Willkommen in Südafrika


Nach 18 Monaten Abenteuerfahrt warten wir in der Schlange bei der südafrikanischen Immigration an der Komatipoort Grenze. Noch immer sind wir gut im Plan, um bei unseren südafrikanischen Freunden Estene und Trent im Limpopo Gebiet Weihnachten zu feiern. Wir haben noch 6 Tage bis dahin. Hier herrscht gerade grosser Betrieb. Die Ferien sind in vollem Gange. Draussen werden die total überladenen Pickups von den Zollbehörden genau kontrolliert. Es scheint, als hätten die in Südafrika arbeitenden Mozambiker gerade ihr ganzes Erspartes für Geschenke, Essen und Baumaterial ausgegeben, dass sie nun nach Hause zu ihren Familien zu bringen. Und wir haben etwas Zeit, um zu beobachten und in Gedanken zu schweifen, während wir hier auf unsere Visa Stempel im Pass warten.

In den letzten Jahren haben wir das südlichste Land des Kontinents immer wieder besucht. Dabei meistens im Westen und Nordwesten. Jeweils weit weg von all den Geschichten um Johannesburg oder Durban. Da waren wir jeweils in Wüstenrandregionen, die im politischen Leben eher weniger eine Rolle spielten. All die Geschichten um die Wandlung vom Vorzeigestaat in Afrika zum, so scheint es oft hilflosen Staat mit gigantischem Einbussen der Wirtschaft, der politischen Stabilität oder einer unkontrollierten Gewalt. Das liest sich jetzt wie ein gescheiterter Staat. Soweit ist es noch nicht, dennoch auf dem besten Weg dazu. Um etwas Effekthascherei zu betreiben, erzähle ich gerne mal vorab, womit dieser Staat zu kämpfen hat, was wir seit Jahren immer wieder erleben und was man lieber ausblendet, wenn man Südafrika besucht.

Ein Blick in die westlichen und auch in die einheimischen südafrikanischen News lässt aufhorchen. Tägliche Farmermorde, Überfälle, Städten mit den höchsten Mordraten der Welt (geschehen vor allem in den Townships), politischer Populismus und Hetze gegen weisse Südafrikaner, gewaltiger Kleptomanismus von Regierungsmitgliedern und Präsidenten ohne irgendwelche Folgen, eine unheimliche Korruption auf allen Ebenen, ein Präsident der irgendwie versucht alle zufrieden zu stellen und dabei keinen Schritt das Land entwickelt, ja ökonomisch kläglich zu scheitern droht, obwohl gerade seine unternehmerischen Erfolge in der Privatwirtschaft in vielen Menschen Hoffnungen geweckt haben.

 

Die Offenbarung oder wenn Gedanken zu Worten werden
Noch allzu gut erinnere ich mich an meinen letzten Abend in Malawi, als ich einen jungen, südafrikanischen Motorradfahrer kennengelernt habe. Neue BMW GS Adventurer 1200 Maschine, beste Ausrüstung. Grosse Klappe. Sohn eines Politikers. Zulu Tribe. Nachdem er sich zu uns gesetzt hat, war er anfangs freundlich und sehr sympathisch. Irgendwann fängt er ungefragt an, über die Politik in Südafrika zu erzählen. Auf bestimmte Nachfragen reagiert sehr harsch, fragt uns, auf welcher Seite wir denn eigentlich stehen und dass die Weissen, vor allem Buren das grösste aller Übel sind. Sie würden noch heute alle unterdrücken und das meiste Geld von den Schwarzen stehlen. Auf Einwände, dass ja seit über 25 Jahren Leute wie sein Vater das Land führen und die weissen Südafrikaner politisch gar nicht in Erscheinung treten, schimpft er um sich. Wir seien genauso wie alle anderen Weissen. Afrika gehöre Ihnen. Nach einer ruhigen Intervention, dass dies nicht ganz so einfach sei und die ursprünglichen Bewohner (Buschmänner / San Gruppen) von den Zulus, Xhosas, weiteren Bantu Völkern und auch den Buren vertrieben, getötet und noch heute unterdrückt würden, platzt ihm der Kragen. Er findet wir seien genauso Scheiss Buren. Kein bisschen besser, denn wir wollen nur, dass Afrikaner nicht erfolgreich sind. Auf einer Meta oder geopolitischen Ebene würde ich diesen Eindruck ein Stück weit teilen, doch ganz bestimmt trifft dies nicht auf unsere Einstellung  zu. Seine „Arbeit“ sei Menschen in Malawi zu helfen. Er sei Künstler und verkaufe Bilder. Sein Vater hilft ihm dabei. Mit dem Geld hilft er Kindergärten in Malawi. Diese besucht er dann mit seinem neuen Motorrad. Das sei eine echte Arbeit. Come on. So dumm und unerfahren sind wir auch wieder nicht. Natürlich bekommt er Geld von zu Hause. Und dieses kommt vom Staat. Arbeiten wird er nicht wirklich. Anstatt dass sein Vater und Co. Sich um seine Menschen (wohlverstanden ihre Zulu und Xhosa Brüder) in Südafrika kümmert und endlich mal zu Stande bringt, dass sie in ihren Townships fliessendes Wasser und Toiletten haben, brüstet er sich damit Kindern im Nachbarland zu helfen.

