportschiff seinen Dienst an. Das über hundertjährige Schiff ist eine schippernde Legende. Mit einer Geschichte zweier Weltkriege, einiger Sinkerfahrung und vielen Renovationen. Man spricht davon, dass es zu Beginn im 1915 von seinem ersten Kapitän als total fahruntauglich eingestuft wurde. Doch das ehemalige deutsche Kriegsschiff mit dem damaligen Namen „Graf Goetzen“ hinterlässt noch immer ihre Furchen im Wasser des zweittiefsten Sees der Welt. Und wir sind mittendrin. Ebenso „Habash“, unser Seitenwagen hat zwischen Ananas, Bananen, Avocados, Zementsäcken und vielen anderen Gütern sein Plätzchen für die dreitägige Überfahrt gefunden. Von Kigoma wollen wir über hunderte Kilometer bis nach Kasanga schippern und den hektischen Handel auf See live miterleben. „Volle Kraft voraus“, ruft Oli voller Freude und hebt seine imaginäre Kapitänsmütze. Doch bis es soweit war, haben wir ebenso spannende Erfahrungen in West Tanzania machen dürfen.

 

Die Buschfahrt nach Kigoma
Von Kigali in Ruanda cruisen wir zum Rusumo Grenzübergang nach Tanzania. Und da gewöhnen wir uns zuerst mal wieder an die linke Strassenseite, an die Schlaglöcher und die staubige Umgebung. Fünfzig Dollar raus und der Stempel rein, Carnet de Passage eingestempelt und beim einem der jungen Strassenhändler noch schnell die SIM Karte gekauft. Weiter geht’s. Langsam neigt sich die Sonne dem Horizont zu und wir wollen noch ein paar Kilometer hinter uns bringen. Die vielen Löcher in der Strasse lassen jedoch keine hohe Geschwindigkeit (bei uns sind das maximal 70 Km/h) zu. Und so werfen wir nach dreissig Minuten alle Pläne über den Haufen und geniessen das stetige Bremsen und Anfahren. Irgendwo können wir dann schon übernachten. In Nyakasanza finden wir ein kleines Hostel für wenig Geld. Wie fast überall leben diese kleinen Villages in der Nacht auf. Überall kleine, beleuchtete Strassenstände und kleine Restaurants. Endlich gibt es wieder Chipsi Maiai und lokales Hühnchen. Das sind Pommes Frites in Ei gebraten und äusserst zähe, an fleischmasse mangelnde Hühner. Dazu Chai Maziwa. Schwarztee in Milch gekocht mit einer überanständig hohen Dosis Zucker. Wohl kaum etwas für Cholesterin gefährdete Leute. Sicher auch nicht für figurbewusste. Doch wir lieben es.

Ab 05:30 krächzen die hunderte Gockel im Village. Raus aus den Federn. Frühstück wieder…klar Chipsi Maiai ohne Huhn, aber mit einem doppelten Chai. Etwas über 500 Kilometer westtansanischer Busch erwarten uns. Was wurden wir doch von der Strecke gewarnt. Schlechter Zustand, schmierig bei etwas Regen, Staubstürme verursachende Linienbusse und Kleinbusse würden mit waghalsigen Manövern überholen. So schlimm ist es dann nicht. Neben der berüchtigten Strasse wird gerade eine neue, breite Strasse gebaut. Der Kofferbelag ist drin, die oberste Schicht Laterit fehlt. Doch das macht uns nichts aus. Wir wählen die Luxuspiste. Blöderweise stehen nach jedem Kilometer Abschrankungen aus grossen Steinen, bei denen wir hin und wieder nicht durchpassen. So müssen wir doch wieder die alte Piste nehmen. Die Gegend hingegen mit den vielen Palmen entlang der Strecke bieten herrliche Kontraste gegenüber der orangen Fahrunterlage. Immer wieder passieren wir kleine Siedlungen. Wir winken bis uns die Arme fast abfallen. Endlich. Unser bei Google Maps angepeiltes Gasthaus. Genau rechtzeitig. Die Wolken am Himmel haben bedrohliche Formen gebildet. Drei Minuten nach unserer Ankunft regnet es. Wir sind froh, kein Wild Camping gemacht zu haben. Die Buschstrasse verwandelt sich in kürzester Zeit in eine spannende Schlammpiste. „Keine Angst, das trocknet sehr schnell ab“, versucht unser Gastgeber in seinem besten Englisch zu verstehen. Wir haben zwar kein Wort verstanden, sind uns jedoch sicher, dass er uns beruhigen wollte. Nach einem harten Fahrtag wirkt dann die kalte Dusche auch gleich Wunder. Sofort geht’s ins Bett zum Aufwärmen. Nur noch 350 Kilometer bis Kigoma.

