Wunderschönes Rwanda – Komplexe Realitäten


„Kein einziges Schlagloch. Links und rechts Trottoirs. Die sauberste Stadt Afrikas. Ultraschnelles Internet. Kurvige Bergstrassen. Herzliche Menschen“. Die Empfehlungen die wir von überall bekommen sind nur positiv. Kaum ein anderes Land ist so fortschrittlich in Afrika wie dieses kleine, gerade mal 26´000 km2 grosse Ruanda. Neben der faszinierenden Landschaft, den Gorillas, zieht auch der vorbildliche Umgang mit ihrer schrecklichen Geschichte des Genozids im 1994, in welchem fast eine Million Menschen auf brutalste Weise starben, viele Touristen ins Land. Ebenso viele Entwicklungsgelder, mit denen das Land nach dem Genozid befriedet und entwickelt wurde sowie Investoren, die hier ihre Basis haben, um legal und illegal an die Rohstoffe des schwarzen Kontinents zu gelangen. Doch bevor jetzt einige Leser an die Decke springen und uns als Schwarzmaler bezeichnen, sollten diese unbedingt weiterlesen. Wir sind zurück aus dem Ostkongo und freuen uns, endlich Zeit für Rwanda zu haben. In Cyangugu, der Grenzstadt zur DRC treffen wir wieder auf unseren Schweizer Reisefreund Edi. Mit ihm werden wir ein paar Tage unterwegs sein. Wir auf dem Moto, er in den vollgestopften Bussen des öffentlichen Verkehrs.

 

Cyangugu – Unspektakulär schön.
Cyangugu ist zwischen verschiedenen Hügeln gelegen. Eine unscheinbare Stadt mit einer geschichtsträchtigen Vergangenheit. Doch man spürt heute nichts mehr vom Kongokrieg, der sich hier ebenso wie auf der anderen Seite abgespielt hat. Heute gibt es hier nichts Aussergewöhnliches zu sehen. Edi ist aus dem Norden angereist. Das Wiedersehen freut uns riesig. Im Hostel „Amahumbezi“ finden wir einen günstigen Unterschlupf und erkunden das kleine Städtchen. Was uns dabei einmal mehr auffällt, sind die sauberen und vor allem guten Strassen, die Trottoirs und die qualitativ guten Häuser. Im Vergleich zur anderen Flussseite (Bukavu), ist es hier ruhig und fast schon langweilig. Doch genauso geniessen wir zwei Tage lang das Nichtstun. In den verschiedenen kleinen Bars und Restaurants kommen wir mit den Menschen in Kontakt. Kinyarwanda, Englisch und Französisch sind in Rwanda die Nationalsprachen. Edi als Westschweizer freut sich seine Muttersprache zu gebrauchen. Sind wir doch auch gleich so nah am Kongo, wo ausschliesslich französisch gesprochen wird. Er hätte genauso gut Schwedisch als Muttersprache haben können. Die Menschen hören ihm zu, haben jedoch keine Ahnung, was er genau will. Die einzigen, die diese Sprache verstehen, sind die ganz alten Leute und die vielen Kongolesen, die hier leben. Englisch geht hin und wieder bei jungen Leuten und Kinyarwanda sprechen wir leider nicht. Am Abend treffen wir uns in einer Bar bei der grossen Tankstelle mit Rubens. Eine Bekanntschaft aus dem Kongo. Er lebt in Cyangugu und arbeitet als Grenzgänger in Bukavu. Er liebe den Kongo, doch hier sei es sicher, viel organisierter, moderner und die Menschen unglaublich friedlich. Wir tratschen und trinken Bier. Angesprochen auf die vielen grossen, teuren Häuser, die wir heute gesehen haben, erklärt er uns, dass dies die Häuser von Militärgenerälen und ganz reichen Leuten aus der DRC seien. Selbstverständlich sei hier viel Geld vorhanden, der Ort sei in der Vergangenheit und auch heute noch ein strategisch entscheidender Standort. Die tapferen ruandischen Militärs aus dem Kongo Krieg hätten hier ihre Belohnungen gekriegt und die kongolesischen Investoren bringen sich und ihr Geld hier in Sicherheit. Zum Glück sei es seit einigen Jahren ruhig. Im nächsten Moment jedoch rollen riesige Sattelschlepper mit neuen, gepanzerten Fahrzeugen der UN an. Mehr als zwanzig. Sie sind auf dem Weg nach Bukavu. „Ach, daran gewöhnt man sich. In ein paar Monaten sind Wahlen“, meint Rubens trocken. Und dann geht die Party weiter…