Aber es scheint viel edler zu sein, dass der Sohnemann ein paar Rand für Kindergärten in Malawi spendet. Aber leider erleben wir diese Einstellung immer mal wieder von „Leadern“. Die Afrikaner unterdrücken ihre Leute oft grausam. Immer wieder erleben wir in Gesprächen, dass es viel anspruchsvoller ist, einen afrikanischen Chef zu haben, denn ein „Weisser“. Ob dies wirklich so ist, lassen wir dahingestellt. Jedenfalls scheint es so, dass sich die Theorie des Big Man, der alles beherrscht, reich ist und für alle die Entscheidungen trifft, noch heute bei der jungen Generation, Faszination auslöst. Als der Kollege Zulu dann noch behauptet „der schwarze, extreme Politiker Malema ist eigentlich ein grossartiger Kerl, der es im Leben eben zu etwas gebracht hat. Von ganz unten nach ganz oben. Der ist in der Gosse aufgewachsen und heute reich. Wir müssen die Konversation oder eher den Monolog an dieser Stelle abbrechen.

Malema wurde in Südafrika vom Gericht der groben Korruption schuldig gesprochen. Dafür musste er ein paar Monate ins Gefängnis. Doch heute ist er wieder draussen, zweihundert Millionen US Dollar reich und setzt seine Hetze mit seiner eigenen Partei gegen die weissen Südafrikaner ungehindert fort. Immer wieder stachelt er rechtorientierte Politiker in Nachbarstaaten dazu auf, ihm zu folgen. Es ist einer deren, die bei Grossveranstaltungen das Hasslied „Kill the Boer“ vorsingt. Natürlich distanziert sich die führende ANC Partei von ihm. Wenigstens ein bisschen. „Und überhaupt, Rassismus ist Weiss gegen Schwarz und nicht umgekehrt. Schwarz gegen Weiss ist kein Rassismus, das ist was anderes“, versucht er uns zum Abschied zu erklären. Was für ein Arschloch.

 

Die Gefahr, als Beobachter zum Rassisten gestempelt zu werden
Selbstverständlich ist dies nur eine erlebte Stimme. Noch immer hoffe ich, dass die Mehrheit anders denkt und handelt. Dennoch werden diese Stimmen immer mehr. Es gibt natürlich politische Gegenbewegungen. Dennoch ist es spürbar so, dass in diesem Land aktuell riesige Spannungen herrschen. Würde euch ein weisser Südafrikaner diese kleine Geschichte und Beobachtungen erzählen, einige von den Lesern würden wohl Partei für den Zulu Sohnemann ergreifen und argumentieren, dass den Schwarzen von den Weissen während der Apartheit Leid angetan wurde. Das stimmt in jedem Fall. Es war eine unwürdige, menschenverachtende Zeit. Dafür ist keine Entschuldigung gut genug. Dennoch hat der reiche Zulu Sohnemann diese Zeit  nicht selber erlebt. Eigentlich ist er in der Zeit Mandelas aufgewachsen. In einer Zeit der Hoffnung. Doch es scheint, das die Geschichte und das Erbe Mandelas, der mindestens für ein paar Jahre die Menschen vereinen konnte, in Südafrika in Vergessenheit gerät. Der Grossteil der Benachteiligten oder teilweise Hilflosen ist leider noch immer die schwarze Bevölkerung. Es ist ja nicht so, dass in den letzten 25 Jahren sich Rahmenbedingungen und Infrastrukturen effektiv verbessert hätten. Nein, leider in den meisten Fällen ist es umgekehrt. Es sind keine einfachen Zeit in Südafrika.

Nun, es ist spannend, dass sich so etwas in den News zu Hause kaum erscheint. Südafrika gilt als fortgeschritten und als eines der begehrtesten Urlaubsländer Afrikas. Nur das mit dem  beliebten Auswanderungsziel scheint sich aktuell zu ändern.