Wir starten erst um 11 Uhr, da der Regen bis in die frühen Morgenstunden gedauert hat. Doch nun ist die Strasse tatsächlich schon fast wieder trocken. Und je weiter wir nach Westen gelangen wird es wieder so richtig staubig. Und dann kommen die Linienbusse. Von vorne entgegen und von hinten überholend. Danach sieht man für zwanzig Sekunden rein gar nichts mehr. Mit viel Galgenhumor müssen wir jedes Mal, wenn ein Bus auftaucht, lachen. Und wieder etwas Make Up. Corinne kann sich gar nicht mehr zurückhalten. Jedes Mal, wenn sie mich ansieht, bricht sie in schallendes Gelächter aus. Mir geht es genauso. Wir sehen aus wie bemalt. Orange. Doch wir kommen gut voran. 200 Kilometer. In Kasulu angekommen fahren wir etwas rum auf der Suche nach einem kleinen Gasthaus. Duschen wäre heute echt der Hammer. Wir fragen bei den Taxi – Motorradfahrern nach. Auch sie können sich ein Lächeln nicht verkneifen. „Fireriders“ nennen sie sich. „Klingt cool, man. Wo gibt es eine warme Dusche und ein anständiges Bett für einen kleinen Preis?“. Der Typ mit dem 150ccm King Lion Moto hebt den Arm und zeigt auf das eher teuer aussehende Highway Hotel. Der Rezeptionist sieht dies und kommt sogleich auf uns zu. „Herzlich Willkommen, kommt, kommt. Wir haben ein Zimmer für Euch. Wir freuen uns über euch Reisende.“ Und auch einen tollen Stellplatz bekommen wir für den Habash. Mit einem kleinen Zäunchen drum und einem eigenen Wachmann. Die Menschen sammeln sich ums Moto. „Macht euch keine Sorgen. Die Menschen sind nur neugierig. So etwas haben sie noch nie gesehen. Es ist absolut sicher.“ Heute haben wir das Glück der Tüchtigen. Sogar warmes Wasser.

 

Unser erstes Mal – eine kleine Enttäuschung
Die letzten 150 Kilometer fahren wir nicht mehr auf der Hauptpiste, wir fahren nördlich zur Grenze nach Burundi und dann bis zum See und dort wieder nach Süden. Den Tipp haben wir von unserem nächsten Gastgeber in Kigoma bekommen. Couchsurfing erwartet uns. Unser erstes Mal. Auf die bisherigen Anfragen in anderen Ländern haben wir bis auf einmal nie Antworten auf unser Mail bekommen. So sind wir ja gespannt. Bei unserem Freund Edi, der aktuell bestimmt irgendwo in einem vollgestopften Linienbus in Afrika sitzt, fragen wir nach wie das denn so funktioniert. Seine WhatsApp Nachricht: Einfach hingehen, ihr seid eingeladen. Es kostet nichts. Freut Euch. Corinne meint aber, dass wir doch zu alt sind dafür. Mal schauen.