 

Auf dem Weg durchs Nyungwe Naturparadies
Am nächsten Tag ziehen wir nochmals durch die kleine Stadt und suchen einen Platz, von welchem man eine gute Aussicht auf den Lake Kivu hat. Die Menschen grüssen herzlich. Die Konversation fällt uns leider etwas schwer, da wir die gestern gelernten Standartsätze in Kinyarwanda schon wieder vergessen haben. Google Translate hilft zwar, doch wir haben keine Ahnung wie man diese aneinandergereihten Buchstaben auch nur ansatzweise ausspricht. Dafür gibt dies tolle Begegnungen, bei welchen zwar niemand weiss, was der andere sagt, dennoch hat man sich lieb. Beim evangelischen Gemeinde- und Hotelzentrum werden wir herzlich empfangen und auf die Dachterrasse geführt. Eine Runde Bier. Prost auf die fantastische Aussicht auf Bukavu in der DRC und dessen Ufer zum Lake Kivu. Erinnerungen an unsere Tage im Kongo lassen uns nicht los. Doch wir wollen ebenso die Faszination Rwanda erleben. Wir schmieden den Plan, durch den Nyungwe Forest zu reisen und nach Kitabi zu kommen, um dort die riesigen Teeplantagen und die berühmte „Kitabi Tea Factory“ zu besuchen. Edi wird im öffentlichen Bus ein Plätzchen zwischen Big Mamas, Säcken voller Teeblätter und Hühnern suchen und wir mit dem Habash an der frischen Luft reisen. Die Fahrt durch den Nyungwe Regenwald wird zum wahren Erlebnis. Strassenzustand: Die bisher beste Asphaltstrasse Afrika. Und so cruisen wir zwischen 30 – 60 km/h durch den Dschungel, nehmen Gerüche und Geräusche wahr. Grün ist nicht gleich grün. Die Pflanzenwelt entlang der Strasse hat gefühlte tausend verschiedene Grüntöne, die roten und orangen Blüten erscheinen in fantastischem Kontrast. Auf der Strecke gibt es bei Uwinka ein Schimpansen Schutzgebiet, die begleitete Fusssafaris anbieten. Klingt toll, doch wir müssen verzichten. Das sprengt unser Budget. Die Preise für Ausländer (Nicht-Afrikaner) sind einfach horrend. Eigentlich bei fast allen Tourismusangeboten hier. Das zeigt sich ja auch daran, dass ein Besuch bei den Gorillas in Rwanda mittlerweile 1500 USD kostet. Und so suchen wir die eher weniger bekannten Sehenswürdigkeiten. Wie eben die Kitabi Teefabrik.

Doch alleine die Fahrt durch die Berge ist schon ein wahres Erlebnis. Das einzige Unbehagliche ist, dass plötzlich alle paar Kilometer Gruppen von schwerbewaffneten Soldaten mit modernsten Waffen, Infrarot Zielfernrohren und Nachtsichtgeräten im Wald herumstreunen. Wir werden begafft, als wären wir gesuchte Verbrecher. Zwei Tage später erfahren wir von einem darauf angesprochenen Hauptmann, dass sie immer wieder mal Probleme mit Rebellen aus Burundi hätten und uns diese Leute schützen würden. Was mich aber noch mehr fasziniert, ist die moderne Ausrüstung dieser Soldaten. Das habe ich bisher in Afrika nicht gesehen. Darauf angesprochen, flüstert mir der Hauptmann „Amerikanisch, das Beste“. Aha.

So kommen wir nach einer Tagesfahrt mit knapp hundert Kilometer im KCCEM Guesthouse in Kitabi an. Edi kommt 10 Min. nach uns an. Wir befinden uns inmitten der berühmten Teeplantagen. Alles schimmert grün. Herrlich.

 

