Wo zum Teufel steckt Uti?


Uwe macht sich Sorgen. Seit Stunden warten wir im Lion AirBnB auf unsere Kollegin. Vor ein paar Stunden hat sie sich zum letzten Mal gemeldet. “Ich schaff das heute noch, bin nur ein paar hundert Kilometer entfernt.“ So die Message. Und dann waren da noch die Infos über heftigen Regen, Farmermorde, umgefallenes Motorrad und GPS Ausfall und die kaputte Tasche dabei. Es vergeht kein Tag, an dem nicht eine verrückte Geschichte passiert. Das ist eben Ute. Trotz ihrer körperlichen Einschränkungen reist sie seit Jahren in der Weltgeschichte umher. Eine sympathische Motorradfahrerin, die oft als Allein Reisende mit ihrer hoffnungslos überladenen Enduro Maschine die unglaublichsten Abenteuer erlebt. Ja, ich glaube wir machen uns zu Recht Sorgen. WhatsApp ist für sie ein Teufelszeug. Da wird man ja überwacht, ist ihre Überzeugung. Kommunikation per Email ist ihre Welt. Ute fuhr bis Dubai eine ähnliche Strecke wie wir. Jedoch immer ein bisschen vor uns. In Armenien und Dubai haben wir uns denn auch getroffen. Nach Dubai ist sie dann zurück nach Hause gereist. Nun ist sie wieder unterwegs. Irgendwo in der Nähe. Nur ein paar hundert Kilometer entfernt. Wir freuen uns, sie wieder zu sehen.

Wir sind im Kindom in the Sky – Lesotho. Ein Zwergstadt, umschlossen von Südafrika. In eben diesem AirbnB in Maseru, der Hauptstadt dieses alten Berg-Königsreichs. Unsere Gastgeber sind pensionierte Leute, die ihr Haus für Reisende geöffnet haben und so ein wenig Rente verdienen können. Allein diesen Ort zu finden, war schon für uns eine Herausforderung. Rundherum gibt es mehrere Lions Gebäude. Backbackers, kleine Motels, ein teurer Campingplatz. Und dann eben unsere Herberge. In einem mittel bis unterschichtigen Quartier, kein Schild, am Ende einer sandigen Einbahnstrasse. Die Beschreibung in der Bestätigung war sehr vage. Maps Me und Google Maps haben uns ständig in die Irre geleitet. Nach Beschreibung Einheimischen haben wir dreimal an verschiedenen „Lions“ Plätzen angehalten, den Chef nachgefragt, mit unserer ausgedruckten Bestätigung vor seiner Nase gewedelt. Und jedes Mal waren wir total am falschen Ort. Niemand wusste, wo wir denn hinwollen. Irgendwann hatten wir Glück und konnten einen Polizisten anhalten und um Hilfe fragen. Ein verschmitztes Lächeln. Kein Problem. Er führt uns persönlich dorthin. Nur ein paar Ecken weiter. Ob Ute genauso viel Glück hat?

 

Clarens – Wo es noch echte Cowboys gibt
Nachdem wir nun Mitglieder des Bikerlebens in Südafrika sind und auch viele neue Facebook Freunde haben, wollten wir das „amerikanische“ Südafrika sehen. Dort wo man noch richtige Pferde hat, keine aus Stahl. In der „Golden Gate“ Gegend, ganz im Südosten des Bezirks Freestate, soll es noch Cowboys geben. Der Colt an der Hüfte ist sein Markenzeichen. Ebenso versprühe das Städtchen Clarens ein nostalgisches Flair.

