Wir schaffen´s noch!


„Your car is leaking Oil. Come and see.“ Fast geschafft. Der letzte Schlagbaum an der Grenze zurück nach Südafrika. Immer diese Spiele, geht es mir durch den Kopf. Den von unserem Freund Stefan geliehene Landcruiser für unsere Weihnachtstour nach Kapstadt, bereitet uns seit der Abfahrt vor drei Tagen nur Probleme. Ich meine, wir haben uns schon gewundert, warum dieses 80ér Modell über 25 Liter auf 100 Kilometer verbraucht. Der geplatzte Reifen vor zwei Tagen im Niemandsland zwischen Keetmanshoop und Grunau war auch nicht gerade ein tolles Highlight. Zum Glück konnten wir dann nach langem Suchen in der Pampa einen Farmer finden, der genau unsere Grösse von Reifen auf seinem Pick-up hatte. Da er das Fahrzeug im Moment nicht benutzt, durften wir diesen haben, mit der Garantie, dass er einen neuen aus Windhoek bekommt. Stefan hat dies organisiert. Unmengen an Benzin. Und jetzt auslaufendes Öl?
Bei laufendem Motor steige ich aus, nicke dem Zöllner in tadellos gebügelter Uniform freundlich zu. Sein Kollege ergänzt: „Oh. I am smelling petrol. It looks like you have a bigger problem, Mister. This car can explode every second.“ Der zweite Zöllner runzelt die Stirn, macht grosse Augen und zieht seinen Kollegen vom Auto weg. Aus fünf Meter Entfernung warten sie auf eine Erklärung. Tja. Sieht nicht gut aus. Sie haben Recht. Das Benzin spritzt regelrecht aus der wohl defekten Benzinpumpe. Wirklich kein schöner Anblick. Was soll ich machen? Lächeln und mit gespielten Selbstbewusstsein erkläre ich: „Kein Problem, Das ist der Überlauf. Gerade habe ich vollgetankt. Über 200 Liter Benzin. Das passiert dann immer, wenn sich das Benzin im Tank hin und her schwappt.“ Diese Ausrede glaube ich ja selber nicht. Und wenn nicht einmal ich mir selber meine Lüge abnehme, wieso sollten es dann erfahrene Zollbeamte? „Please go. And be aware of the broken petrolpump. If it’s spit on your exhaust the car will flag. Or in Afrikaans: Die Bakkie will fuck up. And the next 150 cases is along the desert. Take care. You can proceed.“

Voll durchschaut. Doch wenigstens sind wir über der Grenze. Ein Odysse beginnt. In zwei Tagen werden wir von Esther und Phillip in Titiesbaai bei Paternoster erwartet. Weihnachten feiern. Es sind noch über 800 Kilometer. Mal schauen wie weit wir kommen werden.

 

Eine schicksalhafte Begegnung mit positiven Folgen
Der Tacho zeigt 44´444 Kilometer, 222 Tageskilometer. Wir sind mitten auf den Nebenstrassen Richtung Hochfeld. Zur nächsten Tankstelle. Die anfängliche Asphaltstrasse geht fliessend in eine schlechte Sandstrasse über. Wir sind mitten im Herero Land. Da ist das mit dem Unterhalt der Strassen so eine Sache. Respektive keine. Es macht niemand hier. Einzig die grossen Gravelroads sind in einem Zustand, in welchem Seitenwagenfahren richtig Spass macht. Ach ja, wir haben gerade Eiszeit. Der Fahrer und die Frau im Boot. Und so feiere ich den kleinen Geburtstag mit von der Strasse abschweifenden Gedanken wie die Erinnerung an den 11´111 oder 22´222 und 33´333 Geburtstag. Das ist kein Problem auf der jetzt guten Gravelroad. Konstant bei 70 Km/h schwebt die vollgepackte Maschine sanft dahin. Jedes entgegenkommende Fahrzeug wirbelt hinter sich viel Staub auf, wir sehen für Sekunden gar nichts mehr. Nach einer Weile bricht Corinne ihr stundenlanges Schweigen: „Da vorne kommt Hochfeld. Wir sollten tanken und etwas trinken.“