Schwarz – Weiss – Grün
Das KCCEM Guesthouse ist ein Tourismus-Ausbildungszentrum und bietet Zimmer zu einem fairen Preis. Das Nachtessen besteht aus einem Büffet, wie es in den meisten Restaurants in Ruanda üblich ist. Reis, Jams, lokales Hühnchen (wenig Fleisch, viel zum Gnagen / Gummihuhn), uns unbekanntes und etwas bitter schmeckendes Grünzeugs, Bohnen sowie Siedfleisch in Sauce. Da noch weitere Gäste hier sind, muss man möglichst als erstes am Büffet stehen, ansonsten man vor leeren Behältern steht und bis zum Nachfüllen oft gefühlte Stunden vergehen. Von den freundlichen einheimischen Tischnachbarn bekommen wir den Tipp, durch die Teeplantagen zu schlendern und zur Teefabrik zu gehen. Dort könnten wir eine Führung machen. Das lohne sich. So liegen wir mit unserem Plan genau richtig. Wir freuen uns.
Auf unserem Fussmarsch durch das grüne Meer, treffen wir immer wieder auf fleissige Menschen. Sie winken, posieren für Fotos und winken uns zu Ihnen. Unsere Versuche von Konversation enden immer mit einem herzlichen Lachen. Die bis zum Horizont reichenden Felder mit Teepflanzen, vergleichbar mit endlosen Wellen aus schimmernden Grün, sind ein faszinierendes Bild. Eine alte Frau drückt mir Teeblätter in die Hand und zeigt mir, dass ich diese kauen soll. Hm, etwas bitter. Sie lacht und gibt mir zu verstehen, dass dies gesund sei. Irgendwo im Hinterkopf habe ich gespeichert, dass bittere Lebensmittel gesund sind. Naja, flüssig sind die Blätter in jedem Fall besser zu geniessen. Mit viel Zucker. Wie in Afrika üblich.
Kitabi Tea Factory. Wir sind da. Wir haben keine Anmeldung. Dennoch erscheint der Chef persönlich nach 10 Minuten Wartezeit. Mit einem breiten Grinsen und perfektem Englisch begrüsst er uns. Er ist Kenianer und hat schon in verschiedensten Teefabriken in Kenia und Äthiopen gearbeitet. Doch hier würden sie den besten Tee überhaupt produzieren. Voller Stolz erklärt er uns die Teepflanze. Schwarz, Grün, Weiss, alles aus derselben Pflanze. „Die noch nicht ausgerollten Spitzen der Pflanze sind die wertvollsten. Es sind die jüngsten Sprossen. Daraus wird der weisse Tee gemacht. Der Grüntee wird speziell verarbeitet. Und der Schwarztee produzieren wir in verschiedensten Qualitäten. Doch das müsst ihr Euch ansehen.“ Die Energie und Freude des Managers ist ansteckend, wir freuen uns riesig auf den Rundgang. Da er jedoch gleich weg muss, bittet er seien Assistentin um die Führung. Sie ist genauso begeisternd. Es ist eine wahre Freude. Die Fabrik ist modern, die Menschen an der Arbeit bester Laune. Auf Lastwagen bringen die Farmer ihre Teeblätter in die Fabrik. Der Kontrolleur füllt seinen Eimer, indem er aus den verschiedensten Säcken Blätter rausnimmt und sie gewissenhaft auf einem speziellen Tableau zuordnet. „Wir wollen nur die beste Qualität. Mindestens 67% muss die höchste Qualität aufweisen, dann können wir die Pflanzen annehmen. Dann gibt es auch einen guten Lohn für die Farmer. Stimmt die Qualität nicht, müssen sie die Säcke wieder mitnehmen und schlechten Blätter aussortieren. Das ist viel Arbeit. Und das wissen die Farmer. Deshalb bekommen wir mittlerweile fast nur noch Lieferungen mit guter Qualität. So stimmt es dann für alle.“ Nun sollen wir die Qualität zuordnen. Das ist nicht ganz einfach. Wir sind streng. Zu streng. Am meisten freut sich der Kontrolleur, wenn er unsere zugeordneten Blätter nochmals herumschieben kann und das korrekte Ergebnis steht. Es sei nicht so einfach und erfordere viel Erfahrung, meint er mit stolzer Brust. Nachdem wir auf dem Rundgang sicher hundert Fragen beantwortet bekommen haben, gelangen wir bei Tasting an und müssen uns beweisen. Die verschiedenen Tassen werden von einem Teemeister gefüllt. Wir müssen den Tee der richtigen Mischung zuordnen. Nachdem wir alle Tassen leergetrunken und alles falsch zugeordnet haben, zeigt uns der Teemeister wie es geht. Probieren, ausspucken, nochmals probieren, abwägen, ausspucken – zuordnen. Kein einziger Fehler. Und wir haben immer den ganzen Tee getrunken. Wenigstens haben wir für gute Unterhaltung gesorgt!

Beim Spaziergang zurück zum Camp halten wir immer wieder mal an, betrachten die Teepflanzen und müssen immer wieder über unser Testtrinken lachen.