Endlich sind wir durch das verkehrsreiche Johannesburg durch. Es wird um einiges entspannter. Die lange Fahrt nach Clarens wird am zweiten Tag ziemlich langweilig. Gigantische Farmen, immer wieder kilometerlange, gleich aussehende Maisfelder, kaum Kurven und die Hitze des Tages machen mir zu schaffen. Ich muss mich gut konzentrieren, um wach zu bleiben. Die Stopps zwischendurch frischen zwar auf. Doch kaum hat sich das monotone Motorengeräusch wieder eingeschwungen, beginnt der Kampf von neuem. Und dann verändert sich die Landschaft. Berge tauchen auf. Hohe Berge. Sie umrahmen uns. Wir kämpfen eine langgezogene, kleine Steigung hoch und erblicken eine gewaltig schöne Ebene, dahinter die Drakensberge, Nadelwälder und Felsformationen in verschiedenen Farben. Wenige Kilometer vor uns liegt Clarens. Ein wirklich charmantes Dörfchen. Irgendwie passt das nicht hierher, andererseits passt es eben genau bestens. Chalets aus Holz und Stein, kleine aber exklusive Läden, schön dekorierte Cafés. Wir fühlen uns sehr schnell heimisch. Doch bei keinem der Gebäude entdecken wir die erwartete Tränke oder die Anbinde Pflöcke für die Pferde. Die einzigen Pferde hier sind SUV Fahrzeuge und auch teure Sportwagen. Da hat sich wohl eine Legende gebildet. Campen kann man hier nicht, das ist dann doch etwas zu unwürdig für diesen Ort. Doch in der Nähe gibt es eine Pferde Ranch. Gemäss unserer iOverlander Reiseapp geht das dort. Und wie. Begrüsst werden wir von einem echten Cowboy. Stiefel, Jeanshose, weisses Hemd, lederner Cowboyhut und natürlich den Revolver im Halfter. Getragen von einem breiten Gürtel. Und ein bisschen schlecht gelaunt. Es gibt sie tatsächlich. Die Legenden.

Sein Camp besteht aus eine Reit- und Jagdfarm. Jedoch kommen nur ganz gute amerikanische Freunde zur Jagd. Mehrere Jahre hat er in Texas als Cowboy gearbeitet. Doch nun ist er mit sechzig zu alt für diesen harten Job. Deshalb sei er vor ein paar Jahren nach Hause zurückgekehrt und hat die Farm seines Vaters übernommen. Seine Frau, die den Gästebetrieb organisiert, lässt uns bei der Platzwahl freie Hand. Eine alte, kleine Steinkirche dient den Campern als Küche und Aufenthaltsraum bei Regen. Gut zu wissen. Denn ein paar Tage später schüttet es wieder einmal aus Kübeln.

 

Ich komm dann mal rüber, ok?
Die Rückkehr einer Reise ist das Schlimmste. Denn man merkt erst richtig, wie die Zeit vergangen ist. Von einem Moment auf den anderen wieder zu Hause. Alle die kleinen Enttäuschungen, dass sich gar keine wirklichen Veränderungen im alten System geschehen haben. Ja, es kann durchaus sein, dass Frust aufkommt, weil alles zu Hause beim Alten geblieben ist. Nicht erfüllte Erwartungen oder Hoffnungen verstärken das Gefühl, am falschen Platz zu sein. Etwa so könnte man mein gerade geführtes Telefongespräch mit meinen Freund Uwe am Besten zusammenfassen. Er und seine Lebenspartnerin Sabine haben wir mehrmals auf der Reise bis nach Dubai getroffen. Danach sind sie direkt mit ihrem Moto nach Südafrika geflogen. Weil es dort im Februar so kalt und regnerisch war, hatten sie irgendwann genug und sind nach Hause, haben ihr Auto geschnappt und mehrere Monate im warmen Marokko verbracht. Und jetzt sind sie wieder zu Hause. Sie müssen eine Arbeit finden und wieder Geld verdienen. Sabine hat sofort eine Aufgabe als Projektleiterin angenommen, Uwe war vorher selbstständig und muss sich gerade neu erfinden. „Weisst du Oliver, die Menschen hier in Deutschland sind morgens immer so griesgrämig gelaunt, sie interessieren sich nicht für andere oder auch nicht für unsere Erlebnisse der Reise. Zusammenkommen ist nicht einfach, es fehlt allen an Zeit. Überhaupt will ich gar nicht hier sein und mich in das System einfügen. Ich glaube einfach zu viel erlebt zu haben und ehrlicherweise, weiss ich gerade gar nicht, welche Arbeit mir überhaupt Freude machen würde.“ Ein typischer Fall von Reise Blues. Niemand ist gefeit davor. Eigentlich ist es sogar ein gutes Zeichen. Es zeigt, dass Uwe seine Reisezeit bis zum letzten Moment genossen hat. Ohne sich drei Monate vor dem Ende schon um Business zu kümmern. Er hat seine Zeit intensiv mit anderen Menschen und Kulturen geteilt. Sabine spricht auch noch mit mir und meint ganz salopp, dass sie den Uwe doch einfach zu uns runterschicken könnte. Oli als professioneller Coach könnte doch ein paar Gespräche führen und mit ihm einen Plan entwickeln. Nun, zwei Wochen später verkündet Uwe am Telefon „Ich komm dann mal rüber, ok?“