Das Ortsschild lässt uns vermuten, dass hier ein Dorf steht. Im GPS wird eine Tankstelle angezeigt. In Wahrheit besteht Hochdorf aus eine Kreuzung inmitten dem Nichts. Es gibt ein neugebautes Gästehaus und Camping, eine geschlossene Lodge nebenan, eine Arena für Tierversteigerungen, keine Tankstelle. Es ist der Hauptpunkt in einer riesigen Farmlandschaft. Rundherum Zäune. 120 Kilometer östlich von Okahandja und 140 Kilometer nördlich von Windhoek. Also irgendwo im Nirgendwo. Im liebevoll mit Pool gestalteten Gästehaus erfahren wir, dass hier manchmal Touristen hochkommen, die wie wir auf Nebenstrassen in den Norden wollen. Es sind noch zwei andere Gäste dort. Aus Südafrika. Wir werden gegenseitig durch die Besitzerin bekannt gemacht. Johan und Danie. Buren aus Südafrika. Sie haben hier irgendwo eine Wildnis Farm gekauft. Darauf haben sie Giraffen, Nashörner, hunderte von Gnus, Schakale, alle mögliche Arten von Antilopen und eine Sable Antilopen Zucht. Aha. Im Moment sind wir nicht ganz so gesprächig. Einerseits haben wir uns völlig verkalkuliert mit dem Benzin. Hier gibt’s keine Tanke und die Eiszeit ist noch nicht durch. Vielleicht wird es besser, wenn wir gemeinsam das Zelt aufstellen. Doch jeder Handgriff ist so routiniert, wir brauchen da nicht zu sprechen. Die Gastgeberin fragt, ob wir mit den anderen Gästen grillieren wollen. Der Preis den wir bezahlen sollen ist nicht gerade günstig, doch akzeptabel. Danie ist Grillkünstler und hat da einiges ausgelegt. Wir sagen zu. Wir haben eh keine Lust zum Kochen. Johan bringt uns ein Bier und prostet uns zu. Ich glaube, er hat gemerkt, dass da was in der Luft liegt. Er startet die Konversation über die Reise und ist spürbar begeistert. Er schafft es, dass wir etwas lockerer werden. Irgendwie haben wir ein schlechtes Gewissen, denn die Beiden sind echt sympathisch und total in Ordnung. Johan und seine Lebenspartnerin sind schon mehrmals in der Schweiz gewesen. Es entsteht eine Verbindung. Aber auch er hat interessante Geschichten zu erzählen. Als Kommandant und Söldner in den verschiedensten Krisenherden dieser Welt unterwegs gewesen, als Inhaber eine Sicherheitsfirma in Südafrika ist er ebenso weit herumgekommen. Und sein Bruder Danie war viele Jahre Farmer in Paraguay. Auch nicht gerade ein normaler Farmer Lebenslauf. Wir nähern uns gegenseitig an.

Irgendwann kommen wir auf unser Thema zu sprechen. Das tut vielleicht ganz gut. Johan macht den Mediator und hat eine Idee. „Wenn ihr länger hier bleiben wollt, dann seid ihr herzlich auf unserer Farm willkommen. Ich finde eure Tour so genial, das muss weitergehen. Ihr bleibt selbstverständlich gratis dort, helft beim Anti Poaching und in der Sable Zucht. Und Oli hat genug Zeit für seine Geschichten. Wir werden alles für Euch herrichten. Bitte, geht nach Windhoek, regelt euer Zeugs und besucht uns dann. Das wäre für Euch bestimmt ein genialer Platz.“ Das ist typisch weisse Südafrikaner, wie wir sie kennen. Unglaublich herzlich, immer einen Plan zur Hand und sie meinen es ernst. Corinne ist sich nicht ganz so sicher. „Auf eine Farm. Und dann? Herumsitzen?“ Unser Probem ist immer wieder mal, dass Oli sich schnell auf Neues einlässt und dann fast schon euphorisch die wildesten Dinge anleiert. Corinne ist eher abgeklärt und liebt einen Plan. Und hasst Langeweile. „Corinne, du kannst jeden Tag mit dem Buschmann zu den Nashörnern. Und dann die seltenen Sable sehen. Das wäre doch ein Plan, oder?“ Noch nicht.

Und das Thema mit dem Benzin löst Johan für uns. Er fährt zu seiner Farm und bringt uns einen 20L Kanister. Wir haben ein schlechtes Gewissen, doch die Beiden meinen nur: „Alles gut. Wir freuen uns auf euren Besuch.“  Was für ein Glück wir dabei haben oder wie gut es das Schicksal mit uns meint, sollten wir drei Monate später erfahren.