 

Traurig, traurig – Rwandas Geschichte berührt uns
Wieder auf Fahrt. Im Bus und auf dem Habash. Die Strassen führen uns durch den Süden Rwandas in Richtung Butare, früher Huye. Auf dem Weg dorthin befindet sich eines der berühmtesten Genozid Memorials in Murambi.
Viel, sehr viel wurde über den Genozid schon geschrieben, verfilmt und gemahnt. Wir wollen hier im Blog keine Geschichtsstunde abhalten. Jedes Mal wenn wir erwähnen, dass wir in Rwanda waren, werden wir auf Gorillas, gute Strassen und den Genozid angesprochen. Auch wir haben uns dafür interessiert, jedoch wollen wir auch die heutige Situation erleben. So können wir einzig unsere Eindrücke und Erlebnisse wiedergeben. Wir haben nicht den Anspruch, die Geschichte aufzurollen und die Zusammenhänge zu erklären. Das würde unsere Blog Leser wohl langweilen oder ärgern, weil wir die ganze Komplexität nicht alles auf die Reihe bringen würden.
Wir besichtigen das Memorial mit der Erklärung der Geschichte, welche zum schrecklichen Ereignis im 1994 führte. Den Genozid der Hutus an den Tutsis. Fast eine Million Menschen wurden in 100 Tagen in Rwanda ermordet. Das Museum dokumentiert die Herkunft und die Ausgangslage für dieses Ereignis. Ebenso kann man Augenzeugenberichte und Bilder sehen, welche den Schrecken beschreiben. Eine junge Frau führt uns durch die Geschichte. Teilweise bleiben ihr die Worte im Hals stecken. Und dies obwohl sie dies selber nicht erlebt hat, da noch nicht geboren. Und dennoch. Es berührt die Menschen noch immer. Bei der Besichtigung des Massengrabes erklärt sie uns die Bedeutung der vielen Memorials in Rwanda. Die Familien haben hier die Chance, ihre vermissten Angehörigen anzugeben und zu finden. Unter Führung eines deutschen Projekts, holt man die Menschen aus den Gräbern und versucht, die Skelette anhand von Überresten von Kleidung, Grösse und anderen Merkmalen den gesuchten Menschen zuzuordnen. Damit sie von den Familien an einem würdigen Ort bestattet werden können. Fast ausschliesslich sind hier nur Tutsis begraben. Dass über hunderttausende Hutus von den Tutsis genauso abgeschlachtet wurden und dies auch noch nach dem Genozid, davon spricht hier keiner. Es ist ein trauriger Ort. Einzig die herzliche junge Frau, die erstaunlich gefasst über die Vergangenheit spricht, vermag diesem Ort einen positiven Anstrich zu geben. Es geht um die Aufarbeitung der Geschichte. Dass man nicht vergisst. „Es spielt heute glücklicherweise keine Rolle mehr, ob man Hutu oder Tutsi ist. Ehrlicherweise weiss ich gar nicht, was ich bin, denn meine Eltern haben nie mit mir darüber gesprochen. Wir sind alle Ruander. Die Menschen, die Schlechtes getan haben, haben sich bei ihren Nachbarn entschuldigt. Die Tutsis haben die Entschuldigungen der Hutus angenommen und leben heute wieder zusammen. Meine Mutter sagte mir, dass es ein schreckliches Ereignis war und es sich nie mehr wiederholen darf.“ Genauso muss es sein.

Wir wollen das Memorial nach zwei Stunden verlassen. Es macht uns traurig. Nicht, weil wir die Augen davor verschliessen wollen, sondern weil es einfach unfassbar ist, wie grausam manipulierte Menschen sein können. Und die Komplexität dieses Genozids ist kaum nachzuvollziehen: Durch die Kolonialmacht Belgien verursachte Rassentrennung, die Bevorzugung der Tutsis (ehemalige Königsfamilien), machthungrige Politiker und Generäle, Rebellenkriege, Rohstoffsicherung durch ausländische Staaten, Hasspropaganda, Genozid, nach Kongo transportierte Kriege, es hört gar nicht mehr auf. Zum Glück erfahren wir in den weiteren Tagen aus vielen Gesprächen mit Menschen, dass sie die Geschichte ruhen lassen wollen, nach vorne blicken, Rwanda weiter aufbauen wollen. Man spürt, dass Hutu und Tutsis bei den jungen Menschen in Rwanda anscheinend wirklich keine Rolle mehr spielen. „Es lebe Rwanda“, so das immer wieder gehörte Fazit.