Nun sind wir ein Dreier Team. Der für läppische 11 Euro am Tag gemietete Datsun von Uwe erweist sich als überraschend geländegängig. Die ersten Tage sind wir noch immer auf der Ranch. Es regnet jeden Tag abschnittsweise. Dazwischen besuchen wir den Golden Gate Nationalpark. Leider ist die eine Seite dieses imposanten Felsparks grössflächig abgebrannt. Schwarz, grau, grün wechselen sich in den Farben ab. Doch der Regen zwingt uns wieder zurück auf unsere Farm. Jeden Tag haben wir mehrere Stunden trockene, ja sogar sonnige Abschnitte. Diese Zeit nutzen wir für Wanderungen. Dabei führen wir spannende Gespräche mit Uwe. Wir fordern seine Sicht der Dinge heraus, fangen an zu kreieren und verrückte Ideen aus verschiedensten Perspektiven zu betrachten. Abends kochen wir gemeinsam. Während wir unser Bush-Kafi schlürfen, macht sich Uwe Notizen und malt Zeichnungen in sein Coaching Buch. Nach einer Woche ziehen wir gemeinsam nach Lesotho weiter. Das Natal Gebiet und der legendäre Sani Pass im Südosten ist leider nicht möglich, weil starker Regen in der Gegend. Schade, das wäre die ultimative Prüfung für einen vollbepackten Seitenwagen. Man kann nicht immer gewinnen. Was soll’s. Wir reisen auf der Nordwest Seite über die Drakensberge nach Lesotho. Und da warten wir noch immer auf Uti.

 

Uti kommt…
Ein unverkennbares Röhren. Uwe rennt raus und ruft „Uti kommt. Uti kommt“. Doch es ist nur der Nachbar, mit seiner Cross Maschine. Uti kommt noch nicht. Am nächsten Morgen schreiben wir ihr eine Email mit unserem Plan für die nächsten 3 Tage. Warten bringt nichts, wir wollen weiter. Ute wird uns finden. Über wunderschöne Bergstrassen cruisen wir nach Semonkong. Ein kleiner Ort mitten in den Bergen. Immer wieder erfreuen wir uns an den vielen kleinen Bergdörfchen. Bei unseren Pausenstopps staunen wir über die gewaltigen Grashängen die sich hoch ins Gebirge hinaufziehen. Hier ist das Motorradfahrer Traumland. Die mit Abstand besten Asphaltstrassen auf unserer bisherigen Reise. So fällt es mir als Fahrer auch einfacher, rumzugucken und die Gegend zu bewundern. Hoch auf 3000 Meter und wieder runter. Wieder hoch und runter. Und das für Stunden. Genauso das Wetter. Sonnenschein, Nebel, leichter Regen und dann beginnt alles wieder von vorne. Autos sind im mausarmen Lesotho rar. Die meisten Menschen nutzen Pferde als Fortbewegungsmittel. Speziell dabei sind die wunderschön gestickten, farbigen Decken, die sie immer bei sich haben. Decken anstatt Jacken. Und ihre Gaunermützen mit Knubbel-Wollknäuel. Nur die Augen sind sichtbar. Bei Begegnungen funkeln diese wie Diamanten aus ihren Schlitzen der gestrickten Kopfbedeckung. Für uns ist es nicht ganz einfach ins Gespräch zu kommen. Englisch ist zwar die zweite Amtssprache, wird in den Bergen jedoch nur von wenigen gesprochen. Ihre Sprache „Sesotho“ ist eine Bantu Sprache, verwandt mit der Tswana Sprache aus Botswana. Doch die verstehen wir ja auch nicht. So beschränkt sich vieles auf Zeichen- und Zeichnen Sprache.