 

Bwanapolis – Zurück bei Carsten Möhle
Carsten schmunzelt und meint, man würde uns halt einfach nicht loswerden. Wieder sind wir zurück in Windhoek. Nach genau fünf Monaten. Das letzte Mal haben wir gemeinsam Runden im Habash in Dubai gedreht. Die gemeinsame Kongo Flussfahrt konnten wir ja leider nicht realisieren. Wir feiern unser Wiedersehen mit einem „zivilisierten“ Essen beim Hähnchen Chef um die Ecke. „Ich bin wieder auf dem Sprung in den Kongo. Wir machen eine Gorilla & Vulkan Tour mit ein paar Gästen“. Bleibt ihr mal so lange hier wie ihr wollt. Ihr seid hier ja schon fast zu Hause. Das Bwanapolis ist Geschäftsstelle, Gästehaus und Treffpunkt von Abenteurer in einem. So ist es jedes Mal spannend, wer denn alles auftaucht. Und dieses Mal: Wieder der Bernd. Er ist Tierfotograf und reist für seine Bilder vor allem in Namibia rum. Und unser lieber Freund, der Himba Uwe. Er arbeitet als Tourguide und das ist kein Witz: Er ist ein echter Himba König. Ich glaube, die Geschichte habe ich schon einmal erzählt. Auf jeden Fall ein toller Typ mit vielen Geschichten aus dem Norden des Landes.

Irgendwie hat es Johan tatsächlich geschafft, dass wir (eher Corinne) nicht mehr so starr an unserem gemeinsamen Plan festhalten. Oder mindestens die Alternativen prüfen. Corinne surft den ganzen Tag im Internet rum. Sie findet verschiedene Möglichkeiten um als Volunteer für Kost und Logis arbeiten zu können. Workaway nennt sich die Seite. Oli kommuniziert intensiv mit Duncan in Südafrika. Es sieht nicht gut aus. Das einzige Schiff, das unser Fahrzeug nach Ghana bringen würde, hat noch immer keinen Zeitplan. Falls das Schiff Mitte Dezember nicht ausläuft, wird es erst Mitte Januar wieder möglich sein. Und mit den dreissig Tagen Fahrt, bringt es unseren Zeitplan in  Westafrika nochmals durcheinander. Wir wären wieder auf der „Flucht“ vor dem Regen, der Ende Mai dort startet. Und falls alles gut gehen würde, wären wir im Juli und August in Mauretanien und in Marokko. Das wäre dann eine mörderisch heisse Zeit. Es scheint, dass wir von unserem Plan Abschied nehmen müssen. Der Bauch siegt mal wieder. Corinne sieht dies ebenfalls ein. Der Entscheid ist gefällt. Wir bleiben bis zum Ende der Regenzeit im April hier und reisen ab Mai nach Kongo. Dort wollen wir auf ein Schubboot und den Kongo und den Ubangi Fluss für 40 Tage hochfahren. Bis nach Bangui in der Zentralafrikanischen Republik. Dort soll es wieder auf die Strasse gehen bis nach Kamerun, dann eine Fähre nach Togo um Nigeria zu umschiffen und dann durch Westafrika bis nach Hause. Ein richtig heftiges Abenteuer steht vor uns. Und bis dahin machen wir workaway, mit einer Pause für einen Weihnachtsbesuch unserer Freunde Esther und Phillip in Kapstadt. Endlich haben wir einen guten Plan. Kopf, Herz, Bauch – alles stimmt!

Die Besuche bei den Botschaften von Angola und den beiden Kongos in Windhoek stimmen uns positiv. Wir erhalten die Visas hier innerhalb von drei Arbeitstagen. Vor Freude leistet sich Corinne ein paar neue Trekkingschuhe und Oliver 1 Kilogramm Droewors. Herrlich, oder?

Zwei Tage später hat Corinne verschiedene Angebote zum Mitarbeiten in Namibia aussortiert. Eines sticht uns beiden sofort ins Auge. Tatkräftige Unterstützung auf einer Farm mit Käse- und Wurstproduktion in Wilhelmstal gesucht. Wilhelmstal ist etwa ein Ort wie Hochfeld. Doch dort hat es nicht einmal eine Kreuzung. Über unsere Freundin Kathrin in Windhoek finden wir den Kontakt raus, ohne uns bei der Website anzumelden.

 

Workaway – wir machen Nägel mit Köpfen!
Drei Tage später reisen wir mit unserem Moto dorthin und werden herzlich von der jungen Geraldine begrüsst. Sie kommt ebenfalls aus der Schweiz, hat gerade ihre Lehre abgeschlossen und reist mit workaway durch Afrika. Inge, die Käsefrau, freut sich ebenso uns kennenzulernen. „Die Schweizer sind immer so zuverlässig, herzlich und gute Arbeiter“, meint sie. Unser Einwand, dass wir die letzten Jahre nicht gearbeitet hätten und erst mal schauen wollen, ob wir es noch schaffen, lacht sie. „Klar könnt ihr das. Und du Oli kannst dich um die Papageien kümmern. Die müssen fliegen lernen“, meint sie. Ernsthaft. Inge hat neben ihrer Käse- und Wurstproduktion auch noch eine grosse Papageien Zucht mit über 25 verschiedenen Arten. Zwei Kakadus sind erst einen Monat alt. Es werden meine Lieblinge.