Und genauso wollen wir weiterreisen. Edi nimmt wieder den Bus, wir das Dreirad. Weiter geht’s. Butare erwartet uns. Es ist eine typische Universitätsstadt mit vielen jungen Menschen. Modern sagt man uns.

 

Hochzeitsstress in Butare (früher Huye)
Wir drei mit unserem Low Budget suchen ständig die besten Möglichkeiten. Edi ist hierbei eine gute Hilfe, reist er doch schon seit Jahren in der Welt herum. Er kennt die Tricks und findet eigentlich immer ein sauberes Zimmer sowie eine heisse Dusche zu einem guten Preis. Nach vielen Versuchen stehen wir zum zweiten Mal vor dem Heroes Hotel. Zehn amerikanische Dollar pro Person. Keine Vergünstigung für ein Doppelzimmer. Zähneknirschend sagen wir zu.

„Also, dann bräuchte ich jetzt nur noch die Hochzeitspapiere von Ihnen Beiden. Ich muss diese meinem Chef zeigen“, sagt der junge Herr ganz unschuldig.

„Wie bitte? Hochzeitspapiere? Für eine Nacht im Hotelzimmer ohne Vergünstigung?“ Oli prustet sein Lachen laut heraus.

„Ja. Bitte.“ Der Typ meint dies echt ernst. Edi versteckt sich zum Lachen hinter einem Betonpfeiler. Corinne ist sprachlos. Oli versucht es nochmals:

„Du lieber Kollege. Wir sind im 21.igsten Jahrhundert. Das ist doch nicht mehr so wichtig. Und ja, wir haben irgendwo auf der Dropbox ein solches Papier. Aber das meinst Du doch nicht ernst, oder?“

„Was ist Dropbox?“

„Cloud im Internet.“

„Aha. Kannst du sie mir nun geben?“

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Weil sie im Internet sind. Und hier funktioniert das WIFI nicht. Eine SIM Karte habe ich nicht. Können wir jetzt bitte einchecken?“

„Nein. Nicht ohne Papiere. Mein Chef lässt das nicht zu.“
So etwas hätten wir uns im Iran vorstellen können, doch nicht im modernen Rwanda. Ein Gast hört mit und macht Oli einen Hotspot, damit dieser die Hochzeitspapiere in der Dropbox aufrufen und ihm am Smartphone zeigen kann.

„Ok, da sind sie ja. Ihr seid wirklich verheiratet. Dann dürft ihr ein Doppelzimmer haben.“

„Zu einem Rabattpreis?“ Selbstverständlich nicht. Doch das Zimmer ist sehr sauber, die Dusche hat heisses Wasser und das Bier im kleinen Garten schmeckt vorzüglich. Schlussendlich bleiben wir 3 Nächte. Uns gefällt es in Butare.

Alles fährt hier Fahrrad. Ganze Sofa und Holzgestelle werden hier auf den kleinen Gepäckträgern befestigt. Die Taxis sind Fahrräder mit gepolsterten Gepäckträgern. Wir beteiligen uns an den Taxirennen. Macht Spass. Die vielen Restaurants bieten gute einheimische Kost. Vor allem das …. Hat es uns angetan. „All you can eat“ steht da gross. Herrvoragendes Essen für einen echt fairen Preis. Die …Kirche bestaunen wir nur von aussen. Wir sind zu beschäftigt, mit all den herzlichen Menschen im Kontakt zu sein. Ein Schwatz hier, einer da, dazwischen den Abstecher in die Cafeteria „Tasty Bakery“. Herrlicher Kaffee gibt es hier. Auch wenn wir am Abend und in der Nacht unterwegs sind, fühlen wir uns total sicher.
Obwohl wir die Geschichte Rwandas etwas in den Hintergrund schieben wollten, lässt es uns keine Ruhe. Vor allem Oli beschäftigt es sehr. Um mehr zu verstehen, besuchen wir das Nationalmuseum und verbringen den ganzen Tag darin. Es lohnt sich. Ich glaube wir haben noch nie ein solch gut dokumentiertes Museum in Afrika besucht. Oli meint zwar, dass es in Sachen Genozid viel Regierungspropaganda war, doch eigentlich verlassen wir den Ort mit einem guten Gefühl. Rwanda verdient es nach vorne zu blicken. Und sie sind mit aller Kraft und vorbildlichem Einsatz dabei, eine Vorreiterrolle in Afrika zu übernehmen.