 

Durch die Lupe betrachtet…
Ramaposa ist der aktuelle Präsident Südafrikas. Erfolgreich und vermögend ist er mit Minen und der Lizenz der amerikanischen Burgerkette McDonalds Lizenz geworden. Ähnlich der russischen Oligarchen hat er mit Hilfe von Banken vom Verkauf der staatlichen Minen an Private profitiert. Und die FIFA Weltmeisterschaft 2010 hat McDonalds einen echten Popularitätschub geleistet. Die Südafrikaner pilgern täglich in die amerikanischen Futterhallen. Herr Ramaposa hat sich in der Privatwirtschaft erfolgreich betätigt. Auch politisch war er aktiv. Mehrere Jahre hat er als Vizepräsident des hoch korrupten vorherigen Präsidenten Zuma die Politik des Landes mitgetragen. Viele Menschen sehen ihn ihm den Hoffnungsträger. Gerade die Wirtschaft bedarf einer dringenden Korrektur. Der südafrikanische Rand kennt seit Jahren nur eine Richtung. Abwärts. Die neun Prozent Weissen im Land sind stark gespalten. Am ehesten traut man ihm dies zu, dennoch war er ein nicht unwichtiger Player in der letzten Regierungsperiode. Irgendwie hoffen alle, dass es einfach wieder mal vorwärts geht und man in Frieden leben kann.

Doch was macht dieser Präsident als eine seiner ersten Amtshandlungen?
Um seinen rechten Flügel in der ANC ruhig zu stellen, bringt einen Gesetzesentwurf zur Enteignung von Farmland. Spezifiziert: ungenutztes Farmland. Ohne Entschädigung. Eine Forderung, die seit 30 Jahren immer wieder auftaucht. Offiziell weil der Staat Land zum Aufbau von neuen Wohnorten, Industrie und Agrarwirtschaft braucht (Was jedoch bewiesenermassen so nicht stimmt, da der Staat um die 40% Land besitzt, das gar nicht genutzt wird). Es spielt keine Rolle, was und wie dies kommuniziert wird. Es wird in Südafrika vor allem interpretiert. Die Weissen werten es als weitere Attacke, ihre Farmen und ihr Lebensunterhalt unter den Nagel zu reissen und sie vertreiben zu wollen. Viele schwarzen Südafrikaner fiebern dem entgegen, damit endlich Recht geschieht und ihr vermeintlich gestohlenes Land zu bekommen und Vergeltung für die Apartheit zu üben. Dabei wird oft vergessen, dass sehr viel ungenutztes Agrarland im Besitz von reichen Zulu und Xhosa Familien sind. Die wollen sich natürlich von dem Gesetz ausschliessen lassen. Bis heute ist da noch nichts weiter entschieden. Wohl genau darum, weil es eben alle treffen würde. Doch die Angst vor Verlust und Vertreibung ist mittlerweile ein fester Bestandteil im Leben eines weissen Südafrikaners.

Man muss dabei bedenken, dass die Geschichte dieses wunderschönen Landes jedoch viel komplexer als die Apartheit ist. Sie besteht ebenso aus grausamer Vertreibung der San durch die Bantuvölker, zwischen ersten weissen Siedlern, die sich vor mehreren hundert Jahre angesiedelt haben. Zwischen Handel, Landverkäufen, Verrat und schrecklichen Kriegen zwischen den weissen Buren und den Zulus, zwischen Engländern und Buren, zwischen Zulus und Xhosas und so weiter. Irgendwie scheint dies hier kein Ende zu nehmen. Im Momentgeht gerade eine schreckliche Welle durchs Land, in der täglich weisse Farmer von Banditen hingerichtet werden. Mittlerweile sind solche Attacken mit militärischer Präszision koordiniert. Dabei werden Nachtsichtgeräte, Frequenzstörer und automatische Waffen benutzt. Dabei kann man nicht mehr von Überfällen sprechen. Es wird ja gar nichts mehr gestohlen. Das ist die Realität. Ungefärbt von irgendwelcher Einstellungen. Sondern die täglichen Nachrichten. Ich meine, Mandelas Geist tigert wohl schon lange von Wolke zu Wolke und schaut bestimmt ganz verzweifelt in sein so geliebtes Land hinunter. Was passiert da gerade? Warum stoppt niemand diese Verbrechen? Wem nützt dies denn überhaupt? Auf diese Fragen bekommt er keine Antworten. Weil niemand es erklären kann.

 

(K)ein Entwicklungsland?
Noch vor ein paar Jahren war man bestrebt, verschiedenen Ländern auf dieser Welt einen neuen Status zuzuschreiben. Man ging davon aus, diese Schwellenländer würden demnächst in die 1. Welt Länder aufsteigen. Am Anfang hiessen sie BRIC Staaten. Brasilien, Russland, Indien und China. Irgendwie machte dies einen fast schon rassistischen Eindruck. Denn mal wieder war Afrika nicht dabei. Sie wurden danach BRICS Staaten genannt. S steht für Südafrika. Es würde die Kreditwürdigkeit der Staaten verbessern und die 1. Welt hätte wohl gute Investmentchancen. Gestützt von der Weltbank, dem IWF, den globalen Banken. Heute spricht keiner mehr von BRICS. Denn China ist ganz bestimmt eine Weltmacht. Südafrika an der Schwelle zum Entwicklungsland.