Inge ist eine der einzigen Personen in Namibia, die professionell verschiedenste Käsesorten herstellt. Auch ihre Droewoers, geräucherten Cabanossi und weiter Produkte aus Wildfleisch sind heiss begehrt. Und dass obwohl es davon im Land mehr als genug gibt. Es ist schon unglaublich, was sie aus einem Hektar bewirtschafteten Land in einem knochentrockenen Gebiet herausholt. Am Schluss des Besuchs fragt sie uns, wann wir denn anfangen würden. „Sofort“, meint Corinne. Puh, sie scheint es wirklich nicht mit Langeweile zu haben.

Doch bevor wir starten, besuchen wir nochmals Johan und Danie auf ihrer Wildnis Farm in der Nähe von Hochfeld. Die freuen sich unglaublich. Wir gehen auf Pirsch und können die Nashörner beobachten, staunen über die wunderschönen Sable Antilopen. Und die Weissschwanz Gnus faszinieren uns ebenso. Diese findet man sonst nur im Natal Gebiet in Südafrika. Die wären schon hier gewesen und fühlen sich sichtlich wohl. Also dürfen sie bleiben. Für die Arbeiter haben sie ein Haus gebaut, sie selber haben ein kleines Buschcamp mit Toilette, heisser Dusche, einer Outdoor Küche und zwei grossen Zelten. Eigentlich alles was man sich als Camper in der Wildnis wünscht, wenn man längere Zeit hier verbringt. Sie erklären uns die Arbeit und auch das Projekt für ein neues Camp in der Wildnis. Vermessung, Wasserleitungen, Entbuschen, neues Wasserloch für die Tiere und vieles mehr steht an. Klingt spannend. Langweilig wird es uns hier nicht. Wir peilen Anfang Februar 2020 an. Denn wir müssen bis dann nach Südafrika um dann ab Februar wieder 90 Tage Visa für Namibia zu bekommen. So können wir dann Anfang Mai 2020 wieder starten.

 

Wir schaffen es noch!
Nun sind wir also hier. In einer der wenigen Käseproduktionen in Namibia. Klein aber fein. Als Quartier bekommen wir ein Arbeiterhaus mit eigener Toilette und einer Arbeitsecke. Oli will ja Geschichten aufarbeiten. Sein Job als Papageien Trainer, Garten- und Wurstgehilfe lässt das zu. Corinne ist im Käse putzen, Wurst herstellen, Garten und Kochen engagiert. Der Start ist morgens um sieben und geht bis abends um sechs. Eine Stunde am Mittag. Uns macht das sichtlich Spass. Inge erzählt in der ersten Woche immer wieder von ihrem Laden und Kaffee, den man noch eröffnen sollte. Sie ist sichtlich gestresst. Denn die Leute fahren Mitte Dezember nach Swakopmund und sollen doch bei ihr halten. Es sei die Chance. Doch niemand weiss so recht wie man das machen soll. Jetzt drückt Oli´s Unternehmergeist durch: Brainstorming, Vision, der grosse Plan, Umsetzungsplan, Kommunikation, Webauftritt, Flyer, Marktauftritt. In kürzester Zeit ist eine Idee geboren, die Inge ebenso toll findet. Und das ist manchmal nicht ganz einfach bei ihr. Sie ist im Herzen eine sehr angenehme Person. Doch wir haben den Eindruck, dass wenn es um die Arbeit geht, ihre Herkunft stark durchdrückt. Sie ist in einem ostdeutschen System aufgewachsen und hat dort in der staatlichen Landwirtschaft als Führungskraft gearbeitet. Alles war organisiert, geplant und kontrolliert. Keine Überraschungen, Fehler sind nicht erlaubt. Es dreht sich alles um Existenz und Ergebnisse. Emotionen verleiten zu Fehleinschätzungen. Neues ausprobieren oder eine ungeplante Veränderung werden zuerst hundert Mal abgewogen, Risiken sind eher Störfaktoren als eine Chance.