 

Der Versuch nach Burundi zu kommen
Edi muss los. Er wird für seine jährlichen zwei Monate in die Schweiz fliegen und dort bei grossen Messen die Logistik steuern. Damit verdient er genug, um dann wieder den Rest des Jahres in überfüllten Bussen, zwischen Big Mamas, Hühnern und Geschäftsleuten die Welt zu erkunden. Manchmal sei er schon etwas müde so zu reisen. Doch jedes Mal wenn er am tollen Orten aussteige und Neues erlebe, lohne es sich. Reisen seien halt keine Ferien. Recht hat er. Wir ziehen auf einer herrlichen Strasse inmitten einer Berggegend in den Süden Rwandas. Bujunbura in Burundi ist unser Ziel. Im Vorfeld haben wir viel Widersprüchliches über das Burundi Visa gelesen. An der Grenze, nicht an der Grenze, zu Hause. Wir lassen es auf einen Versuch ankommen. Beim Ausstempeln in Rwanda kann uns der Zollbeamte auch nicht genau sagen, ob es klappt. Jedoch würde er uns wieder reinlassen, ohne ein Visum zu stempeln, sondern einfach den Stempel streichen. Kaum beim ruandischen Schlagbaum vorbei, verändert sich die Umgebung. Wieder viele Plastiktüten und Abfall am Strassenrand, kaputte Holzhütten und ein Durcheinander von vielen Menschen. Mittendrin der teure BMW mit Burundi Kennzeichen. Sofort wieder zwanzig Menschen um den Habash. Sie alle sind freundlich und heissen uns willkommen. Einer dieser Typen, der ständig Selbstgespräche führt, bringt mich zum Kommandanten. Dieser scheucht den Typen weg und entschuldigt sich, dass dieser Mann etwas gaga sei. Ok, darum bringt er mich zu ihm, denke ich.
„Kein Visa? Kein Schreiben von der Botschaft in Kigali?“

„No“.

„Hmm, lass mich meinen Chef anrufen. Heute ist Samstag. Hmm, du musst mit ihm reden.“

Der Chef: „Hey man, it´s Saturday. It´s partytime. Where are you from, man?“

„Switzerland.“

„Oh, nice country, very nice. Give me some minutes. I have to call our custom chief in Bujunbura“.

Der Kommandant entschuldigt sich. Der Chef sei wohl in einer Bar und habe schon ein paar Bier intus. Ok, kann passieren. Es ist Samstag und auch schon 11:00. Stunden vergehen. Um drei Uhr nachmittags bekommt der Kommandant einen Anruf. Er möge bitte den „Swiss“ ans Telefon holen.

„Sorry man. There is nobody at the office. It is Saturday. Can you wait another two hours?“

„No.“

Wir glauben nicht daran, dass sich noch etwas tut und entschliessen uns nach Kigali zu reisen. Und von dort um Burundi herum nach West Tansania nach Kigoma am Lake Tanganjika zu kommen. Vielleicht haben wir ja Glück und können mit dem geschichtsträchtigen ehemaligen deutschen Kriegsschiff „MV Liemba“ den Fluss entlang in den Süden schippern. Muss ein Spektakel sein.

 

Sauberes Kigali und die Wahrheit der sauberen Minen
So machen wir doch noch in Kigali halt. Sie gilt als die sauberste Stadt Afrikas. Generell ist dieses Land so sauber, man würde es kaum glauben, wäre man nicht selber hier. Einmal im Monat sind alle Menschen aufgerufen, die Strassen zu reinigen und Abfall zu entsorgen. Und das machen sie seit dem Frieden nach dem Genozid. Der Präsident und seine Minister leben es vor und sind seit Jahren an vorderster Front. Gemeinsam mit allen anderen zusammen. Vorbildlich. Für uns ist Kigali jedoch nur eine Zwischenstation von zwei Nächten. Die Stadt ist sehr modern, viele junge Menschen, moderne Autos, gut beworbene Einkaufsstrassen, viele Expats und Backpackers. Total untypisch im Vergleich zu allem, was wir bisher in Afrika erlebt haben. Im Backpackers Mamba Club finden wir Unterschlupf. Auch hier sind viele Übersee Typen zu treffen. Jede/r arbeitet in irgendeinem Projekt oder Investement. Rwanda boomt. Gerade bei AmerikanerInnen. Anscheinend sind die Amis unglaublich stark mit Rwanda verbunden. Vor allem auch die Politik. Ist Rwanda für sie ein fester Wert in Afrika. Was viele vielleicht noch nicht wissen: Die Amis waren zu Zeiten vor dem Genozid grosse Unterstützer der damaligen Tutsi Rebellen. Als militärische Ausbildner und Waffensupporter wurde der damalige Rebellenführer Kagame in den Staaten ausgebildet und beim Ausbruch des Genozids als Tutsi General zur Beendigung des schrecklichen Bürgerkrieges zurück nach Rwanda geschickt. Dies hat er mit genauso brutaler Härte und mörderischer Konsequenz erreicht. Danach hat er als General die Geschicke der Armee geleitet und ist seit vielen Jahren nun der Präsident dieses modernen, afrikanischen Landes. Selbstverständlich kostet dies auch etwas. Heute besitzen die Amis eine riesige Basis in Rwanda. Von hier aus sichern sich ihre Interessen in Afrika in Richtung Ostkongo. Beispiel gefällig?