Zuerst fahren wir mal überall in Kigoma rum. Eine kleine, übersichtliche Stadt mit sichtbar deutschem Einfluss. Der Bahnhof und einige Gebäude sehen genauso aus wie in Namibia, wo die Deutschen ja ihre Spuren der Kolonialgeschichte hinterlassen haben. Es ist heiss hier, an die 40 Grad. Am verabredeten Ort warten wir für mehrere Stunden. Endlich die Nachricht, dass er in ein paar Minuten da ist. Es ist ein aufgestellter junger Europäer, der hier in einem Projekt arbeitet und ein Haus zur Verfügung gestellt bekommen hat. Er entschuldigt sich für sein kaputtes Moto und dass wir so lange hätten warten müssen. Im Haus wohnt noch eine Krankenschwester zur Miete. Wir bekommen ein Zimmer mit einem aus Paletten gezimmerten Bett und frischem Bettzeugs. Passt. Als nächstes steht Ausgang an. The Wallet Lounge. Ein angesagter Treffpunkt in Kigoma. Laute Musik, Fleisch am Spiess, Bier. Wir laden ein. Irgendwie fühlen wir uns dazu verpflichtet. Am nächsten Morgen ist es etwas speziell, da wir gar nie darüber gesprochen haben, wie das Ganze bei einem Couchsurfing überhaupt so abläuft. Unsere Gastgeber sind noch nicht auf. Hm. Darf man den Kaffee von hier benutzen? Schlussendlich holen wir unsere Essensvorräte und Kochkiste vom Habash und machen Frühstück. Ach, wir Schweizer wieder. Selbstverständlich nehmen dann alle davon. Alles okay – wir teilen gerne. Gemeinsam verbringen wir einen Tag am wunderschönen Jacobsen Beach. Am Abend sagt uns unser Gastgeber, dass er morgen wieder für vier Tage weg muss. Wir können ja schon bleiben, müssen das jedoch mit seiner Kollegin besprechen. Zugesagt hat er uns für vier Tage. Die Kollegin drückt sich rum und erzählt uns, dass sie einen muslimischen Freund hätte und das Haus ja sonst leer wäre. Wir verstehen. Am zweiten Morgen packen wir unser Zeugs und gehen auf die Suche nach einer neuen Bleibe.

Der Jacobson Beach mit seinem Camping wäre eine Alternative. Doch der Preis ist uns zu hoch. Nach dem Rumfragen bei Einheimischen landen wir beim frisch restaurierten Aqua Hostel. Direkt am See. Vom Zimmer geht’s drei Schritte zur Treppe und du stehst im feinen, orangen Sandstrand. Gesäumt von Palmen. Wir können uns kaum vorstellen, dass unsere maximal 20 Dollar pro Nacht ausreichen. „Ihr dürft gerne ein Zimmer am See für 18 Dollar inklusive Frühstück haben“ teilt uns die sympathische Frau an der Rezeption mit. WOW – Glückstreffer!

 

Kigoma – Der berühmte Heimathafen der MV Liemba
Mit Carsten Moehle, einem meiner Freunde in Namibia, habe ich immer wieder mal Kontakt. Er ist der Experte in Militärhistorik der deutschen Schutztruppen im südlichen Afrika. Dieser „Verrückte“ kennt jedes Haus, jedes Grab, jede rostige Büchse, alles was irgendwie mit den Schutztruppen zwischen Namibia und Tansania zu tun hat. Und selbstverständlich die MV Liemba. Das ehemalige deutsche Kriegsschiff, das auf dem Lake Tanganjika seine Runden zieht. Seine letzten Nachrichten sind, dass sich das Schiff mal wieder im Dock für Renovationen liegt. Wir sind enttäuscht, denn nach unserem gescheiterten Kongo Fluss Abenteuer, wollten wir wenigstens mit der geschichtsträchtigen Liemba entlang des Sees schippern. Wir erzählen dies dem Manager unseres Hostels. Er jedoch meint, dass er die Liemba vor einer Woche abfahren hätte gesehen. Wir müssten einfach noch eine Woche warten bis sie wieder hier wäre. Denn das Schiff fährt, wenn sie fährt nur zweimal im Monat. Immer am Mittwoch. Und so verbringen wir mal eine Woche mit relaxen, in Kigoma rumhängen, mit Blogschreiben, als Stammgäste bei drei lokalen Essensständen und baden im herrlichen Lake Tanganijka. Eigentlich ist See untertrieben. Ein Meer. Nur mit Süsswasser. Keine Bilharziose. Herrlich.