Das ist natürlich unsere Sicht, nachdem wir mit ihr immer wieder um Kleinigkeiten kämpfen. Obwohl sie schon viele Jahre in Afrika lebt und arbeitet, drückt dies immer wieder durch. Dennoch oder gerade deshalb ist es wohl überhaupt erst möglich, dass sie aus einem Hektar Land, ein paar Kühen und wenigen Arbeitern eine solche Existenz aufbauen konnte. Ihre Produkte sind seit Jahren nachgefragt auf dem Markt in Windhoek, in einigen Spezialitäten Läden, in einer Supermarkt Kette und auch private Kunden, die bei ihr direkt auf dem Hof vorbeikommen. Seit vielen Jahren hat sie sich keine Ferien mehr gegönnt. Doch genau jetzt ist die beste Zeit dafür. Sie nimmt sich vier Tage Zeit und geht Fischen. Geraldine, Corinne und ich stellen in der Zeit zwar nicht alles auf den Kopf, doch wir sind mit Hochdruck daran, Tatsachen zu schaffen. Die Website www.kwetu-namibia.com ist in kürzester Zeit bereit. Die Flyer für den Markt gedruckt, das Konzept für den Shop und das Kaffee steht. Als Belohnung grilliert uns Inge bei ihrer Rückkehr einen äusserst schmackhaften Snooke Fisch mit Kartoffeln nach Hausrezept. Ein Gaumenschmaus. Inge wirkt relaxt und hat neue Energie getankt. Es geht vorwärts.

Die beiden Kakadus „John“ und „Eddie“. Die Namen haben wir ihnen gegeben. Weil sie so rumkrächzen wie John Bon Jovi und Eddie van Halen. Täglich füttere ich sie mit einem Brei und setze sie dazu auf die Kante der Holzkiste. Endlich. Nach zwei Wochen schaffen sie es mittlerweile selber aus ihren Kisten. Sie scheinen sich auch an mich gewöhnt zu haben. Kaum bin ich im Raum krächzen sie, flattern mit den Flügeln, scheissen auf den Boden. Sie wollen eine weitere Flugstunde. Von Tag zu Tag können sie mehr. Sie fliegen durch den Raum, prallen in die Mauer oder verheddern sich im Vorhang. Es scheint ihnen nichts auszumachen. Sie krächzen weiter, laufen im Raum rum. Der nächste Versuch folgt. In der dritten Woche bringen wir sie in das grosse Aussengehege zu ihren etwas älteren Papageien. Dort können sie den ganzen Tag rumfliegen. Kaum stehe ich mit etwas Futter vor dem Gehege, krächzen sie und zeigen mir ihre Fortschritte. Auch die anderen jungen Papageien machen mit. Mittlerweile akzeptieren sie mich so gut, dass ich sofort angeflogen werde, wenn ich im Gehege bin. Dann sitzen sie auf meinem Kopf, Schulter, Armen. Zum Glück immer vor dem Essen.

Die Kaffeebar nimmt Formen an. Die neue Jura Kaffeemaschine ist angekommen und installiert. Endlich gibt es richtig guten Kaffee aus einer Schweizer Maschine. Die Tische und Stühle kommen. Wir schrauben sie zusammen, schleifen sie glatt und lackieren sie viermal. Wir haben Verstärkung im Team bekommen. Brigitte ist zu uns gestossen. Sie soll den Laden mit Kaffeebar führen. Doch sie scheint von Anfang an überfordert vom Tempo und den Erwartungen an sie. Aber irgendwie geht es doch. Sie macht die einfachen Dinge und platziert lieber zehnmal die Konfitüren Gläser auf dem Regal um, anstatt endlich die Preisliste und das Angebot zu gestalten. Naja, nicht unser Ding. Wir schauen, dass alles andere fertig wird. Die Auswahl an Gerichten und Getränken werden schliesslich durch Inge, Corinne und Geraldine gestaltet. Es wird alles erst einmal gebacken, gemixt, getestet und verbessert. Das grosse Schild für die Strasse ist endlich auch in Auftrag, Prince ihr Arbeiter schweisst gerade den Rahmen. Der Garten hat kein Unkraut mehr. Corinne und ihr Gehilfe Oliver jätet alles raus. Die Tage nehmen kein Ende. Oli´s Geschichten müssen warten. Die Priorität ist der Eröffnungstermin. Uwe und Sabine, unsere Reisefreunde sind auch wieder im Land und helfen für ein paar Tage mit. Die Leute auf dem Markt in Windhoek freuen sich über die Ankündigung und den Flyer. Sie wollen unbedingt bei Inge Halt machen auf ihrem Weg in die Ferien.