Wir sprechen von einem Land, deren ökonomischer Abstieg seit Jahren in unfassbarer Dimension im Gegensatz zu ihrem Potential steht. Ein Land, in dem nicht viel mehr als 15% der Bevölkerung Steuern bezahlt und die inoffizielle Arbeitslosenquote sich rasen den 40% nähert. Ein Land, in dem Regierungsangestellte ungehindert die Staatskasse mit krummen Deals plündern, in dem Staatsangestellte Kredite ohne irgendwelche Sicherheiten von staatlichen Banken bekommen. Für den BMW, den Audi oder Mercedes. Ein Land, in dem HIV positive Menschen die gratis Medikation drei Wochen vor dem drei monatlichem Arztbesuch absetzen, damit sich die Infektion verstärkt zeigt und sie somit fast das doppelte an Sozialleistung am Ende des Monats bekommen. Es ist das Land, in dem Frauen vier Wochen vor ihrer Geburt mit täglichem Alkoholkonsum starten, um bei der Niederkunft als Alkoholiker zu gelten und so viel mehr Kindergeld kassieren können. Ein Land, das von der Migration lebt und in dem Millionen von Menschen aus den Nachbarstaaten illegal beschäftigt sind, diese unter härtesten Bedingungen arbeiten und gleichzeitig schikaniert werden. Diese jedoch die Wirtschaft zusammen mit dem weissen Südafrikanern und natürlich auch schwarzen Südafrikanern einigermassen am Laufen erhalten. Ein Land, in dem der Besuch von Touristen mit Visum genauestens kontrolliert wird und es keine Kulanz auch bei kleinsten Vergehen gibt, sondern mit mehrjähriger Verbannung gedroht und auch umgesetzt wird. Es ist ein Land, deren Regierung erfolgreiche, private Firmen wie z.B. den Energieversorger ESCOM aufkauft, das weisse Management durch eigene Leute ersetzt und seitdem stundenlange Stromunterbrüche und ständige Staatshilfen nun an der Tagesordnung sind. Ein Land, in dem versucht wird, Entwicklungsgelder von Geberländern so zu lenken, damit diese in die vom Staat zugrunde gewirtschaftete Firmen wie z.B. in die South African Airways, investiert werden. Wir reisen in das Land, das sich noch heute in der Führungsrolle auf dem afrikanischen Kontinent sieht und täglich weiter hinter andere erfolgreiche Staaten Afrikas zurückfällt.

 

Südafrika – Ein Land zwischen Faszination und Erschrecken
Südafrika ist aber genauso das Land mit einer unglaublichen Anziehungskraft. Es besitzt eine  unvergleichliche Schönheit unterschiedlicher Landschaften. Einer fantastischen Natur und einem Fauna, Flora und verschiedenen Kulturen von unschätzbarem Wert. Die Vielfalt der Menschen macht es zum Regenbogen Land, in dem man Freude herrscht und fremde Menschen schnell zu Freunden werden. Wenn die Springboks Rugby spielen, ist man sich Eins. Hauptsache ist, endlich wieder einmal Weltmeister zu werden. Ein Fluch oder Segen sind die riesigen Rohstoffvorkommen wie Gold, Silber, Diamanten, Kupfer, Nickel, seltenen Erden. Das Land, dreimal so gross wie Deutschland gilt im Bereich der Landwirtschaft als weltweit führend. Grosse Mengen und beste Qualität an Früchten und Gemüse versorgen nicht nur weite Teile Afrikas, sondern werden in die ganze Welt exportiert. Ganz zu schwiegen vom wunderbaren Wein, der in der Westkap Gegend um Kapstadt, Paarl, Stellenbosch bis zum Northern Cape nach Upington produziert wird. Safari Erlebnisse wie z.B. im Kruger, Addo oder Kgalagadi Nationalpark sind in Afrika genauso populär wie Sportferien in und um Kapstadt. Die Garden Route von Kapstadt nach Port Elizabeth ist ein Muss für alle Afrika Einsteiger, die Wild Coast ein Traum für Strandliebhaber.

Next please. Oha, wir sind an der Reihe. Die Dame hinter der Glasscheibe lächelt und ist sehr freundlich. Wir bekommen die drei Monate mit einem heftigen Stempelschlag in unsere Pässe gedrückt. Sie wünscht uns eine wunderbare Zeit im Land der „Rainbow Nation“.
Baie Dankie.