 

Sonntag Abend, ca. 17:00
Der Manager klopft keuchend an unsere Tür. Wir sind gerade damit beschäftigt uns für unser Besuch des neuen Ein-Zimmer Restaurants um die Ecke bereit zu machen. Mal wieder Chipsi Maiai und Spiesschen. Corinne ist irgendwie mit ihren Haaren beschäftigt, ich habe da viel weniger zu tun. „Liemba, Liemba“ ruft es durch die Türe. Kaum die Türe offen, meint der Manager: „Die Liemba ist da. Sie fährt gerade vor eurem Fenster vorbei. Komm, komm.“ Er nimmt meine Hand und schreitet schnellen Schrittes mit mir im Schlepptau zu Strand. „Tatsächlich“, ist alles, was in dem Moment zu murmeln habe. „Morgen müsst ihr sofort die Tickets holen und mit dem Kapitän wegen dem Habash besprechen“. Gesagt, getan.
Der Kapitän sieht unser fahrbarer Reisebegleiter und fängt an zu lachen. „Das ist ja genauso eine Legende wie mein Schiff. Herrlich. Natürlich nehme ich euch mit.“ Wir erzählen Carsten davon und er freut sich mit uns. Dann übergebe ich dem Kapitän mein Telefon und er freut sich gleich nochmals. Die Beiden kennen sich. So schnell geht es und wir sind gleich seine Sondergäste. Der Kapitän würde uns gerne Rabatt geben, doch das ist nicht möglich, denn die Schiffsgesellschaft ist eine Regierungsstelle. Der Manager verhandelt mit uns. Einzig für die Ladung gibt es Rabatt. Wir als ausländische Gäste dürfen auch nicht 3. Klasse, sondern nur 1. Klasse fahren. Was eine kleine, nostalgische Kabine mit zwei Betten, einem kleinen Schrank und einem Waschbecken ist. 100 amerikanische Dollar pro Person. Wir sind gerade etwas frustriert, wollten wir doch den lokalen Preis verhandeln. Oder wenigstens 3. Klasse fahren, um Geld zu sparen. Keine Chance ist auch eine Chance. Wir verbuchen es in unserem Haushaltsbüchlein als spezielles Spektakel. Nur noch zweimal schlafen bis es losgeht.

Die Liemba ist heute das einzige große Passagierschiff, das regelmäßig auf dem See verkehrt.

Der fahrplanmäßige Start erfolgt in geraden Wochen mittwochs um 16 Uhr in Kigoma, die Ankunft in Mpulungu ist freitags um 8 Uhr. Die Rückfahrt von Mpulungu aus findet am selben Tag um 20 Uhr statt, die Ankunft in Kigoma ist sonntags um 16 Uhr. Allerdings wird der Fahrplan in den seltensten Fällen eingehalten und Verspätungen sind normal. Zum Teil sind es nur kleine Dörfer, die keinen Hafen besitzen. Das Be- und Entladen erfolgt fast ausschließlich über kleine Barkassen, da sich Landungsbrücken nur in Kigoma, Kasanga und Mpulungu befinden.

Am Tag darauf bringen wir den Habash und unsere Ladung zur Liemba. Der Kapitän erwartet uns schon. Sie haben eine provisorische Brücke aus Stahlplatte und Holz gebaut. Denn zwischen dem Dock und der Liemba liegt ein anderes Schiff mit einem flachen Deck, von wo aus wir dann per Kran den Habash aufs Deck der Liemba hieven können. Oli begutachtet die Vorrichtung und hofft einfach, dass die kleine Brücke auch wirklich hält, ansonsten der Habash in den See stürzt. Geschafft. Habash ist auf der Liemba, unser Gepäck in unserer Kabine. Jetzt beginnt die Beladung, die bis zum nächsten Abend dauert. Alles wird von vielen starken Helfern über eine kleine Brücke zum Deck geschleppt und verschwindet im Bauch des Schiffs. Habash verschwindet unter einer blauen PVC Plane, rundherum stapeln sich Früchte, Bier und die persönlichen Reisetaschen der Menschen.

 

Mittwoch Abend um 21:00
Wir sind auf Fahrt. Voller Neugier erkunden wir zuerst das Schiff. Die Menschen staunen über die „Mzungus“ an Board, sie lächeln und wechseln ein paar Worte „Habari gani?“ „Habari sana“. Oh ja, Uns geht’s wirklich gut. Alles ist so spannend hier. Auch auf die Brücke dürfen wir.