Nicht alles Sonnenschein – leider ein ganz normales Ereignis
Aber eine kleine Episode aus dem Alltag mit den Mitarbeitern darf ich noch erzählen. Als Inge in den Kurzferien weilt, findet Geraldine, dass es wichtig und gut ist, die 4 Mitarbeiter stärker einzubeziehen. Wir finden das eine gute Idee, sind jedoch etwas zurückhaltend aus bisherigen Erfahrungen. Alle Mitarbeiter finden den Ausbau der Produktion zu Laden und Kaffebar eine gute Idee. Jedoch startet das erwartete Gejammer. „Wir verdienen zu wenig – wollen mehr Fleisch – müssen zu viel arbeiten – Inge ist nicht immer so gerecht zu allen“. Geraldine beweist positive Geisteshaltung und am Schluss sind alle motiviert. Vor allem, weil wir ihnen versprechen, mit Inge das Gespräch zu suchen. In den letzten Jahren war der Wechsel an Mitarbeitenden hoch, auch weil da zwei Welten an Einstellung aufeinander prallen. Beim Abschöpfen der Milch stellen wir fest, dass die frisch gemolkene Milch nicht mehr so rahmig ist wie vorher. Wir denken uns nichts dabei. Inge klagte schon vor ein paar Tagen, dass sie nicht mehr die gleiche Qualität herstellen kann. Ein Kunde bestellt 70 Liter Frischmilch und holt sie auch gleich selber ab.

Inge ist noch immer in den Angelferien. Doch alles klappt gut, wir können die Milch liefern. Am nächsten Tag dann die Meldung, dass mit der Milch etwas nicht stimmt. Kein Rahm. Als Corinne den Tag vorher die neue junge Mitarbeiterin auf dem Hof getroffen hat, hat diese eine schmutzige 2 Liter Cola Flasche mit Milch in der Hand gehalten und behauptet, ein Kunde stehe vor der Tür. Corinne dachte sich nichts dabei. Aber jetzt geht ihr der Gedanke durch den Kopf und sie wundert sich abermals über die schmutzige Flasche. Die Dame darf gar keine Milch an Kunden verkaufen. Darauf und auf den Zustand der Milch angesprochen, schüttelt die Frau den Kopf und behauptet, sie hätte keine Ahnung wovon Corinne spricht. Die junge Frau arbeitet gerade mal drei Wochen hier und ist in der Probezeit. Sie beschwert sich sogleich wieder über den Lohn und das Fleisch sei zu wenig. Sie wohnt aber gratis auf dem Hof und bekommt einen durchschnittlichen Lohn. Inge ist zurück und wir wiegen seither jeden Tag die Frischmilch und notieren das Gewicht. Als es zwei Tage später nicht besser wird, sondern die Kessel um jeweils eineinhalb Kilogramm weniger wiegen, kommen wir dem ganzen langsam auf die Schliche. Wir denken, die Frau schöpft heimlich ab und leert Wasser rein, damit man es nicht merkt. Unglaublich clever und genauso blöd. Denn Wasser hat nicht das gleiche Gewicht wie die rahmige Milch. Und als sie Corinne an einem Morgen auf die gutgemeinte Frage „Was es denn am Sonntag bei ihr zu essen gab?“ unverfänglich meint: „Papp und frische Milch mit Rahm“, da sind wir uns alle sicher. Die Frau ist ein Dieb. Und sie zu beschränkt um wenigstens nichts zu sagen. Das grosse Problem ist, dass sie mit ihrem zugefügten Wasser die ganze Milch unbrauchbar macht, die Produktion beeinträchtigt und den Umsatz so runtersetzt. Und dann beschwert sie sich, dass ihr Lohn noch zu klein ist. Der Lohn kommt vom Verkauf der Produkte. Der Schaden trägt die weisse Arbeitgeberin. Macht ja nichts. Sie streitet alles ab, behauptet jemand anderes hätte es gemacht. Nach einer halben Stunde gibt sie alles zu, packt ihre Sachen und ihre zwei Kinder und steht an die Strasse. Sie geht woanders hin. Keine Entschuldigung. Kein Bedauern. Inge erklärt uns, dass dies leider immer wieder so zu und her geht. Auch mit dem Fleisch. Immer wieder wird geklaut, dann alles abgestritten, danach zugegeben und tschüss. Kein Schamgefühl, nichts. Die Weissen zu beklauen ist kein Verschulden, die haben sowieso mehr als die anderen. Und leiden müssen die andere, die ehrlich sind, hart arbeiten und sich nie etwas zu Schulden kommen lassen. Denn sie werden immer auch verdächtigt. „Schaut, das ist leider die afrikanische Realität“, meint Inge ohne Bedauern. Ab morgen gibt es wieder richtigen Käse.