Unser Camp für die nächsten zwei Tage liegt an einem wunderschönen Fluss. Von dort ist es ein zwei Stundenmarsch zum besten Aussichtpunkt für den berühmten Maletsunyane Wasserfall. Die Zelte sind aufgestellt, die Bar fürs Feierabendbier haben wir gefunden. Und Ute? Ist wohl noch immer unterwegs. Zum Glück gibt’s es auf dieser Seite von Lesotho nur eine Hauptstrecke durchs Land. Und unser Ort Semonkong ist weit und breit der einzige mit einem Camping im Umkreis von 50 Kilometern. Sie wird uns finden. Den Gedanken kaum gedacht, blitzt es draussen, die ersten Regentropfen fallen. Innert Minuten ist die Zufahrtsbrücke zum Camp mit ihren vier Metern über dem Fluss überschwemmt. Ein paar weitere Minuten später, sieht man die 1.50m Pfosten der Brücke nicht mehr. Das Wasser klettert jede Minute höher und höher. Von der Rückseite des Camps kommen reissende Bäche runter und verwandeln das Camp in eine Schlammzone. Unsere Zelte sind in Sichtweite, wie auf einer kleinen Insel. Rundherum fliesst das Wasser. Nun hagelt es auch noch. Wir können nichts anderes tun, als abzuwarten und Tee mit Rum trinken. Und Uti? Puh, wir wollen gar nicht daran denken, was sie dieses Mal wieder für ein Abenteuer erlebt. Wir sind besorgt und hoffen, dass sie irgendwo in einem Bergdorf Unterschlupf findet. Für uns ist es gewaltig zu sehen, wie schnell sich das Wetter hier oben umschlagen und die Landschaft verändern kann. Für sie sei dies normal, erklärt uns ein Gast an der Bar. Lesotho, zwischen Himmel und Hölle. Mindestens bei Zweitem wäre es jedoch etwas wärmer, denken wir.

So schnell das Unwetter über uns hereingebrochen ist, so schnell ist es wieder weg. Dennoch zügelt Uwe sein Zelt auf eine Anhöhe. Man weiss ja nie. Ute ist noch immer nicht da. Wir entscheiden uns noch zwei Tage zu bleiben. Es muss sowieso noch alles wieder trocken werden. Und so wandern wir durch die grüne Bergwelt zum Wasserfall. Die Menschen auf ihren Pferden grüssen herzlich. Ein paar Teenager bieten eine Führung für wenige Rand an. Sie machen das super. Am Abend sind wir zurück und siehe da: ein weiteres Zelt auf dem knapp bemessenen Rasen. Ute hat uns gefunden. Sie hat es geschafft. Die verrückte Abenteurerin hatte bei Petrus Gnade gefunden und das Unwetter stetig vor sich hergetrieben. Nix passiert. Und so freuen wir uns alle über das Revival nach über einem Jahr in Dubai. Die nächsten Tage geniessen wir mit wunderschönen Fahrten, campen wild, futtern gemeinsam unser letztes Appenzeller Fondue unter dem Millionen Sternehimmel. Eine wunderbare Zeit mit Freunden.

Ute zieht es weiter durch Lesotho, uns über die Pässe um Barkly East, mi dem Ziel: Hippie Village Hogsback.