Wir können uns kaum vorstellen, dass dieses Schiff vor über hundert Jahren in der deutschen Meyer Werft gebaut wurde. Die Einzelteile wurden 1913 in 5000 Holzkisten Einzelteilen mit dem Schiff und der Eisenbahn über Hamburg, Daressalam nach Kigoma gebracht. 250 einheimischen Arbeitern und 20 Indern unter deutscher Aufsicht zusammengebaut. Ende 1915 war die Graf Goetzen endlich fertiggestellt. Der Korvettenkapitän Gustav Zimmer, der Marinebefehlshaber am Tanganjikasee, schrieb nach den ersten Fahrten am 20. August 1915 an den Gouverneur Heinrich Schnee:

  • unzureichender Tiefgang („Das Schiff rollte deshalb sehr stark“)
  • zu wenig Trimmmöglichkeiten
  • zu wenige und zu schwache Schotten
  • Maschinen zu schwach und verursachen starke Vibrationen
  • Steuereinrichtung sehr störanfällig
  • Schornsteinzug reicht bei Holzfeuerung nicht aus

Während des ersten Weltkrieges wurde es als Hilfskriegsschiff umgebaut und transportierte die deutschen Truppen zwischen Kigoma und Bismarckburg, dem heutigen Kasanga. Ausgerüstet mit Bordkanonen beherrschte die Graf Goetzen den See. Doch als die deutschen auf dem Rückzug gegenüber den Engländern waren, haben sie die Graf Goetze 1916 in einer Seetiefe von 20 Meter versenkt. Nicht ohne vorher die wichtigsten Teile dick mit Fett einzuschmieren. Vielleicht kann sie ja wieder mal hochgebracht und benutzt werden. So war es denn auch. 1924 wurde es von den Briten gehoben, renoviert und ab 1927 wieder in den Dienst gestellt. Bereedert wurde das Schiff vom Tanganyika Railways and Port Service. Als Handels und Passagierschiff. Aus der Graf Goetzen wurde die MV Liemba. Bis heute ist sie im Dienst.

Mehr zur MV Liemba: https://de.wikipedia.org/wiki/Liemba_(Schiff)

 