Freitag, der 13.te
Es ist Freitag, der 13. Dezember. Zwei Tage vor der Eröffnung am Sonntag. Die letzten dreieinhalb Wochen waren intensiv, erlebnisreich. Wir sind fertig. Inge ist heute in Windhoek gewesen um die letzten Besorgungen zu machen. Da liegt ihr Wagen ab. Verzweifelt telefoniert sie uns nach Wilhelmstal. Oliver organisiert mit unserem Freund Stefan die Reparatur. Stefan von African Sun Car Hire ist einfach der Beste. Er kümmert sich gleich darum, damit die letzten Vorbereitungen auch klappen. Corinne und ich bringen seit drei Tagen auch die Papageien Zucht auf Vordermann. Der kleine Vogel Zoo wurde bestimmt seit über einem Jahr nicht mehr bearbeitet. Der Garten sieht fürchterlich aus. Doch auch das schaffen wir mit viel Engagement. Beate sollte die zweihundert Wachteleier schälen und für den Eiersalat bereitstellen. Dieser ist eine nachgefragte Delikatesse auf dem morgigen Samstagsmarkt in Windhoek. Seit Stunden sitzt sie daran. Das ist echt eine mühsame Arbeit, die Schale von den kleinen Eiern zu lösen, ohne dass gleich die Hälfte des Ei daran kleben bleibt. Aber hey, es ist 18:00 Uhr und wir haben seit frühmorgens geschuftet. Wir haben nicht den Eindruck, jetzt auch noch Eier schälen zu müssen. Zumal Brigitte eher ruhige Tage seit ihrer Ankunft hatte.

Inge kommt nach Hause. Sie sieht gestresst aus. Im Kopf sind wohl noch die letzten Vorbereitungen für den morgigen Markt und am Sonntag die Eröffnung. „Was, ihr seid noch nicht fertig mit den Eiern. Corinne, ich habe dir doch gesagt, dass dies gemacht werden muss. Warum sitzt Brigitte alleine mit den Eiern da. So geht das nicht!“ Hoppla. Bis Corinne zornig wird, braucht es unglaublich viel. Sie ist eigentlich kaum aus der Ruhe zu bringen. Doch das Fass scheint übergelaufen zu sein. „Das hast du Brigitte gesagt. Wir arbeiten seit Wochen von morgen bis spät abends, machen keine Wochenende, kümmern uns um alles. Und dann sollen wir auch noch dafür verantwortlich sein, dass Frau Brigitte kaum mit ihrer Arbeit vorwärts kommt? Ganz ehrlich: Ich habe genug. Es ist mir zu blöd. Wir gehen morgen!“ Ok, jetzt bin sogar ich baff. Inge merkt zu dem Zeitpunkt nicht, was gerade abgeht. Oftmals spürt sie solche Dinge nicht. „Das ist euer Entscheid“, so ihr regungsloser Kommentar. In der Nacht schläft Corinne kaum. Sie ärgert sich, dass sie so reagiert hat. Und dennoch findet sie, wir haben so viel geschuftet, das ist kein Umgang. Am nächsten Tag verabschieden wir uns von Inge. Sie reagiert kaum. Als wäre das ganz normal. Es ist schade, wir haben eine gute Zeit gehabt, viel geschafft und auch Inge ist ganz ok. Doch irgendwie ist wohl auch genug. Nach vier Wochen workaway ziehen wir weiter.

 