Wir lernen in unserem Backpacker einen Typen beim Nachmittags Bier kennen. Ein sympathischer Typ. Nennen wir ihn John. Ami. Banker von Beruf. Alter wohl um die 33. Als er von uns erfährt, dass wir aus der Schweiz kommen, leuchten seine Augen. Banken, Rohstoffhandel (Glencore), Schokolade, Skifahren und teure Uhren kommen ihm sofort in den Sinn. Irgendwie scheint er uns vollends zu vertrauen. Oder ist froh, endlich mal wieder mit jemandem über sein Business zu sprechen. Oli ist ein guter Gesprächspartner.

„Also hier habe ich ein super Leben. Als Manager arbeite für einen amerikanischen Hedge Fonds. Wir organisieren die kleinen Small Miners und haben so eine Mine organisiert. Wisst ihr, die Small Miners sind die Verrückten, die mit ihren Presslufthämmern Löcher von zwei Meter Durchmesser und bis zu zehn Meter Tiefe graben und nach schönen Steinen und seltenen Erden suchen. Wir suchen Coltan. So haben wir hier in Rwanda eine Konzession bekommen. Die Small Miners bringen ihre Funde in unsere Mine, wir waschen diese und lösen das Material. Meine Aufgabe ist die Leute zu organisieren, das Material zu gewinnen und dann jemandem für den Handel zu übergeben. So kann ich meine Kenntnisse in Geologie voll nutzen. Und ich werde sehr gut bezahlt.“

Oli kriegt sein Mund nicht mehr zu: „Ja, ich kenne Small Miners. Davon gibt es eine ganze Menge in Namibia. Das ist ein hochgefährlicher Job. Die Ausbeute ist oft sehr minim. Also dort können sie gerade mal überleben. Wie sieht das hier denn aus?“

„Ja, das ist hier nicht viel anders. Doch der Hedge Fonds präsentiert seinen Investoren eine neue Mine mit einem Produktionsziel. Gerade Coltan ist enorm wertvoll. Wird es doch für die Chips in den Smartphones benötigt. Die Leute kaufen Anteile, treiben den Preis hoch, die Aktien steigen und alle gewinnen. Und wir bieten den Menschen hier ein Einkommen.“

„Und könnt ihr dann überhaupt genug Rohstoffe aus den vielen kleinen Minen gewinnen?“

„Nein. Das reicht heute nicht. Wir kaufen dann die rohen Steine aus dem Kongo dazu. Wenn wir sie hier verarbeiten, gelten sie als unsere Minenproduktion. Wir müssen natürlich schon die Ziele des Hedge Fonds erreichen.“

„Das riecht verdammt nach illegalem Handel. Wie organisiert ihr das dann?“

„Hey, die Welt ist nicht perfekt. Die Chinesen sind mittlerweile auch überall. Die bauen die Strassen über die Grenzen. Für den Bauschutt haben sie eine Deponie. Unter dem Schutt bringen sie uns auch Material hierher. Zwar nicht ganz legal, doch dies läuft hier so. Keiner regt sich auf. Alle gewinnen auf ihre Art. Weisst du, ich bin ja nur der Experte für die Gewinnung und Ausbildung vor Ort.“

„Weisst du, was ihr damit anrichtet? Warst du schon einmal auf der anderen Seite im Kongo DRC?“

„Nein. Unsere Partner dort organisieren alles. So ist das Business. Die Welt braucht die Rohstoffe. Auch hier. Sieh dich um. Alle haben Smartphones. Alle wollen teilhaben an der Zukunft.“