Drei Tage Spektakel auf der MV Liemba
Keine einzige Minute Langeweile. Dieses Schiff ist ein eigener Mikrokosmos. Alle zwei Stunden erklingt das Schiffshorn. Die Händler stehen bei ihren Gütern schon auf Position, der Schiffskran hat schon die ersten Güter im Netz, die Menschen drängen sich mit Koffern auf dem Kopf auf der Rehling. Vom Ufer sind die vielen Barkassen (Kleine Boote) sichtbar, die entweder mit Motor oder von starken Ruderern zur Liemba gondeln. Auch sie sind voll von Menschen und Gütern. Sobald das erste kleine Boot an der Seite anlegt, geht das grosse Rennen los. Kräftige Typen werfen die Seile hoch, machen ihre Barkasse an der Liemba an, Menschen werden hochgezogen, andere runtergelassen. Babys und Taschen fliegen durch die Luft (ohne Witz) und finden sich in sicheren Händen auf den kleinen Booten wieder. Rund um die Liemba geht es lauthals ab. Es werden Preise über der Rehling verhandelt und dann Ananas und Bananen runtergeworfen. Das Geld im gleichen Zug über Menschen zur Liemba gebracht. Anscheinend scheinen sie sich nicht zu bescheissen. Wie im Film. Alle zwei Stunden geht das so. Auch in der Nacht. Nach zwei Tagen sind wir K.O. Und das obwohl wir ja nicht mal handeln, sondern nur Besucher sind. Immer wieder mal legen wir uns in unserem kleinen Kabinchen hin. Der Habash ist zum Glück auch noch da. „Nur noch 5 Stunden. Heute kommen wir in Kasanga an.“ Bespricht sich der Kapitän mit uns. Ob er sich über diesen regen Handel auch nach über fünfzehn Jahren noch immer freut, fragen wir ihn. „Das ist Leben. Ich liebe meinen Beruf. Es gibt nichts Schöneres als das hier.“ Meint er mit leuchtenden Augen. Und dennoch haben wir den Eindruck, dass ihn etwas bedrückt. Darauf angesprochen meinte er wehmütig: „Das ist eines der letzten grossen Abenteuer hier auf dem See. Seit jedoch die Chinesen hier sind, werden die Strassen geteert, Dörfer erschlossen. Vor allem entlang des Sees wird es nicht mehr allzu lange gehen, bis die Waren um einiges schneller bis nach Sambia befördert werden. Mal schauen, was das für uns bedeutet.“
Einen Tag später verstehen wir, was er gemeint hat. Nachdem wir beim kleinen Ort Kasanga von Bord gegangen sind und Habash auch nur ein gebrochener Rückspiegel als einzige Schramme abbekommen hat, verbringen wir die Nacht im einzigen, kleinen Gästehaus in diesem Buschvillage. Es gibt wohl einen kleinen, schönen Campingplatz in der Nähe am See, doch wir haben die Befürchtung, die steile Piste nicht mehr hochzukommen. Am Tag darauf geht es auf einer kleinen Buschpiste Richtung Hauptstrasse nach Mbeya. Doch nach 10 Kilometer staunen wir nicht schlecht. Von einem Hügel aus sehen wir eine breite, neue Strasse schnurstracks durch den Busch. Die Chinesen. Wir lernen einen freundlichen, einheimischen Bauleiter kennen. „Ja, ja ist eigentlich schon verrückt, so eine Strasse zu bauen. Aber ich bin ja nur Angestellter und bin froh einen Job zu haben. Unter uns: Diese Strasse ist erst der Anfang. In Kasanga wollen sie statt eine Anlegestelle der Liemba einen Hafen bauen. Für uns Menschen von hier ist das ja schon gut. Das bedeutet Arbeit und Handel.“ Auf die Frage, was den Kasanga so wertvoll macht, sagt er „Kongo. Von Kilemie nach Kasanga. Dann bis Daressalam. Sie müssen ihre Güter nicht mehr durch Ruanda oder Uganda und Kenia zum Hafen bringen. Und sie bezahlen unsere Regierung gut für die Zusammenarbeit.“ Wir denken an unser Erlebnis auf der MV Liemba zurück und freuen uns einfach das Glück zu haben, dies noch erleben zu dürfen.

 

West Tanzania – eine wenig entdeckte Reiseperle
Die Strecke vom See nach Mbeya ist herrlich. Es ist ja nicht so, dass wir eine neue, egal von wem gebaute Asphaltstrasse verschmähen würden. In Mbeya geht’s wieder mal zum Schweissen, zum Rückspiegel suchen und Vorräte aufstocken. Dann geht es weiter Richtung Malawi. Vor Tukuyu verbringen wir zwei Tag im Bongo Community Camp, welches inmitten einer tropischen Landschaft, unweit des Ngosi Kraters liegt. Hier wechseln sich Teefelder, mit Palmen und Bananensträuchern ab. Irgendwie scheint hier alles zu wachsen. Vor allem sind sie hier stolz auf ihre Bananenbier Fabrik. Fabrik in unserem Sinne wäre natürlich übertrieben. Bestehend aus drei kleineren Gebäuden, wird in einem der Rohstoff wie Bananen, Säckeweise Zucker, Wasser etc. bereitgestellt. Das nächste Gebäude ist das Refugium des Braumeisters, der auf zwei grossen Kesseln das Bier herstellt und im Nebenraum stehen sechs moderne PVC Tanks in denen das Bier fertiggart. Im dritten Haus werden Flaschen gewaschen, von Hand das Bier abgefüllt und die Etiketten geklebt. Handmade Banana Beer. Schmackhafte 16%. Authentisch. Gut. With love from Tukuyu!

 

Malawi erwartet uns.
Mit Bananebier im Blut und Benzin im Tank cruisen wir entlang dem Rift Valley von Tukuyu durch das südliche Hochland Tansanias. Teeplantagen wo man hinschaut. Herrliches Grün. Und dann geht’s runter zum nächsten gigantischen See im afrikanischen Grabenbruch. Lake Malawi. In die Heimat der Herzlichkeit und bunten Fische. Mehr dazu folgt bald.