Ab nach Titiesbaai zum Santa Claus
Nun sind wir also im alten Landcruiser unterwegs nach Kapstadt. Wir bibbern uns hoffen, dass alles gut geht. Mindestens bis Springbok, dem ersten Ort nach der Grenze in Südafrika. Die Sonne brennt noch immer erbarmungslos. Im Auto ohne Klimanlage ist es heiss wie im Kochtopf in der Hölle. So fühlen wir uns gerade. Der Schweiss läuft uns nicht nur wegen den Temperaturen über unsere Wangen. Hoffentlich entzündet sich das austretende Benzin nicht. In Springbok angekommen fragen wir uns zu einer Garage durch, die offen hat. Bei Hyper Motors schauen sie schon beim langsamen heranfahren verdächtig. Sie weisen uns ein und machen uns auf das herabtropfenden Benzin und Öl aufmerksam. Und eine Feder am Hinterread ist auch gebrochen. Das aber schon länger, wie er meint. Der junge Vorarbeiter erklärt uns, dass sie gerade dabei sind um Feierabend zu machen. Doch auf unser Anliegen hin und die Erklärung, morgen in Titiesbaai ankommen zu wollen, wird er weich. „Ok. Gehen wir an die Arbeit.“ Seine Arbeiter werden instruiert. Sie bauen zuerst die Benzinpumpe aus. Diese ist total abgefuckt, um es mit den Worten des Vorarbeiters zu sagen. Eine neue elektrische Pumpe kommt rein. Das Öl Problem ist grösserer Natur. Die Vermutung liegt nahe, dass die Dichtungen zwischen Schaltbox und dem Getriebe durch sind. Das ist aber eine grosse Arbeit. Sie entscheiden sich, irgendein spezielles Öl reinzumachen und einfach immer 10L Öl dabei zu haben. In Kapstadt könnte man dies dann in aller Ruhe reparieren. Leider haben sie die Gebrauchsanleitung der elektrischen Pumpe nicht richtig gelesen, denn dort steht, dass man die Pumpe gleich nach dem Tank montieren muss. Sie haben diese aber im Motorraum festgemacht. Als wir auf dem Weg zum zwei Kilometer entfernten Campingplatz sind, bleiben wir dreimal stehen. Nur mit Müh und Not schaffen wir es dorthin. Und das gleiche am nächsten morgen früh. Zurück zur Werkstatt. Drei Arbeiter werkeln wieder etwas rum. Erst um 11:00 sind wir zur Abreise bereit.

Keine Ahnung, wie wir die 800 Kilometer geschafft haben. Wir haben uns abgewechselt. Uns gegenseitig unterhalten. Biltong und Salticrax gefuttert. Per Whatsapp haben wir unseren Freunden mitgeteilt, dass wir es schaffen werden. Vielleicht erst um 22:00. Kein Problem, sie hätten den letzten Stellplatz am Meer gefunden. Wir wundern uns, denn als wir im Februar da waren, war kein Mensch dort. Naja, egal. Wir drücken das Gaspedal wieder durch, es röhrt wie in einem Düsenjet, die Tachonadel zeigt über 90 Km/h. Nach vielen Stunden tauchen links und rechts die ersten weissen Häuser auf. Die verkalkten Fassaden sind typisch für das bekannte Paternoster. In den Reihensiedlungen vor dem Dorf wohnen die einstigen Fischer. Ihre ehemaligen Fischerhäuser am Meer haben sie schön hergerichtet und für viele Rand pro Woche an Touristen vermietet. Seit zwei Jahren ist hier auch das am besten gewertete Restaurant der Welt. Ha, viel zu teuer für uns. Wir bewundern nur die schönen Bentley Continental beim Vorbeifahren.  Paternoster wächst seit ein paar Jahren unaufhörlich. Aus dem Fischerdorf mit seinen wunderbaren rauhen Stränden, den riesigen runden Felsbrocken im Wasser und seinem Fisch und Langusten Reichtum hat es zu einem der bekanntesten Tourismusorten an der Westküste gebracht. Dazu gehört auch das Wildnis Reservat mit der bekannten Titiesbaai Bucht. Wie bereits erwähnt, waren wir bei unserem letzten Besuch die absolut einzigen. Bei Wind und Wetter haben wir an der Küste gecampt. Jetzt fahren wir gerade die Sandpiste im Reservat zur Titiesbaai und wundern uns über die vielen Lichter an der sonst so verlassenen Küste. Ein Polizist taucht auf und winkt uns zum Strand. „Was ist denn hier los?“ fragen wir ihn. „Weihnachten“, seine kurze Antwort. Hunderte Fahrzeuge und Wohnwagen stehen dicht beieinander. Südafrikaner haben ein ausserordentliches Zusammengehörigkeits – Bedürfnis. Das ganze Jahr hinter Stacheldraht und wenn sie unter sich sind, stehen sie Zentimeter an Zentimeter. Freunde und Fremde. Überall steigt herrlicher Duft von gebratenen Fischen und gewürztem Fleisch auf. Musik sowieso. Das ist Standard bei den Bewohner des südlichsten Zipfels des Kontinents. Endlich. Es ist genau 21:16. Unsere Scheinwerfer erfassen den Mitsubishi Bus mit Schweizer Nummernschild. Unserer Freunde. Wir sind da. Wer hätte das gedacht. Esther und Phillip kommen zu uns gelaufen. Sie haben einen tollen Platz etwas Abseits gefunden. Direkt am Meer. Jetzt wird Weihnachten gefeiert. Wie sich für Schweizer gehört: Mit einem Käsefondue und Weisswein.

Merry X-Mas.