Auf Kosten ein paar weniger, denke ich mir (Oli) und trinke meinen zweitletzten Schluck Bier aus. Ich bin gerade mit der ungeschönten Wahrheit konfrontiert worden. Ein Teil von mir will die Geschichte nur halbwegs glauben, der andere Teil sagt mir, dass es genauso funktioniert. Habe ich ähnliche Geschichten nun schon von verschiedensten Seiten mitbekommen. Was bin ich doch für ein Träumer, einer aus dem weichen Kokon der Schweiz. Egal, ob Amis, Chinesen, Engländer, EU und vor allem korrupte Afrikaner, sie alle haben ihre Interessen. Im Hinterkopf findet ein Gedanke wieder in den Frontallappen: Ich vermag mich an Berichte zu erinnern, dass genau Rwanda und Uganda seit Jahrzehnten die Rebellen im Kongo finanzieren, um so günstig an Rohstoffe zu kommen, die sie dann auf dem Weltmarkt verticken. Die Kongokriege wurden unter anderem durch Kriegshandlungen aus Rwanda und Attacken von Uganda ausgelöst oder verstärkt. Die Interhamwe (vertriebene Hutu Kriminelle) gelangten aus Rwanda in den Ostkongo und haben sich dort als Flüchtlinge niedergelassen. Mörder, Vergewaltiger und andere Kriminelle, dich sich zur grössten Rebellengruppe im Ostkongo gebildet haben und Handel mit illegalen Rohstoffen treiben. Der ehemaligen Tutsi General der heute Präsident ist und das Land in unheimlicher Zeit modernisiert hat, wird als leuchtendes Beispiel eines afrikanischen Leaders in Übersee gesehen. Genauso wie man den Terroristen Ghadafi oder den hoch korrupten ehemaligen ägyptischen Präsidenten Barak hofiert hatte. Sorry, liebe Leser mir wird gerade etwas mulmig…in Rwanda hat es überall Ohren, sogar solche die Gedanken lesen können. Der Polizeistaat Rwanda funktioniert hervorragend. Das bestätigen uns viele Menschen hinter vorgehaltener Hand.

Beim letzten Schluck Bier breche ich hier meine Gedankengänge ab und wende mich meinem billigen, chinesischen Smartphone zu. Eine neue WhatsApp Nachricht ist angekommen. Ich bin genauso Teil vom Ganzen. Shit.

Wir freuen uns weiterzuziehen. Irgendwie bekommt machen wir uns hier viel zu viele Gedanken. Wir müssen vorsichtig sein, dass wir nicht anfangen, alles negativ zu sehen. Denn das verdienen die Menschen ganz und gar nicht. In diesem Land gibt es so viel Schönes, herzliche Menschen und eine unglaubliche Gastfreundschaft. Dies tragen wir im Herzen und freuen uns darauf, den Westen Tansanias kennenzulernen. Hunderte Kilometer Piste und Urwald warten auf uns. Let´s fetz.

 

Anmerkungen von Oliver:
Mit keinem der bisherigen Geschichten habe ich mich so schwer getan, wie mit den Erlebnissen in Rwanda. Immer wieder hatte ich mir selber zu kämpfen. Um nicht die Hoffnung an das Gute zu verlieren. Ich bin bei Gott kein Weltverbesserer und schon gar kein Missionar. Einfach nur ein Beobachter vor Ort. Seit vielen Jahren habe ich das Privileg, Afrika hautnah zu erleben und Erfahrungen zu sammeln. Gerade das Dreieck Uganda, Kongo DRC und Ruanda ist eine wunderschönes Fleck Erde mit unglaublich herzlichen Menschen. Dass hier seit über fünfzig Jahren die grossen Grausamkeiten der Welt stattfinden, ist unglaublich. Leider ist es meistens dem Rohstoffhunger der westlichen Welt geschuldet. Viele Menschen hier haben mir mitgeteilt, dass dies alles nie passieren würde, wären die Böden arm. Dann könnten sie wenigstens in Frieden leben. So oder so haben hier die wenigsten Menschen etwas davon. Umso mehr macht es mir schwierig, eine gewisse Distanz beim Schreiben zu halten. Vielleicht sind sogar gewisse Stellen etwas gar polemisch wieder gegeben. Dabei handelt es sich nur meine persönliche Meinung. Doch sollte unsere Bekanntschaft John oder sogar der Präsident von Rwanda diesen Blogbericht lesen, fühle ich mich doppelt geehrt. Gerne lade ich herzlich dazu ein, sich berührt zu fühlen und eine Selbstreflexion zu betreiben. Denn in dieser Welt bist du heute der King und morgen das Ziel deiner Freunde. Ghadafi wollte es nicht glauben. Ist ziemlich schief gelaufen.